Golden State Warriors, Houston Rockets, Playoffs 2016

Wie verteidigt man einen Superstar?

Die Defense der Warriors gegen James Harden

Dass James Harden in der ersten Playoffrunde einige Schwierigkeiten gegen die Golden State Warriors bekommen würde, war abzusehen. Das Team aus Oakland ist tief besetzt, variabel – und nebenbei das beste Regular Season-Team der Ligageschichte. Dass der Superstar aus Houston in Spiel 1 so desolat auftreten würde, war jedoch nicht zu erwarten – und ist zu Teilen sein eigenes Verschulden.

James Harden – Superstar?

Bevor jedoch gezeigt wird, wie die Warriors Harden ausgeschaltet haben, sollte zunächst erklärt werden, warum der Playmaker der Houston Rockets einer der besten zehn Spieler in der gesamten Liga ist. Von James Harden existieren schätzungsweise mehr Videos zu defensiven Aussetzern als Steph Curry Dreier in dieser Saison getroffen hat. Trotz aller defensiven Verweigerungen bietet Harden am anderen Ende des Feldes so ein einzigartiges, facettenreiches Skillset, sodass er aufgrund des hohen Volumens zu den besten Spielern der Liga gezählt werden muss. Lindernd zu Hardens Status kommt hinzu, dass individuelle Defensive am Perimeter im Regelfall unwichtiger erscheint als individuelle Offense. Warum gehört Harden also zum Elitekreis der NBA?

Kritiker würden Harden nur als Scorer bezeichnen, der den Ball zu sehr dominiert, bei jedem Windhauch abhebt und nur durch die vielen Touches auf seine Zahlen kommt. Tatsächlich ist Harden auch ein exzellenter Scorer; allerdings nicht nur. Harden ist Houstons einziger Ballhandler und einer der besten decision maker der NBA. Ja, er dominiert den Ball. Nein, er bekommt nicht zu viele Touches.

James Harden ist deswegen so einzigartig, weil er sehr oft die richtige Entscheidung trifft. Er ist für die Rockets Scorer und Point Guard in einem. Während viele Teams die Aufgaben, die Harden übernimmt, auf mindestens zwei Schultern verteilen, ist Harden Houstons nahezu einzige Hoffnung auf eine effiziente Offense. Trotz der suboptimalen Teamzusammenstellung der Rockets (für Moreyball sind viele Spieler viel zu inkonstante Dreierschützen. Neben Harden konnte man sich nur auf Beverley, Terry und Ariza verlassen. Eine mögliche Lineup mit Terry – Beverley – Harden – Ariza – Howard als klassische Moreyball-4out-Aufstellung hat man die ganze Saison nicht gesehen.) kann Harden für sich selbst und andere gleichermaßen gut kreieren.

Hardens Fokus liegt nicht darauf, durch sein Scoringtalent seinem Team zu helfen, sondern mit dem Ball in den Händen die richtige Entscheidung zu treffen. Dass dies oft das Scoring ist, liegt daran, dass Harden offensiv nur wenige Leerstellen vorzuweisen hat. Trotz des schwachen Saisonstarts hat Harden in den letzten Monaten seine Zahlen so weit aufpoliert, dass er im Saisondurchschnitt beispielsweise knapp 34% seiner Dreier aus dem Dribbling trifft. Damit muss man eigentlich jedes Pick’n’Roll, das Harden initiiert, über dem Screen verteidigen, weil Harden sonst den offenen Dreier nimmt. Er gehört sowohl zu den Top 10 der Liga in Effizienz als auch Volumen, was den Abschluss aus dem  Pick ‘n‘ Roll angeht.

Harden hat nämlich für  die Verteidigungsmethode, über den Screen zu gehen, gleich zwei Konter, die es ihm erlauben, weiter die Defensive zu attackieren: Zunächst bedeutet es, dass die engere Deckung Möglichkeiten zum Drive für Harden bieten. Harden zieht knapp 10 Mal pro Spiel zum Korb und gehört zu den Top 5 der gesamten Liga, wenn es darum geht, aus Drives Punkte zu kreieren. Kommt er bis zum Ring durch, schließt er dort zu 60% ab. Das ist über dem Ligaschnitt – in  dem Bereich, der am besten beschützt wird.

Hardens zweiter Faktor ist sein starkes Passing. So zeichnete er sich zum Beispiel für 128 erfolgreiche Treffer von Trevor Ariza in dieser Saison aus, weil er ihn in den Ecken oder unterm Korb findet. Harden findet pro Spiel mehr als 14 Mal den freien Mann und kann ihn so gut bedienen, dass der Mitspieler direkt den Wurf nehmen kann. Neben 7,5 Assists spielt Harden auch 1,5 Secondary Assists, indem er eine Angriffssequenz einleitet – das ist Top 10 ligaweit.

