Draft

Zurück auf Null

Photo: JDAC (Lizenz)

John Wall, Eric Bledsoe, DeMarcus Cousins, Patrick Patterson und Daniel Orton. Was für ein Team! Das talentierste Quintett der letzten College-Saison lief für die Universität von Kentucky auf. Doch all das ist Vergangenheit. Nach nur einem Jahr beginnt eine neue Zeitrechnung in Kentucky. Die Wildcats mussten neu rekrutieren, um das Team wieder konkurrenzfähig zu machen. Und es hat geklappt.

Coach John Calipari hat wieder einmal eine äußerst talentierte Truppe zusammengestellt. Doch bereits vor dem Beginn der neuen Saison mussten die Wildcats einen herben Rückschlag einstecken. Enes Kanter, großes türkisches Center-Talent, wurde als ineligible, also nicht spielberechtigt, eingestuft. Somit fehlt die Präsenz unter dem Korb und es ist nicht sicher, wie Kanter ersetzt werden soll. Zwar wird ohne den 18-Jährigen vieles schwieriger, allerdings haben auch noch andere Top-Recruits ihren Weg nach Kentucky gefunden.

Erneut Klassenbeste

Im Vorhinein muss gesagt werden: Keiner darf in diesem Jahr utopische Erwartungen an diesen UK-Jahrgang haben. Es gibt derzeit kein Team in der gesamten NCAA, die an die Qualität und das Talent der Kentucky Wildcats aus der Saison 2009/10 herankommen. Allenfalls Duke und Michigan State könnten hier heranreichen, was aber nur auf die momentane Qualität des Kaders und nicht das pure Talent zurückzuführen ist. Die Klasse des Quintetts um John Wall wurde auch im Draft 2010 bestätigt, als alle fünf Spieler in der ersten Runde gezogen wurde. Ein bis hierhin einzigartiger Vorgang.

Mit Point Guard Brandon Knight (im ESPN College Basketball Recruiting Ranking auf Rang 4 aller Freshmen geführt), Shooting Guard Doron Lamb (Rang 29) und Power Forward Terrence Jones (Rang 9) konnten aber doch sehr starke Freshmen an Land gezogen werden. Des Weiteren wurden auch noch die beiden Guards Stacey Poole Jr. (Rang 51) und Jarrod Polson  rekrutiert. Insgesamt wird Coach Calipari ein sehr guter Job beim Rekrutieren der Freshmen bescheinigt. ESPN setzte Kentucky auch in diesem Jahr an die Spitze in Sachen Recruiting.

Die Stärke des Backcourts ist auffallend, denn neben den Freshmen stehen auch noch Jon Hood, Darius Miller und DeAndre Liggins unter den Fittichen von Calipari. Gerade von Liggins wird in dieser Spielzeit eine Menge erwartet. Seine 3.8 Punkte pro Spiel im vergangenen Jahr zeugen kaum von besonderer Klasse, doch eben diese besitzt der Junior. Seine Spielzeit hat sich in der noch jungen College-Saison bereits erhöht. Die durchschnittlichen 15.3 Spielminuten werden sich mehr als verdoppeln. Scheint, als ob sich seine Chancen verbessert haben und er endlich seinen Teil zum Erfolg der Wildcats beitragen kann.

Photo: Tennessee Journalist (Lizenz)

