Memphis Grizzlies

Mike Conley und die Offseason

Warum er einer der wichtigsten Free Agents des Sommers ist

Wer sind die besten Point Guards der NBA? Spontan dürfte jeder Fan die Namen der großen Drei erwähnen: Steph Curry, Russell Westbrook, Chris Paul. Nach längerer Überlegung fallen vielleicht auch noch die Namen Damian Lillard, John Wall, Kyrie Irving oder Kyle Lowry. Ein Name, der wahrscheinlich selten genannt werden dürfte, ist der von Mike Conley. Gut 15 Punkte und 6 Assists erzielt er in dieser Saison im Schnitt – zugegeben, das sind keine Zahlen, die in der heutigen NBA Aufmerksamkeit erregen. Vor allem nicht für einen Point Guard, der wohl am besten besetzten Position der Liga; Triple Doubles müssen es sein, wie bei Westbrook, oder Dreiersalven, wie bei Steph Curry. Trotz konstant guter Leistungen reichte es für Conley noch nie für eine All-Star-Nominierung – die Fans wählten ihn diese Saison nicht einmal unter die zehn beliebtesten Guards in der Western Conference. Sind die oben aufgeführten Zahlen daran schuld? Oder das Small-Market Team der Grizzlies in Memphis? Sein Spiel lässt nämlich nur wenige Fragen offen.

Der „klassische“ Point Guard

In Fan-Diskussionen wird häufig das Label des „klassischen“ Point Guards verwendet. Auch wenn es hinsichtlich der Leistungsbewertung keinen Einfluss haben darf, hat es hinsichtlich der Beschreibung der Spielweise eines Spielers seine Berechtigung; Mike Conley ist genau so ein „klassischer“ Point Guard.  Er ist weder groß (1,85m) oder außergewöhnlich athletisch noch trifft er den Dreier außergewöhnlich gut (36,3%). Exzellent ist er hingegen im Lesen des Spiels und dem Anleiten der Offensive. Sein Alleinstellungsmerkmal: Er macht so gut wie keine Fehler – seine AST/TO-Ratio von 4,07 ist mit Abstand die beste der Liga. Dabei kommt ihm seine überlegte Spielweise zugute: Conley gibt so gut wie nie sein Dribbling auf und bevorzugt das Backup-Dribbling vor dem riskanten Pass oder Abschluss.

Interessant ist auch, wie Conley seine Punkte erzielt. Mit Abstand die meisten Aktionen nimmt er aus dem Pick-and-Roll (378 Possessions), gefolgt von Spot-up Jumpern (109), Würfen in Transition (99) Hand-offs (82) und Isolations (56).

Im Pick-and-Roll nutzt Conley seinen niedrigen Körperschwerpunkt, um eng am Block vorbei zu gehen und schnelle Richtungswechsel hinzulegen. Das exzellente Ballhandling kommt ihm dabei zugute. Sein Signature-Abschluss ist der Floater, den er mit beiden Händen sicher anbringen kann.

Hier eine Szene, die exemplarisch für sein Spiel steht:

 

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Conley geht um einen Pick von Chris Andersen

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Mit einem Richtungswechsel schüttelt er Verteidiger Lou Williams ab

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Es folgt der (erfolgreiche) Abschluss per Floater mit der schwächeren rechten Hand

Daraus resultieren im Pick-and-Roll 0,86 PPP – keine schlechten Zahlen, aber auch nichts besonderes in der Point Guard Riege der NBA. Zum Vergleich: 0,86 PPP ist derselbe Wert wie etwa Russell Westbrook, aber deutlich niedriger als bei seinen Point-Guard-Kollegen Kyrie Irving (0,92 PPP) oder Tony Parker (0,94). Hier macht sich bemerkbar, dass er nicht athletisch genug ist, um nach Belieben zum Korb penetrieren zu können. Am Brett schließt er mit 54,6% leicht unterdurchschnittlich ab, zudem zieht er nur wenige Fouls; die 4,1 FT/Spiel sind zwar Karrierebestwert, aber immer noch relativ wenig. Zusätzlich fehlt Conley eine gewisse Grundaggressivität; oft riskiert er (zu) wenig und begnügt sich lieber damit, die Offensive am Laufen zu halten. Daraus resultieren sehr wenige Turnover (nur 9,5% seiner Pick-and-Roll Possessions enden mit einem Ballverlust), aber eben auch nur wenige Lücken, die er für seine Mitspieler reißt. Diese Vorgehensweise ist jedoch teilweise auch dem langsamen, methodischen Spielstil der Grizzlies geschuldet. Seine Passfähigkeiten hat er in der letzten Jahren gesteigert: die Pässe, die er aus dem Pick-and-Roll spielt, sind nicht spektakulär, aber zielgerichtet. Zudem hat er ein gutes Auge für die cuttenden Flügelspieler der Grizzlies.

