Dallas Mavericks, Gedanken, Miami Heat

NBA-Finals: Gedanken zu Spiel 1

Lasst die Spiele beginnen: die NBA-Finals 2011 sind gestartet. In Miami, Florida um drei Uhr deutscher Ortszeit war gestern Nacht Tip-Off. Die Heat standen den Mavericks gegenüber. Das Trio Infernale um LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh gegen ein Kollektiv aus Texas unter deutscher Führung (pun not intended). Drei Stunden später stand fest: die Miami Heat gehen im ersten Spiel als Sieger vom Parkett. 92-84 stand es am Ende für die Gastgeber. Go-to-Guys-Redakteur Jan Karon war – wie viele andere deutsche Fans dank des von NBA.de kostenlos bereitgestellten Live-Streams – dabei. Am Tag danach seine Gedanken zum Finalsopener:

Eine interessante Statistik findet sich bezüglich der Zonenverteidigung Dallas’ wieder: Während diese in den Serien gegen Oklahoma City, Los Angeles und Portland ein potentes Mittel war, die gegnerische Offensive aus ihrem Rhythmus zu bringen und die Zone zu verengen, konnten die Mavericks im ersten Finalspiel keinen Nutzen daraus ziehen. Die Heat erzielten gestern im Durchschnitt 109 Punkte auf 100 Posessions – und 111 gegen die Zonenverteidigung. Woran das lag? Obwohl Starting Point Guard Mike Bibbys Wurf kalt und er selbst erfolglos blieb, konnten Mario Chalmers, LeBron James und Dwyane Wade, aber auch Chris Bosh und Udonis Haslem aus der Mitteldistanz freie Würfe treffen. Spoelstra konnte seine Mannschaft hervorragend auf die Defense Dallas’ einstellen: ein hervorragendes Spacing der Heat führte zu viel Ballmovement. Gerade nach Penetrationen von James und Wade zog sich Dallas’ Defense zusammen; entlang der Grundlinie oder aus dem Doppel heraus konnten die Spieler oftmals Rezipienten finden, die freie Würfe versenken. Den Rest machte die individuelle Klasse des Trios.

• Das Publikum gestern war eine Katastrophe. Ich weiß nicht warum, aber es scheint, als ob sich die Heat-Fans nicht bewusst waren, dass gerade die NBA-Finals sind. In allen Streams und Übertragungen, auf die man zurückgreifen konnte, war das Publikum für ein erstes Spiel der Finals wirklich erschreckend leise. Die weißen Shirts der Miami-Anhänger in allen Ehren, aber der Support war über weite Strecken nicht existent. Verglichen mit den Spielen gegen Oklahoma City und Portland, musste sich Dallas wie in einer Geisterhalle fühlen. Ob die Miami-Fans all’ ihr Pulver auf der „Saisoneröffnung“ schon verschossen haben?

Wie FIVE-Chefredakteur André Voigt nach einem Gespräch mit Nowitzki aus erster Hand berichtete, hat sich der Superstar der Mavericks gestern an der Sehne des Mittelfingers der linken Hand verletzt. Im vierten Viertel, beim Versuch Chris Bosh den Ball aus der Hand zu schlagen, entstand wohl ein unglücklicher Kontakt, sodass der Deutsche im Anschluss ein Abstehen nach oben des Fingers bemerkte und auch Schmerzen verspürte. Glücklicherweise scheint die Verletzung von Nowitzki nicht gravierend zu sein, er selbst sagt, dass sie ihn kaum limitieren würde. Eine Beeinträchtigung der Scoringfähigkeiten Nowitzkis ist auch nicht wünschenswert angesichts der Performance von der vermeintlichen zweiten Scoring-Option der Mavericks: Jason Terry. Dieser war gestern Genie und Wahnsinn zugleich. Während die zwölf Punkte in erster Halbzeit die benötigte Entlastung in der Offensive brachten, war „Jet“ in Durchgang zwei unterirdisch: 0 Punkte, 0-4 FG. Allgemein sollte Jason Terry nach zugegebenermaßen starkem Playoff-Beginn wieder in die Erfolgsspur finden. Seine Zahlen aus den letzten Spielen der Western Conference-Finals sowie der Beginn gegen Miami, lassen nichts Gutes verheißen. Terry wirft konstant schlecht, verteidigt schwach und tritt auch als Playmaker immer seltener in Erscheinung. Ein schlechter Zeitpunkt für einen Durchhänger.

• Glueguys sind unbezahlbar, gerade in den Playoffs – und sie machten gestern den Unterschied. Mario Chalmers’ Dreier in der ersten Halbzeit hielt die Heat auf Schlagdistanz, viel wichtiger ist aber der Einfluss von Udonis Haslem: Dieser machte einen unfassbar guten Job gegen Nowitzki und ist der perfekte Big Man für die Heat. Zwar ist Haslem nicht groß genug, um die Center-Position zu bekleiden, aber neben Bosh und James kommen seine Stärken perfekt zur Geltung. So verteidigt er, reboundet, trifft Mitteldistanzwürfe und schmeißt sich nach jedem Ball. Dazu kennt er die Finals, gilt als Publikumsliebling und ist erfahren. Kein Zufall also, dass nach Bosh und James eben Haslem und Chalmers die besten +/–Werte des Spiels haben. Laut John Hollinger, Stats-Guru von ESPN, ist die Chalmers-Wade-James-Bosh-Haslem-LineUp Miamis die beste LineUp der diesjährigen Postseason, wenn es um das Closen von engen Spielen geht. Auch gestern wieder spielte dieses Quintett den entscheidenden Vorsprung heraus, wurde aber zugegebenermaßen von Mike Miller stark ergänzt.

