Debatte, Draft

Wer ist der beste Playmaker in der Draft 2014?

Dante Exum vs Marcus Smart

debatteUnser Draftboard weist eine klare Top 3 als Elite dieser Draftclass aus. Jedoch sind Joel Embiid, Andrew Wiggins und Jabari Parker allesamt keine Guards. Allerdings finden wir ziemlich direkt dahinter bereits Dante Exum und Marcus Smart. Es ist kein Geheimnis, dass diese beiden Prospects den Posten als bester Guard unter sich ausmachen werden. Die Unterschiede und Voraussetzungen könnten nicht mehr voneinander abweichen und dementsprechend schwer ist es auch, zu bestimmen, wer denn am Ende die Nase vorne haben wird. Wir haben es trotz alledem versucht.

Julian Barsch: Dante Exum ist die große Wildcard in dieser Draft. Ähnlich wie bei Enes Kanter vor einigen Jahren, weiß man recht wenig über den jungen Australier. Trotz alledem gilt er als riesiges Talent. Angefangen hat seine Erfolgsstory 2013 bei der FIBA U19 WM in Prag. Dort konnte er mit überdurchschnittlicher Größe und einem tollen Skillset überzeugen. Die Kombination aus Länge und Jugend, gepaart mit dem offensichtlichen Talent, macht ihn zu einem großartigen Upside-Spieler für NBA Scouts. Für einige Experten gilt Exum neben Embiid, Parker und Wiggins sogar zu einer erweiterten Top 4. Zwar sind alle diese Aussagen mit einem gewissen Risiko verbunden, eben weil ihn niemand konsequent hat spielen sehen, doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass ein gewisses Wagnis auch zu Erfolg führen kann. 

Tobias Berger: Sophomore Marcus Smart galt schon im vergangenen Jahr als bester Guard seines Jahrgangs. Gerüchten zufolge wollten ihn 2013 die Orlando Magic unbedingt an #3 verpflichten. Smart spielte allerdings nicht mit, zog seinen Namen aus der Draft zurück und entschied sich für eine weitere Saison in Stillwater, um weiter an seinem Spiel zu arbeiten und seine Oklahoma State Cowboys zu neuen Höhen zu führen. Ausschlaggebend dafür war wohl die Tournamentniederlage gegen Oregon, die Gewinnertyp Smart arg zusetze und als einer der Hauptgründe zur Rückkehr bewog. Einen Titelgewinn mit dem U19-Team der USA im Sommer ’13 und ein weiteres Jahr Collegeerfahrung im Gepäck, kann sich der physischste Guard dieser Draftklasse wieder Hoffnungen darauf machen, in Florida zu landen. Die Magic picken dieses Mal an #4 und könnten ihn als besten Playmaker dieses Rookiejahrgangs an dieser Stelle ziehen.

Julian Barsch: Keine Frage, an die Physis von Marcus Smart kommt kein anderer Guard in dieser Draft Class nur annähernd heran. Doch diese war am College natürlich ein großer Vorteil, der in der NBA in dieser Form nicht mehr sichtbar sein wird. Obwohl auch die Länge Smarts durchaus überdurchschnittlich ist, kommt sie nicht an die von Exum heran. Die Standing Reach von 8’7” ist sensationell. Dazu kommt, dass er mit seinen 18 Jahren noch Zeit und Raum hat, um seinen Körper zu verbessern und breiter zu werden. Offensiv ist dies aber nicht unbedingt ein Problem, da er mit seiner flinken Spielweise den Verteidigern gut ausweichen kann und keine Schwierigkeiten bekommt, über Big Men abzuschließen. Defensiv könnten Guards wie Smart seine Statur im Post ausnutzen, doch am Perimeter sollte seine Länge die Kontrahenten in ihrem Spiel erheblich einschränken können.

