5-on-5

5 Fragen, 5 Meinungen

Der Start in die neue NBA-Saison 2011/2012 ist nur noch fünf Stunden entfernt. Grund genug für die NBA-Redaktion, auf eine turbulente Offseason zurückzublicken, wo Vorgänge auf etwas mehr als zwei Wochen komprimiert wurden, die sonst vier Monate in Anspruch nehmen. Go-to-Guys richtet also kurz vor dem Tip-Off noch mal den Blick auf die interessantesten Entwicklungen innerhalb der NBA, zusammengefasst in fünf Fragen.

Welches war die schlechteste Management-Entscheidung?

Hassan Mohamed: Die Eile beim Trade von Lamar Odom. Zunächst hielt ich es für möglich, dass der Trade dermaßen zügig durchgeführt wurde, weil das Lakers-Management einen weiteren Trade in der Hinterhand hatte. Jetzt kann man sagen: Dem war offensichtlich nicht so. Odom liebt Los Angeles, seine Mitspieler lieben ihn. Seit 1999 hat er nur eine einzige Saison außerhalb verbracht (2003/04 in Miami) und er hat in seinem Leben weitaus schlimmere Erfahrungen gemacht, als dass ihn solch ein “Vertrauensbruch” langfristig aus der Bahn geworfen hätte. Ich bin überzeugt davon, dass man ihn hätte besänftigen können, indem man ihn eine weitere Woche freigestellt, einige Nächte darüber schlafen lassen sowie ihm vielleicht zusätzlich das letzte Jahr seines Vertrags komplett garantiert hätte (2012/13 sind nur 2,4 der 8,2 Mio. garantiert). Selbst eine No-Trade-Clause für die nächsten beiden Jahre als Zeichen der Wiedergutmachung wäre denkbar gewesen. Sich von einem emotionsgeladenen Spieler einen Trade aufzwingen zu lassen, war in meinen Augen eine schlechte Management-Entscheidung. Dabei bin ich noch nicht einmal auf den Trade-Partner und den Gegenwert eingegangen…

Jonathan Walker: Joe Dumars hat in der vergangenen Free Agency wieder Geld in die Hand genommen. Genau genommen $70 Millionen Dollar. Wie, ihr habt nicht mitbekommen, welcher Star in Detroit unterschrieben hat? Nun, es kam auch kein Star in die Motor City. Es kam überhaupt niemand neues zum Team. Er stattete lediglich Tayshaun Prince ($27 Mio./4 Jahre), Rodney Stuckey ($25 Mio./3 Jahre) und Jonas Jerebko ($18 Mio./4 Jahre) mit Verträgen aus, um diese langfristig ans Team zu binden. Diese Spieler sind keineswegs schlecht, noch nicht einmal zwingend überbezahlt. Eigentlich macht Dumars einfach nur genau das weiter, was er seit Jahren tut: Er schart mittelmäßige Spieler um sich und hofft, dass diese sich zu einer ähnlichen Truppe aus selbstlosen Arbeitern entwickelt wie das Team, das 2004 den Titel holte. Das Problem dabei ist, dass es offensichtlich nicht funktioniert. Das Ergebnis ist ein Kader voller Rollenspieler mit langen, hohen Verträgen, die Flexibilität rauben. Zu gut für hohe Picks und den nötigen Rebuild, zu schlecht für die Playoffs.

Fabian Thewes: Hier fallen mir nur die Los Angeles Lakers ein, als sie versuchten verdiente Spieler wie Lamar Odom, Pau Gasol oder Andrew Bynum zu verschiffen, ohne mit ihnen das Vorgehen in der Offseason zu besprechen. Infolgedessen waren sie scheinbar dazu gezwungen, Lamar Odom den Dallas Mavericks als frühzeitiges Weihnachtsgeschenk zu präsentieren. Damit sind die Los Angeles Lakers für mich auch der größte Verlierer unter allen Franchises.