• Vor der Serie galt die Bank Dallas’ als große Stärke und potentielles Problem für die Heat. Gestern war davon nichts zu bemerken. Die beiden Glueguys der Heat sowie Juwan Howard und Mike Miller waren Dallas’ „Benchmob“ eindeutig überlegen. Dieser zauberte in 80 Minuten 17 Punkte bei 4-22 FG aufs Feld; der True-Shooting-Wert kletterte dabei unter die 30%-Marke.

• Wie Jeff van Gundy gestern sehr gut anmerkte, könnte Peja Stojakovic in dieser Serie nutzlos sein. So sehr man bei Juan José Barea und Jason Terry von schlechten Spielen sprechen kann, ist es fraglich, wo Stojakovics Nische in dieser Serie sein könnte. Obwohl man dem sympathischen Serben den Ring – erst Recht nach seiner förmlichen Wiedergeburt in den Playoffs – wünschen würde, war bei ihm gestern Hopfen und Malz verloren. Kein getroffener Dreier (von seinen drei offenen Versuchen) fiel und es gab permanente Probleme in der Defense: Wenn Carlisle und Spoelstra beide small spielten, musste Stojakovic oft gegen James verteidigen müssen – entweder auf der 3 oder 4. Hier sieht er logischerweise kein Land. Nehmen Stevenson oder Marion das Duell gegen James an, shiftet Peja runter, zumeist zu Udonis Haslem oder Joel Anthony. Da Wade und LeBron aber beide gestern enorm gerne das Pick-and-Roll von oben spielten und per Pocketpass Haslem oder Bosh bedienten, wurde Stojakovic entweder zu Frontcourt-Rotationen gezwungen, wo er mit seiner Statur keine Chance hat, oder er stand einem großen Gegenspieler direkt gegenüber, wo er … mit seiner Statur keine Chance hat. Vielleicht wäre hier Corey Brewer eine legitime Alternative, der einer der wenigen Athleten im Mavs-Kader ist und gleichzeitig auch gegen James/Wade verteidigen könnte, wodurch Marion, der sich in solcher Rolle sicherlich wohler fühlen würde, auf die Power Forward-Position wechseln könnte.

• Die schlimmsten Befürchtungen vieler Mavericks-Fans, die Referees könnten theoretisch die Serie entscheiden, ist nicht eingetreten. Mehr noch: Die Schiedsrichter waren gestern kein Faktor. Stevie Javie, Mike Callahan und Bill Kennedy machten gestern einen guten Job, sahen viele knifflige Szenen richtig (Chalmers im Aus beim Steal an Barea, Wades Wurf berührt den Ring minimal beim Lay-Up und es gibt eine neue Shotclock). Sogenannte „Phantomcalls“ gab es möglicherweise zwei, drei Mal, aber sowohl Wade als auch Marion und Dirk profitierten davon. Keine der Mannschaften hatte durch die Unparteiischen einen Nachteil. Beide Teams bekamen nahezu identisch viele Fouls zugesprochen, bei den Freiwürfen gar liegt Dallas (überraschenderweise) vorne.

• Grundsätzlich bleibt festzuhalten: Beide Teams hatten einen verdammt guten Gameplan für das erste Spiel und waren nahezu ideal vorbereitet. So oft Lücken in die gegnerische Defense gerissen wurden, so oft wurde schnell rotiert und die Abschlüsse waren nahezu immer contested. Dass das breite Dallas-Spiel soviele Jumpshots mit Verteidiger am Mann nehmen muss, war für das Team offenkundig Neuland, nachdem man in den vorigen Playoff-Serien einen grandiosen Job beim Kreieren von freien Würfen gemacht hat und weder die Thunder, noch die Lakers oder Blazers mit dem Passing Game Dallas’ zurecht kamen.

So long. Das erste Spiel war ein interessanter, intensiver und spannender Opener, der aber noch nicht gezeigt hat, wer die Asse im Ärmel hat. Als Fazit bleibt festzuhalten, dass Dallas mit ihrem Shooting lebt und stirbt – gestern eben letzteres. Ohne hochprozentige Execution von Barea, Terry, Stojakovic und Co. werden die Mavericks es extrem schwer haben, gegen das individuelle Talent von James, Wade und Bosh anzukämpfen. Man darf gespannt bleiben, wie es in Spiel 2 weitergeht.

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3 comments

  1. Amar'e

    sehr sehr guter artikel…eine willkommene abwechslung zu den anderen analysen im web.

    gute arbeit. danke dir.

    em, eine frage hätte ich aber noch.

    was sind den “pocketpass’s”???

    der begriff ist mir neu, spontan würde ich sagen, dass sind die unmittelbaren pässe nach einem pick & roll..bzw. pick & pop auf den big man oben an der freiwurflinie…

    gruß Amar’e

  2. Jan Karon

    |Author

    Hey Amar’e,

    erstmal vielen Dank für das Lob. Wir bemühen uns mit unseren Analysen einen gesunden Kontrast zu der meist eher Recap-ähnelnden Berichterstattung in deutschen Basketballmedien zu finden.

    Zu deiner Frage: Pocketpasses sind in der Tat Zuspiele aus dem Pick-and-Roll, die meist per Bodenpass zum abrollenden Spieler gelangen. Quasi wie aus der Tasche (“pocket”) gespielt. Im Deutschen hört man den Begriff seltener – mir fällt spontan auch kein deutsches Äquivalent ein -, aber im AEnglish ist das wohl Gang und Gebe. