Portland Trail Blazers

Was nun, Blazers?

Portland, Oregon: Die einheimischen Trail Blazers hielten am 16. Dezember ihr traditionelles Fan Fest ab, um sich und ihre Anhänger auf die anstehende NBA-Saison einzustimmen. Wie jedes Jahr wurden die neuen Spieler vorgestellt, die dann zusammen mit ihren alteingesessenen Kollegen in einem teaminternen Trainingsspiel ihr Können zum Besten geben durften.

Allein – es fehlten die wirklich großen Namen. Brandon Roy? Frisch zurückgetreten: Sportinvalide. LaMarcus Aldridge? Mit Herzproblemen außer Gefecht. Greg Oden? Nur als Zuschauer in Zivil dabei – “wie immer”, werden manche jetzt sagen.

Auch wenn der neue Point Guard Raymond Felton aufs Tempo drückte, auch wenn Gerald Wallace wie gewohnt durch Einsatz glänzte, auch wenn Nicolas Batum andeutete, dass es ein gutes Jahr für ihn werden könnte, sein Jahr – die Trail Blazers, wie sie sich beim Fan Fest ihrem Publikum präsentierten, waren nur ein Schatten dessen, was sie eigentlich sein sollten.

Erstens kommt es anders…

Kurbelt man die Zeit ein paar Jahre zurück, stellen die Verhältnisse sich nämlich ganz anders dar. Damals waren die Blazers das Team der Zukunft, hatten einen der jüngsten und talentiertesten Kader der NBA und nach gängiger Sicht eine große Zukunft vor sich. Gleich zweimal hatten sie einen guten Riecher bewiesen, sich sowohl Franchise-Spieler Roy als auch seinen Co-Star Aldridge per Trade gesichert und in beiden Fällen das bessere Ende für sich gehabt, als ihnen im Draft 2007 der große Wurf gelang: Kein Geringerer als Nummer-1-Pick Greg Oden sollte Portland auf Jahre um den Titel mitspielen lassen.

Der weitere Verlauf ist hinlänglich bekannt: Der einzige Titel, den Portland unbestritten für sich hat beanspruchen können, ist der des Teams mit den größten Verletzungssorgen. Was sich in den letzten vier Jahren im Lazarett der Trail Blazers getummelt hat, geht auf keine Kuhhaut. Bemerkenswert ist, dass es zumeist die Leistungsträger erwischte und es fast ausnahmslos gravierende Verletzungen waren, die besonders die Knie betrafen.

“Ail Blazers”

Allein Oden hat mehr und schwerere Knieverletzungen erlitten als andernorts ganze Mannschaften. Er hat seit zwei Jahren, als seine Kniescheibe ohne Fremdeinwirkung praktisch auseinandergerissen wurde, kein Spiel mehr bestritten, und es wird auch noch unbestimmte Zeit vergehen, bis er wieder das Parkett betritt – wenn überhaupt. Noch kämpft Oden sich nach jedem neuen Rückschlag wieder ran und wirkt auch mental entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, aber es ist auch bei ihm nur eine Frage der Zeit, bis er resigniert bzw. von seinen Ärzten zum Aufgeben gedrängt wird.

Letzteres ist Fan-Liebling Brandon Roy geschehen, der – von chronischen Knieproblemen geplagt – seine Karriere inzwischen beendet hat. Die Mediziner sollen ihm dazu geraten haben, nicht weiter Profisport zu betreiben, weil er sonst gefährde, überhaupt noch laufen zu können. Anders als Oden hatte Roy schon Knieprobleme, bevor er in die NBA kam, aber das Resultat ist das gleiche: Eine vielversprechende Karriere ist viel zu früh zuendegegangen.

In Abwesenheit der beiden Franchise-Stars hat LaMarcus Aldridge das Team übernommen und eine glänzende Entwicklung hingelegt, die ihn letzte Saison sogar zum All-StarNBA-Spieler machte. Dabei bestritt er beinahe jedes Spiel, meist in tragender Rolle. Anfang Dezember wurde jedoch auch Aldridge von gesundheitlichen Problemen heimgesucht, als das Wolff-Parkinson-White-Syndrom bei ihm wieder auftrat: eine Herzrhythmusstörung, die ihn bereits in seiner Rookie-Saison 2006/07 zwang, einige Partien auszusetzen.

Neue Stars – neues System?

Anders als seine Kollegen Oden und Roy ist Aldridge inzwischen wieder in Aktion, und seine Rückkehr war auch dringend angebracht, wenn Portland diese Saison halbwegs erfolgreich sein will. Nicht dass es dem Blazers-Kader an Qualität mangelt: Neben Aldridge, Wallace, Felton und Batum stehen mit Wesley Matthews, Marcus Camby und Jamal Crawford gute Spieler zur Verfügung, die wissen, was sie auf dem Feld tun. Zudem stimmt die Mischung aus jungen und erfahrenen Profis, wobei letztere u.a. um den ältesten aktiven NBA-Spieler – Kurt Thomas – verstärkt worden sind.