Daniel Glowania: Mir persönlich schlägt immer noch die Entscheidung der Cavaliers, Tristan Thompson vor Jonas Valanciunas zu draften, auf den Magen. Natürlich, Rookies können immer überraschen, jedes Jahr gibt es Lottery Picks, die zu Busts werden und hin und wieder schaffen es sogar 2nd Rounder zum All Star Game, weshalb eine Kritik natürlich immer schwierig ist. Ich versuche es trotzdem einmal. Nach Aussagen vom General Manager von Cleveland, Chris Grant, wurde Thompson schon intensiv auf der High School gescoutet und aufgrund seiner herausragenden Werte beim Wingspan (7-2) sowie dem vertical leap (38.5-inch) fiel die Entscheidung, den vierten Draftpick für den Kanadier zu verwenden, nicht schwer. Um Platz für den Forward zu machen, wurde zusätzlich J.J. Hickson getradet. Dabei tauchte Tristan Thompsons Name überhaupt erst vier Monate vor dem Draft auf den Mock Draft Listen auf und landete in so gut wie keinem der letzten NBA Mock Drafts unter den Top 5. Für mich hört sich Thompson deshalb nach einem Wunschpick an, der allerdings vier bis fünf Plätze zu hoch gezogen wurde, um ihn bloß nicht zu verpassen.
Jonas Valanciunas hingegen zeigte nicht erst bei der Eurobasket 2011, welches Talent in ihm steckt. Ganz im Gegensatz zu Thompson stand der Center schon seit 2009 in allen Mockdrafts unter den ersten 10, meistens sogar unter den ersten 5. Der Litauer sollte allein schon deshalb interessanter für die NBA sein, da er eine Position bekleiden kann, die deutlich schwerer ordentlich zu besetzen ist, nämlich die eines Centers. Zudem besitzt Valanciunas das Talent, einer der besseren Center zu werden, da er sowohl als Arbeiter mit Defensivtalent als auch noch als Spieler gilt, der in einer NBA-Offensive hervorragend funktionieren kann. Da Valanciunas sogar noch ein Jahr jünger ist als Thompson, ist im Übrigen auch das Argument weniger von Bedeutung, dass der Litauer noch ein Jahr in Europa bleiben muss. Aus welchen Gründen auch immer die Entscheidung pro Tristan Thompson gefallen ist, ob er der Wunschpick der Cavaliers war, oder man auf Valanciunas nicht warten wollte, ich gehe davon aus, dass Cleveland seine Entscheidung noch bereuen wird.

Dennis Spillmann: Die Sacramento Kings. Vor der Offseason hatte man schon einen großzügigen Kern zusammen. Evans, Salmons, Garcia, Greene, Cousins, Thompson, Hickson und Whiteside verblieben im Kader, die Rookies Jimmer Fredette und Isaiah Thomas sollten gesigned werden. Außer Whiteside und Thomas machten sich also bereits acht Spieler berechtigte Hoffnungen auf Spielminuten. In der Offseason signen die Kings ohne Not Marcus Thornton zu einem überdimensionierten 31/4-Deal, wo man mit Fredette, Evans und Salmons bereits denselben Spielertyp schon drei Mal im Roster hat. Als nächstes holt man sich Travis Outlaw ins Team, der dank der Amnesty Clause nur 12/4 kostet, aber die Spielzeit auf der 3 und 4 schon fast vollständig vergeben schien. Zu guter Letzt einigt man sich noch darauf, einen Verteidiger für die Big Man Rotation zu holen (dieser Schritt war folgerichtig, weil man noch keinen Verteidiger hatte), und gibt Chuck Hayes 21/4. Nun hat man zwei Spieler überbezahlt  und unnötigerweise noch einen elften Rotationsspieler mit Outlaw verpflichtet, ohne richtige Qualität in den Kader zu holen.

Welcher Spieler hat den größten Fehler in dieser Offseason begangen?

