Cleveland Cavaliers, Golden State Warriors, Playoffs 2016

NBA Finals 2016: Game 3

Haben die Cavs den Meister aus Golden State geknackt?

Den Cleveland Cavaliers stellte sich in Spiel 3 eine Mammutaufgabe: nach zwei deutlichen Niederlagen in Golden State war ein Sieg vor heimischem Publikum Pflicht, um den Traum vom Titel am Leben zu halten. Dabei mussten sie ohne Kevin Love auskommen: nach einer Gehirnerschütterung in Spiel 2 war er nicht wieder einsatzbereit. Über den Ersatz wurde im Vorfeld wild spekuliert, von Small-Ball bis Big-Ball-Lösungen war vieles vorstellbar. Am Ende bekam Richard Jefferson den Platz in der Starting Five. Eine nachvollziehbare Entscheidung: der Veteran gehörte bisher zu den besten Cavs-Spielern, überzeugte im Angriff durch kluges Ballmovement und versprach defensiv mit seiner Agilität mehr variables Switchen. Golden State auf der anderen Seite sah sich zu keinen Änderungen gezwungen.

Jefferson startet

Tyronn Lues Schachzug machte sich definitiv bezahlt: Cleveland startete mit einem 9-0 Run und gewann das erste Viertel mit 33-16. Die Splash-Brothers blieben ohne Punkte, dafür dominierte Kyrie Irving (16 Punkte im 1.Viertel). Golden State zeigte allerdings zum wiederholten Male eine starke Mentalität: zur Pause verkürzten sie den Rückstand bereits auf acht Punkte (51-43). In der zweiten Hälfte dominierten dann allerdings wieder die Cavaliers und holten am Ende mit 120 zu 90 den Blowout-Sieg. Auch wenn beide Coaches ihre besten Spieler lange auf dem Parkett ließen, sahen die Fans im Prinzip eine ausgedehnte Garbage Time.

Schauen wir uns aber den Gameplan der Cavaliers noch einmal genauer an.

Die Offense

Das erste Viertel war offensiv mit Abstand das beste der Cavs in dieser Serie. Leider handelte es sich dabei um Katzengold: wirkliche Adjustements waren rar gesät, lediglich die Würfe fielen etwas besser. Abermals verließ sich Cleveland auf starke Leistungen seiner Stars: James (8 Punkte, 4/4 FG) und Irving (16 Punkte, 7/9 FG) spielten beide starke Anfangsviertel. James operierte dabei oft nach Switches im Post, Irving häufig im 1-gg-1 oder im Pick-and-Roll. All das blieb aber zu einfallslos und statisch: nach einem guten Start, in dem man das Tempo hoch halten konnte, gab es wieder viele Isolationen und wenig Ball- und Playermovement zu sehen. Bilder wie diese waren keine Seltenheit:

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Bei den variablen Verteidigern der Warriors kein allzu guter Einfall; wie in obiger Szene etwa ist Thompson durchaus in der Lage, auch Irving vor sich zu halten. James und Irving bekamen dann auch zunehmend Probleme: Ersterer vergab teilweise sieben Würfe am Stück und ließ einige Punkte am Brett liegen. Die Bank war nicht in der Lage, diesen Abfall aufzuhalten: besonders die in den Conference Finals noch so erfolgreiche Lineup um Dellavedova-Shumpert-Jefferson-James-Frye hatte große Probleme. Nicht umsonst erzielten die Cavs im zweiten Viertel nur noch 18 Punkte. Die ersten Bank-Punkte für Cleveland fielen im 4.Viertel (!), insgesamt waren es 15.

Überlebenswichtig war die Arbeit Tristan Thompsons an den Brettern: Ohne Kevin Love konzentrierte er sich umso mehr auf die Rebounds, am Ende hatte er 13 Stück, 7 davon offensiv. Die so entstehenden zweiten Wurfchancen hielten die Cavs-Offense in so mancher Dürreperiode am Laufen. Generell reboundeten die Cavaliers exzellent: Der Kampf um die Bretter ging mit 52 zu 32 an Cleveland.

Nach der Pause schafften es die Cavaliers irgendwie wieder ihr starkes Spiel aus dem ersten Viertel aufzunehmen; wiederum packten Irving und James ihr Team auf die Schultern. Die Frage bleibt nur, ob die Cavs wirklich ein Patentrezept gegen die Warriors gefunden haben. Pick-and-Roll Abschlüsse wie diese kommen nicht von ungefähr:

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Nach dem Screen verteidigten die Warriors gegen Irving konventionell: so schaffte er es, mit Tempo gegen den langsameren Big Man zum Korb zu ziehen und am Ring abzuschließen. Eigentlich spielt das den Warriors zum Teil in die Karten, hatte Irving doch bisher Probleme, seine Mitspieler vernünftig einzubinden – heute machte er mit acht Assists allerdings einen exzellenten Job. James hatte im dritten Viertel dagegen hauptsächlich Erfolg aus der Mitteldistanz – Abschlüsse, die die Warriors ihm gerne gewähren.

