Indiana Pacers, Playoffs 2016, Toronto Raptors

Gorgeous George & Dilemma DeMar

Die Raptors gleichen aus und stehen vor einem Dilemma.

Die Toronto Raptors tauschten in dieser Offseason eine Menge Rotationsspieler aus, um sich nach enttäuschenden Niederlagen in der ersten Runde der Playoffs zu stabilisieren und nachhaltiger zu werden. Dass sie psychisch unbefangen sind, kann man nicht sagen. Die Säulen Kyle Lowry, DeMar DeRozan und Jonas Valanciunas standen im Mittelpunkt traumatisierender Niederlagen gegen tiefer gesetzte Teams und so fragte man sich, wie das Trio in diesem Jahr reagieren würde. Nach zwei Spielen ist die Serie ausgeglichen und Jonas Valanciunas legt zumindest dicke Zahlen auf, während DeMar Derozan während des Schlussviertels des überzeugenden Sieges am Montag nur von der Bank zusehen durfte. Nervosität ist im Spiel aller der drei Hauptakteure zu sehen. All das, Paul Georges fulminantes drittes Viertel im ersten Spiel und scheinbar überraschende Ministars der ersten beiden Spiele.

Alte Gewohnheiten

Zu DeMar DeRozans Spiel gibt es gar nicht viel Neues zu sagen. Die Analyse zu den Spielen der Raptors gegen die Brooklyn Nets vor zwei Jahren würde als Blaupause für die Probleme und das Potential, welches er für das Spiel der Raptors bedeutet, gut genug passen. Damals war DeRozan noch ein höchst unkonstanter ISO-Spezialist, der bei hoher Usage nicht besonders effizient agierte und sich mit seiner Ballsicherheit und der Fähigkeit, Fouls zu ziehen, über Wasser hielt. 

Mit 26 Jahren absolvierte DeRozan nun das beste Jahr seiner Karriere, in dem er scheinbar von schlechten Gewohnheiten abließ. Nahm DeRozan in den letzten drei Jahren noch mehr als die Hälfte seiner Würfe zwischen Zone und Dreipunktelinie (54,6%), waren es 2016 immerhin nur 46,1%. Usage, Playmakinganteile und Freiwurfrate stiegen weiter an, die Turnoverrate blieb beachtlich klein und DeRozan hatte dazu das effizienteste Jahr seiner Karriere. 

Nach zwei Playoffspielen traf DeRozan 27% seiner 38 Würfe. DeRozan durfte bisher sechs mickrige Freiwürfe werfen. In der Regular Season zog er noch für fast jeden zweiten Feldwurf einen Freiwurf. Sein Spiel ist durch die Bank dem des Starflügels auf der anderen Seite, Paul George, unterlegen. Dieser trifft 54% seiner Würfe – und spielt Defense.

Indianas Defense ist das Stichwort. Der Flügel der Kanadier sieht gegen diese kein Land. Ist es schon schwer genug, gegen Paul George im Eins-gegen-Eins zu punkten, wird es fast unmöglich, wenn Indiana konsequent die Zone zustellt. George selbst hatte DeRozan in vielen Situationen unter Kontrolle und sorgte für Deflexionen, verursachte Charges und schwere Würfe. Wo George mal nicht zur Stelle war, waren es meist mindestens zwei andere Pacer oberhalb des Charge-Kreises. Vor allem wenn Biyombo und Scola die großen Positionen besetzen, aber auch bei Valanciunas im Pick & Roll und Patterson an der Dreierlinie, machen die großen Spieler der Pacers kaum Anstalten, bei den Bigs zu bleiben. Das Zögern bei der Entscheidung, ob man gegen den Ballhandler geht oder beim eigenen Mann bleibt, was Ballhandlern oft den nötigen Raum zum Angreifen und abschließen ermöglicht, sieht man bei den Bigs der Pacers nicht:

DeRozan wurde besonders im dritten Viertel mit Touches gefüttert, rannte stur an, drehte, hopste und manövrierte sich in Double Team um Double Team, während Paul George ein Monsterviertel spielte, das sich durch exzellente, aber meist einfache Entscheidungen auszeichnete. 