Daniel Glowania: Auch wenn ich natürlich verstehen kann, dass der 31-jährige Tayshaun Prince seinen letzten großen Vertrag, der auch noch über vier Jahre läuft, annimmt, bedauere ich seine Entscheidung, bei den Pistons zu bleiben. In den letzten drei Jahren reichte es für das Team aus Detroit zu insgesamt 96 Siegen und einer Playoff Teilnahme und das wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern. Prince, das nun letzte Überbleibsel aus dem Meisterschaftsteam, konnte gegen den Abwärtstrend nichts tun, da er nun mal für eine größere Rolle als die des Verteidigers ohne große offensive Verantwortung, einfach nicht geeignet ist. Dafür gab es immer wieder Ärger, weil Prince unzufrieden war. Da das Team in der Offseason durch die Abgänge von McGrady und Hamilton weiter an Qualität verloren hat, ist der Small Forward in einer sportlich festgefahrenen Situation, bei der er in einem mittelmäßigem Team jüngere Spieler wie Austin Daye und Jonas Jerebko blockiert, die ohne weiteres seine Minuten einnehmen könnten. Dass Prince hingegen in seinen letzten produktiven Jahren nicht seinen Beitrag zu einem erfolgreicheren Team leisten kann, empfinde ich als NBA-Fan als sehr schade.

Dennis Spillmann: Das war für mich Rodney Stuckey. Stuckey erhielt 25 Millionen Dollar für drei Jahre. Das ist für sich genommen natürlich ein sehr guter Deal, auch weil Stuckey auf dem freien Markt mit Sicherheit kein vergleichbares Angebot bekam. Er war restricted free agent und hätte ein besser dotiertes Angebot sicherlich angenommen, da die Pistons im Zweifelsfall dieses Angebot machten könnten. Wieso Rodney Stuckey trotzdem den größten Fehler begangen hat? Er hatte nachweislich einen Vertrag der Pistons vorliegen, der ihm 40-45 Millionen über fünf Jahre eingebracht hätte. Stuckey lehnte ab, wollte angeblich 10 Millionen pro Jahr bekommen. Der geneigte Mathematiker schaut eben auf Drei-Jahres-Vertrag, den Stuckey unterschrieb und stellt fest: 8,3 Millionen jährlich wurden es. Dafür hat Stuckey auf 15-20 Millionen gesichertes Einkommen verzichtet. Die schlimmste Offseason-Entscheidung eines Spielers.

Jonathan Walker: Hier kann ich nur spekulieren, da es schwer herauszufinden ist, welche Angebote welchem Spieler wirklich vorlagen. Ich war allerdings überrascht, dass Anthony Parker bei den Cavaliers blieb. Ein Spieler wie er, der seine Dreier trifft, gut verteidigt und erfahren ist, ist bei Titelanwärtern eigentlich begehrte Ware (siehe Shane Battier). Weshalb er sich relativ schnell für den Verbleib bei den perspektivlosen Cavaliers aus Cleveland für ein Gehalt von $2.25 Millionen Dollar entschied, ist nicht ganz nachzuvollziehen.

Hassan Mohamed: Vielleicht ist es übertrieben vom “größten Fehler” zu sprechen, aber ich war etwas überrascht über die Entscheidung von Tracy McGrady, direkt zum Beginn der Free Agency (die Berichte gab es gar vor dem offiziellen Beginn am 9. Dezember) für das Minimum bei den Atlanta Hawks anzuheuern. Möglicherweise war der Markt für Tracy McGrady kleiner als ich denke, aber einen Vertrag für das Minimum bei einer Mannschaften wie den Hawks hätte er doch auch zwei Wochen später bekommen können. Dann hätte er die Gelegenheit gehabt, gegebenenfalls dieselbe voraussichtliche Rolle von einer stärkeren Mannschaft angeboten zu bekommen (Oklahoma City, New York, San Antonio) oder bei einer Mannschaft einzusteigen, die mehr Geld und eine größere Rolle offeriert (New Jersey, Charlotte, Utah). Letzten Endes ist aber natürlich nicht bekannt, inwieweit der Agent von McGrady Kontakt mit den anderen General Managern hatte.

Fabian Thewes: Hier würde ich mich für Nick Young entscheiden, der vor Kurzem das Qualifying Offer in Höhe von 3.7 Millionen $ der Wizards angenommen hat (wodurch er im nächsten Jahr unrestricted free agent wird, sich also ein Team aussuchen kann). Der Markt wollte die neun Millionen $, die er angeblich diese Offseason forderte, für einen reinen Scorer auf der Shooting Guard Position wie Young nicht zahlen, so dass er sein Glück in der nächsten Offseason ein weiteres Mal suchen möchte. Ich bezweifle jedoch, dass er im kommenden Sommer mehr Interesse weckt, so dass er im schlechtesten Fall einige Millionen verlieren wird (insbesondere, falls er sich verletzen sollte, was immer passieren kann).