Deutlich positiver zu bewerten waren die Leistungen der Rollenspieler/Schützen: an erster Stelle wäre hierbei JR Smith (20 Punkte, 5/10 3FG) zu nennen. Auch Jefferson rechtfertigte seinen Starting-5-Platz durch kluge Bewegungen und einige gute Abschlüsse nach Cuts – über Thompson wurde bereits geschrieben. Teilweise schienen die Cavaliers einfach diesen Extra-Schritt zu haben, der ihnen ein Zentimeter Platz zum Wurf gab – wahrscheinlich lag es am Selbstvertrauen durch die hohe Führung und den Heimvorteil. Als Team schoss Cleveland 12/25 von der Drei-Punkte-Linie.

Die Defense

Defensiv gab die Hereinnahme Jeffersons in die Starting Five die Richtung vor: Weiterhin wollte man variabel verteidigen, viel switchen und somit die Schützen der Warriors unter Kontrolle halten. Dabei agierten die Cavs definitiv mit mehr Einsatz. Mit dem starken Lauf im erstenViertel und den eigenen Fans im Rücken, verteidigten die Cavs mit mehr Verve. Schon zu Beginn war allerdings zu sehen, dass nicht alles glänzendes Gold war. Golden State nutzte Curry häufig als Decoy und Blocksteller, wobei die Cavaliers teilweise einen Schritt zu spät kamen.

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Diese Sequenz war beispielhaft für das Licht-und-Schatten-Prinzip in Clevelands Defense: Irving bleibt viel zu leicht im Block hängen, sodass Curry Platz am Perimeter erhält. Jefferson und Thompson sind immerhin aggressiv genug, um den Wurf noch einigermaßen zu erschweren – kein ganz offener Wurf, aber deutlich mehr Platz als man einem Steph Curry gewähren sollte. Nicht das einzige Mal, dass Irving defensiv Probleme hatte – sowohl, Curry um den Block zu folgen als auch nach Crossmatches etwa gegen Barnes.

Generell schien der Gameplan der Cavaliers abermals vorzusehen, vor allem die Splash Brothers auszuschalten. Auf dem unteren Bild sieht man, wie sich gleich 3 Cavaliers auf Curry beim Drive konzentrieren – Kickouts auf den hier etwa völlig freistehenden Barnes wurden in Kauf genommen.

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Diese Maßnahme zeigte wenigstens Erfolg: Curry produzierte in Halbzeit eins gerade einmal zwei Punkte, kam zum Schluss auf 19. Aber wie wir mittlerweile wissen, sind auch die Rollenspieler der Warriors nicht zu verachten: in diesem Spiel waren es Barnes (18 Punkte, 7/11 FG), Iguodala (11 Punkte, 5/7 FG) und Livingston (5 Punkte, 6 Rebounds), die die Warriors mit starken Leistungen im Spiel hielten.

Auch mit den vielen Switches hatte Cleveland erneut Probleme: Teilweise wurden diese schlecht kommuniziert und ausgeführt, wie in dieser Szene mit James und Irving.

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Auch im Erfolgsfall taten diese der Defense aber nicht gut: Golden State hatte immer wieder Mismatches und konnte ungehindert aus dem Dribbling den Korb attackieren. Besonders Frye machte am Perimeter teilweise (naturgemäß) einen ganz schwachen Job. Hierbei machte sich auch die fehlende Rim-Protection der Cavs bemerkbar; Mozgov, der diese hätte liefern können, war offensiv kaum tragbar und kam bis zur Garbage-Time nur auf zwei Minuten Spielzeit.

Positiv ist zudem anzumerken, dass die Cavaliers in der zweiten Hälfte die Zahl der defensiven Breakdowns deutlich geringer halten konnten als in den bisherigen Spielen. Besonders James schien sich die Kritik zu Herzen genommen haben und verteidigte auf hohem Niveau. Auch die Transition-Defense bewegte sich auf höherem Niveau als in den Spielen zuvor (8 Fastbreak-Punkte für Golden State).

Golden State ließ sich von der verbesserten defensiven Intensität der Cavaliers nur zu Beginn einschüchtern. Nach dem ersten Viertel kam ihre Offensive immer besser in Fahrt. Dabei verließ man sich auf altbewährte Tugenden: Unmengen an Screens, Cuts und klugen Pässen. Da die Rotationen der Cavaliers nicht immer perfekt saßen, kamen sie so im zweiten Viertel besser ins Spiel. In der zweiten Halbzeit schwächelte die Offense dagegen wieder: Zu den schwachen Leistungen der Splash-Brothers gesellte sich ein unauffälliger Auftritt von Draymond Green (6 Punkte, 2/8 FG) – so können nicht einmal diese Warriors gewinnen.