Doch der wichtigste Baustein im Backcourt wird Brandon Knight sein. Er ist einer der Top Point Guards der diesjährigen Recruiting Class und wird auf der Eins starten. Ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist der 18-Jährige zwar sehr schnell, aber nicht mit einer so überragenden Sprungkraft ausgestattet. Was ihn aber von Wall abhebt, ist sein Sprungwurf, den er entweder aus dem Dribbling oder aus dem Catch-and-Shoot loswerden kann. Beim Drive in die Zone kann er sowohl per Floater, als auch mit einem Pull-Up abschließen. Schlussendlich kann man ohne Weiteres sagen, dass Brandon Knight das volle Arsenal besitzt, um in der Offensive zu dominieren und nicht nur das. Nein, auch in der Defensive weiß er zu überzeugen. Die Liste der Stärken ist lang und trotzdem kommt er vom Potential nicht an John Wall heran. Der Rookie der Washington Wizards agierte auf einem für Knight nur sehr schwer zu erreichenden Level. Abgesehen vom Scoring hat der Nummer-Eins-Pick der diesjährigen Draft auch ein klar besseres Passspiel, was als Point Guard ebenfalls einen extrem hohen Stellenwert hat. Es ist aber möglich, dass sich das Spiel Knights besser an den College-Basketball anpassen lässt.

Ein ebenfalls sehr variabler Spieler ist Terrence Jones. Die Vielseitigkeit ist seine größte Stärke. Er kann sowohl den Ballvortrag übernehmen, beim Scoring überzeugen und die Bretter dominieren. Das alles ermöglicht ihm, mit einem Gewicht von 230 Ibs. und einer Größe von 6-9, alle Positionen von der Eins bis zur Vier spielen zu können. Körperlich sollte er noch etwas zulegen, um auch physisch besser für den Kampf in der Zone vorbereitet zu sein. Seine Flexibilität ermöglicht Coach John Calipari auch neue Möglichkeiten in dem System, der Dribble-Drive-Motion. Aber dazu später mehr.

Alternativ dazu ergänzen Eloy Vargas und Josh Harrellson die Forward-Positionen. Beide können nicht erwarten, große Spielanteile zu bekommen, doch durch ihre Größe, beide 6-10, sind sie von großer Bedeutung für das Team. Während Harrellson eher der Hustle-Player ist, kann Vargas mit seiner Athletik und einigen Fakes unter dem Korb zum Erfolg kommen.

Ineligible

Enes Kanter hat alles, was ein Collegespieler benötigt, um die NCAA zu dominieren. 6-11 groß, kann sich mit seiner Kraft und seinen Post Skills durchsetzen, aber auch seinen Sprungwurf treffen. Dazu ist der potenzielle Top-5 Pick ein erstklassiger Rebounder mit Tonnen von Potential. Er hat eben alles, nur seine Spielberechtigung fehlt.

Dies war ein Schlag in das Gesicht der UK-Gemeinde. Der türkische Center hatte viel Hoffnung verbreitet. Viele waren ohne große Bedenken davon überzeugt, dass Kanter & Co. eine hervorragende Saison spielen würden. Doch kurz vor dem Start der Saison kam die endgültige Nachricht, die viel Unmut und Verzweiflung auslöste: Enes Kanter wurde für „ineligible“ erklärt, was das Saison-Aus für ihn bedeuten sollte.

Doch wie kam es überhaupt dazu? Es war die frühe Chance für Kanter gewesen, die ihm nun Steine in den Weg legen sollte. Bereits in sehr jungen Jahren bekam er die einmalige Möglichkeit, bei den Profis von Fenerbahce Ülker in der ersten türkischen Liga mitzuspielen. Und er nutzte sie. Doch leider ist es nach den Regeln der NCAA nicht erlaubt, vor der College-Karriere als Profi zu agieren oder auch nur mit Profis auf dem Feld zu stehen. Zwar durfte Kanter in diesem Alter noch keine FIBA-Verträge unterschreiben, aber trotzdem bekam er Geld (2008/09). Auch das ist nach den NCAA-Regularien verboten.

Was heißt das nun für Kentucky? Es steht kein klassischer Center mehr im Kader, was andere Spieler zum Positionswechsel zwingt. Die bereits genannten Harrellson und Vargas sind die größten Spieler im Kader, was sie automatisch zu den Favoriten macht. Da Vargas physisch noch zulegen muss, ist Harrellson eher für den Posten prädestiniert. Aber gerade Coach Calipari sollten diese Umstände Sorgen bereiten, denn bei dieser Besetzung werden sich deutliche Mismatches ergeben, die über die gesamte Spielzeit hinweg große Probleme schaffen können.

Systemänderung?

Einer Überbesetzung auf den Guard-Positionen steht das nicht ausreichende Personal für den Frontcourt gegenüber. Terrence Jones wird durch seine Stärken als Ballhandler und Allrounder auch auf dem Flügel gebraucht, doch die Situation lässt es nicht anders zu, als dass auch er seinen Beitrag unter den Körben leisten muss. Was ihm allerdings hilft, ist sein ausgeprägter Sinn für Rebounds.

Drei etatmäßige Spieler und einige Guards, die unter den Körben aushelfen können. Das zeugt nicht unbedingt von einem tiefen Frontcourt und einem Top-Team. Doch genau das wollen die Kentucky Wildcats sein. Was helfen kann, ist das in Kentucky bzw. unter Calipari etablierte Spielsystem, die Dribble-Drive-Motion. Bei dem Drive der Guards wird Platz unter dem Korb gebraucht, was zur Folge hat, dass nicht immer ein klassischer Center benötigt wird. Doch die vergangene Saison hat gezeigt, dass es oft hilfreich ist, auch aus dem Post operieren zu können. Der Unterschied: Damals hieß der Spieler DeMarcus Cousins. Somit ergeben sich einige Probleme, die gelöst werden müssen:

1. Die Größenprobelme im Frontcourt. Durch die verschiedenen Varianten der Dribble-Drive-Motion ist es durchaus möglich, den Center zu verstecken oder durch einen Forward zu ersetzen, da das System praktisch nur daraus besteht, dass einer der Spieler zum Korb zieht und abschließt oder rauspasst, wo sich ein weiterer Spieler direkt anschließt, um denselben Vorgang von der anderen Seite zu vollziehen. Selbstverständlich ist das nur eine kleine Sequenz, aber es ist wichtig zu erwähnen, dass keine Plays gelaufen werden, sondern eher ein Grundablauf das Spiel bestimmt. Ohne Präsenz unter dem Korb kann es jedoch zu verstärkten Defiziten bei den Rebounds kommen, wobei Jones & Co. wie schon erwähnt, überdurchschnittlich gute Rebounder sind.

2. Als viel verheerender muss der Verlust Kanters als zumindest defensive Präsenz gesehen werden. Ohne seine physische Präsenz wird den gegnerischen Guards der Abschluss in Korbnähe stark vereinfacht. Außerdem werden seine Mannschaftskollegen Probleme haben, im direkten Zweikampf gegen Top-Center anderer Teams mitzuhalten.

Die einzige Chance ist in diesem Fall eine deutlich verbesserte Team-Defense. Besonders gegen Teams, die eher auf die einfachen Punkte in der Zone vertrauen, anstatt Dreier en masse zu werfen, sollte die Zone abgeriegelt werden, indem die Guards bzw. Forwards etwas absinken und keinen Einlass gewähren. Dass somit freie Distanzwürfe in Kauf genommen werden, ist klar, muss dann aber auch einkalkuliert werden.

Photo: Tennessee Journalist (Lizenz)

3. Vergangene Saison war mit John Wall ein sehr guter Aufbau für die Dribble-Drive im Kader. Doch Brandon Knight hingegen zieht seine Kontrahenten raus bis an die Dreierlinie. Vielleicht wäre es sogar sinnvoll, Terrence Jones teilweise als Point Forward einzusetzen, um Freiräume für Knight zu schaffen, damit er mit seinen Würfen von Downtown das Spiel der Wildcats auseinanderziehen kann. Auch Doron Lamb, als weiterer Guard, würde davon profitieren. Wenn auch nicht so vielseitig, ähnelt seine Spielweise der von Knight, weil er größtenteils mithilfe seines hervorragenden Jumpshots punktet. Selbstverständlich ist auch Knight in der Lage, die Rolle des zum Korb ziehenden Spielers zu übernehmen. Somit kann Calipari in der Offense viele Varianten aufbieten, die es den Gegnern erschweren, sich auf die Wildcats einzustellen. Auch die Situation unter den Körben würde sich etwas entspannen. Zwar würde Kanter noch mehr Platz für die Shooter schaffen, allerdings können Harrellson & Co. leichter punkten, wenn sie größere Räume in der Zone vorfinden. Keine Mannschaft wird das Hauptaugenmerk auf einen der beiden potentiellen Center legen, was hilft, um deren Schwächen zu kaschieren.