Welcher Franchise ist das größte Schnäppchen gelungen?

Jonathan Walker: Hier sind die Dallas Mavericks zu nennen, denen es gelang, lediglich einen geschützten Erstrundenpick (und eine Trade Exception) gegen den amtierenden „Sechsten Mann des Jahres“ Lamar Odom (und einen Zweitrundenpick) einzutauschen. Die Picks sind nur Beiwerk, im Grunde wollten die Lakers den verärgerten Odom loswerden und gleichzeitig Flexibilität in der Kaderplanung. Die Mavs zögerten nicht und nahmen das Geschenk natürlich dankend an. Um es mit Dirk Nowitzkis Worten zu sagen: „Wir haben einen tollen Spieler für nichts bekommen“. Odom kann den abgewanderten  Chandler natürlich nicht ersetzen, doch er wird dem Frontcourt der Mavs eine neue Dimension und Tiefe verleihen.

Hassan Mohamed: Den Los Angeles Clippers. Nein, es ist nicht der Trade für Chris Paul gemeint, wo der Preis hier auch nicht so hoch war, wie man im ersten Moment eventuell annimmt. Ich meine eher die Verpflichtung von Chauncey Billups. Dank der Amnesty Clause bekommt man einen championship-erfahrenen Veteranen, der aber noch genügend im Tank hat, um in bekannter Manier viel Leistung auf dem Parkett zu liefern. Über die Fähigkeit an der Seite eines anderen Aufbauspielers zu spielen, sollte man sich keine Sorgen machen. Billups war nie ein balldominierender Dirigent wie ein Paul. Er wird vermehrt seinen eigenen Wurf suchen und somit Räume für seine Mitspieler schaffen. Insbesondere in den Playoffs wird man sowohl auf dem Feld als abseits davon (im Lockerroom) vom 2004er Meister und Finals-MVP profitieren.

Fabian Thewes: Diese Frage finde ich ebenfalls leicht zu beantworten. Die Dallas Mavericks haben Lamar Odom von den Lakers praktisch geschenkt bekommen. Damit ist Lamar als einer der besten Allrounder auf seiner Position aller Zeiten für mich der Steal schlechthin.

Daniel Glowania: Das ist wohl ziemlich eindeutig den Dallas Mavericks gelungen. Als der Abgang Chandlers schon abzusehen war, sah es so aus, als ob damit auch alle Repeat Hoffnungen dahin wären. Genau zum richtigen Zeitpunkt kam dann der Trade für Lamar Odom, der als perfekt bezeichnet werden kann. Nicht nur stärkte man sich dadurch zum idealen Zeitpunkt, man gab auch dafür nichts auf und schwächte damit einen Mitkonkurrenten erheblich. Während die Lakers nun große Schwierigkeiten mit ihrer Bank haben werden, besitzt Dallas nun sowohl einen Backup für Nowitzki als auch einen Spielmacher für die Zeit, in der man ohne Kidd auf dem Feld steht. Zudem lässt er sich auch variabel als Small Forward oder Center neben Nowitzki einsetzen. Zum Schluss bleibt noch die wertvolle Tatsache, dass man mit Odoms Vertrag weiterhin flexibel bleibt und sogar die Chance bekommt in der nächsten Offseason Dwight Howard und Deron Williams zu verpflichten. Wenn das kein Schnäppchen ist, was ist es dann?

Dennis Spillmann: Neben den Dallas Mavericks würde ich die Miami Heat nennen, die Shane Battier für die Mini-MLE bekamen. Battier verdient dort drei Millionen jährlich und verzichtet damit mit Sicherheit auf das Doppelte seines Marktwertes, das er bei vielen anderen Franchises bekommen hätte. Die Heat erhalten einen Musterprofi mit Defense und Dreier. Genau das, was man auf dem Flügel gebraucht hat.