Dazu kann Harden nahezu in jeder Situation den Kontakt forcieren und auch so verkaufen, dass er an die Linie kommt. Während dies landläufig als Flopping verschrien ist und die vielen Freiwürfe – die Harden überragend trifft – auch nicht so schön anzuschauen sind, ist dies der beste Wurf im Basketball. Dass Harden dies kann, ist ein Skill.

Wenn wir uns nochmals vergegenwärtigen, was Harden kann, sollte klar werden, warum dieser ein Superstar ist: Er kann aus dem Dribbling und dem Catch-and-Shoot Dreier werfen, kann zum Korb ziehen, an diesem stark finishen, kann Freiwürfe kreieren und findet sehr oft den freien Mitspieler, den er bedienen kann.

Traditionell will man Harden in der Theorie also den langen Zweier geben, um ihn zu bremsen, da er diesen „nur“ im Ligaschnitt trifft. In der Praxis schließt Harden jedoch sowohl am Ring als auch hinter der Dreipunktelinie öfter ab als in der Mitteldistanz, weil die Teams ihn nicht stoppen können.

Wenn man über James Harden redet, dann sollte klar sein, dass dies ein mehrdimensionaler Spieler mit vielen sehr gut ausgeprägten Skills ist, nicht nur ein Scorer für ein mittelmäßiges Team. Sein Offensive Rating sagt aus, dass er für 1,15 Punkte pro Possession sorgt – das ist besser als die Offense der Warriors. Harden beeinflusst sehr viele Possessions durch direkten Abschluss oder durch das Finden des Nebenmannes, da fallen auch die hohen 4,6 Turnover nicht so sehr ins Gewicht, weil die schiere Anzahl an Possessions, die Harden nutzt, die Fehler ausgleichen.

Doch wie stoppt man Harden nun? Die Musterlösung präsentierten die Golden State Warriors in Spiel 1.

Wie verteidigt man James Harden?

Die Warriors hatten mehrere Tage Zeit, um James Harden zu scouten und boten dann eine exzellente Lösung an, die zu einem einfachen Sieg in Spiel 1 führte.

  1. Harden im Kontext sehen

James Harden spielt nicht alleine Basketball. Wichtig ist es vor allem, zu überlegen, wer die Warriors bestrafen könnte, wenn man Harden durch – eventuell zu viele Mühen – egalisiert. Die Rockets haben in dieser Saison das Problem, dass man zum einen nur auf wenige Volumen-Dreierschützen zurückgreifen kann und zudem neben Harden keinen wirklichen Ballhandler besitzt. Die Warriors selbst bieten mit Curry, Livingston und Iguodala auf dem Flügel sowie Green aus der Situation bedingt gleich vier gute Ballhandler auf. Die Gefahr, durch einen anderen Ballhandler geschlagen zu werden, konnten die Warriors ausschließen. Dies erhöht – wie in jedem Spiel – die Last, die Harden trägt, ungemein und ist ihm als weiteren Pluspunkt anzurechnen: Er bekommt kaum Entlastung (auch weil das Experiment mit Ty Lawson misslang). Die Warriors konnten sich auf Harden spezialisieren.

  1. Das richtige Personal – Kein Doppeln eines Superstars

Die Warriors haben bisher in nahezu jedem Spiel gegen sich selbst gesehen, dass sie das Doppeln von Steph Curry mühelos bestrafen können, wenn sie einen sekundären Ballhandler auf dem Feld haben und so ein 4-gegen-3 spielen können, wenn Curry den Pass aus dem Doppel heraus spielt. Dazu haben sie die genau richtigen Spieler in ihrem Kader, um gegen Harden verteidigen zu können: Der nominelle Gegenspieler Klay Thompson ist ein guter Verteidiger und muss offensiv „nur“ die Scoringlast tragen, aber nichts kreieren; Andre Iguodala und Shaun Livingston von der Bank sind lange, schnelle Verteidiger, die problemlos auf Harden switchen können und vor ihm bleiben. Auch Harrison Barnes haben die Warriors gegen Harden genutzt. All diese Spieler können vor Harden bleiben und brauchen deshalb keine weiteren Mitspieler, um Harden einzudämmen.

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Single Coverage ist unheimlich wichtig, um nicht die Defensive in jeder Possession rotieren zu lassen. Harden ist zudem ein so begabter Passer, dass er den freien Mann findet, der seinerseits dann ein 4-on-3 vor sich hätte. Nicht, dass Corey Brewer der beste Spieler ist, um dies zu bestrafen, aber eine nominelle Überzahl zwingt die Defensive immer dazu, Kompromisse einzugehen. Wenn man das Personal hat, um Harden im Eins-gegen-Eins zu verteidigen, muss man dies auch so angehen. Wichtig ist auch, dass man einem Star wie Harden viele verschiedene Gegenspieler anbietet, da er sich sonst auf das Defensivschema einstellt und Wege findet, dies zu umgehen.

  1. Die Stärken und Schwächen Hardens kennen: Defense gegen Linkshänder

James Hardens Einzigartigkeit hat zu teilen auch damit zu tun, mit welcher Hand er dribbelt und wirft: Er ist Linkshänder. Die Warriors hatten im ersten Viertel einen ganz klaren Plan: Harden den Drive bewusst über rechts anzubieten.

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Dies führt dazu, dass er nahe am Gegenspieler dribbeln muss, wenn er seien linke Hand nutzt. Kommt er tatsächlich zum Ring durch, muss er den Korbleger ebenfalls mit der Hand nah zum Korb nehmen. Harden wäre es sicherlich angenehmer, wenn er über links gehen könnte.

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Die Rockets reagierten darauf und ließen die Warriors sich erst positionieren, ehe sie den Pick stellten. Wenn Harden die rechte Seite angeboten bekam, kam der Rockets-Big zum Pick und stellte sich direkt vor den Verteidiger, um Harden mehr Manövriermöglichkeiten zu geben.

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  1. Mehrere Verteidigungswälle aufbauen.

Ein weiterer guter Punkt, wenn man Harden die rechte Seite anbietet, ist, dass man die Driving Lanes kontrolliert.

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Harden hat die Auswahl, ob er einen Mitteldistanzwurf nimmt oder direkt auf den Rim Protector der Warriors zuläuft. Diese Verteidigungswellen kennt man spätestens seit den Finals 2011, als die Mavericks gegen LeBron James auch gestaffelt verteidigten, um ihn vor sich zu halten. Die Warriors nutzen allerdings diese Option nur als Absicherung, weil man Harden eben nicht zum Dreier einladen will, sondern in die Mitteldistanz locken wollte.

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  1. Keine unnötigen Fouls gegen James Harden

Eigentlich sind Fouls nicht zu verhindern, doch wenn man Harden dazu einlädt, aus der Mitteldistanz zu werfen oder ihn konzentriert vor sich zu halten, sollte man so sauber wie möglich verteidigen, weil Harden nur darauf lauert, sich einzuhaken und so Kontakt zu forcieren. Tatsächlich hat man es geschafft, Harden nicht ein Mal an die Freiwurflinie zu schicken. Das bisherige Season-Low von drei Freiwürfen hatten die San Antonio Spurs aufgestellt. In den letzten fünf Jahren gelang es nur zwei Teams, Harden nicht an die Linie zu lassen. Dies kann man natürlich auch nicht planen – es spricht eher gegen Harden als für die Warriors. Trotzdem ist die Einstellung, so sauber wie möglich zu arbeiten, genau das, was man gegen Harden machen muss – es gelingt nur nicht oft.

Harden in Game 1

Die Warriors haben einen fantastischen Job gemacht, den einzigen kreativen Spieler der Rockets so hart zu beschneiden, dass man nur eine Halbzeit von Stephen Curry benötigte, um die Rockets völlig zu demontieren. Dennoch trägt James Harden selbst auch zu einem Teil die Verantwortung am schlechten Abschneiden seines Teams. Er selbst verlegte sonst sichere Layups, wirkte frustriert und fand die die Mitspieler kaum. Sinnbildlich dafür steht, dass Harden im dritten Viertel den ersten erfolgreichen Assist spielte. Es ist unentschuldbar, dass ein so profilierter Spieler wie Harden nicht an die Linie kam und deshalb – auch nach dem Ausfall Currys – sein Team nicht dazu inspirieren konnte, Spiel 1 besser zu nutzen.

Golden State schränkte Harden so weit ein, dass er mehr Würfe aus der Mitteldistanz als hinter der Dreierlinie nahm. Sie beschnitten effektiv den Frei- und den Dreipunktewurf. Am Ring konnte man Harden Richtung Big Man lenken, um dort die Quote bei schwachen 38% zu halten.

Fazit

Golden State verteidigte natürlich hervorragend, aber – so befremdlich es auch klingt – dies war vielleicht die beste Chance der Rockets, ein Spiel in Golden State zu klauen. Nachdem Curry ausfiel, brach die Offense der Warriors zu Teilen zusammen. Insgesamt kam Golden State nur auf ein Offensivrating von knapp über 100. In 73 Regular Season-Spielen waren die Warriors besser. Hinderlich ist dann natürlich, dass Houston die zweitschlechteste Offense gegen die Warriors in dieser Saison spielte. Daran hat Harden einen großen Anteil. Generell fehlt es den Rockets aber an Scoringoptionen oder zumindest guten Rollenspielern, die ihre Rolle kennen und ausfüllen können. Symptomatisch dafür ist, dass man auch nach 82 Spielen noch immer keinen Frontcourtpartner für Dwight Howard gefunden hat. Corey Brewer ist nicht die Lösung, sondern eine Verlegenheitslösung. Den Rockets fehlen die Flügel mit Wurf, sodass man Trevor Ariza vielleicht sogar Vollzeit auf die Vier hochschieben könnte. Für Spiel 2 muss man aus Sicht der Rockets fast hoffen, dass Curry fehlen wird, um überhaupt eine Chance zu haben, die Serie offen zu halten. Es wird – wie immer – alles an Harden hängen.

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