3-on-1 Fastbreak

Entscheiden Schiedsrichter Spiele?

3-on-1 Fastbreak #12 - Zu den umstrittenen Szenen in Spiel 2 der Spurs-Thunder-Serie

In der vergangenen Woche kam es im Spiel der Oklahoma City Thunder und der San Antonio Spurs in Spiel 2 zu einem denkwürdigen finalen Play. Die breite NBA-Landschaft weiß natürlich, worum es geht: Hat Dion Waiters Manu Ginobili gefoult? Hat Manu Ginobili über bzw. auf die Linie getreten? Wurden die Spurs eines Sieges beraubt? Waren sie durch den Turnover der Thunder im Vorteil? Am wichtigsten jedoch: Haben die Referees dieses Spiel entschieden? Unser Panel diskutiert:

Sebastian Hansen: Es waren turbulente Szenen, die sich in den letzten 13 Sekunden des zweiten Spiels der zweiten Runde in San Antonio abspielten. LaMarcus Aldridge hatte mit drei Freiwürfen den Rückstand der Spurs auf die Oklahoma City Thunder auf einen Punkt verkürzt, Thunder-Coach Billy Donovan daraufhin seine letzte Auszeit genommen. Nun stand Thunder-Guard Dion Waiters an der Seitenlinie, bereit zum Einwurf. Doch Manu Ginobili verteidigte den Einwurf hart, überschritt dabei sogar verbotenerweise die Seitenlinie. Waiters wusste sich nicht anders zu helfen, als den Spurs-Guard durch einen Ellenbogenstoß auf Distanz zu bringen und den Ball im Sprung und somit regelwidrig einzuwerfen. Kevin Durant konnte den Ball zwar fangen, doch wurde sogleich von Danny Green hart angegangen, weswegen er das Leder an denselben verlor. Nun hatten plötzlich die Spurs den Ball und bei einem verbleibenden Timeout einen drei-gegen-eins-Fastbreak vor sich. Doch sowohl Patrick Mills als auch Ginobili trauten sich nicht, gegen Steven Adams in die Zone zu ziehen, sodass Mills schließlich einen von Adams gut verteidigten Eckendreier nahm, der zum Airball wurde. Adams wurde dann noch von einem Fan (!) festgehalten und um den Ball rangelten sich unter dem Korb gleich zwei Spieler jeder Mannschaft. Dann ertönte die Sirene – die Thunder hatten das Spiel gewonnen. 

Bei der Beschreibung der Szene wird sich wohl jeder Fan fragen: und die Schiedsrichter? Wo waren die eigentlich? In der Tat, während der Sequenz erfolgte kein einziger Pfiff der Unparteiischen. Dementsprechend harsch fiel die Reaktion vieler Beobachter aus. TV-Kommentator Chris Webber echauffierte sich schon direkt nach Spielende über den ausbleibenden Pfiff wegen des Ellenbogenstoßes von Dion Waiters und auch ansonsten waren vor allem in den sozialen Medien sogleich massenhaft kritische Kommentare zu finden. Die NBA sah sich am Folgetag gezwungen, eine ganze Liste von falschen Pfiffen in den letzten Sekunden herauszugeben. 

Doch haben die Schiedsrichter das Spiel wirklich entschieden, so wie es viele Spurs-Fans unterstellten? Zunächst einmal muss man konstatieren, dass die Refs wirklich einige zum Teil haarsträubende Fehler begangen haben. Aus Spurs-Sicht war das jedoch erstmal kein großes Problem, denn das Team von Coach Gregg Popovich bekam den Ball ja trotzdem. Sie hatten sogar noch, anders als wenn das Foul gegen Waiters gepfiffen worden wäre, einen Fastbreak, um das Spiel zu ihren Gunsten zu entscheiden. Allein das ist eigentlich ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Zudem hätte Popovich, falls er der Meinung gewesen wäre, lieber ein Set-Play laufen lassen zu wollen, einfach seinen letzten Timeout nutzen können, um das Spiel abermals zu unterbrechen. In dieser speziellen Situation ist also beim besten Willen absolut keinerlei Beeinträchtigung der Siegchancen der Spurs durch einen ausbleibenden Pfiff der Schiedsrichter zu erkennen. Wenn überhaupt hätten die Thunder allen Grund gehabt sich zu beschweren: denn der Beginn des ganzen Chaos war Ginobilis illegale Defense gegen den Einwerfer, die ebenfalls nicht abgepfiffen wurde und so erst zu der folgenden Kettenreaktion führte. 

Aber auch allgemein gilt, dass Schiedsrichter ein Spiel kaum entscheiden können, von absichtlicher Manipulation einmal abgesehen. Denn die Sample-Size, also die Anzahl der Possesions in einem Basketballspiel, ist so hoch, dass einzelne Entscheidungen der Schiedsrichter nicht ins Gewicht fallen. Genauso könnte man beispielsweise argumentieren: “Der eine Dreier der Spurs, der da im ersten Viertel nicht gefallen ist, der hat das Spiel entschieden”. Auch das ist Unsinn, denn statistisch gesehen gleichen sich sowohl solche Dinge als auch Entscheidungen der Schiedsrichter über das Spiel aus. Dinge, die am Ende des Spiels geschehen, erfahren nur eine größere Aufmerksamkeit durch Zuschauer und Medien. Deswegen sollten weder Spurs noch Thunder sich ärgern, sondern das Ergebnis hinnehmen und sich auf das nächste Spiel vorbereiten. 

