Michael Jordan - SDC 1998
Chicago Bulls, Gedanken, Miami Heat

The King’s Leech

„Michael Jordan is probably the greatest scorer to play ever in the game, but I may go as far as to say LeBron James may be the greatest player to ever play the game, because he’s so potent offensively. Not only can he score at will, but he keeps everybody involved and you have to be on your Ps and Qs because everybody is a threat to score when he’s on the floor. Not only that, LeBron James will dominate the game on the offensive end and he’s able to do it on the defensive end as well. He can get in those passing lanes and dominate the game.”

Eine Aussage, die Michael Jordan seinen Status als besten Basketballer in der Geschichte des Sports abspricht, gilt in Fach- und Fankreisen oftmals als sehr kontrovers. Wenn man bedenkt, dass diese oben zitierten Sätze von Jordans kongenialem Partner Scottie Pippen stammen – richtig, derselbe Pippen, der zehn Jahre lang an der Seite von ‚His Airness‘ ziemlich erfolgreichen Basketball in Chicago spielte – dann bekommt die ganze Sache eine Extra-Portion Pfeffer.

Michael Jordan - SDC 1998

Die erste Frage, die sich stellt: Spricht Pippen von der Gegenwart oder von der Zukunft? „[…] LeBron James may be the greatest player to ever play the game, […]“ – die Verbform „may be“ lässt Raum für Interpretationen, da es sich sowohl mit „dürfte […] sein“ als auch mit „könnte […] sein“ übersetzen ließe. Aufgrund der darauffolgenden Sätze und Argumente hatte ich nicht das Gefühl, dass der vielleicht beste Flügelverteidiger des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts von der Zukunft spricht. Mein Eindruck war: Er spricht doch von der Gegenwart. Immerhin erwähnt er keine Errungenschaften, sondern bloß das spielerische Leistungsvermögen. Erst mit etwas zeitlichem Abstand ließ er via Twitter verlauten, dass er von der Zukunft sprach und er es James zukünftig zutraut, Jordan zu überflügeln. Ob er dies bloß aufgrund der ausgelösten Reaktionen tat, weiß nur Pippen selbst.

Die zweite Frage: Hat er Recht? Kann LeBron James sich bereits oder in Zukunft mit Michael Jordan messen? Mir geht es hierbei ausschließlich um dieses direkte Duell. Ich fühle mich nicht im Stande, die Frage nach dem GOAT, dem besten Basketballer aller Zeiten, zu beantworten. Die Ära von Bill Russell und Wilt Chamberlain oder von Kareem Abdul-Jabbar und Oscar Robertson ist mir zu fern für eine Analyse, bei der ich mich wohl fühlen würde. Daher zum Vergleich von Jordan und James … und zur Argumentation von Pippen. Die Attribute, die er James – korrekterweise – zuspricht, nämlich ein starkes Passspiel sowie eine Dominanz auf beiden Seiten des Feldes, beschreiben doch auch haargenau Jordans Fähigkeiten. Die Triangle Offense unter Phil Jackson und Tex Winter war nicht förderlich für Jordans Assists-Zahlen (im Gegensatz zu den Angriffsstrategien, unter denen James bisher agieren musste/konnte), doch konnte er bspw. in der Saison 1988/1989 (im Jahr vor Jacksons Ankunft) unter der Leitung von Coach Doug Collins durchschnittlich 8.0 Assists (AST% – 34.7) auf den Statistikbogen zaubern – James‘ Werte dieses Jahr liegen bei 7.0 Assists und einem Wert von 34.9 bei der Assist Percentage. Viele Fans vergessen Jordans Qualität als Passgeber, aber seinem ehemaligen Mitspieler sollten diese eigentlich nicht entgangen sein.

Das vermeintliche Pro-Argument bezüglich der Verteidigungsleistung für James ist ebenso nicht tragbar. Die Liste der Guards, die bessere Verteidiger als der fünffache Liga-MVP waren, beinhaltet neben ‚Gary Payton‘ nicht viele weitere Namen. Die Ernennung zum ‚Defensive Player of the Year‘ im Alter von 25 Jahren (verwies die beiden Center Mark Eaton und Hakeem Olajuwon auf die Plätze) ist ein kleines Indiz dafür. Den Vorteil, den James in der Verteidigung hat, ist die Möglichkeit, ihn aufgrund seines Körperbaus auch auf Vierer anzusetzen, wenn es nötig ist.