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Conley penetriert, zieht die Aufmerksamkeit der Defense…

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… und findet den cuttenden Lance Stephenson im Rücken der Verteidigung

Die Frage ist, inwiefern Conleys Probleme im Pick-and-Roll mit ihm selbst oder eher mit der Spielweise/dem Personal der Grizzlies zusammenhängen: Memphis hat seit Jahren weder einen athletischen, abrollenden Big Man, noch Schützen, die das Feld breit machen. Keine guten Voraussetzungen für den Ballhandler im Pick-and-Roll. Wenig überraschend nutzt Memphis das Pick-and-Roll nur am 22. häufigsten von allen Teams (0,82 PPP)

Conleys Wurf ist solide: seine eFG% bei Spot-up Jumpern liegt bei 53,3%. Auch der Wurf aus dem Dribbling sitzt sicher (43,9 eFG% bei den Pullups), ebenso wie der Dreier (36,3%) und die Freiwürfe (83,4%). In Transition machen sich dagegen wieder seine athletischen Limits bemerkbar: 0,95 PPP bei einer eFG% von nur 48,6% sind wahrlich keine Spitzenwerte. Zur Not ist Conley in der Lage, sich seinen eigenen Wurf zu kreieren: er wird zwar nur selten isoliert (1,0 Isolationen/Spiel), diese spielt er aber hervorragend aus. Seine 1,02 PPP und vor allem die eFG% von 50,0% sind vielversprechend. Auch hierbei nutzt Conley seinen niedrigen Körperschwerpunkt für schnelle Richtungswechsel, um etwa nach einem Switch den langsameren Big Man zu attackieren. 

Grit-and-Grind

Auch defensiv weiß Conley zu gefallen – als Speerspitze eines Grizzlies-Teams, das in den letzten Jahren das “Grindhouse” zu einer Defensiv-Festung ausgebaut hat. Auch hier helfen ihm sein niedriger Körperschwerpunkt und die schnellen Füße, vor seinem Mann zu bleiben. Dazu besitzt er eine gute Antizipation sowie schnelle (und vor allem starke) Hände – oft entreißt er in der Zone Big Men den Ball, sobald er nur für eine Sekunde die Finger daran bekommt. Als Resultat gehört er seit Jahren zu den Spielern mit den meisten Steals der Liga (1,5/Spiel Career-Average) – und das ohne zu gamblen oder seine Rolle im Defensivkonzept zu vernachlässigen. Im Pick-and-Roll kommen ihm ebenfalls seine schnellen Füße zugute. Allerdings hat er dank seiner schmalen Statur manchmal Probleme, sich um Blöcke zu kämpfen und lässt daher seinen Gegenspieler etwas zu einfach zum Korb ziehen.

