Chicago Bulls

Die Zukunft der Chicago Bulls

Warum das Team auch nächste Saison im Mittelmaß feststecken kann

Die Chicago Bulls sind eine der großen Enttäuschungen dieser Saison. Die Playoffs, das steht mittlerweile fest, hat die Franchise trotz einer 42-40 Bilanz verpasst – zum ersten Mal seit 2008. Dabei war das Team aus der Windy City nach der Offseason noch vorsichtig optimistisch gewesen: In den Conference-Semifinals konnte das Team den Cleveland Cavaliers lange Paroli bieten, Spieler wie Derrick Rose und Joakim Noah wollten ihre verletzungsgeplagten Saisons hinter sich lassen. Dazu wurde ein neuer Trainer verpflichtet: Fred Hoiberg. Der Ex-Coach der Iowa State University sollte auf dem defensiven Fundament von Vorgänger Tom Thibodeau aufbauen und es um eine moderne Offensive erweitern. So weit der Plan – heute steht das Experiment Hoiberg vor einem Scherbenhaufen. Welche Schritte sind für Chicago nötig, um wieder die Spitze der Eastern Conference anzugreifen?

Die Causa Hoiberg

Ob die Probleme der Bulls ausschließlich an Fred Hoiberg liegen, sei einmal dahin gestellt; Verletzungen (Joakim Noah, Mike Dunleavy) oder schwache Leistungen (Rose) von prominenten Spielern im Kader darf man nicht unter den Tisch kehren. Dennoch:  In seinem ersten Jahr als Headcoach schaffte Hoiberg es nicht, seine Offensive auf die NBA zu übertragen. In den meisten relevanten Statistiken schneidet Chicago schlechter ab als in der letzten Saison: Die Defense, die schon in der letzten Saison unter Thibodeau nicht mehr das gefürchtete Bollwerk war, verschlechterte sich von Rang 11 (D-Rtg: 104,3) auf Rang 15 (D-Rtg: 106,5). Paradoxerweise rauschte vor allem die Offense in den Keller: Das O-Rtg sackte von 107,5 (Rang 11) auf 105,0 (Rang 23) ab. Und das obwohl die Bulls tatsächlich schneller spielen, nämlich immerhin den 15.-schnellsten Ball der Liga, bei einer Pace von 95,7. Wie ist dieser Absturz zu erklären?

hoiberg

Zum einen zeigt sich das angesprochene Transition-Game der Bulls dafür verantwortlich. Trotz der 15.-schnellsten Pace der Liga generiert Chicago gerade einmal 11,8% seiner Abschlüsse in Transition – das ist Platz 23 in der Liga. Noch verheerender ist die Effizienz dieser Abschlüsse: in Transition erzielt Chicago lächerliche 0,99 PPP, der mieseste Wert der NBA.

Das Team hat riesige Probleme, Hoibergs Uptempo-Stil zu spielen. Symptomatisch dafür: Derrick Rose, Speerspitze des Fastbreaks und der Spieler mit den meisten Abschlüssen in Transition, generiert nur erschreckende 0,85 PPP aus der Transition. Die eingeforderte schnellere Pace ist bisher ein Schuss ins eigene Bein. Generell hat das System der Bulls wenig mit dem gemein, was eine moderne und effiziente Offense auszeichnet: wenig Dreier (Rang 24) und Freiwürfe (Rang 26), viele Abschlüsse aus der Mitteldistanz. Besonders erschreckend ist der Abfall bei den Freiwürfen: Letztes Jahr belegte das Team bei den Freiwurfversuchen noch einen hervorragenden vierten Rang!

Viele ineffiziente Abschlüsse und keine klare Handschrift in der Offensive – das alles ist kein Ruhmesblatt für Fred Hoiberg. Sollten sich die Bulls also bereits nach einem Jahr wieder trennen und einen neuen Head Coach installieren? Auf den ersten Blick erscheint die Sache klar; auf den zweiten Blick gibt es jedoch eine Menge Gründe, es nicht zu tun. Dazu lohnt ein Blick auf die Cap-Situation der Bulls in den nächsten beiden Jahren.

Der Sommer 2016

Ein Großteil des Kaders wird den Bulls auch nächste Saison wieder zur Verfügung stehen. Im Sommer werden vor allem die beiden Großverdiener Joakim Noah (13,4 mio.) und Pau Gasol (7,4 mio., Player Option) Free Agent, dazu gesellen sich Aaron Brooks (2,0 mio.) und Etwaun Moore (1,0 mio.). Selbst ohne eine einzige Verlängerung gäben die Bulls 2016/17 bereits 74,2 mio. an garantierten Gehältern aus – will man entweder Noah oder Gasol halten, muss man über die Luxus-Steuer-Grenze gehen. Ob das beim traditionell eher knausrigen Management der Bulls gewünscht ist, darf bezweifelt werden. Zudem wird der Free-Agent-Markt dank ansteigendem Cap überhitzt sein – gut vorstellbar, dass Chicago selbst Rollenspieler deutlich überbezahlen müsste.

Was bedeutet das für die Offseason? Bulls-Fans sollten sich darauf einstellen, dass in Noah und Gasol zwei Leistungsträger das Team verlassen. Noah plagt sich seit Langem mit Verletzungen, wird nicht jünger und passt nicht perfekt in Hoibergs System. Gasol werden die Bulls sicherlich eine Verlängerung anbieten, er wird sich aber wohl lieber einem Contender anschließen. Brooks wird den Club auf jeden Fall verlassen. Für die nächste Saison bedeutet das nichts Gutes: Jimmy Butler wird das Team auf Kurs halten, ein erneutes Verpassen der Playoffs liegt aber im Bereich des Möglichen. Ein klassisches Übergangsjahr steht an.

