Draft, Taktik

Havoc: Zwischen Genie und Chaos

Die Taktik der VCU Rams unter Shaka Smart

2011 erreichte das bis dato eher unbekannte Team der VCU Rams aus Richmond erstmals in seiner Geschichte das Final Four und erst als zweites, an 11 gesetztes Team. Dabei verfügte das Team, anders als der späteren Champion Connecticut und Kemba Walker, über keinen späteren NBA Spieler und somit auch keinen potenziellen Different Maker. Wie kann also ein so unbedeutendes Programm solch einen großen Erfolg feiern? Und das auch noch ohne Superstar?
Der Schlüssel zum Erfolg bestand aus Team Basketball und dem von Shaka Smart, der seit 2009 Headcoach der Rams ist, entworfenen Havoc-System. Doch selbst hier bleibt die Frage: Wie soll ein solches System funktionieren?

Geordnetes Chaos?

Das Havoc-System zielt darauf ab, den Gegner in für ihn möglichst unangenehme Situationen zu bringen. Sprich, es werden schlechte, überhastete Abschlüsse oder gar Turnover forciert. Neben diesen Punkten wollen die Rams durch ihre Verteidigung zudem das Tempo kontrollieren und somit auch die Bank zu einem wichtigen Faktor machen. Vor allem der letzte Punkt scheint, aufgrund des Trainings mit der Eliteeinheit der Navy Seals, als ein sehr guter Ansatz. Alles in allem soll dieses identitätsstiftende System natürlich auch attraktiv für die Zuschauer sein.

Um dies umzusetzen, verlangt Smart von seinen Schützlingen einige Grundlagen ab. Dabei stehen vor allem die Kommunikation und Trapping Fundamantles im Vordergrund. Zu diesen wichtigsten Punkten kommen dann noch kleine, aber dennoch nicht unwichtige Punkte, wie z. B. das schnelle Positionieren der Verteidigung und die Energie („Five Guys Flying Around“), hinzu.

Trotz dieser Anforderungen an den Einzelnen steht aber vor allem das Team im Vordergrund. Die Forderungen an das Team sind daher noch höher. So soll der offensichtliche Pass verhindert werden und immer Druck auf dem ballführenden Spieler sein. Wie es bei einer Trapdefense üblich ist, soll dieser Druck gegebenenfalls durch Überzahl erhört werden können. Sollte trotzdem ein Pass gespielt werden können, soll aber das Team auch in der Lage sein, mit der „Fix it“-Situation klarzukommen – es ist daher auch notwendig, dass jeder Spieler in der Verteidigung variabel einsetzbar ist, und nicht nur eine Position verteidigen kann.

Wie funktioniert die Diamond Press?

In der Theorie mag alles noch ein wenig verwirrend wirken, doch am Beispiel der Diamond Press zeigt sich, wie das Ganze in die Praxis umgesetzt werden kann. Auch hier gibt es wieder eine Vielzahl von Grundlagen. So darf man sich etwa nicht an den Seitenlinien schlagen lassen. Auch Kommunikation ist natürlich wieder wichtig – vor allem, um Fehler wieder gut zu machen (bei „Fix-it-Situationen“). Hinzu kommen Punkte wie aktives Fallenstellen und das Verteidigen der Passwege. Der Ballführer soll schließlich in Bedrängnis kommen, wenn die Falle zuschnappt.

Hier erst einmal die Erläuterung der Diamond Press durch Smart selbst:

Zunächst sieht man, wie Smart die Verteidiger bei gegnerischem Einwurf nach eigenem Korberfolg aufteilt. Der sogenannte Madman platziert sich vor dem Einwerfer und versucht, den Pass in die Ecke zu lenken. Hinter ihm platzieren sich der 3rd- bzw. der 2nd Man auf der linken und rechten Seite, im späteren Verlauf spielen diese beiden beim Fallenstellen eine wichtige Rolle. Kurz vor der Mittellinie, allerdings nicht zentral, sondern zur Ballseite orientiert, steht der 1st Man. Dahinter als Beschützer des eigenen Korbes der 5th Man. Generell handelt es sich also um eine 1-2-1-1. Die Raute bildet dabei der vordere 1-2-1-Teil.

Gelingt es nun dem Madman, den Pass in die Ecke zu erzwingen (was laut Smart in der vergangenen Saison bei 54% der Fälle so geschehen ist), wird der Ballführer direkt durch den Madman und den 3rd Man gedoppelt. 1st- und 2nd Man rücken auf und versuchen, den nächstgelegenen Pass zu verhindern. Das sind genau die Aktionen, welche die Rams erzeugen wollen.

