Indiana Pacers

Panik auf der TiTURNic?

Scheitert der Titlerun der Indiana Pacers am Turner-Deal?

Angekündigt wurde der Deadline-Deal als der Move, der die Indiana Pacers endgültig stärker als die Miami Heat machen sollte: Evan Turner wechselte von den Philadelphia 76ers zu den Pacers, während sich Indiana von Danny Granger trennte. Turner sollte dabei das Pendant zu Jack Dawson darstellen, der als junger, unverbrauchter Flügelspieler das bisher eindrucksvollste Schiff im NBA-Hafen noch um weitere Facetten ergänzen sollte.
Nach 18 Spielen ist jedoch Ernüchterung eingetreten. Was ist Evan Turners Problem?

Die Überbewertung von Allroundfähigkeiten

Bevor ein falsches Bild entsteht: Evan Turner war nie ein guter Schütze oder ein herausragender Verteidiger, nie ein exzellenter Playmaker oder sicherer Freiwurfschütze. Aber Turner war in der Liga als Allrounder bekannt, der viele Skills besaß, die nicht hervorstechend aber ordentlich ausgeprägt waren. Kurz: Das Skillset Turners könnte natürlich in ein funktionierendes Team passen. Turner passt ordentlich, trifft auch mal aus der Mitteldistanz, vor allem sollte er aber Danny Granger ersetzen, der nie so richtig nach seiner Verletzung zurückgekommen war und enttäuschende Zahlen auflegte.
Turner selbst kam mit 17 erzielten Punkten bei den Sixers zu den Pacers und hatte vor allem drei Stärken vorzuweisen, die Granger nicht bieten konnte: für einen Guard gutes Defensivrebounding, weit bessere Passingskills und – zumindest in dieser Saison – ein besseres Overall-Scoring. Wieso konnte Turner dieses Paket bisher nicht aufs Spielfeld bringen?

Turner war im Deal der leicht bessere Spieler …

Wenn man sich die Stärken Turners betrachtet, hilft es nicht, sie ohne Kontext zu lesen. Im Klartext: Welche dieser Stärken können die Indiana Pacers konkret gebrauchen?

Turners Rebounding in der Defensive war für seine bisherigen Teams ein Faktor. Seine Instinkte wurden am College benötigt, da mit Dallas Lauderdale und William Buford die nächstbesten Rebounder für ihre Größe nicht auf Elite-Level rebounden konnten. Folglich führte Turner die Buckeyes im Rebounding an. In der NBA konnten die Sixers nie einen dominanten Defensiv-Big vorweisen. Elton Brand und Spencer Hawes waren die prominentesten Abräumer – in der letzten Saison verzeichnete Thaddeus Young gar die meisten Abpraller pro Spiel. Turners Rebounding war auch hier hilfreich.
Im Kontext Indiana trifft Turner nun aber erstmals auf einen wirklich starken Defensivverbund, der dazu noch vor dem Trade die Liga im Defensivrebounding anführte. Auch wenn kein Pacer ein Reboundspezialist ist, funktioniert das Team als Einheit, boxt sehr gut aus und sorgt dann dafür, dass immer ein Mitspieler den Defensivrebound abgreift. Indiana hat gleich fünf Spieler in ihren Reihen, die mehr als 15% der verfügbaren Defensivrebounds abgreifen, wenn sie auf dem Feld stehen. Stephenson und George sind für ihre Position überdurchschnittliche Rebounder. Kurz: Turners Rebounding wird hier überhaupt nicht benötigt.

Erhofft wurde sich jedoch vor allem etwas von Turners Spielmacherfähigkeiten. Die Pacers spielten eine leicht unterdurchschnittliche Offense zum Zeitpunkt des Trades, verfügten zudem über keinen besonders begnadeten Passgeber. Den Ballvortrag schulterten Paul George, Lance Stephenson – vor allem für die second Unit – und George Hill. Aus dem Post können theoretisch noch David West und Luis Scola das Spiel lesen und die Bälle verteilen. Eigentlich wäre hier ja auch Platz für Turner, der Spielzüge initiieren könnte.
Die Krux: Turner ist selbst nicht besser als die vorher genannten Spieler. Dazu kommt er als junger Spieler in ein System, das er noch gar nicht kennt, und zu einer Franchise, die kaum Zeit zur Eingewöhnung hat. Turner wird also nicht der Ballhandler der second unit, stattdessen verlässt sich Frank Vogel weiterhin auf Lance Stephenson. In der Situation der Pacers ist dies auch verständlich.

