Draft, Philadelphia 76ers, Salary Cap / CBA

Nicht mehr Letzter

Über den viel kritisierten Rebuild der 76ers

Die 76ers, zu Beginn der Saison mitunter als schlechtestes Team aller Zeiten gehandelt, sind Stand heute nur noch Drittletzte. Knicks und Wolves haben nur 5 Siege, mit dem Erfolg gegen die Nets steht Philadelphia bei 6. Trotzdem weht der Franchise noch viel Gegenwind entgegen, die Lottery-Reform kann immer noch kommen – was macht die Sixers zum Sonderfall?

Eine Verliererkultur?

„Don’t talk to me about tanking.“ – so wehrte sich Michael Carter-Williams schon während der erfolglosen ersten Wochen in der Player’s Tribune gegen die Vorwürfe, denen sich sein Team seit letztem Jahr ausgesetzt sieht. Er versprach, sich jedes Spiel voll einzusetzen und stellte absichtliches Verlieren als mit dem Ehrgeiz von NBA-Spielern unvereinbar dar. Diese Argumentation hat viel für sich und beinhaltet auch einen Punkt, der in vielen Tanking-Diskussionen gerne unter den Tisch fällt: Die Interessen der Spieler – und auch des Coaching-Teams – sind andere als die der Franchise: Gute Statistiken versprechen höhere neue Verträge. Ein hoch gedrafteter Rookie verdrängt möglicherweise andere Spieler aus dem Team. Viele derzeitige Spieler stehen möglicherweise nicht mehr unter Vertrag, wenn der Rebuild dann durchschlagen soll. Aus diesen Gründen erscheint es fast absurd, dem Personal auf und am Parkett absichtliches Verlieren vorzuwerfen – es läuft ihren individuellen Interessen entgegen.

Wie Zach Lowe schon Anfang Dezember in den Raum stellte und die mit 6-12 noch akzeptable Bilanz seit dem ersten Sieg bestätigt, findet sich kaum ein Beleg für die Thesen. Viele Äußerungen zum Thema ‚Losing Culture‘ fallen in die Kategorie der News um der News wegen, der frühere 76ers-Head Coach Larry Brown etwa scheint viel Zeit für Kritik an der Arbeit von Management und Coaching Staff übrig zu haben.

MCWMichaelCarterWilliamsTrotzdem belegen die Äußerungen Carter-Williams‘, wie sehr Niederlagenserien der Stimmung schaden – allerdings eher kurzfristig, bis sich wieder Erfolgserlebnisse einstellen. Die Nachverpflichtungen sorgen für neue Impulse, auch wenn sie wie Robert Covington und Furkan Aldemir NBA-Neulinge sind. Und nicht zuletzt sind die 76ers, anders als Wolves und Knicks, mit so niedrigen Ansprüchen in die Saison gegangen, dass ein Sieg jedes dritte oder vierte Spiel vermutlich ausreichen sollte, um die Stimmung zu halten.

Stimmung zählt

Tatsächlich legen die Sixers ausdrücklich Wert auf die Atmosphäre im Team, anders als es den Morey-Anhängern wie GM Sam Hinkie gerne zum Vorwurf gemacht wird. Das zeigt etwa die Reise zu Dario Sarics WM-Auftritt, die Hinkie und Head Coach Brett Brown gemeinsam mit Carter-Williams, Nerlens Noel und Joel Embiid unternahmen. Das Teambuilding mit den vier hoch gepickten Spielern ist natürlich auch eine PR-Maßnahme, die Arbeit an einer guten Stimmung trotz schlechter Bilanz wird trotzdem deutlich. In eine ähnliche Kategorie fällt auch der Trade für Embiids Landsmann Luc Richard Mbah a Moute. Er war zwar nur ein weniger wichtiger Teil der Transaktion um Thad Young, aber auch hier zeigt Hinkie Sinn für Details.

Entsprechend bleibt mit Blick auf die Team-Kultur: Um in der NBA zu gewinnen, kommt es in erster Linie auf die Qualität von Spielern und Coaching an. Die Stimmung im Team hängt eher an Kleinigkeiten und kann sich schnell zum Besseren wenden. Außerdem dürften die sich die extrem jungen 76ers im Lauf des Jahres noch steigern. Die Frage der Losing Culture wäre eher an Franchises zu stellen, die seit Jahren für chaotische Bedingungen sorgen – nicht an das junge Sixers-Team, das zumindest eine historisch schlechte Bilanz vermeiden sollte.

Alles im grünen Bereich?

Es bleibt also die andere Art der Kritik: Verschaffen sich die Sixers einen ungerechtfertigten Vorteil? Diesbezüglich wird gern darauf verwiesen, dass nichts verboten wäre, was Hinkie macht, und damit alles erlaubt sein müsse.

Das ist einerseits in der Sache richtig: Die wenig begeisterte NBA-Spitze um Adam Silver wäre vermutlich eingeschritten, hätte die Möglichkeit bestanden. Andererseits ignorieren die 76ers Gepflogenheiten der Liga oder nutzen den innerhalb der Regularien gegebenen Spielraum bis aufs Äußerste aus. Am deutlichsten zu sehen ist das an der Gehaltsuntergrenze für Teams: Im während des Lockouts neu verhandelten Collective Bargaining Agreement (CBA) wurde beschlossen, dass Franchises 90% des Salary Caps ausgeben müssen. Aus praktischen Gründen kann diese Summe schlecht dauerhaft erzwungen werden, weil die Teams sonst entweder extrem eingeschränkt wären oder die Regel leicht unterlaufen werden könnte. Konkret gilt die Forderung daher nur am Ende der Saison, und bei Nichteinhalten wird die Differenz an die Spieler des Teams ausgezahlt.