Ein ebenfalls ganz schwaches Spiel machte Andrew Bogut (4 Punkte, 2 Rebounds): Nach ansprechendem Beginn tat er der Offense der Warriors weh und hatte auch defensiv nicht den gewohnten Einfluss – so ließ ihn Steve Kerr nur 12 Minuten auf dem Parkett. Kurz nach Beginn der zweiten Hälfte versuchte es Kerr daher mit Small-Ball und schickte das Death Lineup aufs Parkett. Wirklich effizient agierten die Warriors damit nicht: als Resultat kam Anderson Varejao aufs Parkett. Später wurde es wieder Small-Ball, allerdings alles ohne Erfolg.

Am Ende standen keinesweg rühmliche Offensiv-Stats für die Warriors zu Buche. Schwache Quoten (42,1% FG / 27,3% 3FG / 65,4% FT) und zu viele Ballverluste (18 TO) ließen einen Sieg nicht zu.

Fazit

Die Cavs bleiben mit diesem überzeugenden Sieg am Leben. Von der deutlichen 30-Punkte-Differenz sollte man sich aber nicht täuschen lassen: Wirklich gelöst haben die Cavs den amtierenden Champion nicht. Zwar spielte Cleveland mit deutlich mehr „Physicality“ (wie Tyronn Lue betonte), taktisch überzeugenden Basketball sahen die Zuschauer aber nur bedingt – ob ein solches Spiel replizierbar ist, bleibt die große Frage. Dabei sollte man sich nicht von der Höhe des Sieges blenden lassen: Fast die ganze zweite Halbzeit war seltsam intensitätslos, so als hätten sich die Warriors früh den Cavaliers ergeben. Sorge bereitet vor allem, dass von der Bank wieder fast nichts kam; den Sieg kann sich die ausnahmslos starke Starting-5 an die Brust heften. Dementsprechend wenig Adjustements probierte Steve Kerr auf Seiten der Golden State Warriors aus. Im Bewusstsein der eigenen Stärke werden die Warriors versuchen, Spiel 4 in Cleveland zu stehlen und damit die Vorentscheidung zu sichern. Und selbst wenn nicht muss Cleveland auf jeden Fall ein Spiel in der Hölle der Bay Arena gewinnen. Aber das steht in den Sternen – fürs erste sind die Finals wieder ein Stück ausgeglichen.

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2 comments

  1. Jonathan Walker

    Erst einmal: Sehr treffende Analyse, der ich weitgehend zustimmen würde :tup:

    Das erste Viertel war offensiv mit Abstand das beste der Cavs in dieser Serie.

    Meinest du “bis dato”? Ich fand dann das dritte Viertel nämlich offensiv noch mal stärker. Zum einen vom Ergebnis (38 vs. 33 Punkte), zum anderen vom Prozess, wie die Punkte entstanden sind. Du schreibst ja selbst über das erste Viertel:

    Leider handelte es sich dabei um Katzengold: wirkliche Adjustements waren rar gesät, lediglich die Würfe fielen etwas besser.

    Das habe ich ganz genauso empfunden. Im dritten Viertel hat es mir besser gefallen, da James (wie von mir im Pod gefordert) endlich die Jumper nahm, die ihm die Defense gab und dies so konsequent bestrafen konnte (nachdem er am Ring im zweiten Viertel eh einiges liegen gelassen hatte). Irving ging mehr zum Korb, JR war agressiv, Jefferson weiterhin stark.

  2. Poohdini

    Ich stimme euch beiden zu, insbesondere mit dem, was Jonathan zu Q3 sagt.

    Es gab zwar nicht viele Adjustments, vor allem nicht in Bezug auf Kyrie, der einfach die Würfe dieses Mal getroffen hat. Aber insgesamt waren es deutlich weniger Post Ups, viel mehr PnRs mit LeBron als Ballhandler, wo er mit Anlauf in die Zone gezogen ist. Zudem war das Spacing einfach deutlich besser durch sowohl die SPieler, die auf dem Feld standen als auch die Abkehr vom Post Up. Zudem war es hilfreich, dass der “Doppler” der Warriors Defense oft Thompsons Gegenspieler war. Wenn ein Wurf dann verpasst wurde, konnte dieser “Doppler” TT nicht vom Rebound abhalten. Das geht eben auch nur mit mehr Platz.

    Es waren nicht viele Adjustments und teilweise trotzdem noch zu wenige, aber sie waren wirkungsvoll.


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