Martin Sobczyk: Haben die Schiedsrichter in der letzten Szene im Duell der Spurs gegen OKC das Spiel entschieden? Sicherlich nicht. Sebastian Hansen hat dies schon perfekt erläutert. Wenn wir jedoch die Frage ausweiten, ob Schiedsrichter Spiele – abseits von bewusster Manipulation – in der Crunchtime mitentscheiden können, muss man feststellen: leider ja.
Dabei soll diese Aussage weniger eine Schiedsrichter-Schelte darstellen, sondern in erster Linie eine Feststellung sein. Schiedsrichter sind auch nur Menschen und machen natürlich Fehler. Diese können selbstverständlich auch Spiele in einem gleichen Maß entscheiden, wie ein verlegter Korbleger in der Schlusssekunde über Sieg oder Niederlage bestimmt. Jedoch wird die Bedeutung von Einzelereignissen, seien es Gamewinner oder (ausbleibende) Pfiffe in der Schlussphase, massiv überhöht, denn damit es erst zu dieser kritischen, vermeintlich spielentscheidenden, Situation kommen kann, werden 47 Minuten lang gute oder weniger gute Entscheidungen getroffen, welche das Spiel in der Gesamtbetrachtung deutlich stärker beeinflussen als ein (ausbleibender) Pfiff im letzten Angriff. Dementsprechend können falsche Schiedsrichterentscheidungen das Ergebnis im Endeffekt mitbestimmen, allerdings sollte man keinesfalls den Fehler machen und die Schiedsrichter, aufgrund einer Entscheidung zum Spielende, zu den Hauptverantwortlichen für den Ausgang eines Spiels machen.

Nicholas Gorny: Schiedsrichter gehören zum Sport. Sie fungieren als spielleitende Instanz, die im besten Fall gemäß den vorgegebenen Regeln Situationen richtig erkennen und das Spiel im Rahmen der Möglichkeiten ablaufen lassen. Kontrollieren Sie ein Spiel? Nein, in keinster Weise. Die Kontrolle darüber ob der Ball im Korb landet, liegt allein bei den beteiligten Spielern. Schiedsrichter sind im höchsten Masse daran interessiert, ein flüssiges Spiel zu gewährleisten. Pfeiffen Sie eine Situation ab, tun sie das aus einem einzigen Grund: das Regelwerk gibt es vor. Ohne Schiedsrichter kann keine professionelle Sportart bestehen. Dennoch sind es die Spieler auf dem Platz, die im Fokus stehen. Genauso sollte es sein. Ausnahmen gibt es in Form des unlängst pensionierten Joey Crawford, dem ein gewisser Hang zur Selbstdarstellung unterstellt werden könnte. Es bleibt aber eine absolute Ausnahme.

Game 2 der Western Conference Semifinals San Antonio Spurs vs. Oklahoma City Thunder zeigt, dass in der NBA oftmals nicht die partizipierenden Spieler nach einer Niederlage die Aufmerksamkeit erhalten, sondern die beteiligten Schiedsrichter. In der bereits geschilderten Aktion, sind einige Pfiffe fälschlicherweise ausgeblieben. Angeprangert wird nicht etwa der ausbleibende Pass von Danny Green zu Manu Ginobili oder der desatröse Einwurf von Dion Waiters sondern alleinig die nicht gegebenen Calls. Ungeachtet der Tatsche, dass bei einem Abpfiff des Einwurfes eventuell gar keine erfolgsversprechende Abschlusssituation für die Spurs zustande gekommen wäre, wird die Niederlage an einer schwachen Schiedrichterleistung festgemacht. Manu Ginobili äusserte sich treffend zu der Situation und stellt klar, dass es nicht der Fehler der Refs war, dass das Spiel zugunsten der Thunder entschieden wurde:

“It’s a very awkward play. It doesn’t happen very often, so, I guess, [the refs] didn’t see it, and… We know that, we complain about that, that’s what we do, but we had the ball, we had a great shot, a few other opportunities, so it’s — things happen.”

Viel mehr als die Entscheidungen der Referees war eine gesteigerte defensive Intensität der Thunder, deren Überlegenheit beim Rebounding sowie einige schwächerer Offensivleistungen der Spursakteure verantwortlich für den Ausgang des Spiels. Die Refs waren genauso unbeteiligt an der Niederlage der Spurs wie der Distanzwurf von Ray Allen in Game 6 der Finals 2013 alleinig verantwortlich für den Sieg der Heat war. Eine Rolle in einem NBA-Spiel spielen sowohl die Schiedsrichter als auch eine Einzelaktion eines Einzelspielers. Diese Rolle ist allerdings verschwindend klein. Für Niederlage oder Sieg sind nur die summierten Aktionen der beteiligten Spieler entscheidend. Einzelne Schiedsrichterentscheidungen können das Spiel in gewissen Situationen beeinflussen, niemals aber entscheiden. Für die Spieler bleibt es letzten Endes ein Luxus, dass isolierte Pfiffe die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen und nicht etwa ihre eigenen Leistungen auch wenn diese von der Gewichtung her den domierenden Anteil an dem Ergebnis einer Partie ausmachen. Ein einzelner Call eines Schiedsrichters besitzt unabhängig von dem Zeitpunkt im Spiel nur ein absolutes Mindestmaß an Einfluss und dieser ist und bleibt verschwindend gering.

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