Draftprofile 2014

Kyle Anderson

University of California, Los Angeles

Datenblatt

Name: Kyle Anderson

Position: Big/Wing

[xrr rating=1/4]  (Rollenspieler)

College: University of California, Los Angeles

College-Erfahrung: Sophomore

Eine basketballerische Wiedergeburt – diesen Stempel würde Bruins-Sophomore Kyle Anderson wohl seiner Spielzeit 2013/14 aufdrücken. Als hochdekorierter High Schooler kam der ehemalige 5 Sterne-Recruit aus New Jersey an die University of California nach Los Angeles. Nach einer 65-0 Bilanz in seinen letzten beiden Jahren an der Schule, Teilnahmen am McDonalds All American-Game, dem Jordan Brand Classic sowie einer Einladung zum Nike Hoop Summit 2012 sollte Anderson 2013 zusammen mit Shabazz Muhammad als anderem Toprecruit ein kongeniales Duo bilden und die in den 2010ern noch nicht so erfolgreichen Bruins zurück zu altem Glanz führen.
Dies funktionierte nicht wirklich, weil der eher konservativ coachende, damalige Übungsleiter Ben Howland ihm nicht vertraute. Lieber legte dieser die Geschicke seiner Mannschaft in die Hände des mindertalentierten Aufbauspielers Larry Drew. Ein Erstrunden-Tournament-Aus später ist Howland zu diesem Zeitpunkt noch immer arbeitslos. Dass Anderson seinen Job eventuell hätte retten können, bewies er unter seinem neuen Coach Steve Alford. Mit Anderson als erste Geige im UCLA-Orchester verzückten die Bruins 2013/14 die gesamte College-Welt mit ihrem erfrischenden Offensivspiel und drangen unter seiner Führung im Tournament bis in das Elite Eight vor. Seine Leistungen sicherten ihm nicht nur Topplatzierungen in unserem College-Studs-Ranking, sondern polierten auch seinen NBA-Draft-Stock gehörig auf.

Tool und Skills

Kyle Anderson ist eine Anomalie. In einer immer professioneller werdenden Basketball-Welt ist es für junge Prospects gang und gäbe sofort in eine Schublade gesteckt zu werden. Jeder Spielstil wurde schon einmal gesehen, jeden Spielertypen hat es schon einmal gegeben. Der UCLA Bruin bildet mit seinem einzigartigen Skillset dabei eine Ausnahme. 6‘9‘‘ Körpergröße, 7‘2,5‘‘ Armspannweite – dies klingt für die meisten Basketball-Beobachter nach einem astreinen Big Man. Das dachte sich auch Andersons Ex-Coach Ben Howland und ließ ihn in seinem Freshman-Year all seine Minuten auf den beiden Forward-Positionen sammeln. Das extrem vielseitige Talent produzierte.

Dennoch zeigte sich in dieser Saison, dass seine Fähigkeiten noch besser genutzt werden können. Sein gesamtes Basketballer-Leben hatte Anderson, der in seiner Jugend vor einem Wachstumsschub zumeist der kleinste Spieler auf dem Parkett war, den Aufbauspieler gegeben. Der neue UCLA-Trainer Steve Alford ließ ihn zu seinen Wurzeln zurückkehren, gab dem Sophomore in diesem Jahr alle Freiheiten und wurde mit der wohl besten NCAA-„Statsheet-Stuffer“-Spielzeit seit Evan Turners Player of the Year-Kampagne 2010 belohnt. Als primärer Ballhandler leitete Anderson in bester Pass First-Point Guard-Manier die Bruins-Offensive und führte sein Team in nahezu jeder statistischen Kategorie an. Dass man für eine solche Dominanz auf dem College-Level kein Modellathlet sein muss, sondern herausragende basketballerische Fähigkeiten gepaart mit einem durchschnittlichen Körper ausreichen können, bewies er von Partie zu Partie.
Der 230 Pfund schwere Aufbau ist weder der schnellste noch explosivste Spieler, sondern wirkt in seinen Bewegungen oft schläfrig, schlaksig und fußlahm. Schon früh bekam er für diese Spielweise den Spitznamen „Slo-Mo“ aufgedrückt. Doch auch ohne ein auf Schnelligkeit getrimmtes Spiel, kann der eigentlich aus einer Footballer-Familie stammende Basketballer, mit dem orangenen Leder für Furore sorgen. Andersons Spiel startet mit seinem hohen Basketball IQ und seinem sprichwörtlichen „feel for the game“. Zu jeder Zeit durch seine tolle Courtvision und Beobachtungsgabe sich seiner kompletten Umwelt auf dem Feld bewusst, kann der Bruin gegnerische Verteidigungen auf vielfältigste Arten sezieren. Seine Lieblingswaffe ist dabei der Pass, ganz egal aus welcher Lage. Ob als Verteiler via Outlet, Ballhandler im Fastbreak oder als einfache Passstation im Halbfeld – Anderson liebt es für seine Mitspieler offene Wurfmöglichkeiten zu schaffen (6,5 ApG). Dabei ist der oft behäbig daherkommende Spielmacher trickreicher als man denkt.

Auch ohne große Explosivität schafft er es, über das Kreieren von für ihn günstigen „angles“, über das Variieren seiner Geschwindigkeit sowie das Nutzen seiner Länge, seinen Mann zu schlagen und das nicht korrekte Helfen des Gegners in der darauf folgenden Verteidigungssituation auszunutzen. Freie Schüsse nach Drive’n’Dish oder Drive’n’Kick sind oft die Folge. Aber auch Anderson selbst ist als Scoringoption gefährlich. Den Zug zum Korb einmal gestartet, verfügt er über ein ansehnliches Arsenal an Floater- und Legervarianten, mit denen er auch das ein oder andere Foul zu schinden weiß (5,2 FTA). Gegen kleinere Verteidiger versucht sich der Sophomore auch gern im Post-Up. Dies geschieht entweder aus dem eigenen Dribbling heraus am Elbow oder als klassische Postoption in der Zone, wenn gerade ein anderer Guard die Ballhandling-Pflichten innehatte. Noch sind die Resultate zwar ausbaufähig (0,74 PPP), geben aber dennoch Hinweis darauf, dass Anderson im Training daran arbeitet, diese Facette des Spiels in sein Game einzubauen. Nach einer in dieser Hinsicht noch eher bescheidenen Freshman-Spielzeit, scheint sich außerdem auch sein Wurf extrem verbessert zu haben und ihm so neue Möglichkeiten zu eröffnen. kyle anderson shotchart

Verteidiger können ihn nicht mehr seelenruhig allein herumstehen lassen oder bei Screens den leichten Weg über den Block gehen. Besonders „off the dribble“ aus der Mitteldistanz präsentierte er sich stark (1,01 PPP). Auch wenn seine Wurfbewegung ähnlich langsam ist wie seine anderen Aktivitäten auf dem Parkett, so hilft ihm sein hoher Release gepaart mit einem leichten Fade in seinem Normalwurfablauf. Dieser dürfte für viele Verteidiger nur schwer zu blocken zu sein.
Außerdem konnte der Bruin seine Dreierquote mehr als verdoppeln, auch wenn sein Wurfvolumen aus dieser Distanz noch immer sehr gering ist (von 21 auf 48 3P% bei 1,6 3PA). Dabei lesen sich besonders seine Zahlen aus den Catch’n’Shoot-Situationen sehr gut, von denen er auf dem NBA-Level viel mehr sehen wird, als am College (1,42 PPP).

Eine Stärke, die sich auch übertragen lassen sollte, ist sein sehr gutes (Defensiv-) Rebounding. Technisch versiert und die eigene Größe gut nutzend, legt Anderson (7,5 DRpG bei 25,5 DRB%) am eigenen Brett gar leicht bessere Zahlen auf als Reboundingmonster Julius Randle (6,9 DRpG, aber „nur“ 24,7 DRB%).

Dass der All American Third Teamer dennoch für die meisten NBA-Scouts kein „no-brainer“-Pick ist und nur einen schwer vorherzusagenden Profilevel-Wert hat, liegt vor allem an seiner Athletik und seiner unklaren Position. „Slo-Mo“ Anderson war auch ohne nennenswerte Sprungkraft einer der Top-Spieler der NCAA. Auf höchstem Niveau wird er sich fast automatisch vom viel improvisierenden Driver mit hoher Turnoveranfälligkeit (3,1 TOpG) zu einem eher konservativen, wurforientierten Spieler entwickeln müssen, hatte er doch schon teilweise am College Probleme in die Zone zu kommen und dort effektiv abzuschließen. Er traf nur 57% „at the rim“ und schloss als 6‘9‘‘-Spieler nur zu 5% per Dunk ab. Zach LaVine (6‘5‘‘) und KJ McDaniels (6‘6‘‘) stopften über ein Drittel ihrer Versuche und lassen diese Statistik zu einem dezenten Hinweis auf Athletik werden.
Auch die Frage, wie Anderson in der NBA eingesetzt werden könnte, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig beantworten und schreckt sicherlich einige GMs ab. Dabei ist gar nicht die Offensive das Problem, auch wenn er wohl im Vergleich zum Vorjahr umschulen müssen wird. Große Aufbauspieler haben es in der NBA-Geschichte nur wenige geschafft. All diese Fälle überzeugten durch eine herausragende Athletik, die Anderson abgeht. Balldominante Flügel, als andere Einsatzmöglichkeit für den Bruin, sind im goldenen Point Guard-Zeitalter eher nicht erwünscht. Aber ein kreativer Trainer wird mit Andersons guter Mischung aus Passing, Rebounding und (hoffentlich stabilem) Wurf etwas anfangen können.
Kopfschmerzen wird er dem Coaching Staff aber beim Erstellen jedes Defensiv-Schemas bereiten. Zwar lassen die langen Arme des New Yorkers, die viele Steals, Blocks und Deflections ermöglichen (1,8 SpG, 0,8 BpG), ihn auch auf dieser Seite des Feldes nicht komplett wirkungslos werden, aber seine schlechte laterale Quickness lassen größeren Erfolg als NBA-Perimeter-Defender nahezu unmöglich erscheinen. UCLA versteckte ihn in der Defense in der hinteren Reihe einer flexiblen 2-3 Zone. In der NBA wird Anderson vor allem Zeit in den Masseaufbau investieren müssen, um als Post-Defender für cleveres Crossmatching in kleineren Line-Ups in Frage zu kommen.