Der Sommer 2017

Wizards v/s Bulls 02/28/11

Anders sieht es dagegen im Sommer 2017 aus. Dann enden die Verträge der Leistungsträger Derrick Rose (21,3 mio.), Taj Gibson (8,9 mio.), Nikola Mirotic (5,7 mio.) und Tony Snell (2,3 mio.), dazu kommen die Geringverdiener Justin Holiday, Cameron Bairstow und Cristiano Felicio. Bei jedem einzelnen dieser Spieler sollte das Management genau evaluieren, ob eine Fortsetzung der Zusammenarbeit Sinn ergibt. Besonders bei Derrick Rose könnten die Zeichen auf Trennung stehen: Der MVP von 2011 spielt eine offensiv verheerende Saison (O-Rtg: 96!!), seine Verletzungshistorie ist bekannt. Immerhin ist ein kleiner Aufwärtstrend zu erkennen: Seit dem Allstar-Break legt er ordentliche 17,4 Punkte auf und schießt dabei 46,8% aus dem Feld. Stabilisiert er seine Leistungen nächstes Jahr nicht, könnte er die Franchise im Sommer verlassen oder davor zur Trading-Deadline getradet werden. Taj Gibson droht ein ähnliches Schicksal. Tony Snell und Nikola Mirotic haben am ehesten eine Zukunft in Chicago; beide sollten nicht übermäßig teuer werden und passen dank ihres Dreiers gut in Hoibergs Offensiv-System.

Über 2017 hinaus unter Vertrag stehen ansonsten nur Jimmy Butler, Doug McDermott, Bobby Portis und Mike Dunleavy. Alle vier können für das nächste Bulls-Team wichtig werden. Butler ist längst der unumstrittene Franchise-Player der Bulls: In dieser Saison legt er Career Highs bei den Punkten und Assists pro 36 Minuten auf. Portis überzeugt in seiner Rookie-Saison mit guten Ansätzen, McDermott hat endlich seinen Dreier gefunden (42,5% 3FG); beide sind zudem junge Spieler, die noch Potential nach oben haben. Dunleavy dagegen geht in seiner Veteranen-Shooter-Rolle auf. Zusammen verdienen diese vier Spieler gerade einmal 27,4 mio. Dollar; dazu kommt noch das garantierte Gehalt des diesjährigen Erstrundenpicks. Unter dem Strich bleiben im Sommer 2017 damit rund 60 mio. für eigene oder fremde Free Agents. Eine perfekte Gelegenheit, um Altlasten abzustoßen und das Team der Zukunft auf die Beine zu stellen.

Fazit

Vieles spricht also dafür, abzuwarten und auf den Sommer 2017 zu schauen. Jimmy Butler ist dann im besten Alter (28) und wird dafür sorgen, dass Chicago ein attraktives Ziel für Free Agents sein wird. Mögliche Verlängerungen für Mirotic und Snell eingerechnet, stehen immer noch zwischen 40 und 50 mio. Dollar für Neuverpflichtungen zur Verfügung. Passend dazu wird dann gleich eine ganze Reihe an Top-Spielern auf dem Markt sein. Hier eine kleine Auswahl: Steph Curry, Russell Westbrook, Blake Griffin, Chris Paul, Serge Ibaka (alle unrestricted), Giannis Antetokoumpo, Rudy Gobert (beide restricted), Kyle Lowry, Paul Millsap, Gordon Hayward (alle Player Option). Gut möglich, dass die Bulls ein Big Player auf dem Free Agent Markt werden – die finanziellen und sportlichen Optionen haben sie.

Ein weiterer Vorteil dieser Strategie ist die Situation von Coach Hoiberg: Er bekäme ein weiteres Jahr, um sein System auf die NBA anzupassen. Hat er im zweiten Jahr Erfolg – perfekt! Scheitert er, kann das Management einen neuen Coach suchen und ihm gleich Spielermaterial nach dessen Vorstellungen zusammenstellen.

Auf dem Papier klingt das nach einem Plan für die mittelfristige Zukunft der Chicago Bulls. Die Schattenseite dieser Strategie ist allerdings die Saison 2016/17: Chicago wird im Sommer wohl Leistungsträger ersatzlos ziehen lassen und erneut maximal NBA-Mittelmaß stellen. Das Front-Office muss aufpassen, dass das Team nächste Saison nicht völlig auseinanderbricht: sportlicher Misserfolg, ein angezählter Coach und Spieler, die für einen neuen Vertrag spielen, könnten eine explosive Mischung bilden.

Den Fans wird das sicherlich nicht gefallen; deutlich schlimmer könnte die Bulls aber das Missfallen Jimmy Butlers zu stehen kommen. In ihm steckt noch viel Thibodeau’sche Schule: Der Franchise Player kritisierte Hoiberg diese Saison bereits öffentlich für sein zu lasches Training und betonte in den letzten Saisonwochen immer wieder, unbedingt die Playoffs erreichen zu wollen. Hier wird einiges an Fingerspitzengefühl auf die Verantwortlichen zukommen, keine Unruhe im Kader aufkommen zu lassen. Dennoch wären große Kaderumwälzungen im Sommer unnötig und aktionistisch – der Fokus in Chicago sollte auf dem Sommer 2017 liegen!

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