Die 76ers erreichen diese Summe, konkret circa 56,7 Millionen Dollar, diese Saison (noch) bei weitem nicht, derzeit stehen sie bei etwa 42 Millionen Dollar. Auch für einen Großteil der vergangenen Saison war das der Fall. Erst durch einige Deadline-Trades – dazu später mehr – erreichte die Franchise knapp den erforderlichen Betrag. Die Sixers blieben im Rahmen des Erlaubten, folgten dabei aber nicht der durch die CBA-Klausel ausgedrückten Forderung, den Salary Cap wirklich auszugeben. Kein anderes Team verfolgte diese Linie in den letzten beiden Jahren auch nur in einem vergleichbaren Maß, derzeit liegen nur die Bucks noch minimal unterhalb der 90%-Grenze.

Assets sammeln oder Spieler loswerden?

Wie schon angedeutet, gelang es Sam Hinkie zur Deadline, mit einigen Trades die geforderte Summe zu erreichen. Hier ließe sich mit der Argumentation ansetzen, dass die Sparsamkeit gerechtfertigt war, schließlich brachten die Salary Drops anderer Teams Assets nach Philadelphia. Praktisch zeigt sich: Das war nicht wirklich der Fall. Die Trades von Spencer Hawes und Evan Turner sind mit das schlechteste, was ein Team in den vergangenen Jahren an Gegenwert für die eigenen Spieler erhalten hat. Die zwei Zweitrundenpicks für Hawes sind noch im Rahmen, ein Sign and Trade hätte aber vermutlich ähnlichen Gegenwert erbracht.

Umso auffälliger ist dagegen der Evan-Turner-Trade, völlig ungeachtet der Einschätzung der Spieler und des vermeintlich nicht vorhandenen Marktes: Die 76ers haben allein rechnerisch ein reines Minusgeschäft gemacht. Turners 6,6 Millionen und Lavoy Allens 3 Millionen Gehalt gingen für Danny Granger (14 Mio.) und den Zweitrundenpick der Golden State Warriors im kommenden Draft nach Indiana. Das heißt: Für 4,5 Millionen aufgenommenes Gehalt (bzw. etwa 2 Millionen tatsächlich bezahltes für die verbliebenen fünf Monate) erhielt Philadelphia einen Pick, der üblicherweise für niedrige sechsstellige Beträge gehandelt würde. Die Chance auf Sign and Trades oder eine Weiterverpflichtung der Spieler noch nicht eingerechnet, steht schon ein Minus am Ende. Der Trade ist nur die durch oben beschriebene Gehaltsuntergrenze sinnvoll – und die Belohnung der schlechtesten Teams durch den Draft.

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Was ist Tanking?

Fällt Sam Hinkies Management also unter das Schlagwort ‚Tanking‘? Nachdem es keine klaren Maßstäbe dafür gibt, ist auch keine klare Antwort möglich. Im Sinn einer deutlichen Unterscheidung würde ich daher folgendes Kriterium anlegen: Tanking sind Transaktionen, die mit einem anderen Draft-System (etwa dem von Lowe verbreiteten Wheel) nicht sinnvoll wären. Mit dieser Definition lautet die Antwort klar ja. Auch mit dem Maßstab der allgemeinen Unzufriedenheit der übrigen Teams, wie sie in der überhasteten (und deswegen zu Recht vorerst abgelehnten) Lottery-Reform Ausdruck fand, kommt man zu diesem Ergebnis.

Entsprechend lässt sich das Problem vieler Kritiker zwischen Ligaspitze und heimischem Wohnzimmer auf das völlig unverschleierte Vorgehen der Sixers zurückführen. Veteranen für Assets vertraden, jungen Spielern Zeit auf dem Parkett zu geben und dabei auf die richtigen Picks zu warten, ist eine legitime Strategie, die spätestens seit Einführung der Lottery so durchgeführt wurde. Die Transaktionen – oder im Fall des nicht genutzten Salary-Caps auch Nicht-Transaktionen – ohne sportliche Rechtfertigung sorgen für das Unwohlsein und den entsprechenden Gegenwind. Wer zumindest den Eindruck erweckt, gewinnen zu wollen und dafür gar wie Wolves und Knicks in der Offseason investiert, muss sich zwar gelegentlich Unfähigkeit vorwerfen lassen, aber seltener Tanking.

Positiv gesehen ist Hinkies Vorgehen Ehrlichkeit, die in diesem Fall allerdings schlecht ankam. Dem 76ers-Rebuild fehlt hier die überzeugende Selbstdarstellung. Einige interessante Verpflichtungen gerne auch jüngerer Spieler statt einem Roster aus Second-Round-Picks hätte die Außenwirkung komplett verändert. Ein konkretes Beispiel wären Spieler wie Ed Davis oder Al-Farouq Aminu, die für Minimal-Gehälter und mit eher kleinen Spielanteilen bei Teams mit größeren Ambitionen anheuerten. Einige Verpflichtungen dieser Art, also kurzfristige, dann etwas teurere Verträge hätten den Eindruck eines Teams im klassischen Rebuild erzeugt – und nicht den einer Franchise, die die laufende Saison schon vor dem ersten Spiel einfach abschenkt.

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