Das Scoring Turners muss – vor allem in seiner Zeit in Philadelphia – differenziert betrachtet werden. Effizient war Turner noch nie, aber er konnte zumindest einige Possessions erfolgreich abschließen. Die Pacers hatten sich wohl erhofft, dass man einen sechsten Mann von der Bank bekäme, der für eine gewisse Zeit das Scoring übernehmen könnte, bis die primären Scorer wieder auf dem Feld wären. Theoretisch klang dies verlockend. Bezieht man nun noch mit hinein, dass Turner durch das bessere Team um sich herum sicherlich auch effizienter scoren würde als in Philadelphia, müsste Turner gerade als Ersatz für Granger in diesem Punkt einschlagen.

Shotchart_TurnerPacers

Das Problem: Turner hat überhaupt keinen Wurf. Dies mag in einem high-pace-System wie bei den Sixers nicht weiter auffallen, problematisch wird es aber, wenn die Pacers mit einer relativ geregelten Halbfeldoffensive effiziente Plays erwarten. Auch hier gilt wieder, dass Turner nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern in das System der Pacers passen muss. Betrachtet man das Team als Ganzes, stechen zwei Auffälligkeiten heraus: zum einen haben die Pacers keinen klassischen Stretch-Big (David West agiert am High Post, aber nicht weiter weg; kein Flügel wird auf die Vier geschoben, weil man Spielzeit für Scola benötigt), zum anderen treffen genau zwei Rotationsspieler der Pacers ihren Dreier mehr als durchschnittlich: Hill und George. Die Pacers als Team sind ein unterdurchschnittliches Dreierschützen-Team. Für Turner selbst ein unglückliches Setting, weil dieser nicht nur von der Defense nicht ernst genommen, sondern gekonnt ignoriert wird. Turners Dreierquote bei den Pacers liest sich bisher sehr gut (43,8%), aber er trifft pro Spiel nicht ein mal einen halben Dreier. Die Gegner nehmen Turners offene Dreier in Kauf. So kann er dem Team nicht helfen.

Wenn man sich Turners Wurfauswahl ansieht, erkennt man, dass Turner verzweifelt versucht, vom Perimeter aus bis zur Zone vorzustoßen. Im Bereich von 16-24ft. (die klassische Mitteldistanz der Flügel) hat Turner bisher 12 Würfe genommen – in 18 Partien. Dadurch, dass Turner aber keinen explosiven ersten Schritt hat, kann er sich nur Würfe in der Distanz zwischen 8-16 ft. erarbeiten, nicht jedoch bis zum Korb vorstoßen. Turner hat bisher nur 33 Würfe direkt am Ring genommen, 19 hat er getroffen – also einen pro Spiel. Zu dem Schluss zu kommen, dass Turners Scoring weiterhin ineffizient ist, ist keine neue Erkenntnis. Wer zwei Drittel seiner Würfe aus der Mitteldistanz nimmt, aber keinen Wurf hat und an seiner Wurfmechanik noch arbeitet, der kann keinem Team der NBA helfen.

.. aber Danny Granger ist der bessere fit für Indiana.

Auch wenn Turner seinem neuen Team noch nicht so hilft, wie sich der NBA-Fan dies so erhofft hat, stellt sich weiterhin die Frage, ob er nicht zumindest Danny Granger ersetzen konnte. All die theoretischen Schwächen Turners bleiben graue Theorie, wenn Turner dem Team dennoch mehr gibt als Granger.
Unerfreulicherweise ist dies nicht der Fall. Nach 18 Spielen hat Evan Turner bisher nicht nur den Erweis nicht erbracht, dass er die Indiana Pacers stützen und stärken kann, er kann auch in kaum einer Kategorie Danny Grangers schlechte Leistungen für die Pacers überbieten. Turner hat gar weniger Punkte erzielt als Granger.

Um dies erklären zu können, ist abermals das gesamte Team zu betrachten. Danny Granger hat sich von der Bank mehr schlecht als recht eingefügt, konnte nur ineffizient scoren und trug ansonsten scheinbar nichts zur Leistung der Pacers bei.
Der dienstälteste Pacer hatte aber drei Vorteile zu Turner, die Indiana nun schmerzlich vermisst: Auch wenn Grangers Dreier mit 33% nicht besonders gut fiel, respektierten ihn die gegnerischen Verteidigungen. Dies liegt zum einen an der Reputation Grangers, zum anderen an dem viel höheren Volumen, das Granger von außerhalb nahm. Zum Vergleich: Granger hat in 41 Spielen in dieser Saison für die Pacers und Clippers zwei Dreier weniger getroffen als Evan Turner, der dafür aber 30 Spiele mehr bestritten hat. Granger bot den Pacers etwas, was sie nun vermissen: Spacing. Spacing entsteht nicht nur durch getroffene Dreier, sondern bereits dann, wenn die Defensive auf jemanden reagiert oder reagieren muss.