Das Problem liegt vielmehr im System, denn Head Coach Nate McMillan will in Abwesenheit von Roy und Oden vermehrt Tempobasketball spielen lassen. Sein Spielermaterial gibt das sicher her, aber es muss arg bezweifelt werden, dass er der richtige Coach dafür ist. McMillan hat sich über die vergangenen Jahre als Kontrollfreak profiliert, der fast jeden Spielzug vorgibt, bewusst das Tempo verschleppen lässt und der Kreativität seiner Spieler enge Grenzen setzt. Wer sich dem nicht fügen konnte oder wollte, wurde früher oder später abgegeben, wie es zuletzt Andre Miller und Rudy Fernandez widerfuhr.

Ein Team im Wandel

Die Ironie ist, dass Portland weniger denn je mit Akteuren plant, deren Stärken im Halbfeld-Angriff liegen: Felton hatte seine beste Saison im New Yorker Offensiv-System von Knicks-Coach Mike D’Antoni; Wallace gehört zu den Transition-Spielern schlechthin; Crawfords Karriere basiert darauf, oft und schnell zu werfen usw.. Auch Portlands Jungspunde sind dann am stärksten, wenn sie ihren Spieltrieb ausleben dürfen: allen voran Rookie-Guard Elliot Williams, der trotz Operationen an beiden Knien wenig von seiner Athletik verloren zu haben scheint und als Geheimtipp im Blazers-Kader gelten darf.

Das wichtigste Argument aber ist, dass der neue Franchise-Star Aldridge besser zur Geltung kommt, wenn das Spiel schnellgemacht wird, und sein potentieller Co-Star Batum hat im französischen Nationalteam wiederholt bewiesen, dass er sogar zu einer spielgestaltenden Rolle fähig ist, wenn man ihm mehr erlaubt, als nur in der Ecke auf Pässe zu warten und von dort aus Dreier zu schießen.

Der Coach im Fokus

Die Zutaten sind also vorhanden, und das passende Rezept ist bekannt, doch am Ende zählt, was der Koch daraus machen wird. Kann McMillan aus seiner Haut heraus und seine Spieler ihren Stärken entsprechend einsetzen, auch wenn es seiner Mentalität wiederstrebt?

Grund zur Hoffnung besteht insofern, als Roy, der wie kein zweiter Blazer das Tempo verschleppte, keine Ansprüche mehr stellt und McMillan sich ohne seinen bisherigen Lieblingsspieler neu orientieren muss. Außerdem bewies der Coach schon in seiner Zeit in Seattle, dass er durchaus erfolgreichen offensivfreudigen Basketball spielen lassen kann, wenn ihm wie seinerseits Ray Allen und Rashard Lewis die richtigen Spieler dafür zur Verfügung stehen.

Portland sollte also auch in dieser Saison für viele NBA-Teams ein unangenehmer Gegner sein und im Kampf um die Playoffs ein gehöriges Wort mitreden. Bleibt nur zu hoffen, dass das fast schon unheimlich anmutende Verletzungspech der letzten Jahre den Trail Blazers nicht weitere Opfer abfordern wird.

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4 comments

  1. Also bisher hat McMillan die Jungs immer wieder dazu gedrängt schnell zu spielen und es scheint daher, dass es wirklich einen Wandel im System gibt.

    Insgesamt sehe ich die Blazers, in der aktuellen Saison, als ein Team das irgendwo zwischen Platz 3 – 6 in der Western Conference abschließen wird(vor allem dank ihrem tiefen Kader) und welches keiner in der ersten Runde spielen will.

    PS: In Seattle hat McMillan übrigens auch keinen schnellen Basketball spielen lassen, auch nicht mit Allen. Damals waren die Sonics auch ein Team der Half Court Offense, welches mit Fortson und James zwei Kämpfer unter den Körben hatte und die Shot Clock offensiv immer voll ausnutzte.

  2. Christian Neumann

    |Author

    Stimmt natürlich, Benjamin. Das zeigt, welchen Stellenwert das All-Star Game für mich hat, aber ich darf mich da trotzdem nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Danke für den Hinweis!

    Silvio: Ich muss dir insofern rechtgeben, als ich die Sonics offensivfreudiger in Erinnerung hatte, als die Statistik es rückblickend belegt. Dennoch waren sie zumindest zwei Jahre im Bereich des Ligadurchschnitts, während die Blazers unter McMillan in Sachen Pace nie aus den letzten Drei herauskamen, wenn sie nicht gar am langsamsten spielten. Der Unterschied zwischen beiden Teams ist schon deutlich.

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