Welcher Free Agent hat den besten Vertrag unterschrieben?

Fabian Thewes: Tyson. Cleotis. Chandler. Der verletzungsanfällige Defensivanker der Dallas Mavericks wollte nach seiner Traumsaison einen Rentenvertrag unterschreiben. Doch die Verantwortlichen der Dallas Mavericks, GM Donnie Nelson und Eigner Marc Cuban, wollten das Spiel nicht mitspielen. Anders die New York Knicks, die Chandler knapp 60 Millionen über 4 Jahre angeboten haben. Wer könnte so ein Angebot ablehnen?

Daniel Glowania: Eigentlich sind hier alle Champions 2011 zu nennen, die Free Agents waren. J.J. Barea konnte im Prinzip aufgrund einiger richtig guter Playoffspiele seinen Vertrag bei den Timberwolves unterschreiben und Caron Butler unterschrieb trotz schwerer Verletzung einen guten Vertrag bei dem aufstrebendem Team der Los Angeles Clippers, auf der wohl begehrtesten Position der Liga – neben Chris Paul. Ich möchte allerdings hervorheben, wie gut es der Starting Center des Meisters erwischt hat. Tyson Chandler nutzte seine erste gesunde NBA Saison seit mehreren Jahren, um sich als ein defensiver Anker zu präsentieren, der in diesem Jahr gleich bei mehreren Teams sehr begehrt war. Schließlich wurden es dann die Knicks, die bereit waren, ihm in 58 Millionen Dollar über vier Jahre zu zahlen. Für Chandler ist das die perfekte Situation. Einerseits natürlich, weil er ziemlich verletzungsanfällig ist, und er mit diesem Vertrag wohl das finanzielle Maximum seiner Situation herausschlagen konnte. Auf der anderen Seite stellen ihm die Knicks ein talentiertes Team, das jahrelang in der Postseason mitmischen wird, er bekommt genau die Rolle, die er beherrscht und ist in einem Traditionsverein, der viel mediale Aufmerksamkeit bekommt.

Hassan Mohamed: Eine gute Leistung auf der großen Bühne der National Basketball Association, den Playoffs, sorgt für viel Aufmerksamkeit und diese kann wiederum schnell für einen Geldregen sorgen (dies ist auch als Jerome-James-Effekt bekannt).
19 Millionen Dollar soll José Juan Barea über die nächsten vier Jahre von den Minnesota Timberwolves erhalten. Jener Barea, der in der näherer Vergangenheit (auch bekannt als: Anfang der letzten Saison) in Dallas noch verteufelt wurde und dem zum Teil sogar das NBA-Kaliber abgesprochen wurde. Nach guten Playoff-Serien gegen Los Angeles und Miami gilt nun frei nach Adenauer das Motto: “Wen interessiert das Geschwätz von gestern”. Wie Timberwolves-Trainer Rick Adelman die Minuten auf der Eins zwischen Ricky Rubio, Luke Ridnour und Barea verteilen wird, bleibt abzuwarten. Der Puerto Ricaner wird sich zunächst aber erstmal auf die eigene Schulter klopfen und außerdem seinem Agenten danken.

Jonathan Walker: Zwar hat die Centerriege der Free Agency (Chandler, Jordan, Gasol, Nene, Dalembert) in dieser Free Agency den Großteil der Dollars eingestrichen, den für sich besten Deal unterschrieb jedoch ein ganz anderer Spielertyp: Marcus Thornton. Der etwas klein geratene, defensivschwache Shooting Guard bekam von seinem bisherigen Team, den Sacramento Kings, gleich zu Beginn der Free Agency einen Vertrag über vier Jahre und $31 Millionen Dollar angeboten. Völlig ohne Not, denn Thornton war restricted free agent, die Kings hätten problemlos jedes Angebot eines anderen Teams matchen können. Wenn man sich anschaut, dass etwa Kollege Nick Young, der ein ganz ähnlicher Spielertyp ist und einen ähnlich hohen Vertrag anstrebte, völlig leer ausging und nun für das Qualifying Offer spielt, ist die Frage berechtigt, ob Thornton von einer anderen Franchise überhaupt einen Vertrag in diesen Höhen angeboten bekommen hätte. Auch Jamal Crawford, ebenfalls ein Guard mit dem Finger ständig am Abzug, jedoch mit mehr Erfahrung und Sixth-Man-Ehren im Gepäck, erhielt nur einen vergleichsweise niedrigen Vertrag über $10 Millionen Dollar und zwei Jahre in Portland. Thornton machte jedenfalls alles richtig und unterschrieb das Angebot postwendend.