Tobias Berger: Exums absolute Länge mit Körpergröße und Standing Reach ist beeindruckend. Dennoch muss Smart als körperlich klar überlegener Spieler gesehen werden. Die Armspannweite der beiden, die beim Spiel am Perimeter wohl das wichtigste Tool ist, wurde vor einigen Wochen als nahezu identisch gemessen. Dazu habe ich lieber die knapp 30 Pfund mehr Stabilisations- und Muskelmasse, die Smart im Vergleich zu Exum mitbringt, wenn es dann in der NBA gegen absolute Topathleten geht. Genau diese Masse weiß der Cowboys-Guard extrem gut zu bewegen und effektiv einzusetzen. Offensiv wusste der Sophomore “Bullyball” zu spielen und die zumeist mindertalentierten Gegner einfach zu überpowern. Smart zeigte in diesem Jahr ein über den Sommer antrainiertes Post-Up Spiel und war, wie schon in seinem Freshman-Jahr, exzellent darin den Weg zum Korb zu finden und dort (auch mit Kontakt) effizient abzuschließen (65 FG% in Korbnähe, 8,1 FTA, 0,6 And1s pro Spiel). Exum wird mit seinen nur 190 Pfund Körpergewicht auf große physische Probleme stoßen, die er auch nur schwer über seine Länge ausgleichen können wird.

Julian Barsch: Genau das denke ich jedoch nicht. Außer im Post, wo er den direkten Nachteil hat, wird es positiv für ihn ausfallen, dass er mit seiner Geschwindigkeit, dem sehr guten Ballhandling und einer außerordentlichen Kreativität agieren kann. Die notwendige Athletik ist vorhanden und sein Spiel einfach nicht das eines bulligen Guards. Exum benötigt diese Kraft gar nicht, um an seinem Gegenspieler vorbeizukommen und überdurchschnittlich viele Fouls zu ziehen. Und wenn es schon darum geht, was wichtiger für einen Guard ist, nehme ich lieber die Größe von über zwei Metern, die es ihm ermöglicht, über die Defense hinweg zu schauen. Dies eröffnet ihm Passwege, die Smart in dieser Form nicht nutzen kann. Obwohl Exum auch so als guter Passer gilt, hat der Australier an dieser Stelle einen deutlichen Vorteil.

Tobias Berger: Geschwindigkeit und Explosivität mögen für Exum in manchen Situationen genug sein, um den Weg zum Korb zu finden. Aber ohne eine gehörige Portion hinzugefügte Muskelmasse sehe ich für den aufgrund seiner Länge oft zerbrechlich wirkenden Australier langfristig echte Probleme. Dass er sich gegen körperliches Spiel schwer tut, ist nicht wirklich wegzudiskutieren. In diesem Clip wird dies gut gezeigt. Bei der U19-WM traf Exum auf ein von Marcus Smart geführtes US-Team, das Exum mit vielen verschiedenen athletischen Verteidigern zu seinem schlechtesten Spiel zwang (7 Punkte, 4 Turnover in 11 Minuten). In der NBA mit noch erfahreneren und körperlicheren Defendern wird das Aufziehen des eigenen Offensivspiels für ihn nicht einfacher.
Auch deinem Passing-Argument möchte ich widersprechen. Eventuell sind Exum durch seine Größe in wenigen speziellen Situationen Pässe möglich, die Smart nicht spielen kann. Ihn allerdings deswegen als besseren Vorbereiter darzustellen, ist unsinnig. Smart spielte bei der U 19-WM 5,8 A / 40 Mins. Exum kam nur auf 4,8 A / 40 Mins. Der Cowboy weiß also seine Mitpsieler mindestens genauso gut einzusetzen. Auch im Rebounding stach Smart seinen Gegenpart ziemlich locker aus (Exum: 4,8 R / 40 Mins, Smart: 7,1 R / 40 Mins). Ein weiteres Indiz dafür, dass zu diesem Zeitpunkt Smarts zusätzliche Kilogramm mehr wert sind als Exums Zentimeter.