Sollte es doch gelingen, den Ball wieder in die Mitte zu bekommen, wird der 2nd Man nicht direkt versuchen, den Mann aufzunehmen, sondern versuchen, den Aufbauspieler zur Verzögerung zu zwingen. Der Madman nimmt den Aufbauspieler wieder auf. Hat er dies geschafft, wird wieder gedoppelt. Der 1st Man versucht dabei, den nächstgelegen Pass zu verhindern.

Insgesamt gesehen ist dies eine sehr intensive Art der Verteidigung. Aber Smarts Vorgaben, das Tempo zu kontrollieren, Turnover zu forcieren und vor allem die Bank als Faktor zu etablieren, werden zweifellos umgesetzt.

Die Diamond Press ist nicht die einzige Variante, die bei den Rams zum Einsatz kommt. In diesem Playbook findet man vor allem noch weitere defensive Kniffe.

Offensiv-Chaos oder Geniestreich?

In der Offensive wirkt VCU deutlich wilder. Dies ist natürlich nicht unbeabsichtigt. Viele Ballscreens und schnelle Abschlüsse (gerne auch von Downtown) führen zu großer Verwirrung bei den Gegnern. Zudem wirkt es meist so, als seien zu jedem Zeitpunkt alle fünf Offensiv-Spieler in Bewegung (wir erinnern uns an „Five Guys Flying Around“). Der Defensive wird also keine Ruhe gegeben. Die Rams sind sehr schnell in der Umschaltbewegung und verlieren entsprechend wenig Zeit mit dem Aufbau eines Halbfeld-Sets. Als kleines Beispiel dafür kann man einige Szenen aus dem NCAA Tournament 2011 nehmen:

Alles wirkt hier natürlich ein bisschen wild. Allerdings erkennt man auch hier wieder die Handschrift Smarts. Hauptsächlich sorgt seine Offensive für viel Bewegung der Verteidiger, was diese wiederum müde macht, wodurch die Bank dann zu einem entscheidenden Faktor wird. Offensiv wie defensiv wird der Gegner also nach und nach zermürbt.

Den bisherigen Höhepunkt erreichte das Chaos-System im Jahre 2011. Zum ersten Mal nahmen in diesem Jahr 68 Teams am NCAA Tournament teil. Nur wegen dieser Änderung schaffen die Rams es erstmals in die stattfindende Runde der „First Four“ (anschließend kommt es zu einer K.O.-Runde mit 64 Teams). Aber selbst dafür sehen viele die Rams als zu schwach an. Mit dem Sieg gegen USC rechtfertigen sie zumindest einmal die Teilnahme am Turnier. Dort warten die favorisierten Georgetown Hoyas. Aber auch die lassen sich vom Chaos überraschen und scheitern an den Rams, genauso wie anschließend Purdue und Florida State. In den Elite Eight trifft man nun auf die an Nummer eins gesetzten Kansas Jayhawks. Doch auch diese können VCU nicht stoppen.
Im Final Four trafen die Rams  auf Butler, an denen sie letztendlich scheiterten. Trotzdem handelte es sich bei diesem Ergebnis um eines der eindrucksvollsten aller Zeiten. 

Zukunftsaussichten

Havoc hat sich dadurch als Erfolgsmarke im College Basketball etablieren können. Dies wird auch vom Wechsel des Teams in 2012 von der doch recht unbedeutenden CAA (Colonial Athletic Association) in die Mid-Major Conference Atlantic 10 untermauert. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass das Erreichen des Final Four 2011 zumindest einer der Gründe für diesen Wechsel war. Bisher konnte man an diesen Erfolg allerdings nicht mehr anknüpfen.

Der Fakt, dass Smart jedoch im Sommer eine Offerte der UCLA Bruins ablehnte, macht große Hoffnungen. Smart scheint hungrig, und mit den Rams noch viel vorzuhaben. Anders ist diese Entscheidung von ihm kaum zu deuten. Denn auch wenn UCLA in den letzten Jahren viele Probleme hatte, bleibt sie eine absolute Topadresse, mit guten Recruiting-Möglichkeiten. Aber auch das Chaos-System könnte in Zukunft und aufgrund der vergangenen Erfolge, einige interessante Recruiten locken.

Man darf also gespannt sein, wo die Reise von Smart und seinen Jungs hingeht.

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