Memphis Grizzlies

Steuer-Flucht?

Das überzeugende Auftreten der Grizzlies zu Saisonbeginn überraschte einerseits – kaum jemand hatte das Team als echten Contender auf der Rechnung. Andererseits standen die drei Stars der Franchise, Gay, Marc Gasol und Zach Randolph, zum ersten Mal wieder wirklich fit zusammen auf dem Parkett, nachdem erst Gay, dann Randolph in den vergangenen beiden Jahren jeweils mehrere Monate verletzt verpassten. Der bisher größte Erfolg der Franchise-Geschichte mit dem Einzug in die zweite Playoff-Runde gelang etwa 2011 ohne den als Franchise-Player vorgesehenen Gay. Entsprechend hatten sich einerseits Hoffnungen auf weiteres Potential ergeben – aber auch die Frage, ob das Team so wirklich zusammenpasst.

Der Besitzerwechsel

Gleichzeitig änderte sich zu Saisonbeginn auch die Besitzerstruktur der Grizzlies, eine Investorengruppe um den Technologieunternehmer Robert Pera übernahm die Franchise. Auch wenn das Front Office nicht vollkommen umgestaltet wurde – GM Chris Wallace blieb im Amt –, weist dieser Wechsel einige Bedeutung für die Trades auf. Beachtenswert ist vor allem, wie die Übernahme von Statten ging: Fast die Hälfte der Kosten erfolgte durch eine Kreditaufnahme, insgesamt 175 Millionen. Auch wenn von den beschwichtigenden Äußerungen der Liga-Offiziellen gleich mit berichtet wird, ist damit der Schluss nicht fern liegend, dass hier kein Mark Cuban oder Mikhail Prokhorov eingestiegen ist – die Kredite dürften von den Gewinnen der Franchise bedient werden, statt dass die Besitzer eigenes Geld zuschießen.

Der Cleveland-Trade – Money, Money, Money…

Vor diesem Hintergrund muss entsprechend auch der vor gut einer Woche über die Bühne gegangene Trade mit den Cleveland Cavaliers betrachtet werden. Sportlich erscheint es natürlich absolut unsinnig, mit Marreese Speights und Wayne Ellington zwei Rotationsspieler – beide mit etwa 15 Minuten pro Partie – in die Wüste zu schicken und dabei auch noch einen zum eigenen Nachteil geschützten Pick zu bezahlen (Josh Selby und der von den Cavs geschickte Jon Leuer sind eher als Füllmaterial zu betrachten). Durch die seltsame Konstruktion der Protection riskiert Memphis, einen Lottery Pick abzugeben, wenn sie nicht bis mindestens 2017 in den Playoffs stehen. Daraus ist ersichtlich, wie wichtig den Grizzlies die vergleichsweise geringen Einsparungen von etwa 6 Mio. $ in diesem und 4 Mio. $ im folgenden Jahr waren; der entscheidende Faktor dabei ist die Luxussteuer. Der erste Trade reduzierte das in den Büchern stehende Gehalt von über 74 unter die magische Grenze von 70 Millionen Dollar.

Der Gay-Trade – Einsparungen und neue Teamzusammensetzung

Insbesondere aufgrund des hohen Preises, den die Grizzlies zahlten, erschien die erste Transaktion für viele Beobachter nur dann logisch, wenn damit der Beschluss verbunden war, den Borderline-Allstar Rudy Gay im Team zu behalten. Zwei zentrale Faktoren beeinflusste der Trade allerdings allenfalls marginal: Zum einen blieben die ausstehenden Gehälter für die folgenden Jahre immens; ohne den momentan extrem günstigen Tony Allen und eine halbwegs brauchbare Bank lagen die Verpflichtungen nahe der Luxussteuergrenze. Um mehr als einen Rumpfkader zu behalten, hätten die Besitzer tief in die Taschen greifen müssen – wie oben geschildert, ein eher unrealistisches Szenario.

rudygay

Der zentrale Grund für die Trennung von Rudy Gay ist aber im Team selbst zu finden. Der Frontcourt mit den drei besten Spielern des Teams stand sich zu oft gegenseitig auf den Füßen, da alle Spieler Platz in Korbnähe benötigen. Die Big Men sind sowieso eher in der Zone zu finden, und auch Gay konnte nie als Distanzschütze, egal ob aus mittlerer Entfernung oder von der Dreierlinie, überzeugen. Gleichzeitig fehlte Gay aber der Raum, seine Stärken, die vor allem in seiner der Athletik liegen, einzusetzen. Die Folgen für Memphis sind leicht auszumachen, wenn man einen Blick auf die Offensivstatistiken der Liga wirft: In Punkten pro Spiel liegen die Grizzlies auf dem viertletzten (!) Platz, auch die etwas treffendere Statistik der Punkte pro gespielten Angriff verbessert das Team nur auf Rang 21. Die daraus ersichtliche langsame Spielgeschwindigkeit (Pace) war für Gay ebenfalls alles andere als hilfreich. Nur die starke Defense, auf Rang eins beziehungsweise zwei nach Spiel/Possessions, hielt die Grizzlies also auf einem komfortablen Playoffplatz.

zachrandolphpoMarc Gasol als extrem vielseitiger Spieler auf einer wichtigen Position stand dabei nie zur Debatte, also war die entscheidende Frage: Wer muss gehen – Gay oder Randolph? Dabei sprachen auch durchaus Argumente dafür, Z-Bo abzugeben, etwa der vermutlich höhere Tradewert oder die Altersstruktur – Randolph ist mit 32 vier Jahre älter als Gasol, Gay und Conley noch jünger – und letztes Jahr gingen die Grizzlies weitgehend ohne Randolph mit Heimvorteil in die Postseason. Auch das Zusammenspiel der beiden Bigs ist nicht völlig überschneidungsfrei, es fällt beispielsweise auf, dass mit Randolph Gasols Reboundwerte dieses Jahr deutlich zurückgingen.

marcgasolTrotzdem musste Gay Tennessee verlassen, den Ausschlag dürften dabei in erster Linie zwei Punkte gegeben haben: Zum einen der ohne ihn erzielte Sieg gegen die Spurs vor knapp zwei Jahren, womit nicht nur die die Möglichkeiten des Big Men-Duos sichtbar wurden, sondern auch eine gewisse Identität für die zuvor völlig erfolglose Franchise (bis dato 0 Playoff-Spiele (!) gewonnen) entstand. Genauso wichtig sind die wenig beeindruckenden Statistiken Gays, der noch keine Saison mit einer Field-Goal-Quote von über 50% beendete und diese Saison auf einem Tiefstwert von 40,8% abgesunken ist. Dem gegenüber steht mit Randolph der zweitbeste Rebounder der Liga, auch in der Zahl der Double-Doubles steht er auf dem gleichen Rang. Zusätzlich war auch Gay einem Wechsel nicht unbedingt abgeneigt, weil er in Memphis seine Möglichkeiten eingeschränkt sah – somit ging der Trade über die Bühne, der für Gay und Bankdrücker Haddadi Ed Davis mit einem Zweitrundenpick aus Toronto sowie die Detroiter Tayshaun Prince und Austin Daye zurückbrachte.

Die Folgen für die Grizzlies

Nachdem weder Gays Spiel noch sein Vertrag unbedingt Werbung für ihn waren, kann es nicht überraschen, dass die Grizzlies in einem Trade nur diesen vergleichsweise bescheidenen Gegenwert erhielten. Da die entstehende Lücke auf dem Flügel geschlossen werden musste und die Chancen in den Playoffs möglichst intakt bleiben sollten, war Memphis wenig flexibel in der Auswahl seiner möglichen Tradepartner. Der direkte Vergleich mit Gay fällt entsprechend zugunsten des Neu-Raptor aus: Prince als direkter Ersatz ist ein solider Starter, aber schon 32; Davis und Daye sind mehr (Davis) oder weniger (Daye) brauchbare Rotationsspieler mit günstigen Rookie-Verträgen.

Tayshaun_PrinceTayshaun Prince wird keinesfalls Gays Rolle 1:1 übernehmen können, das ist natürlich auch nie die Absicht der Grizzlies gewesen. Die Usage-Rate des Neuzugangs lag knapp 10% unter der seines Vorgängers, Gays Punkte pro Spiel schwankten in den letzten Jahren zwischen 17 und 20, Prince kam kaum über 14. Die vor allem durch Ed Davis, auch gegenüber Speights, verbesserte Bank kann das teilweise ausgleichen – was den Deal für die Grizzlies interessant macht, ist, so hart es bei einem Spieler wie Gay klingen mag, das „Addition by Subtraction“-Prinzip. Es ist mehr als nur die etwas passendere Spielweise Prince‘ (stärkere Defense, etwas stabilere Distanzwürfe), durch das Wegfallen der ineffektiven Spielweise Gays werden vor allem Conley, Randolph und Gasol mehr Würfe nehmen. Die Hoffnung der Grizzlies ist dabei, dass die in die Bresche springenden Spieler trotzdem besser treffen als die 40% des bisherigen Topscorers. Ob damit das Fehlen Gays nur abgefedert wird oder eine stärker auf Teamplay fokussierte Offensive sogar besser funktionieren kann als die bisherige, müssen die kommenden Spiele zeigen.

Ausblick

Soviel zu den kurzfristigen Folgen – auch langfristig hat Memphis einige Vorteile zu verbuchen. Der freigeräumte Gehaltsspielraum macht einen besser bezahlten Vertrag für Tony Allen grundsätzlich möglich; sollte er das Team verlassen, kann stattdessen mit einer der entstandenen Trade Exceptions ein Ersatz verpflichtet werden. Wie aus der Protection des nach Cleveland geschickten Picks ersichtlich, planen die Grizzlies, sich dauerhaft in den Playoffs festzusetzen, ohne dabei Luxussteuer zu bezahlen. Auch vor dem Hintergrund der Finanzierung des Kaufs ist diese Entscheidung logisch, ein möglichst günstiges Erreichen der Playoffs gilt als lukrativstes Modell für kleinere Franchises. Die Kombination eines wirtschaftlich notwendigen sowie eines sportlich wie finanziell sinnvollen Trades dürfte die Wünsche von Management und Besitzern erfüllen. Ob die Grizzlies in den nächsten Jahren tatsächlich um die Meisterschaft mitspielen, ist aber eher zu bezweifeln.

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6 comments

  1. Hassan Mohamed

    Beachtenswert ist vor allem, wie die Übernahme von Statten ging: Fast die Hälfte der Kosten erfolgte durch eine Kreditaufnahme, insgesamt 175 Millionen. Auch wenn von den beschwichtigenden Äußerungen der Liga-Offiziellen gleich mit berichtet wird, ist damit der Schluss nicht fern liegend, dass hier kein Mark Cuban oder Mikhail Prokhorov eingestiegen ist – die Kredite dürften von den Gewinnen der Franchise bedient werden, statt dass die Besitzer eigenes Geld zuschießen.

    Ich würde es an den Trades selbst, aber nicht am Kaufprozess festmachen, dass es sich hierbei um keine Cubans oder Prokhorov handelt. Diese Form der Finanzierung einer Investition kann tatsächlich finanzwirtschaftlich bzw. steuerlich begründet sein. Wenn man die 125 Millionen von der NBA zu einem günstigen Zins bekommt und eine Bank die erlaubten 50 Millionen für dieses Projekt ebenfalls günstig herausgibt, könnte die Kreditfinanzierung als sinnvoll erachtet werden, weil man in dem Fall die 175 Millionen aus der eigenen Tasche für eine andere Investition nutzen könnte, die mehr Rendite bringt als man Zinsen für die Kredite zahlen muss.
    Ich kenne das amerikanische Steuerrecht nicht, aber dort wird sicherlich ebenfalls zwischen Eigen- und Fremd-/Kreditfinanzierung unterschieden, sodass es Möglichkeiten geben könnte, auf diesem Weg Steuern zu sparen (Steuerflucht die Zweite ;)).

