EM 2015, Europa

Geheimfavorit oder Geh-Heim-Favorit?

Italien bei der Europameisterschaft 2015

Seit der Silbermedaille beim olympischen Turnier 2004 sind die Italiener bei internationalen Turnieren alles andere als erfolgsverwöhnt. Sowohl die Qualifikation für die olympischen Spiele 2008 und 2012 als auch für die Weltmeisterschaften 2010 und 2014 wurden verpasst. Bei der letzten Eurobasket konnten die Italiener mit Rang acht ihr bestes Ergebnis seit 2003 erzielen. Auch in diesem Jahr stehen die Italiener vor keiner leichten Aufgabe, denn in der starkbesetzten Gruppe B scheint sogar das Ausscheiden in der Gruppenphase nicht unmöglich. Was zeichnet das Spiel der italienischen Nationalmannschaft aus? Wo liegen die Schwächen der Mannschaft? Was sollte die Zielsetzung für das Team sein?

Offensive Identität

Die italienische Nationalmannschaft verfügt vor allem in der Offensive über sehr viel Qualität. Mit Marco Belinelli (Spurs), Danilo Gallinari (Denver), Andrea Bargnani (Brooklyn) und Luigi Datome (Boston) werden diesen Sommer vier NBA-Spieler für die Italiener auflaufen. Auch auf der Aufbau-Position sind die Italiener mit Andrea Cinciarini und Daniel Hackett gut besetzt.
Eine der größten Qualitäten der Italiener ist es, dass neben den beiden Point Guards auch viele weitere Spieler als Ballhandler im Pick&Roll eingesetzt werden können.
Neben Gallinari und Belinelli trifft dies vor allem auf Alessandro Gentile zu. Der 22-jährige gilt als eines der größten Talente im europäischen Basketball und war beim italienischen Topklub Emporio Mailand mit durchschnittlich 14.1 Punkten nicht nur Topscorer, sondern zeigte für einen Flügelspieler auch exzellente Playmakerfähigkeiten (3.3 APG).
Die Rollen der italienischen NBA-Spieler sind in der Nationalmannschaft deutlich anders als bei ihren Franchises.

Am auffälligsten war dies in den Testspielen bei Marco Belinelli zu beobachten. Bei den San Antonio Spurs wurde Belinelli überwiegend als Spot-up-Shooter eingesetzt. Lediglich Matt Bonner (64%) und Danny Green (41%) schließen bei den Spurs prozentual häufiger als Spotup-Shooter ab als Belinelli (37%). In der italienischen Nationalmannschaft sind dagegen auch ganz andere Qualitäten von ihm gefragt. In den Testspielen wurde er deutlich öfter als Ballhandler in Pick&Rolls und Hand-Offs eingebunden. Belinelli ist dabei vor allem durch seinen guten Wurf aus dem Dribbling gefährlich, schaffte es aber auch überraschend gut die Aufmerksamkeit der Defensive zu nutzen, um seine Mitspieler einzusetzen.
Selbst mit dem Rücken zum Korb wurde Belinelli ab und an eingesetzt. Sicherlich werden die Italiener nicht versuchen, den Ball permanent zu Belinelli in den Post zu bringen, sondern ihn nur dann dort vermehrt suchen, wenn Belinelli von kleineren und weniger kräftigen Spielern verteidigt wird.

Luigi Datome und Danilo Gallinari werden im physischen amerikanischen Basketball überwiegend auf dem Flügel eingesetzt. Im europäischen Basketball sollte es dagegen aber kaum ein Problem für einen der beiden darstellen, auch auf der Position des Power Forwards zu verteidigen. Dadurch können die beiden guten Distanzwerfer in Kombination mit den ebenfalls gut aus der Distanz treffenden Big Men Andrea Bargnani und Achille Polonara (37% 3P% bei 4.3 3PA pro Spiel) für ein sehr starkes Spacing bei den Italienern sorgen. 

Dies war im Testspiel gegen Lettland an einigen Stellen gut zu beobachten: 

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In dieser Szene hat Bargnani den Ball im Post bekommen. Dadurch dass alle anderen Spieler Gefahr von der Dreierlinie ausstrahlen, ist es äußerst schwierig in dieser Situation zu Doppeln, ohne einen offenen Dreier zu erlauben. Der lettische Verteidiger kann ihn nicht stoppen und Bargnani schließt erfolgreich im 1-gegen-1 ab.

In der folgenden Szene laufen Cinciarini und Bargnani ein Sideline-Pick&Roll. Während der lettische Big Man absinkt, um den Drive zu verhindern, positioniert sich Bargnani an der Dreierlinie. Alle anderen Spieler machen das Spielfeld breit und verhindern, dass im Pick&Roll ausgeholfen werden kann.
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Bargnani steht völlig alleine an der Dreierlinie. Dies erkennt auch der markierte lettische Verteidiger, der bereit ist, dort auszuhelfen …

B… doch Luigi Datome cuttet im richtigen Moment zum Korb und verhindert somit, dass sein Gegenspieler aushelfen kann. Bargnani bekommt den offenen Dreier und Datome ist sogar noch in exzellenter Position für den Offensivrebound.

CDie italienische Offense lebt von ihren vielseitigen drive-, wurf- und passstarken Spielern und ist deshalb sehr Pick&Roll-lastig. Sehr häufig versuchen sie schon in der Early Offense ein Pick&Roll zu laufen, um der gegnerischen Mannschaft nicht die Möglichkeit zu geben, sich in der Defensive zu ordnen. Im Halbfeldbasketball agiert die italienische Nationalmannschaft oft aus dem Horns-Set (siehe Bild), um die Offense zu initiieren.
DInteressant ist auch die Art und Weise, wie sie ihren besten Spieler Danilo Gallinari versuchen einzusetzen: In diesem Beispiel setzt der Center Marco Cusin einen harten Down-Screen für Gallinari, der von Cinciarini sofort den Ball für den offenen Dreier bekommt.  Auch hier ist außerdem wieder das extrem gute Spacing der Italiener zu sehen, welches es sehr schwer für einen der Weakside-Defender macht auszuhelfen.