Auch sonst kann James sein Idol statistisch nicht übertrumpfen. Bisweilen konnte der aktuelle Finalist knapp 25.000 Spielminuten absolvieren, in denen er es in den wichtigen Kategorien auf durchschnittlich 27.7 Punkte bei einer True Shooting Percentage von 56.6 sowie einem Player Efficiency Rating von 26.9 und einem Offensive Rating von 115 bringen konnte. In einem ähnlichen Zeitraum (1985-1992) hatte Jordan 32.3 Punkte im Durchschnitt (TS% 59.2), ein PER von 29.8 und ein ORtg von 121. James hat bisher phänomenale Leistungen gezeigt, doch er liegt spielerisch hinter Jordan zurück. Wird er sein aktuelles Niveau in den kommenden Jahren noch toppen können? Um am Bulls-Star vorbeizuziehen, wäre dies nötig. Diese spielerischen Leistungen sind auch nur die eine Seite. Jordans wichtigste Errungenschaften sind bisher unerwähnt geblieben – nämlich sechs Meisterschaften. Ein Three-Peat in den Jahren 1991-1993 (zum damaligen Zeitpunkt der erste Three-Peat nach dem Eight-Peat der Boston Celtics zwischen 1959-1966) und ein zweiter Three-Peat in den Jahren 1996-1998 nach seinem Ausflug zum Baseball – die Folge dieser Events sorgt bei vielen Fans weiterhin für Verblüffung. Der ungekrönte König ist mit seinen Miami Heat vier Siege gegen Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks vom ersten Titel entfernt (seine letzte Serie im Finale 2007 ging mit 0-4 verloren), außerdem sind die Chancen auf weitere Meisterschaften in den folgenden Jahren ausgezeichnet.

Doch wie viele Ringe sind notwendig für die Gleichsetzung mit Jordans sechs Titeln? Für viele Kritiker hat James nämlich einen Weg eingeschlagen, den Jordan nicht gewählt hat. Die Geschichte des 2010er Sommer, James‘ Entscheidung zusammen mit Dwyane Wade und Chris Bosh auf Titeljagd zu gehen. Yes.We.Did. Die Flucht aus Cleveland. Der einfache Weg zum Erfolg. Ein Talent in der Spitze eines Teams wie es die National Basketball Association bisher vielleicht noch nie gesehen hat. Womöglich sind wirklich soviele Titel notwendig wie James (spaßeshalber?) bei der Fan-Präsentation des Trios in der American Airlines Arena verkündet hat: „Not two. Not three, not four, not five, not six, not seven…“ Realistisch? Vielleicht vom Talent, doch Dwyane Wade ist bereits 29 Jahre alt, spielt sehr körperintensiv und verpasste in seinen ersten acht Jahren durchschnittlich 14 Partien pro Saison – kein geringer Wert, insbesondere wenn man bedenkt, wie oft er nicht ausfiel, aber Spiele angeschlagen bestritt. Wie viele weitere Jahre kann er auf dem aktuellen Niveau spielen?

LeBron James mag das Talent und die körperlichen Anlagen haben. Wenn er heute Nacht seine Sneaker an den Nagel hängen würde, wäre er trotzdem einer der besten Basketballer in der Geschichte. Aber wie realistisch ist es, dass er sich spielerisch noch deutlich steigert und die Sammlung von Jordans Errungenschaften übertrumpfen kann? Ich bin niemand, der Michael Jordan für unantastbar hält, doch frage ich mich, was Scottie Pippen zu der Aussage getrieben hat. Es ist nicht ausgeschlossen, aber die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen und argumentiert man im Zweifel nicht für den ehemaligen Mitspieler? Die Beweggründe kennt nur der Co-Star vom Mann mit der Nummer 23.

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

2 comments

  1. Buurki

    Losgelöst von den Zahlen. Was ist ein guter Spieler? Jemand der punktet, wenn der Spielverlauf verlangt, dass er punkten muss und trifft, wenn er noch wenige Sekunden auf der Uhr sind bei knappen Spielstand?

    Die letzten paar Minuten des letzten Spiels gegen Chicago hat LBJ wirklich mal aufgedreht. Aber um dahin zu kommen, was MJ immer abgezogen hat, da hat LBJ noch sehr viel vor sich. Um soviele Momente zu schaffen müsste er auf dem Niveau wahrscheinlich bis knapp 50 spielen.
    Ich weiss nicht, wie die statstikverrückten Amis das nachweisen können, aber wie oft hat MJ genau dann gepunktet als ein Rückstand gedreht werden musste oder ein Schütze zum Gamewinnerversenken gesucht wurde? Ich kann mich an ein grottenschlechtes Spiel (eins der wenigen) erinnern als MJ nix getroffen hat. Zwischenzeitlich stand er bei 1/11 und 2/17. Am Ende hat er den Gamewinner aber ohne zu zögern versenkt. Wie misst man sowas mit Zahlen?