Statsvergleich innerhalb der Draftclass

Draft 2014_Stats_Bigs

Spielervergleich

Kyle Anderson wird in der NBA wohl als Point Forward eingesetzt werden müssen, auch wenn er selbst sicher gern mehr als echter großer Aufbauspieler, wie damals bspw. ein Shaun Livingston, gehypt werden würde. Dies lässt seine Zukunft extrem spannend werden. Fehlendes athletisches bzw. nicht vorhandenes elitäres Wurftalent, lassen auch Lamar Odom und Hedo Turkoglu als potentielle Point-Forward-Vorbilder für ihn ausscheiden. Allerdings wäre eine Entwicklung zu einer Art Boris Diaw denkbar – zu einem Spieler, der in der Offensive das Spiel auf viele Weisen positiv beeinflussen kann und defensiv zumindest seinen Mann steht.

Draftaussichten

Den Mann von UCLA hat sich durch seine All American-Saison von einem klaren Secondrounder zu einem recht sicheren Firstrounder gemausert. Einige Scouts werden nach dem Schauen von Bruins-Tapes sicher schon über ihn als Lottery-Spieler nachgedacht, sich danach aber auch daran erinnert haben, dass es eines schon recht genauen Plans bedarf, um Anderson in ein NBA-Team einbauen zu können. Eine Franchise mit einer Vision für ihn, sollte sich dennoch gegen Ende der ersten Runde finden lassen.

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4 comments

  1. Tobias Berger

    |Author

    Genau der. Er hat als 6’9” PG tolle Stats aufgelegt und ist rein basketballerisch gesehen wohl talentierter als einige der Spieler, die jetzt noch kommen. Aber was bringt ihm das, wenn er in der NBA nicht auf seiner angestammten Position spielen kann?

  2. chuckperson

    Sehr interessante Ausarbeitung, Tiobias. Gefällt mir.

    Interessanter Spieler, bin echt mal gespannt was die Coaches aus ihm machen. Etwas verwirrend finde ich allerdings den Satz mit dem nicht vorhandenen Wurftalent. Die knapp 50% jenseits der Dreier-Linie lesen sich doch ganz gut, finde ich^^

  3. Tobias Berger

    |Author

    Danke für die Anmerkung.

    Man könnte meinen, dass Anderson ein toller Shooter ist, wenn man nur die 3P% sieht. Dies stimmt aber nicht ganz:

    Anderson kam auf 40 Minuten gerechnet nicht einmal auf 2 Versuche pro Spiel von hinter der Dreierlinie. Zur Einordnung, das sind ungefähr so viele Würfe, wie Bigman Noah Vonleh sie genommen hat. Gute Schützen mit viel Selbstvertrauen sollten öfter werfen.

    Die geringe Anzahl von Versuchen lassen Glück und Zufall zu einem größeren Faktor werden. In der Vorsaison traf Anderson nur 21 3P%. Auch wenn der Bruin seinen Wurf merklich verbessert hat, ist er nicht plötzlich zum tödlichen Shooter mutiert. Seine Career Percentage von 37 3P% bildet seine Wurffähigkeit besser ab.

    In der NBA wird Anderson lernen müssen den Dreier aus der Ecke zu treffen. Diesen nahm er am College nahezu nie, da er den Ball in der Hand hatte und für andere kreierte. Bei den Profis muss er noch lernen abseits des Balles zu funktionieren.

    Hinzu kommt, dass Anderson seine Würfe zumeist auf dem Dribbling genommen hat. Dies wird in der NBA nicht so häufig der Fall sein.

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