Gorgeous George

Paul George wachte nach einem ähnlich miesen Viertel mit Beginn der zweiten Halbzeit auf. Selbstvertrauen durfte er gleich in einer der ersten Aktionen des Viertels tanken, als schlechtes Zurücklaufen der Raptors in einem weit offenen PUJIT resultierte:

In der nächsten Aktion werden DeRozan und Valanciunas im Side Pick& Roll zum Opfer, als Valanciunas die Baseline anstatt die Mitte zustellt und George den Pick einfach splitten kann:

Das ganze ging mit einigen Flügel-Pick & Rolls weiter, in denen George über die Baseline zippt und den Ball in einen Pick & Roll abgelegt bekommt. Die ersten beiden Aktionen des Videos resultierten zwar nicht in Punkten, zeigen jedoch welch gute Würfe die offensiv sonst eher beschränkten Pacers generieren können, wenn ihr Starspieler schnelle Entscheidungen aus diesen Aktionen treffen kann:

Zog George in der ersten Hälfte noch mit gesenktem Kopf einige Male gegen die ausgestreckten Arme von Bismack Biyombo, attackierte er anschließend die Zone der Raptors für Aktionen am Korb und für ihn einfache Pull-Ups in klügerer Art und Weise und gegen das richtige Personal. Anzumerken ist dazu, wie furchtbar DeRozans Fähigkeit, George auch ohne Pick vor sich zu halten, in einem dieser und folgender Clips ist: 

Nicht nur aus dem Side Pick & Roll, sondern aus jeglichen Aktionen mit dem Ball traf George in diesem Stretch hervorragende Entscheidungen, um Mitspieler einzusetzen – die Art Pässe bei hohem Druck, die auch DeRozan gut tun würden:

Im Gegensatz zu DeRozan ist es George auch gelungen, seine offensive Spezialität einzubringen, was ein Spiel schon mal entscheiden kann. Was bei DeRozan das Ziehen von Fouls ist, ist bei George der hervorragende Wurf:

Ein gutes Viertel ist nicht immer genug

Georges Explosion im dritten Viertel hätte DeRozan die Augen öffnen sollen und tatsächlich schien der zweifache All-Star die Vorgabe umzusetzen. Toronto startete die zweite Partie mit einem starken Run, an dem DeRozan dank guter Entscheidungen hauptsächlich beteiligt war:

Das Ganze währte leider nicht lange und schon im zweiten Viertel sahen die Zuschauer im Air Canada Centre den DeRozan von vor einigen Tagen sich abmühen:

Seine Mangel an offensiver Produktion bei hoher Usage, der strauchelnden Defense und guter Leistungen anderer Akteure geschuldet sah sich Coach Dwyane Casey sogar gezwungen, DeRozan für das Schlussviertel aus dem Spiel zu nehmen.

Heimliche Stars

Und siehe da, es war das beste Viertel der Raptors! Das Mischen einiger Bankspieler mit den Startern gab offensiv wie defensiv den Ausschlag. Norman Powell spielte hervorragende Verteidigung gegen Paul George, während Cory Joseph wie ein alter Hase die Offensive entzündete, wie er es schon im ersten Spiel tat. 

Schon in der Preview zu den Toronto Raptors aus dem August sahen wir Joseph als potentiellen Durchstarter: 

Cory Joseph könnte sich ähnlich wie Kyle Lowry als Spieler entpuppen, dessen Leistungen auf ein noch höheres spielerisches Level schließen lassen als bisher vermutet. Wie einst Lowry deutete er an, dass er ein fähiger, moderner NBA-Spieler ist, der Würfe verwandeln und den Korb attackieren kann.

– https://go-to-guys.de/2015/08/09/back-to-back/

Josephs Jahr war ordentlich, wenn auch unter dem Radar und nicht atemberaubend. Der Kanadier ist recht streaky und hat weiterhin keinen verlässlichen Wurf. Die Ruhe und Routine, mit welcher der ehemalige San Antonio Spur jedoch die Offense in den Playoffs bisher leitet, ist eine Darbietung, die so selbst Lowry in vergangenen Jahren selten gezeigt hat. 