Julian Barsch: Die Assist-Zahlen aus diesem Tournament mögen für Smart sprechen, sollten meiner Meinung nach aber nicht überbewertet werden. Smart hat von seinen deutlich besseren Mitspielern profitiert und dementsprechend einen großen Vorteil genossen. Genau aus diesem Grund führt dieses Argument meiner Meinung nach nicht dazu, Smart als besseren Passer zu sehen.
Ein Aspekt, der beide nicht wirklich gut aussehen lässt, ist der Wurf. Doch während Smart eine sehr unorthodoxe Wurftechnik hat, sieht die Form und Basis des Australiers grundsolide aus. In diversen Interviews hat er außerdem erwähnt, dass sein Hauptaugenmerk auf der Verbesserung der Technik seines Sprungwurfes liegt. Während Smart den Reset-Knopf drücken müsste, um ein solider Shooter zu werden, ist Exum zumindest bei der Technik schon auf einem guten Weg.

Tobias Berger: Ich würde ja gern andere Zahlen vergleichen, leider hat Exum noch nie konstant auf dem Level gespielt, gegen welches Smart in der NCAA Spiel für Spiel antrat. Dieses Turnier bietet, neben dem Nike Hoop Summit, die einzige Möglichkeit Statistiken sinnvoll nebeneinander zustellen. Ansonsten hat Exum im vergangenen Jahr nur in diversen High School Tournaments in Australien gespielt. Richtig getestet wurde er kaum. Es wird interessant, wie er diesen “Von Null auf Hundert”-Sprung in die NBA meistert. Sein Wurf mag etwas besser aussehen, aber deutlich besser fällt er wohl auch nicht.
Smart hat sich im letzten Sommer als Schütze gut verbessern können. Er verbesserte seine Dreierquote leicht, obwohl er in der Offensive deutlich öfter aus der Distanz abschloss (29 3P% bei 5,3 3PA, 13/14 mit 8 Spiele mit 3+ 3PM). Er zeigte, dass er als freier Spot-Up Shooter großes Potential besitzt (1,29 PPP). Leider gab das Cowboys-Roster neben ihm kaum andere Playmaker her, die ihn so einsetzen konnten. So waren viele schwere Dreier aus dem eigenen Dribbling die Folge, die seine Quoten etwas drücken. Nur 61 Prozent seiner Distanzversuche wurden assistiert.  Dass sein Wurf nicht “kaputt” ist, beweist zusätzlich seine sehr ordentliche Karriere-Freiwurfquote von 75 Prozent. Auch wenn er nie eine blitzsaubere Technik besitzen wird, bin ich mir sicher, dass Smart mit seiner herausragenden Einstellung in jeder Off-Season quälen wird, um ein durchschnittliches Wurf-Niveau zu erreichen und so etwas zum Spacing seines Teams beitragen zu können. Mehr muss er gar nicht tun, da er das Spiel auf so viele andere Arten beeinflussen kann.

Julian Barsch: Sicherlich wird es für beide wichtig sein, zumindest eine Gefahr von der Dreierlinie darzustellen, damit die Kontrahenten nicht komplett absinken können. Bei Spielern wie Rajon Rondo kann man sehen, welche Folgen das hat. Auf einem solch unterirdischen Niveau wird aber höchstwahrscheinlich keiner der beiden agieren. Als Verantwortlicher muss man sich keine Sorgen um ihren Trainingseinsatz machen. Allerdings scheint Exum etwas bedachter zu sein. Obwohl man in den Interviews merkt, dass er keine Scheu hat, sich klar auszudrücken, sollte Exum kein Ausrutscher wie die Texas Tech-Geschichte passieren. Auch wenn Smarts Draft Stock nicht darunter leiden sollte und Celtics-GM Danny Ainge gesagt hat, dass er lieber einen Hitzkopf, als einen zu ruhigen Spieler draftet, kann der Australier hier punkten. Sein Charakter gilt allgemein als sehr positiv und ist bei NBA Verantwortlichen bis jetzt gut angekommen.

Tobias Berger: Es ist witzig, wie sehr dieser eine Vorfall das Bild von Marcus Smart verändert hat. Vorher galt er immer als klares Vorbild und als mehr als erwachsen für sein Alter. So hatte er beispielsweise vor seiner Saisonbestleistung gegen Memphis ein sehr aussagekräftiges Interview mit Jay Bilas geführt und zusätzlich den Scoutingreport im Hinblick auf dieses Spiel erstellt.