Die Zahlen stützen diese Beobachtungen: Conley verteidigt Isolations stark (0,75 PPP) und Pick-and-Rolls ordentlich (0,90 PPP). Gegen das Post-up sieht es etwas schlechter aus (0,95 PPP), allerdings vermeidet Conley diese Situationen auch (nur 22 Defensiv-Posessions bisher). Gegen die Dallas Mavericks etwa musste Courtney Lee gegen Deron Williams ran, während Conley Spot-up Schütze Wes Matthews verteidigte. Generell ist Conley aber aufgrund seiner Statur nur begrenzt in der Lage, physischere Einser oder gar Shooting Guards zu verteidigen. Zudem reboundet er unterdurchschnittlich (2,9/Spiel). Gerade in der modernen NBA könnte das zum Problem werden, da der Trend immer mehr zu Lineups mit zwei oder mehr Point Guards geht. Wie kompatibel Conley defensiv mit einem zweiten Point Guard an seiner Seite ist, ist zumindest zweifelhaft. Am Beispiel der 2-Mann-Lineup Mario Chalmers und Mike Conley zeigt sich, dass es durchaus funktionieren kann: die beiden Point Guards haben zusammen auf dem Feld das beste Net-Rating (+14.3) aller mindestens 100 Minuten eingesetzten 2-Mann-Kombinationen der Grizzlies! Besonders die Offense floriert mit einem zweiten Ballhandler auf dem Parkett. Es ist allerdings nicht alles Gold, was glänzt, defensiv entstehen so Probleme: die Defensiv-Rebound-Rate sinkt beispielsweise von 74 % auf 69%.

Ein Star?

Was ist Conley nun also: ein Star und potentieller Franchise-Player, um den man ein Team herum aufbauen kann? Oder doch nur ein elitärer Rollenspieler? Für beide Seiten lassen sich Argumente finden.

Conley ist ein extrem vielseitiger Spieler, der offensiv wie defensiv seinen Mann steht. Mit 4,2 Offensive-Winshares kratzt er an der Top-20 der Liga, was seinen Wert für die Grizzlies Offensive verdeutlicht. Seine wenig beeindruckenden Zahlen stammen eben zu einem Teil auch aus einem Offensiv-System in Memphis, das vor allem auf Zach Randolph/Marc Gasol zugeschnitten war. In einem schnelleren System, das mehr auf ihn zugeschnitten ist, könnte Conley aufblühen. Nach Gasols Ausfall übernimmt Conley deutlich mehr Verantwortung: im Februar steigerte er seine Produktion nach einem schwachen Januar auf 17,1 Punkte und 7,0 Assists pro Spiel. Im März waren es in drei Spielen bis zu seiner Verletzung sogar 19,3 Punkte/Spiel! Noch beeindruckender sind die gestiegenen Wurfquoten (47,8% im Februar, Saison: 42,2%). Eine Offensive, in der er etwas mehr abseits des Balles agiert und mehr als Playmaker gefordert ist, scheint ihm zu liegen.

In der Crunchtime ist sowieso auf ihn Verlass: hochgerechnet auf 36 Minuten erzielt er dort 16,1 Punkte und 5,6 Assists bei surreal niedrigen 1,8 Turnovern – mit Sicherheit ein Grund für die außergewöhnliche Stärke der Grizzlies bei engen Partien. Seinen eigenen Wurf kreieren kann er sowieso: Conley ist stark im Eins-gegen-Eins, bei ablaufender Schussuhr (7-4 Sekunden) trifft er starke 50% seiner Zweier. Seit Gasols Ausfall trägt er Memphis so zu einer unerwartet guten Bilanz. Trotz aller Ausfälle hält er Memphis bisher auf Playoff-Kurs.

Dennoch bleiben diesbezüglich Zweifel: Conley hat zwar ein gutes Allround-Game und kaum Schwächen, ragt jedoch mit Ausnahme der AST/TO-Ration auch in keinem Bereich wirklich heraus. Er verwaltet ein Spiel zwar hervorragend, beeinflusst es aber nicht so umfassend wie es ein Star in der NBA sollte. Dazu sind seine Zahlen leicht rückläufig – und das obwohl er mit 28 jetzt eigentlich in die Blüte seiner Jahre kommen sollte. Punkte, Wurfquoten, Offensive-Winshares, PER und Usage-Rate gehen seit seiner bisher stärksten Spielzeit 2013/14 leicht zurück.  Wirklich besorgniserregend ist dieser leichte Abfall noch nicht, stellt aber die Frage in den Raum, wie viel Potential für Verbesserungen noch in Conley stecken.

Besorgnis erregender ist da schon ein anderer Trend: Conley spielt deutlich besser im heimischen FedEx-Forum als on the road. Statt 16,3 erzielt er auswärts nur 14,3 Punkte pro Spiel, statt 6,7 sind es nur 5,5 Assists pro Spiel. Dramatisch wird der Abfall bei der Dreierquote, die um beinahe 10% in die Tiefe rauscht (von 41,0% auf 31,8%). Alarmierende Anzeichen, sind solche Differenzen doch eher typisch für Rollenspieler! Die gruslige Wufquote von 28,6% in der Crunchtime sollte man dahingehend auch nicht unterschlagen.