Für Joseph schien in den beiden Partien alles einfach – egal ob der Abschluss in der Zone, schwierige Pull-up-Würfe, Pick & Roll mit den großen Spielern oder Cuts. Jonas Valanciunas bringt üppige Zahlen, doch der Kanadier ist bisher der beste Spieler der Raptors:

Ein kleiner Star, der auf Seiten der Pacers unter dem Radar fliegt und wie schon in der Regular Season sein Potential mit einflussreichem Spiel andeutet, ist Myles Turner. Der Rookie spielte im ersten Spiel die meisten Minuten aller Indiana Bigs und durfte aufgrund von Foulproblemen nur 16 Minuten im zweiten Spiel ran. Wie Joseph spielt auch Turner mit einer verblüffenden Coolness. Besonders in der Defensive hat er sich schnell integriert und stellte die Raptors im ersten Spiel vor Herausforderungen. Auch wenn Valanciunas ihn im Rebounding dominiert, hört Turner nie auf, diesen an freien Abschlüssen bei Second Chance Points zu stören. Auch Lowry und DeRozan haben an seiner Mobilität und guter Fußarbeit beim Verteidigen des Pick & Roll keinen Spaß.

Rebounding into form

Jonas Valanciunas ist ein Problem für die Pacers und hat fast eigenhändig für eine Überlegenheit im Rebounding von 29 Rebounds gesorgt. Siebzehn dieser Rebounds kamen am offensiven Brett. Valanciunas hatte unbestritten ein sehr gutes zweites Spiel, doch diese Statistik ist weniger Wert, wenn man bedenkt, wie furchtbar Valanciunas’ Hände bisher waren:

Alleine im ersten Spiel hatte Valanciunas sieben Second Chance Points nach eigenem Fehlwurf. Die Ausbeute? Null von Sieben. Die Guards der Raptors taten dem Litauer im ersten Spiel keinen Gefallen. Sehr selten kam Valanciunas in gute Position, von wo er direkt und ohne große Mühe abschließen konnte. Die zittrigen Hände machten ihr Übriges. 

Mit dem Rückstand in der Serie wurde Valanciunas effektiver gefüttert. Die Zahl an offeneren Würfen stieg ebenso an wie Würfe, für die er den Ball nicht mehr auf den Boden bringen musste:

joval

Fragen

Nach zwei Spielen sollte klar sein, dass die zweite Garde der Raptors viel potenter als die der Pacers ist. Die Spieler aus Indiana werden dazu wahrscheinlich in jedem Spiel einem Defizit in den Rebounds nachrennen müssen, da Mahinmi der einzige Spieler ist, der Valanciunas physisch wirklich entgegentreten kann. Um die Serie offen zu halten, brauchen die Pacers Paul George in Bestform und einige effektive Drives von Monta Ellis, um die Offensive ein wenig variabel zu gestalten. Kein Ding der Unmöglichkeit.

Die Raptors sind in guter Verfassung, und das, obwohl die beiden Spieler, mit denen in den letzten Jahren alles stand und fiel, noch nicht wissen, wie sie der Serie ihren Stempel aufdrücken. Dass die Raptors Lowry und DeRozan nicht in Bestform brauchen, um diese Serie gewinnen zu können ist ein gutes Zeichen, doch DeRozan bleibt ein Dilemma. Sollten die Raptors wirklich die Großen ärgern wollen, brauchen sie DeRozans Spiel auf Normalniveau. Als Foulmagnet und eher effizienter Eins-gegen-Eins-Scorer kann in Playoffspielen Gold wert sein. 

Wie verfährt man nun mit DeRozan? Cory Joseph und Norman Powell waren bisher deutlich bessere Optionen als DeRozan oder auch Terrence Ross, doch DeRozan braucht nach dem Benching Selbstvertrauen. Ein Szenario zu ermöglichen, in dem er dieses bekommen kann, wäre nicht unriskant. Powell und Joseph funktionieren bisher, sollten also eigentlich eher mehr Minuten spielen. Um die Zone für DeRozan zu öffnen, könnte Casey gegen die kleinen Lineups der Pacers eine sehr kleine Lineup um das FC-Duo Patterson/Carroll spielen, die konsequent draußen bleiben und DeRozan beim Zustellen offensichtlichere Passoptionen geben. Diese Kombination spielte in der Regular Season nur 61  Minuten, wäre zugunsten DeRozans jedoch einen Versuch Wert, auch weil das Einsetzen der eigenen Bigs keine Stärke der Pacers ist. Doch Valanciunas ist am Brett eine Macht und sollte nach Ablegen der ersten Nervosität keine drei Würfe innerhalb von sieben Sekunden aus 20 Zentimetern Entfernung  mehr verwerfen.


Bildrechte: IBMphoto24 via flickr.com | link | CC BY-NC-ND 2.0

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