Dies führt zugleich zum zweiten Vorteil Grangers: Er ist der mit weitem Abstand bessere off-ball-Spieler. Er benötigt den Ball nicht in den Händen, um zu seinen Punkten zu kommen. Granger läuft um Screens, positioniert sich am Perimeter oder in den Ecken und gestattet damit den balldominanten Flügeln der Pacers, das Spiel zu machen. Während Evan Turner es nie gelernt hat, wie man sich für sein Team einbringt, wenn man nicht den Ball in den Händen hat, ist Granger genau dieser Spielertyp. Er agiert abseits des Balles, hat eine gute Wurfhaltung und –bewegung und ist somit ideal dafür, auf der weakside auf den Kickout zu warten.

Der überraschendste Vorteil Grangers ist jedoch, dass er defensiv der bessere Spieler ist. Dabei ist die Erkenntnis – zumindest in diesem Stadium der Saison – keine bahnbrechende. Turner hat noch immer Probleme, das Defensivschema zu verstehen und überhaupt zu erlernen. Granger war der dienstälteste Spieler des Kaders, ist auch erst 30 Jahre alt und ein guter Systemspieler. So ist es auch nicht erstaunlich, dass Tom Haberstroh in der letzten Woche anhand von Zahlenmaterial nachweisen konnte, dass Turner dem Team defensiv schadet:

Natürlich wäre es vermessen, Turner alleinverantwortlich für Niederlagen zu machen – dazu ist seine Rolle bei den Pacers viel zu klein. Genau so wie sein Output. Dennoch ist es erstaunlich, dass die Pacers seit dem Deal nur zwei von neun Partien gegen Playoffteams siegreich gestalten konnten. Dies liegt nicht nur an Turner, sondern am gesamten Team – allerdings ist es symptomatisch für den Gesamteindruck, den man zur Beziehung von Turner und den Pacers erhält.

Fazit

Die Indiana Pacers haben Danny Grangers Output nicht durch Evan Turner ausgleichen können. Turner trifft schlechtere, weil noch ineffizientere Entscheidungen, kann dem Team in der Offensive nicht helfen (die Pacers sind katastrophaler Vorletzter im OffRating von nba.com) und kennt die defensiven Rotationen noch nicht.
Danny Granger mag nicht über die Fähigkeiten verfügen, die Evan Turner aufs Parkett bringen kann, aber Grangers Stärken passen sehr viel besser in das System der Pacers. Mit Granger waren die Pacers das beste Team der Liga, die Teamchemie war hervorragend und die Zuversicht, dass die Pacers in diesem Jahr die Heat schlagen können, war ziemlich ausgeprägt. Seit dem All-Star-Break und der Akquisition Turners präsentieren sich die Pacers nicht mehr wie das übermächtige Ost-Team.

Zeit, um das Ruder herumzureißen und nicht am Eisberg zu zerschellen, ist noch da, aber die Hoffnung verringert sich mit jedem Spiel. Für Evan Turner bedeutet der bedrohliche Aufprall der TiTURNic dasselbe wie für Jack Dawson: Er wird um seine (NBA-) Existenz kämpfen müssen.

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3 comments

  1. Toto_Braunschweig

    Ein inhaltlicher Fehler: “Granger war der älteste Spieler des Kaders” (Scola ist 33 ;) ).

    Ansonsten gut geschriebener Artikel, dem ich leider leider zustimmen muss. Direkt nach dem Trade habe ich das so nicht kommen sehen und war, wie viele, davon ausgegangen, dass Turner die Pacers nochmal stärker macht! Aber leider kommen mir auch immer mehr Zweifel, ob dieses Indiana-Team die Heat in einer 7-Spiele-Serie ernsthaft gefährden kann. Das Problem ist nicht die Defense, sondern schlichtweg ihre unzulängliche Offense! :(

  2. Dennis Spillmann

    |Author

    Hallo Toto,

    Danke für das Feedback.

    Ich meinte mit dem zitierten Satz, dass er der dienstälteste Pacer war, wie schon vorher betont. Das liest sich in dem Satz missverständlich, gebe ich zu.


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