Dennis Spillmann: Ich lege mich auf Thaddeus Young fest. Der Small und Power Forward der Sixers unterschrieb für 43/5. Young hat eine relativ überzeugende Saison bei den Sixers gespielt, aber auf dem Papier bleibt zurück, dass man die fünfte Scoringoption (nach Brand, Iguodala, Holiday und Williams erzielte Young in der letzten Saison 12,7 Punkte pro Partie) eines .500 Teams nicht derart überzahlen sollte.  Young kann effektiv in der Offensive nur auf Power Forward spielen, weil er dort seinen Antritt für den Drive nutzen kann. Für den Flügel hat er einfach keinen Wurf und kann seine Schnelligkeit gegen schnellere Gegenspieler nicht mehr gewinnbringend einsetzen. Young profitierte in dieser Saison extrem davon, dass man mit Spencer Hawes nur einen nominellen Center im Team hatte, sodass Elton Brand immer wieder auf die Fünf rutschte und so Young Platz auf der Position des Power Forwards verschaffte. Meine Glückwünsche gehen jedenfalls an den Tweener der Sixers. Der beste Vertrag in dieser Offseason.

Welche Mannschaft hatte eine überraschenderweise hohe / geringe Aktivität in der Offseason?

Dennis Spillmann: Ich nenne die Aktivitäten der Orlando Magic. Die Franchise aus Florida befindet sich zwar mitten im Dwight-Drama, aber wenn man sich die Offseason-Aktivitäten ansieht, dann war das eine sehr ruhige Zeit in Disneyland – und das ist nicht unbedingt positiv gemeint. Man hat Gilbert Arenas per Amnesty Clause entlassen, hat Brandon Bass gegen Glen Davis eingetauscht und sonst nur die Free Agents Richardson und Clark gehalten. Das heißt, dass man sein Team sportlich verschlechtert hat (man verliert mit Arenas einen Spieler, der eventuell sportlich relevant gewesen sein könnte), was Dwight Howard sicherlich nicht sonderlich gefallen sollte. Man hat seine MLE nicht genutzt, man hat keine Veteranen gesigned. Ich hatte hier entweder einen Panik-Move erwartet, um Dwight noch zum Bleiben zu bewegen – oder einen Howard-Trade. Beides ist nicht passiert. Das überraschte mich.

Hassan Mohamed: Die New York Knicks haben mich überrascht, denn im Vorfeld habe ich die Mannschaft von Besitzer James Dolan nicht als wirklichen Akteur in dieser Free Agency gesehen. Eine hohe Aktivität habe ich frühstens zur Deadline 2012 bzw. zur Offseason im nächsten Sommer erwartet. In kurzer Zeit könnten nun neben Carmelo Anthony und Amare Stoudemire drei neue Spieler (Tyson Chandler, Iman Shumpert, Baron Davis) in der Startaufstellung der Knickerbockers stehen. Manchmal ist es ja auch nicht verkehrt, sich mit dem Spatz in der Hand zu begnügen statt der Taube auf dem Dach – möglicherweise hoffnungslos – hinterher zu jagen. Im gesunden, motivierten Zustand ist der Frontcourt durchaus vielversprechend. Die Fans müssen auf diese Gesundheit und zusätzlich auf ein glückliches Händchen beim Anwerben eines anständigen Spielgestalters bis zum nächsten November hoffen.