    LBJ ist für mich ein irrer guter Basketballer, der Schnelligkeit eines PGs und den Körper eines PF verbindet. Mittlerweile schießt er immer besser von draussen und sein gutes Spielverständnis steht ausserhalb jeder Diskussion.
    Aber MJ…. mit den Worten von Larry Bird: “Ich denke, es ist Gott verkleidet als Michael Jordan”. Bei den Worten war MJ gerade mal Rookie. Und selbst Magic (DER MAGIC) hat gesagt: “Es gibt Michael Jordan und dann ist da noch der Rest von uns”.
    Und so ist es einfach.
    Und wenn das einer aus der Nähe erlebt hat, dann Pippen! Hey Scottie, alte Pappnase: wer hat denn Deinen miesen Freiwurf per Tippdunk versenkt, obwohl er während Deines kläglichen Wurfversuchs ausserhalb der Dreierlinie gewartet hat? Oder dieses unfassbare Ding, wo er gegen zwei mit rechts zum Dunk geht und dann zwischen den beiden durchtaucht und mit links Layer nach gefühlten zwei Minuten Flugphase versenkt.

    Bei LBJ holen die Leute immer die Kiste raus, wo er sich gegen ORL keine Schüße mehr im letzten Spiel genommen hat und dann ohne sportlich faires Abklatschen aus der Halle ist. BigGameWinner fallen einem erst nach Nachdenken ein. Tun sie doch, oder?

    Wilt Chamberlain und Kareem habe ich altersbedingt nie spielen sehen und kann zu denen nix sagen. Von allen Spielern, die ich bisher gesehen habe bzw. verfolgt habe, gab es wirklich viele sehr gute Spieler. Einer der allerbesten davon ist LBJ. Aber auch an Karneval macht Gott um das LBJ-Kostüm bisher einen Bogen. Deswegen wird es nie so einen Kult wie um MJ geben.

    Interessant wird es, wenn LBJ älter wird. Wird er dann auch im Sommer zehn Stunden am Tag fade away jumpshoots üben oder lieber ein paar Stunden am Tag für Promo-Termine für den Unterhalt seines Imperiums abzwacken?

  2. Hassan Mohamed

    |Author

    @Burki

    “God disguised as Michael Jordan” – richtig, diese Aussage stammt von Larry Bird – getätigt nach dem unglaublichen Playoff-Spiel gegen die Boston Celtics, in dem Jordan 63 Punkte auflegte (bis dato der NBA-Rekord). Doch folgender Satz kam auch bereits über die Lippen der Legende: “He’s [LeBron James] is one guy in the league that I think he’ll probably be better than all of us when it’s all said and done.”

    Bzgl. der Game-Winner: James hat zig Spiele in den Schlusssekunden entschieden (http://www.youtube.com/watch?v=BU2N0q6iSHk ; insbesondere Spiel 5 gegen Detroit 2007 kommt schnell in den Sinn: http://www.youtube.com/watch?v=d1Px-jPm_TU), während auch ein Jordan viele solcher Würfe nicht versenken konnte – man denke an den bekannten Werbespot (http://www.youtube.com/watch?v=45mMioJ5szc ; in den Highlightvideos werden diese Würfe natürlich nicht dargestellt). Des Weiteren darf man sich nicht nur auf die “Last-Second”-Würfe versteifen, denn es zeugt auch von Klasse, wenn man solche Situationen vermeiden kann, indem man das Spiel frühzeitig entscheidet.

    LeBron James ist ein grandioser Basketballer. Für die Erfolge, die er mit der Truppe in Cleveland erreichen konnte, hat er bei mir ein Stein im Brett (auch wenn es nie zum Titel reichte). Die Kritik, die ihm oftmals entgegensprang, konnte ich in den seltesten Fällen nachvollziehen. Einer Kritik bezüglich seines Ehrgeizes und seiner Arbeitsmoral bspw. (siehe auch Deinen letzter Absatz) fehlt eigentlich auch jeglicher Nährboden – allein sein Fitnesszustand und sein Körper sprechen eindeutig dagegen (ob nun mit oder ohne Hilfsmittel).

    Der Grund für mich diesen Blogeintrag zu schreiben, lag hauptsächlich in der Argumentation der im Artikel zitierten Aussage sowie der Punkt, dass sie von Scottie Pippen – einem Weggefährten Jordans – kam.

    Es ist nicht mein Ziel, Jordan auf ein unerreichbares Podest zu stellen.

Schreibe einen Kommentar