Besser als gedacht

Die Stärke des neuen Kaders ist nicht zu verachten, auch ohne Enes Kanter. Freshman Knight sollte hier unter spezieller Beobachtung stehen. Direkte Aufeinandertreffen mit Talenten wie Austin Rivers (dem angehenden Top-Rekrut von 2011 und Sohn von Celtics-Coach Doc Rivers), gegen den er sensationelle 48 Punkte auflegte, deuten sein Potential an. Und ein wichtiger Faktor ist, dass sein Spiel besser an den NCAA Basketball angepasst ist. Damit kann und sollte er UK enorm weiterbringen.

Zusammen mit Jones bildet er ein herausragendes Duo. Deren Kommilitonen Doron Lamb, DeAndre Liggins und Darius Miller unterstützen sie tatkräftig. Dazu kommt die Tatsache, dass mit Coach Calipari ein Übungsleiter an der Seitenlinie steht, der als einer der besten des Landes gilt.

Doch kann das Team mehr erreichen, als das des letzten Jahres? Diese Frage ist äußerst schwierig zu beantworten, da die Führungsspieler Freshmen sind und keiner weiß, wie sie sich in der NCAA zurechtfinden werden. Die March Madness ist selbstverständlich ein Muss. Doch im März spielen die Gegner konstant auf einem sehr hohen Level und sind zumeist mit einem wuchtigen Frontcourt ausgestattet. Das wird die Wildcats vor viele Probleme stellen. Das Ziel kann nicht – wie im letzten Jahr – der Titel sein. Dazu ist das Team zu gebeutelt. Es wird gehofft, dass die Diskussion um Kanter keine großen Auswirkungen auf das Team haben wird, aber trotz alledem wird es deutlich mehr Aufwand benötigen, um das Elite Eight zu erreichen.

Fazit

Die Erwartungen sind – im Vergleich zum letzten Jahr – niedriger und Kentucky steht nicht mehr im Fokus des Topfavoriten. Vielleicht brauchen sie gerade das: ein gewisses Maß an Ruhe und Einspielzeit. Realistische Erwartungen sehen die Kentucky Wildcats maximal das Elite Eight erreichen. Die Reihe der Favoriten ist dieses Jahr enorm lang und Kentucky gehört nur bedingt dazu. Abschreiben sollte man sie aber nicht. Immer wieder gibt es Beispiele von „Underdogs“, die es teilweise sogar in das Final Four bzw. das Finale schaffen. Wie sagt man so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und das kann auch die ineligibility Kanters nicht verhindern.

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2 comments

  1. Michael Stuhldreier

    Klasse auch mal was über College Bassketball zu lesen. Muss gestehen, dass mir da der Background fehlt – deshalb hab ich mich über den Artikel gefreut! Gern mehr davon!

  2. Hassan Mohamed

    Vielen Dank für den Artikel, Julian. Wird Zeit, dass die NCAA wieder in meinen Fokus kommt, nachdem ich in den letzten zwölf Monaten wenig mitbekommen habe.

    Die Botschaft, die die NCAA im Fall von Kanter vermittelt, ist katastrophal. Ein junger Mann entscheidet sich gegen das Geld und will an die Uni (egal, ob es hauptsächlich nur um den Sport geht) und die Verantwortlichen verbieten es ihm. Daumen hoch…

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