Cleveland Cavaliers, Playoffs 2016

Love, Thompson oder Frye?

Die Big-Rotation der Cavs

Auf den kleinen Positionen sieht die Rotation der Cavs bisher recht gleichmäßig aus: Kyrie Irving, der erstaunlich solide J.R. Smith und LeBron James starten und erhalten im Normalfall über 30 Minuten. Je nach Tagesform und Gegner kommen Matthew Dellavedova, Iman Shumpert und Richard Jefferson für je etwa 10 bis gut 20 Minuten von der Bank. Alle drei spielen bisher zumindest solide Playoffs und dürften – auch mangels Konkurrenz – weiter ihre Rolle behalten.

Ein anderes Bild zeigt sich bei den Bigs: Love und Thompson sind zwar als Starter gesetzt, aber sowohl ihre Einsatzzeiten als auch ihre Rollen sind deutlich weniger eindeutig. Noch wechselhafter ist die Situation der Backups – im ersten Spiel gegen Detroit erhielt Channing Frye das DNP, seitdem ist Mozgov mehr oder weniger aus der Rotation gefallen. Außerdem besteht noch die Alternative Small Ball mit James als zweitem Big, die Head Coach Tyronn Lue ebenfalls nicht konstant aufs Parkett schickt.

Cavs Rotation

Hier die Big-Rotation der ersten sieben Cavs-Spiele als Grafik, mit der Regular Season (und der aufgrund weiterer Rotationsspieler und des späten Frye-Trades leicht verfälschten Summe) und dem Playoffschnitt als Vergleich. In letzteren sind die DNPs für Frye und Mozgov eingeflossen, so dass die Zahlen relativ aussagekräftig sind. Mit Ausnahme von Spiel 2 gegen die Hawks hielt sich auch die Garbage Time weitgehend in Grenzen.

Was zeigen die Zahlen?

Das deutlichste Ergebnis aus den Daten zuerst: Mozgov ist weitgehend aus der Rotation gefallen und dürfte erst dann wieder Spielzeit sehen, wenn die Cavs andernfalls Größenprobleme bekommen. Ob etwa Hassan Whiteside oder die Warriors ein passendes Matchup darstellen, ist zu bezweifeln. Auch Loves Minuten sind noch vergleichsweise konstant, allerdings stand er teils als nomineller Power Forward, teils als einziger Big auf dem Parkett. Frye konnte sich nach dem DNP-CD in Spiel 1 immer mehr Anteile erarbeiten und schloss das dritte Spiel gegen die Hawks sogar als bester Punktesammler seines Teams ab. Bei Thompson sind die Schwankungen am größten, konkret zwischen 13 Minuten in Spiel 2 der Detroit-Serie und 40 im Opener gegen die Hawks. Foulprobleme trugen zum Minimalwert bei, können die großen Unterschiede aber nur begrenzt erklären.

Besonders interessant ist jedoch, dass Lue auch beim Small Ball keine klare Linie zeigt. Die Aufstellungen mit nur einem echten Big schwankten über die beiden Serien zwischen 9 und 31 Minuten, obwohl beide Gegner tendenziell klein aufgestellt sind. Angesichts der recht guten Resultate mit kleinen Lineups in den ersten beiden Spielen scheint das nicht unbedingt logisch. Allerdings hat Lue wohl ‚Skill Ball‘ mit Frye als drittem Big vorerst den Vorzug gegeben, was angesichts der offensiven Leistungen des Stretch Bigs in den letzten beiden Spielen nachvollziehbar ist.

Die Gesamtbilanz

Über die bisherigen Playoffs hinweg haben die Cavs bisher keine offensichtlichen Probleme zu verzeichnen, die für bestimmte Anpassungen der Lineup-Größe sprechen. Das Team trifft hervorragend von außen und kontrolliert die Bretter weitgehend, wie die folgenden beiden Grafiken zeigen – zwei Punkte, die im Zusammenhang mit Small Ball besonders interessant sind.