Fabian Thewes: Hier entscheide ich mich für die Indiana Pacers. Trotz des Capspaces hatte ich eher erwartet, dass es eine sehr ruhige Offseason für die Franchise aus Indiana wird, denn der recht junge Kern (Darren Collison, Danny Granger und Roy Hibbert) ist mittelfristig an die Franchise gebunden. Die ein oder andere Vertragsverlängerung (Jeff Foster, Mike Dunleavy, McRoberts) sowie zwei sinnvolle, kleinere Rollenspielerverpflichtungen (ohne viel Aufsehen zu erzeugen) und schon wäre man wieder für einen Angriff auf die hinteren Playoffplätze gewappnet. Doch wie so oft kam es anders als man denkt: Am Draftday wurde der junge Rollenspieler-Comboguard George Hill von den Spurs für den eigenen Erstrundenpick Kawhi Leonard ertradet. Nachdem die Verhandlungen zwischen David West und den Boston Celtics gescheitert sind, waren die Pacers sofort zur Stelle und verpflichteten David West für capfreundliche zwei Jahre. Dunleavy und McRoberts verließen die Franchise, Jeff Foster wurde dagegen verlängert und Hustler Loius Amundson wurde im Austausch gegen Brandon Rush, für den man keine Verwendung mehr hatte, verpflichtet. Damit haben die Pacers ein Team zusammengestellt, welches man keinesfalls unterschätzen sollte: Darren Collison, Paul George, Danny Granger, David West, Roy Hibbert in der Starting Five, verbunden mit einer netten und tiefen Rollenspielerrotation von der Bank (George Hill, Dahntay Jones, Tyler Hansbrough, Jeff Foster, Louis Amundson). Trotz dieser erfreulichen Entwicklung ist mein Eindruck, dass die Pacers noch immer unterm Radar fliegen, obwohl Home Court Advantage im Osten mit dieser Truppe alles andere als utopisch ist.

Jonathan Walker: Mich haben beide Teams aus L.A. überrascht. Auf der einen Seite die traditionsreichen Lakers, die sich erst fast Chris Paul angelten und sich in der Folge gezwungen sahen Lamar Odom abzugeben. Es wurde in der Folge erwartet, dass die lila-goldenen auf anderem Wege an einen rettenden Star gelangen. Der beliebteste (Wunsch-)Kandidat war sicher Dwight Howard (für ein Paket aus Bynum und/oder Gasol), bei dessen Ankunft jeder Lakersfan das Verscherbeln Odoms sicher schnell vergessen hätte. Doch es passierte nichts dergleichen. Die namhaftesten Neuzugänge beim Champion von 2009 und 2010 sind Josh McRoberts, Troy Murphy und Jason Kapono…
Auf der anderen Seite die Clippers, die auch ohne große Veränderungen ein zwar recht junges, aber vielversprechendes Team gewesen wären. Doch durch den Blockbuster-Deal mit den Hornets um Paul sowie die Signings von Butler und Billups stehen nicht weniger als drei neue Starter neben Blake Griffin auf dem Feld (oder gar vier, wenn man von Kaman als Starter ausging). Reggie Evans für das Veteranenminimum rundet eine geschäftige, aber sehr erfolgreiche Offseason 2011 ab, die in diesem Maße nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre.

Daniel Glowania: Wer hat eigentlich vor der vor der Offseason mit den Indiana Pacers gerechnet? Mit ihren recht unspektakulären Transaktionen konnten sie sich allerdings mit Spielern verstärken, die ihnen große Chancen geben, dauerhaft in den Playoffs präsent zu sein. Der „Ballast“ wurde nicht verlängert (Dunleavy, Ford, Posey), dafür eben sinnvoll verstärkt. David West gibt den Pacers einen guten Scorer aus dem High Post, sodass Foster, Amundson und Hansbrough Rollen einnehmen können, die genau auf sie zugeschnitten sind. Dazu kommt mit George Hill eine Verstärkung für den Backcourt, der schon für ein gutes Playoffteam beweisen durfte, dass er seine Rolle beherrscht. In der Mischung stellen die Pacers ein Team, das die nötige Erfahrung sowie einiges an Talent hat, sind dabei homogen aufgestellt ohne dabei tief in die Tasche gegriffen zu haben. In Zeiten, in denen Mannschaften fast nur noch radikal rebuilden oder auf den ganz großen Coup hintraden, geht Indiana damit einen erfrischenden Mittelweg, mit einem sympathischen Team.

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