Dallas Mavericks

Die Startprobleme des alten Mannes

Jason Kidd ist die Personifikation aller Probleme der frühen 2011/12er Dallas Mavericks. Ein kleiner – wenn auch verständlicher – Meisterkater, fehlende körperliche Fitness und Schwierigkeiten beim Integrieren der Neuen bescherten sowohl dem Championship Team als auch für den Future Hall of Famer einen schwachen Saisonstart. Während sich die Mannschaft zu fangen scheint und sich in Kidds verletzungsbedingter Abwesenheit bereits in langsam in Form spielte, überzeugte vor allem der Kidd-Ersatz Delonte West als Spielmacher. Die Gesetze der medialen Berichterstattung sähen eigentlich vor, einen Konkurrenzkampf auszurufen. Da dies bisher noch nicht geschehen ist, widmet sich Go-to-Guys diesem Thema und beleuchtet die Situation rund um Jason Kidd.

Alle Jahre wieder…

Zugegeben, eine gewisse Kritik an Kidds Leistungen ist nicht wirklich neu. In der letzten Regular Season bereits waren seine Statistiken minimalistisch, sodass es gar nicht so einfach war herauszustellen, was er für das Team leistete. Der Distanzschuss war natürlich eine wertvolle Waffe, dazu half er letztlich durch sein Reboundverhalten und verteilte den Ball, auch wenn er dabei schon gar nicht mehr für seine Mitspieler kreieren konnte, wie Dennis Spillmann in der letzten Saison berichtete. Vereinzelt auftauchende Kritiken waren allerdings ohne Nachdruck, da keine Alternativen zu Kidd zu sehen waren, und sich wohl auch niemand getraut hätte, JJ Barea in diesem Zusammenhang zu nennen.
Zudem bestach Kidd in den wichtigen Momenten mit außerordentlich guter Leistung. Als Teil der besten Clutch Lineup der Liga (neben Terry, Marion, Nowitzki und Chandler) organisierte er die Offensive, verteilte den Ball zu den richtigen Leuten (7,9 Assists pro 2,8 Ballverlusten) und traf seine Dreier (45% bei aufgerechnet 6,3 Versuchen*). In der Verteidigung erwies er sich als intelligenter Verteidiger einer Teamverteidigung, der mit seinen schnellen Händen und seiner starken körperlichen Statur dagegenhalten konnte. Das Wichtigste dabei: mit dieser Leistung Kidds (und der übrigen Spieler natürlich) gewinnen die Mavericks ein in der Crunchtime geführtes Spiel, das auf volle Spiellänge gestreckt wird, im Schnitt mit 37 Punkten. Zum Vergleich: das erfolgreichste Regular Season Team der Saison, die Chicago Bulls, gewannen im Schnitt „nur” mit 7,3 Punkten.

In den Playoffs spielte dann der eben beschriebene Kidd und legte, gegen stärkere Konkurrenz und mit mehr Spielbelastung, weiterhin gute Leistungen ab. In Zahlen gefasst spielte sein Team mit ihm auf dem Platz 9 Punkte besser als der Gegner, wobei der 38-jährige 37% Dreier traf (bei auf 48 Minuten hochgerechnet 7,4 Versuchen) und 9,9 Assists pro 3,6 Ballverlusten spielte. Seine Verteidigung erinnerte an den All Defensive Spieler der vergangenen Tage, da er zeitweise mit Bryant, James, Wade, Westbrook und Durant All-NBA Spieler verteidigen konnte, die zu den besten Scorern der Liga zählen. Zusammengefasst kann man sagen, dass Kidd ein sehr wichtiger Teil des Championship-Runs war. 

*Alle Werte stammen von 82games.com, die ihre Clutch Statistik auf die letzten 5 Minuten beziehen. Die angegebenen Assist und Wurversuchswerte sind auf ein ganzes Spiel hochgerechnet.

Neue Saison, neue Herausforderung

Als Nowitzki vor Saisonbeginn in einem Interview gefragt wurde, ob die verkürzte Saison Vor- oder Nachteil für die Mavericks ist, antwortete er:

„[…]Ich glaube, dass es uns gelingt, weil Jason Kidd das Zusammenspiel sehr leicht macht […]”

Ein für die Mitspieler erleichtertes Spiel sollte in diem Fall auch Einfluss auf den Teamerfolg haben. Während die Mavericks mit Kidd auf dem Feld 10 Punkte schlechter sind als der Gegner, gewinnen sie ohne ihn im Schnitt mit 15 Punkten. Wer jetzt argumentiert, dass dies mit dem katastrophalen Saisonstart zu tun hat, wird Recht haben und vermutlich werden sich die Werte mit der Zeit auch etwas erholen. Jedoch erklärt dies nicht, warum andere Spieler, die bisher ähnlich underperformen, wie Terry oder Nowitzki, dennoch ihrem Team helfen können.

