Cleveland Cavaliers, Detroit Pistons, Playoffs 2016

Skilled Small Ball

Was Spiel 1 zwischen Cavs und Pistons über kleine Aufstellungen aussagt

Trotz exzellenter Dreipunkt-Quote vor allem von überraschender Seite – Kentavious Caldwell-Pope traf 4 von 8, Stanley Johnson und Reggie Bullock gemeinsam 5 von 5, insgesamt stand das Team bei über 50% – gelang den Pistons in Spiel 1 nicht die erhoffte Überraschung. Einen erheblichen Beitrag dazu leistete eine Small Ball-Lineup, die ausgerechnet der vermeintliche ‚odd man out‘ prägte: Kevin Love, der sowohl als nomineller Power Forward als auch als größter Cavalier auf dem Platz Akzente setzen konnte.

Zuerst stellt sich die Frage, warum Love als Small Ball-Center nicht unbedingt erste Wahl ist: An sich bietet er ausreichend Rebounding und seine Nachteile in Sachen Geschwindigkeit gegenüber Small Ball-4ern sind beseitigt, während offensiv extrem viel Platz entsteht. Der Haken ist allerdings seine Defense, die weder im 1 gegen 1 noch in der Hilfe den Ansprüchen an moderne ‚5er‘ genügt. In Zahlen: Love erreichte in noch keiner Saison seiner Karriere durchschnittlich einen Block pro Spiel; auch sein Rim Protection-Wert von 54,3% gegnerischer FG% war in der abgelaufenen Regular Season auf dem Niveau von Charlie Villanueva (!). Somit müssten Guards und Wings der Cavs weitgehend auf eine Absicherung verzichten, zusätzlich wäre an sich ein überzeugendes Spiel des unmittelbaren Gegners zu erwarten – gerade, wenn der Andre Drummond heißt.

Theorie und Praxis

Der Pistons-Center war an sich der Grund, warum für mich Small Ball mit Love eher unwahrscheinlich erschien. Zu groß sind die athletischen Vorteile Drummonds, der zudem Loves Reboundstärke zumindest egalisieren sollte. Reggie Jackson und viele weitere bewegliche Spieler sowie das SVG-Signatur-Spacing machen Lineups mit Love als größtem Spieler grundsätzlich auch nicht attraktiver.

Soweit die Theorie, die von der gestrigen Praxis nicht gerade bestätigt wurde. Love traf zwar nur 10 von 22 aus dem Feld, was dank Distanz- und Freiwürfen trotzdem noch für 58% TS reicht. Auch die erwarteten defensiven Probleme gegen schnellere Pistons-Wings zeigten sich, vor allem in Halbzeit Eins. Gleichzeitig sorgte er jedoch für mehrere Matchup-Probleme, die Stan van Gundy zumindest bis zum nächsten Spiel intensiv beschäftigen dürften.

Wo liegen die Probleme?

Normalerweise sind Highlight-Videos wenig tauglich für eine intensivere Analyse. In diesem Fall macht ein zufälliges Youtube-Video ohne besondere Szenen-Auswahl allerdings eine Ausnahme: Jeder einzelne von Love erfolgreich abgeschlossene Angriff zeigt ein Problem der Pistons auf. Viele der Aspekte lassen sich, je nach Cavs-Lineup mit oder ohne zweitem echten Big, auf klein oder groß spielende Teams generell ausweiten.

https://www.youtube.com/watch?v=MRycrg1SSk8

Zuerst zu den normalen Lineups. Wie das Video zeigt, lässt sich eine große Schwachstelle der Pistons in Spiel eins in zwei Worte fassen: Tobias Harris. Der nominelle Power Forward war mit seinem Gegenspieler in vielerlei Hinsicht überfordert. Mehrfach kam Love durch Post-Ups im 1 gegen 1 zu einfachen Punkten, weil Harris nicht ausreichend gegenhalten konnte. Die Überforderung kleinerer Spieler nach Switches muss ein verteidigendes Team gelegentlich akzeptieren. Es ist aber eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren von Small Ball, dass der Spieler auf Position 4 zumindest einigermaßen seinen Gegner vom Korb halten kann. Zusätzlich gelang es Harris auch in mehreren Szenen nicht, Love beim Distanzwurf entscheidend zu stören. Hier sollte ein schnellerer Spieler an sich Vorteile haben, auch wenn der Gegner besser über ihn werfen kann. Während die Post-Defense noch als systembedingt entschuldbar wäre, sah Harris hier schlicht individuell überfordert aus. In diesen Fällen lässt sich auch schwer die fehlende Hilfe bemängeln, die dem Rest des Teams (und van Gundy) bei den Post-Ups anzulasten wäre.

Die grundsätzliche, wenig überraschende Lehre: Auch, oder vielleicht sogar gerade bei kleinen Aufstellungen müssen die Fähigkeiten der Spieler ihren Rollen entsprechen, wie das (mittlerweile vielleicht etwas überbeanspruchte) Beispiel Warriors verdeutlicht. In Draymond Green, Andre Iguodala und Shaun Livingston verteidigen mehrere Spieler deutlich größer, als es klassische Positionszuordnungen vermuten ließen. Zudem weist das Team weitere hervorragende Verteidiger auf, die zudem an verschiedene Gegner angepasst eingesetzt werden können. Den Luxus zweier hervorragender Defensivcenter in Andrew Bogut und Festus Ezeli plus Small Ball-Optionen weist sonst kein NBA-Team auf. Das Matchup mit Harris bedeutet deswegen für Love noch keine Entwarnung in Sachen möglicher Finals-Minuten.

Downsize Clevland!

Trotz dieser eigentlich nicht unvorteilhaften Bedingungen lagen die Cavs lange zurück, auch, weil Detroit die angesprochenen defensiven Schwachstellen ausnutzte. Viele Distanzwürfe der Pistons kamen zwar von unterdurchschnittlichen Shootern, aber relativ offene Corner-3s können auch dann nicht das Ziel der Cavs-Defense sein. Gerade in der ersten Hälfte entstanden diese Chancen durch zu langsame Defense, insbesondere im Pick and Roll. Gegen diese Probleme richtete sich vermutlich die Entscheidung Lues, Thompson und Mozgov nur insgesamt 35 Minuten auf dem Parkett zu lassen. Den Sieg brachte eine kleine Aufstellung mit James und Love als Bigs unter Dach und Fach.

Wie das Video zeigt, machte Drummond keine deutlich bessere Figur gegen Love als Harris. Auffällig ist etwa der Pick and Pop-Spielzug, in dem keiner der beiden Pistons-Verteidiger Love am offenen Distanzwurf hindert, weil Drummond seinen Fokus nur auf ein Verhindern des Drives legt. Umgekehrt fehlt in anderen, hier nicht wiedergegebenen Situationen die Hilfe, weil der Detroit-Center zu eng an Love bleibt. Was wiederum individuelle Schwächen deutlich macht, aber auch eine grundlegende begriffliche Frage aufwirft: Was ist wirklich ‚Small Ball‘? An sich sind die Pistons in van Gundys Stil eines der kleineren Teams der NBA. Ein Stretch-5 stellt sie aber praktisch vor identische, wenn nicht sogar größere Probleme. Teams mit einem traditionellen Power Forward könnten sinnvoller reagieren und selbst den Center vom Feld nehmen. Würde allerdings bei den Pistons Harris oder, wie von einigen Beobachtern vorgeschlagen, Anthony Tolliver als größter Spieler auf dem Platz stehen, wären eine massive Rebounding-Unterlegenheit vorprogrammiert. Auch mit echten Centern ließen die Pistons schon 12 Offensivrebounds zu, was ein weiterer Negativaspekt von Drummonds gestriger Leistung war – Love legte etwa 13 Rebounds verglichen mit 11 Drummonds (je 3 offensiv) auf.

In diese Liste zählt auch die Unfähigkeit, aus der fehlenden Defensive Loves Kapital zu schlagen. Schon bevor van Gundy in den letzten Minuten wieder Aron Baynes einsetzte – um nicht Hack-A-Drummond zu riskieren – fehlten im vierten Viertel praktisch vollständig die Akzente Drummonds. Auch in der ersten Halbzeit hatte er wenig erreicht, der kurze Lichtblick in Abschnitt Drei blieb genau das. Die Statline von 13 Punkten aus 15 abgeschlossenen Angriffen bestätigt das und erklärt teilweise, wieso der Small Ball mit Love keine Probleme bereitete. Zudem verschwand mit Love als Center die größte defensive Schwachstelle der Cavs, weil jetzt alle Pistons-Wings auch von Wings verteidigt wurden.

Fazit

Für die Serie sind vor allem die schwachen Leistungen der erfahreneren Pistons-Spieler ein schlechtes Zeichen, denn vermutlich werden Reggie Bullock, Stanley Johnson und vor allem KCP nicht nochmal so gut treffen. Wenn nicht Harris und Drummond in den Playoffs ankommen und Love unter Kontrolle bringen, sind die Chancen auf nur ein gewonnenes Spiel der Pistons gering.

Allgemein zeigt das Matchup, wie wichtig Flexibilität in NBA geworden ist. Small Ball war hier kein verzweifelter Versuch des Außenseiters, sondern eine aller Wahrscheinlichkeit nach geplante Option des Favoriten. Das macht vor allem die Aussicht auf Big Men mit Wurf ohne echte Schwächen noch verlockender – wie würden etwa die Top-Rookies des aktuellen Jahrgangs in einer vergleichbaren Rolle aussehen?

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