EGerade gegen den ein oder anderen langsameren Power Forward kann Gallinari nach einem Offball-Screen seine Schnelligkeit und Agilität ausspielen und sich Platz für einen offenen Wurf verschaffen. Ist der Closeout seines Gegenspielers zu überhastet, dann folgt nach einem Pump Fake der Zug zum Korb.

Defensive Fragezeichen

In der Offensive dürften die Italiener sogar mit den besten europäischen Teams wie Spanien, Serbien oder Frankreich annähernd ebenbürtig sein, doch in der Defensive gibt es das ein oder andere Fragezeichen:

Zum einen gibt es bei den Italienern eine klare defensive Schwachstelle auf dem Flügel. Vor allem Belinelli und Gentile fehlt es an lateraler Geschwindigkeit, um drivestarke Flügelspieler vor sich halten zu können und sich über Screens zu kämpfen. Datome kann durch seine Cleverness noch viele athletische Defizite gutmachen, doch auch er ist sicherlich kein Lockdown-Verteidiger. Auf den großen Positionen folgen mit Polonara und Bargnani weitere Problemstellen. Keiner von beiden ist in der Lage den Ring zu beschützen und beide haben extreme Probleme mit physisch starken Spielern.
Deswegen dürfte auch Backup-Center Marco Cusin nicht wenige Minuten bei der Eurobasket sehen. Sein offensives Skillset ist zwar begrenzt, aber er bringt Toughness in der Defense, kann den Ring beschützen und stellt harte Blöcke in der Offensive.

Generell wirkt die italienische Defensive wenig strukturiert und fällt sehr schnell aus ihrer Zuordnung. Vor allem wenn die gegnerische Mannschaft den Ball sehr gut bewegt, kommt es, aufgrund mangelnder Absprachen, sehr häufig zu sehr offenen Würfen.

Zielsetzung

Nach den starken Eindrücken in der Vorbereitung wäre ein Ausscheiden in der Gruppenphase sicherlich eine große Enttäuschung. Sowohl Island und die Türkei als auch Deutschland wollen die Italiener hinter sich lassen. Die Topfavoriten Spanien und Serbien scheinen dann doch noch eine Nummer zu groß zu sein. Das Erreichen des dritten Platz in der Gruppe B wäre aber essentiell wichtig, um im Achtelfinale den starken Franzosen aus dem Weg gehen zu können. Gelingt dies, dann sind sowohl die russische als auch die polnische Nationalmannschaft, auf die sie vermeintlich treffen würden, durchaus schlagbare Gegner für das italienische Team. Im letzten Test vor der Europameisterschaft konnten die Italiener die Russen mit 68:64 besiegen.
Das Erreichen des Viertelfinales wäre insofern wichtig, da die Plätze drei bis sieben – und eventuell auch noch der achte Rang – für die Teilnahme am Qualifikationsturnier für Olympia berechtigen. Dies sollte auch die primäre Zielsetzung für das italienische Team sein.

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2 comments

  1. Artur Kowis

    Ich bin besonders auf Daniel Hackett gespannt, dem ja als großer Point Guard auch eine NBA-Chance eingeräumt wird. Wie sah denn seine Rolle in den Testspielen aus? Hatte er eigene Spielanteile als tatsächlicher Ball Handler oder spielte er inmitten der großen Namen um ihn herum eher off the ball? Defensiv ist er wahrscheinlich nicht unwichtig für die Truppe, oder?

  2. Sebastian Seidel

    |Author

    Ich bin besonders auf Daniel Hackett gespannt, dem ja als großer Point Guard auch eine NBA-Chance eingeräumt wird. Wie sah denn seine Rolle in den Testspielen aus? Hatte er eigene Spielanteile als tatsächlicher Ball Handler oder spielte er inmitten der großen Namen um ihn herum eher off the ball? Defensiv ist er wahrscheinlich nicht unwichtig für die Truppe, oder?

    Defensiv ist er sicherlich einer der wenigen wirklich guten Verteidiger im italienischen Team und kann gegnerische Ballhandler durch seine Länge schon vor größere Probleme stellen. Ist auch relativ zäh und kann sich gut über Blöcke kämpfen.
    Offensiv hat Hackett seine Stärken mit dem Ball in der Hand. Ist nicht gerade ein guter Spot-up-Schütze. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass sein Dreier aus dem Dribbling besser fällt als aus dem Catch&Shoot. Hab jetzt aber keine Statistiken dafür parat.
    In der zweiten Beispielszene im Artikel sieht man auch wie wenig Aufmerksamkeit der lettische Verteidiger Hackett abseits des Balles schenkt (Bilder 2-4 – linke untere Ecke, kaum mehr im Bild drin).
    Er bekam in den Testspielen natürlich viele Touches als Ballhandler, aber dominiert den Ball aufgrund der starken Ballhandler auf dem Flügel, jetzt auch nicht allzu sehr.
    Weiß nicht ob er wirklich jemand für die NBA wäre. Denke die meisten Teams wollen da flexiblere Backup-PGs, welche auch abseits des Balles besser agieren können und teilweise mit dem Starter auf dem Feld stehen. Auf der anderen Seite bringt er mehr Athletik/Physis mit als die meisten “Euro-PGs”


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