Cavs 3P

Nur im Playoffs-Opener mussten sich die Cavs aus der Distanz geschlagen geben, wobei einige Pistons-Spieler deutlich überdurchschnittlich trafen. Seitdem konnte Cleveland eine überdurchschnittliche Dreipunktquote bei teilweise extrem hohem Volumen aufrechterhalten. Der Rekord aus Spiel Zwei gegen die Hawks mit 25 getroffenen Dreiern ist nur ein Teil der bisher hervorragenden Performance. Andererseits trafen streckenweise auch die Gegner sehr gut, so dass Spiel 3 gegen die Hawks in der Summe der Distanzwürfe beider Teams ebenfalls Rekorde brach.

Cavs Rebounding

Auch bei den Rebounds mussten sich die Cavs nie wirklich geschlagen geben, jeder Gegner wurde in mindestens einem Spiel sogar klar dominiert. Vor allem mit dem Trio Thompson, Love und James kann dieses Ergebnis auch nicht wirklich überraschen.

Was spricht für welche Lineups?

Das Problem an diesen Zahlen: Sie lassen nicht wirklich Schlüsse auf die jeweiligen Lineups zu. In vielen Fällen sind die Daten nach nur sieben Spielen und geringen Minutenzahlen für alle Aufstellungen mit Bankspielern ohnehin nur begrenzt aussagekräftig. Lässt man Mozgov außen vor, besteht die Qual der Wahl zwischen Shooting-starken Kombinationen (Frye und Love gleichzeitig oder Small Ball mit einem der beiden) und tendenziell in Sachen Rebounds, Hustle und Defense überlegenen Lineups mit Thompson.

Tatsächlich lässt sich dies teilweise belegen, denn Lineups mit Thompson auf dem Feld rebounden in den Playoffs überdurchschnittlich, mit Frye dagegen unterdurchschnittlich: +6,0 % TRB gegen -4,5% im Vergleich zum Teamschnitt. Umgekehrt sinkt mit Thompson auf dem Feld die Dreipunktquote (43,4% gegen 47,8%), was für eine grundsätzlich schwächere Offense spricht – selbst nimmt der Big ja keine Würfe aus der Distanz. Loves Schwächen sind schwerer in Zahlen auszudrücken, aber er dürfte ohnehin gesetzt sein. Die Frage ist also in erster Linie, welche Rollen Thompson und Frye erhalten sollten.

Zuerst zu Thompson, der auf den ersten Blick das klassische Skillset eines Big Man verkörpert. Vor allem sein starkes Offensivrebounding wirkt geradezu archaisch in einer Liga, in der die Teams den offensiven Bretter immer weniger Beachtung schenken. Allerdings galt der Kanadier noch während des Dramas um seinen neuen Vertrag als tendenziell zu klein, um dauerhaft NBA-Center zu verteidigen – und damit der aussterbenden Spezies der Power Forwards ohne Wurf zugehörig. Doch schon die letztjährigen Finals zeigten, dass seine Beweglichkeit ein großes Plus darstellt.

Diese Facette seines Spiels dürfte in erster Linie gefragt sein, falls die Cavs sich mit einer starken Small Ball-Lineup konfrontiert sehen. Oder, kurz gesagt: In einem möglichen Rematch mit den Warriors. Nur in diesem Fall erscheint Small Ball der Cavs mit Thompson als einzigem Big realistisch. Ansonsten stellt er tatsächlich die konservativere Option dar, egal ob mit Love oder Frye. 4-Out-Lineups mit einem klassischen Big und einem Stretch Big bringt mittlerweile praktisch jedes NBA-Team aufs Parkett. Konservativ heißt hier aber auch wenig spektakulär: Thompson steht entweder für relativ kontrollierte Siege, wie die Cavs sie im Osten wohl noch einige eingefahren werden – oder möglicherweise für die Verzweiflung, dass die anderen Bigs aufgrund ihrer defensiven Schwächen kaum mehr auf dem Parkett gehalten werden können. Letzteres hieße insbesondere, dass Lue nur noch reagiert und irgendwie hofft, dass LeBrons individuelle Klasse mit einigen Rollenspielern ausreicht.

Small Ball oder Skill Ball?

Deutlich mehr Faszinations-Faktor weisen die Shooting-lastigen Cavs-Lineups auf. Für viele Beobachter lag in der Frye-Verpflichtung zur Deadline auch genau dieser Reiz: Wie stark kann ein Team um LeBron James sein, wenn jeder Spieler überdurchschnittlich aus der Distanz trifft? Die Alternativen bestehen hier eben in Aufstellungen mit Frye und Love oder solchen mit Love als einzigem Big. Fryes unterdurchschnittliches Rebounding dürfte dafür sorgen, dass er nicht diese Rolle übernehmen kann. Gleichzeitig gilt für alle Varianten, dass sie defensiv nicht den Optimalfall darstellen dürften. Love stellt immer einen Schwachpunkt dar und Frye ist zumindest kein elitärere Verteidiger.

Zuerst zur großen Lineup mit den beiden Stretch Bigs – eine in der Regular Season und den bisherigen Playoffs kaum gewählte Variante. 38 Minuten lang standen die beiden in der Zeit von der Deadline bis Spiel 82 auf dem Parkett, in den ersten 6 Spielen der Playoffs waren es gerade 8. Zum Vergleich: Thompson und Frye wurden in der Regular Season für 241 Minuten gemeinsam aufgestellt. Lue schien dem Duo Love/Frye nicht zu trauen und war anscheinend trotz der komfortablen Führung in der Eastern Conference auch nicht zu Experimenten aufgelegt. Auch das dritte Atlanta-Spiel bestätigte anfangs dieses Bild, zumal beide ihre Probleme mit der Verteidigung von Al Horford hatten: Der Hawks-Big überspielte Love wie Frye mehrfach im Post und kam erstmals in der Serie auf eine überzeugende Punkteausbeute. Das Spiel drehten dann jedoch Lineups mit den beiden Stretch Bigs, die im vierten Viertel gemeinsam auf +17 kamen und dabei länger gemeinsam auf dem Parkett standen als die gesamten Playoffs zuvor. Die 27 Punkte von Frye sprechen an sich eindeutig dafür, dass Lues wenig wagemutiges Experiment nicht nur eine Wiederholung erfahren dürfte.

Die Frage ist nur: Welchen Vorteil weisen die Lineups mit Frye gegenüber Small Ball mit einem der drei Guard/Wing-Backups auf? An sich liegen Fryes Argumente nur darin, dass er gleichzeitig aus der Distanz trifft und brauchbare Big Man-Defense liefert. Letzteres ist aber frühestens in den Finals wieder gefragt, falls entweder Thunder oder Spurs den Westen gewinnen – alle anderen Teams spielen mit einem nominellen Power Forward, den LeBron James mindestens so gut wie Frye verteidigen kann. Zusätzliche Minuten für Dellavedova oder Shumpert bedeuten im Vergleich also keine defensiven Zugeständnisse und nur minimale in Sachen Rebounding. Gleichzeitig gewinnen die Cavs beim Ballhandling und vor allem in Bezug auf defensive Switches.

Fazit

So gut die Love-Frye-Lineups im vierten Viertel von Spiel 3 gegen die Hawks funktioniert haben, Small Ball mit Love als einzigem Big sieht ebenfalls äußerst vielversprechend aus. Beide Varianten bedeuten, dass Tyronn Lues Team dem Gegner offensiv den Stempel aufdrücken kann und Reaktionen auf das Spacing und Shooting erzwingt. Thompson stellt dagegen die sichere, weniger spannende Alternative dar. Für den Osten dürften alle Varianten ausreichen, vor allem für die Finals stellt sich dagegen die Frage: Ist es sinnvoller, die einigen Schwächen zu minimieren und eine möglichst ausgeglichene Lineup aufs Parkett zu bringen – oder können die Cavs mit wurfstarken Aufstellungen selbst das Ruder übernehmen?

Zahlen via basketball-reference.com (Stand 8.5.) und nbawowy.com (Stand 5.5.).

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