In der Tat sind Kidds positive Beiträge auf dem Platz geringer geworden. Das Zusammenspiel der Mannschaft, das er vereinfachen sollte, funktioniert nicht wie erwartet. Aufgrund der Harmlosigkeit beim Kreieren eines eigenen Wurfes wirkt die Offensive bisweilen statisch und ohne Durchschlagskraft, was wohl vor allem daran liegt, dass Nowitzki bisher nicht der überragende Isolationsspieler des letzten Jahres ist, der seine Teamkameraden aus einem verkorksten offensiven Set wieder rausholen kann. Zudem spielt der 38-jährige Kidd häufiger schlechte Pässe und erzielt knapp einen Assist weniger pro Ballverlust als in der letzten Saison. Auch der so wichtig gewordene Dreipunktewurf verfehlt in dieser Saison zu häufig das Ziel (25% Trefferquote), sodass Kidd in der Offensive zunehmend zu einem Schwachpunkt wird.
Doch als wäre dies nicht schon genug, leidet auch die Defensive unter seiner Anwesenheit.

Während Kidd Anfang Januar vier Spiele fehlte, zeigte der fürs Minimum gekommene Free Agent Delonte West, dass das Team auch ohne den Stamm-Aufbauspieler funktionieren kann. 9.5 Punkte, 5.3 Assists bei 2.3 Ballverlusten, 2.8 Steals legte er auf, während die (eher schwachen) Gegner im Schnitt mit 15 Punkten Differenz geschlagen werden konnten. Obwohl er es offensiv noch nicht geschafft hat vollständig zu überzeugen, ist es vor allem seine Arbeit in der Verteidigung, die den Mavericks von Nutzen ist. Ähnlich wie Kidd kann er außerdem neben Terry oder Beaubois eingesetzt werden, da er ebenfalls den größeren Guardspieler des Gegners verteidigen kann. Seinem Offensivspiel mangelt es noch an einer klaren Ausrichtung. Als Scorer ist er zu ineffizient (0.51 True Shooting %) und der Distanzwurf hat noch nicht die Konstanz wie in den Zeiten bei den Cavaliers.
In seiner Rolle als Spielmacher allerdings zeigt sich der Combo Guard überraschend versiert, überdreht nur selten und sucht den eigenen Abschluß weniger häufig als erwartet. Mit seinen gefährlichen Drives zum Korb bringt er eine Ebene ins Spiel, die Dallas schon seit mehreren Jahren vermisste. Auch wenn er unter dem Korb noch nicht effizient abschließt (58% At the Rim), bringt dies Bewegung in das Spiel der werfenden Veteranen. Während der Abwesenheit Kidds eröffnete West einige freie Würfe für Nowitzki aus dem Pick and Pop, die nur genutzt werden müssen. Welch positiven Einfluß ein penetrierender Guard in Verbindung mit Nowitzkis Off-Ball Qualitäten hat, sah man zuletzt an Bareas Leistungen oder Devin Harris’ Wichtigkeit für die 2005-07er Mavericks. Bei allen Qualitäten, die Kidd mitbringt, in den heutigen Tagen schafft es Kidd nicht mehr einer Offensive diese Variabilität zu geben, die entsteht, wenn ein Spieler auf dem Feld steht, der den Weg zum Korb sucht.

 Delonte WestJason Kidd
MpG22,530,5
PpG7,94,3
Assists pro TO2,22,5
SpG1,51,7
TS%0.510.41
DRB%9,715,4

Impact (Team Punkte pro 48 Minuten)

                       OffenseDefense  OffenseDefense
On Court98,689,297,7107,7
Off Court102,6103,2103,188,0

Der Zahlenvergleich früh in der Saison ist auf jeden Fall eindeutig. West produziert mehr in weniger Spielzeit und hilft seinem Team, sich vom Gegner abzusetzen. Sportlich gesehen besteht somit kein Zweifel: West hat Kidd den Rang abgelaufen.

Rollenwechsel?

Der erste Schritt Richtung Rollentausch könnte eine Veränderung der Lineups sein, die mit Vorliebe gespielt werden. Da die Franchise aus Dallas statistische Analysten bezahlt, die ihre Arbeit schon in den Playoffs hervorragend unter Beweis stellen konnten, als einige der wichtigsten Lineup Veränderungen einschlugen, könnte man damit rechnen, dass auch der Coaching Staff genau darüber Bescheid weiß, dass die perfekte Backcourt-Rotation noch nicht gefunden wurde.
West verbrachte bisher mehr Spielzeit neben Jason Kidd als neben Terry oder Beaubois zusammen (nach den zwanzig am häufigsten gespielten Lineup von 82games.com), obwohl die Kombination West/Kidd offensichtlich nicht zu funktionieren scheint. Das einzige Argument West neben Kidd spielen zu lassen ist, dass er die kleineren Guards verteidigen kann, allerdings können das auch Terry und Beaubois. Dem Gegenüber steht ein mittelmäßiger Distanzwurf und keine nennenswerten Off-Ball-Fähigkeiten, die er einsetzen kann. Anders sieht das bei Terry und Beaubois aus, die häufig zusammen auflaufen. Anstatt, dass Kidd Terry oder Beaubois in Szene setzen darf, müssen zwei Scorer und gelernte Shooting Guards nebeneinander spielen, wovon einer den größeren Guard Gegenspieler verteidigen muss. Sinniger wäre wohl Kidd oder West mit Beaubois oder Terry zu kombinieren, wobei immer einer den Playmaker (West/Kidd) spielen kann, während der andere punktet (Terry/Beaubois). Einer kann den kleinen Guard verteidigen (Terry/Beaubois), der andere den größeren (West/Kidd).