  2. Julian Lage

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    Der Punkt ist: Wer vor hat, die Franchise mit Geld zuzuwerfen, um einen Championsship zu gewinnen, kommuniziert das mit Sicherheit anders. Dass die Finanzierung irgendwie bekannt wird und dann solche typischen Pressesprecher-Äußerungen kommen halte ich für aussagekräftiger als die Kreditaufnahme selbst. Das ist natürlich ziemlich spekulativ, aber wie du schon sagst: Die Trades jetzt passen eindeutig dazu ;)

  3. D41

    In den USA ist es üblich, dass Finanzierungen öffentlich diskutiert werden. Das ist in Deutschland anders, weil wir eine andere Rechnungslegung haben.
    So ein Detail rauszugreifen ist mit Sicherheit nicht Aussagekräftig, weil es für die Investorengruppe sinnvoll ist, Fremdkapital zu nutzen.
    Entscheidend bleiben die Aktionen und das Geschäftsmodell.
    Es könnte sich für die Investoren auch rechnen, wenn sie etwas in die Truppe stecken, um in 2-3 Jahren einen sehr hohen Verkaufspreis zu erzielen.(Cuban hat die Mavericks auch für 280 Mio $ gekauft, laut forbes jetzt 438 Mio $ wert. Ob er da wirklich 158 Mio $ aus privater Tasche reingesteckt hat bezweifel ich).

    Ich halte den Trade für alle drei Parteien als vertretbar, wobei ich am meisten bei den Pistons überrascht bin. Ohne groß Einblick dachte ich, das Prince das Gesicht der Franchise ist.
    Memphis wir auch ohne Gay in den PO mitmsichen.

  4. Julian Lage

    |Author

    Meine Überlegung war ja eigentlich nur, dass kein Milliardär mit praktisch unbegrenzten Mitteln das Team praktisch als Hobby gekauft hat, sondern Unternehmer, die damit zumindest keine Verluste machen wollen. Da würde dein Beispiel, in 3 Jahren wieder zu verkaufen, genauso passen.
    Vielleicht war das etwas zu verkürzt im Artikel, mir geht es darum: Prokhorov ist soweit ich mich erinnere mit der impliziten Aussage eingestiegen “ich habe Geld wie Heu und werde es einsetzen!” – und hat die Nets damit gleich mal viel attraktiver gemacht. Bei Memphis ist das eben alles eher verdeckt/zurückhaltend gelaufen, was ich als Anzeichen für ein wirtschaftlich orientiertes Handeln deuten würde. Von dem her sehe ich deine Argumente, die offene Kommunikation sei typisch amerikanisch, als Bestätigung, weil es eben eher verdruckst gelaufen ist. Das Statement der Grizzlies oder von Pera persönlich, dass das kein Grund zur Sorge sei etc. fehlt eben.

  5. D41

    Ich denke schon das Memhis sich Gedanken gemacht hat, wie sie auf lange Sicht erfolgreich sein können. Im Gegensatz zu den Nets, die einfach kurzfristig handeln und in den nächsten Jahren nicht flexibel sind, haben die Grizzlies einen sehr guten Frontcourt und einen passablen Backourt, welche Zukunftsfähig sind. Leider fehlt der Markt für sie, um dauerhaft Spieler nicht überbezahlen zu müssen.

    Übrigens sehe ich Prince als ein Puzzleteil, das Memphis stärker machen wird. Vorallem die Erfahrung wird helfen…

  6. Julian Lage

    |Author

    Ich denke schon das Memhis sich Gedanken gemacht hat, wie sie auf lange Sicht erfolgreich sein können. Im Gegensatz zu den Nets, die einfach kurzfristig handeln und in den nächsten Jahren nicht flexibel sind, haben die Grizzlies einen sehr guten Frontcourt und einen passablen Backourt, welche Zukunftsfähig sind. Leider fehlt der Markt für sie, um dauerhaft Spieler nicht überbezahlen zu müssen.

    Ja, da stimme ich dir absolut zu. Damit werden sie ohne Thunder’sches Draftkönnen/-glück/-wasauchimmer vermutlich nie zu den Meisterschaftsfavoriten gehören, aber eben noch länger in den POs stehen. Hätten sie Geld ausgeben wollen, wäre sicher auch ein Trade in die andere Richtung möglich gewesen (Gehälter aufnehmen geht immer leichter…), sagen wir mal mit den Bucks, Randolph für Ellis, Ilyashova +X.

    Ob es die Grizzlies wirklich verbessert, statt dem allgemein stärkeren den passenderen Spieler zu haben, muss sich denke ich noch zeigen. Zumal ich mir durchaus passendere als Prince hätte vorstellen können, das heißt v.a. jemand mit echtem Dreier.


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