Klingt nicht nach dem “Knucklehead”, zu welchem er nach seiner Attacke auf den Texas Tech-Fan in den Medien gemacht wurde. Aber ich muss sagen, dass mich auch seine neue Reputation nicht wirklich stört. Schon immer galt er als Spieler mit feuriger Leidenschaft, unbändigem Siegeswillen und als Anführer. Dass er dies auch noch immer ist, konnte er in den Partien nach seiner Sperre zeigen, in denen er sein Team aus einer aussichtslosen manövrierte und im Alleingang das Tournament ermöglichte. Ich traue Smart zu, seinen Teil zu einer guten Lockerroom-Culture beizutragen, da er bewiesen hat, dass er Mitspieler mitreißen kann. Exum als International ist dies in diesem Maße nicht zuzutrauen.

Julian Barsch: Natürlich ist Exum ein International, doch die Sprache ist in diesem Fall keine Barriere. Außerdem war sein Vater bereits für die North Carolina Tar Heels aktiv und wurde von den Denver Nuggets gedraftet. Die amerikanische Sportkultur ist Dante Exum also nicht komplett fremd. Vielleicht wird es für ihn etwas länger dauern, doch im Endeffekt hat er genauso die Möglichkeit, zu einem guten, teaminternen Klima beizutragen wie Smart. Durch seine Chance als Two-Way Player kann er dabei als gutes Beispiel vorangehen und seine Mitspieler durch den Einsatz an beiden Enden des Feldes motivieren. Zudem ist er immer wieder in der Lage, für spektakuläre Aktionen zu sorgen. Das wird ihn sowohl bei den Fans, als auch im Team schnell beliebt machen.

Tobias Berger: Exum hat sogar schon als 15 Jähriger unter dem aktuellen Sixers-Coach Brown trainiert. Ich möchte ihm also nicht unterstellen, dass er einen Kulturschock erleben wird und diesen nicht bewältigen kann. Ich wollte lediglich ausdrücken, dass Smarts Persönlichkeit mitreißender als die des Australiers ist.
Zum Schluss möchte ich noch den größten Vorzug von Marcus Smart ins Feld führen. Der Cowboys-Guard war am College einer der besten Defender des Landes. Er verteidigte von Pointguards bis hin zu kleineren Big Men alles und zeigte dabei, dass man ein Spiel auch als Perimeterverteidiger dominieren kann. Wer Beweise braucht, sollte sich sein Tape gegen Iowa State oder gegen Kansas mit dem direkten Duell gegen Wiggins ansehen. Smart wird auch auf NBA-Level zur Riege der Elite-Defender gehören. Dies macht ihn, im Vergleich zu Exum, den du als potentiellen, aber unsicheren Two-Way-Player beschreibst, zu einem sicheren One-and-a-Half-Player, der Starpotenzial besitzt, sofern er ähnliche Wurfdoktoren findet, wie Kawhi Leonard sie besucht hat. Für mich ist die Wahl zwischen Exum und Smart absolute Geschmackssache. Nehme ich den Sure-Fire Defensiv-Star, der in der Offense nur ein (wenn auch fundamentales) Problem hat oder entscheide ich mich für die Risikooption, deren Wert man aufgrund fehlender belastbarer Daten nicht genau einschätzen kann.

Julian Barsch: Das trifft es perfekt. Marcus Smart ist natürlich die weitaus sichere Variante, doch Dante Exum steht für ein höheres Upside. Wer Exum zieht, muss zu jeder Zeit im Hinterkopf haben, dass diese Wahl in einigen Jahren als Bust abgestempelt werden könnte. Allerdings würde ich die Wahrscheinlichkeit dafür als recht gering ansehen. Exum war in vielen Events zu dominant, als dass er ein kompletter Non-Faktor sein wird. Die Frage in diesem Duell ist eher, wie dominant er an beiden Enden des Feldes sein kann. Wird er seine Größe in vollem Maße ausnutzen können und mit seiner flinken, quirligen Art zu einem Elite Scorer? Wenn Exum sein Potential abruft, steht ihm eine große Karriere bevor. Doch wer traut sich, das Risiko einzugehen?

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