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit also irgendwo in der Mitte. Ein Spieler, der sein Team als Star zu einer Meisterschaft trägt, ist Conley nicht – wohl aber eine exzellente 2. oder 3. Option, die kaum gravierende Schwächen hat. An das Trio Curry/Westbrook/Paul reicht er zwar nicht heran, gehört jedoch sicherlich zu den Top-10 Point Guards der Association. Dank seiner Erfahrung und Ruhe im Spielaufbau würde er für eine ganze Reihe an Teams eine Verbesserung auf der Eins darstellen.

Die Free Agency

Wohin geht die Reise in der Free Agency also? Sicher ist, dass die Grizzlies nahezu alles daran setzen werden, ihn zu halten; neben Marc Gasol ist er ihr designierter Franchise-Anker. Die sportliche Zukunft sieht in Memphis allerdings nicht unbedingt rosig aus: Nach der Big-Ball-Ära um Gasol und Randolph steht der Franchise wohl ein schmerzhafter Neuaufbau bevor. Gehaltstechnisch wird Conley wohl einen Maximal-Vertrag fordern: Mit 9,5 mio./Jahr (Karriere-Einnahmen: 46,6mio.) ist er deutlich unterbezahlt und mit 28 noch zu jung, um sich für reduzierte Bezüge einem Contender anzuschließen.

Die Marktlage ist schwer zu durchblicken: Dank steigendem Salary-Cap stehen eine Menge Teams bereit, die das Geld hätten, ihn zu bezahlen. Auf der anderen Seite herrscht in der Liga auch kein Mangel an fähigen Spielmachern, zumal ein Großteil der Teams die Position bereits langfristig besetzt hat. Franchises wie Milwaukee und Utah, die Bedarf auf der Eins haben, sind als Destinationen unrealistisch. Ein Name, der dagegen immer wieder genannt wird, ist der der New York Knicks. Bei denen startet momentan Jose Calderon auf der Eins, so dass Conley kurz- wie langfristig ein riesiges Upgrade darstellen würde. Die Situation wäre für ihn ebenfalls perfekt: mit Kristaps Porzingis und Carmelo Anthony stehen zwei (zukünftige) Go-to-guys im Angriff bereit, Conley könnte in Ruhe das Spiel leiten und die 3. Option im Angriff geben. Auch das langsame und methodische Spiel in der Triangle-Offense scheint gut zu seinen Stärken zu passen.

Gut möglich also, dass wir Conley in der nächsten Saison in der Eastern Conference sehen; vielleicht bekommt er in der Metropole New York dann auch die Aufmerksamkeit, die ihm in Memphis bisher verwehrt bleibt.

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2 comments

  1. Avatar

    Bluejazz

    Ich würde Conley eigentlich verdammt gerne in Utah sehen. Aber es wird wohl eher daran scheitern, weil Jazz auf Exum bauen. Nichtsdestotrotzt ist Conley mein Lieblings NBA-PG, er verrichtet seine Arbeit so leise und zuverlässig, wie sonst keiner. :tup:

  2. Julian Wolf

    |Author

    Hach ja, an Conley bei den Jazz habe ich auch gedacht – er würde einfach perfekt ins System passen! Ich glaube, es gibt auch gute Argumente dafür (junges, aufstrebendes Team/Small-Market-Teams ist er gewohnt), aber im Endeffekt mache ich mir keine allzu großen Hoffnungen…
    Wohin er letztlich geht, ist schwer zu sagen; New York liest man zwar immer wieder, aber hat er wirklich Lust auf all den Trubel, die ungeklärte sportliche Situation und den Medienrummel?
    Mein persönliches Gefühl sagt mir, dass man San Antonio auch nicht außer Acht lassen sollte; wenn sie Green traden, hätten sie das Geld für ihn und da würde er ebenfalls perfekt reinpassen.
    Aber lassen wir uns überraschen und drücken den Jazz die Daumen! :D


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