Als nächstes sollte sich Coach Carlisle überlegen, die Spielminuten von Kidd zu drosseln, denn das würde gleich zwei Probleme auf einmal lösen. Einerseits weiß man nicht erst seit dem letzten Jahr, dass der 38-jährige nur helfen kann, wenn er ausgeruht und in voller Gesundheit der Mannschaft zur Verfügung steht. Kurz vor dem Start der Playoffs setzte Kidd im Einverständnis mit dem Coaching Staff zwei Spiele aus, da er dringend eine Pause benötigte. Auch in den Playoffs fiel immer wieder auf, dass er am besten agierte, wenn er frisch von einer Pause kam. Als Beispiel kann da Spiel 1 gegen die Blazers genannt werden, die er mit einem Season High 24 Punkten abschoß:

Zudem ist allgemein bekannt, dass die verkürzte Spielzeit einen viel härteren Spielplan beinhaltet, weil es mehr Back-to-Back-Spiele gibt und kaum Zeit für Regeneration oder Fitness betreffende Maßnahmen bleibt. Wegen diesem beengten Kalender sitzen die anderen schwächelnden, und in die Jahre gekommenen Leistungsträger, wie Terry und Nowitzki, länger auf der Bank als im vergangenen Jahr, was auch kein Problem darstellt, wenn man die Tiefe des Kaders betrachtet. Kidd spielt bislang nur drei Minuten weniger als 2010/2011 trotz

  • der Sorgen, die man sich um seine Fitness machen darf,
  • seiner bisherigen Leistung,
  • dem Einfluß auf das Team,
  • eines guten Konkurrenten, unter dessen Führung das Team seinen besten Basketball der Saison spielte.

Dabei könnte Kidd mit reduzierter Spielzeit beweisen, dass man sich in den Playoffs wieder auf ihn verlassen kann, indem er mit guten Leistungen überzeugt. Der Nebeneffekt wäre ein vermutlich erfolgreicheres Mavericks Team, das zur Zeit ohne Kidd in leitender Funktion einfach besser spielt.

Fazit

Wie es so üblich ist, werden gestandene Spieler älter und leistungstechnisch von anderen Spielern eingeholt. Jason Kidd ist einer dieser alternden Spieler. Dies bedeutet nicht, dass Dallas ab jetzt zwei Hausmeister haben soll, aber eine Reduzierung seiner bisherigen Rolle sollte zumindest zu diesem Zeitpunkt sinnvoll sein. Der 6-fache All NBA Spieler ist als Führungspersönlichkeit und Ruhepunkt unabdingbar und genießt nicht zuletzt beim Trainerteam ein hohes Ansehen. Aufgrund der Tatsache, dass die Leistungen bis dahin schwach sind und sein Ersatzmann gut spielen kann, erfordert dies ein vorübergehendes Überdenken der spielerischen Rolle von Jason Kidd.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

3 comments

  1. Smido83

    Leider muss ich da komplett Zustimmen!

    Kidd ist momentan genauso in Form wie Nowitzki! Nämlich garnicht! Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er innerhalb dieser Season auch nochmals mindestens eine Woche aussetzen wird! Aus den gleichen Gründen wie momentan bei Nowitzki! Vieleicht auch noch öfter…

    Offensiv ist er genau genommen ein Non-Faktor! Sauschlechte Wurfquoten, weniger Assists und obendrein auch Defensiv nicht mehr so gut wie noch vor einem Jahr! Er wirkt einfach insgesamt gesehen langsamer! Sowohl körperlich als auch geistig!

    Richtig ist, dass ich von West sehr positiv überrascht bin! Einen Kidd komplett ersetzen kann er jedoch nicht! Die viele Zeit neben Kidd kommt einfach daher, dass die 2 zusammen starten! Dies ist einfach das logische Line-Up zum start, da beaubois noch nicht so weit ist und Terry einfach besser von der Bank funktioniert! Welche anderen Möglichkeit die Zeit der beiden nebeneinander zu reduzieren gibt es also?

    Wie wäre es mit 25/25 für beide auf dem Feld?

Schreibe einen Kommentar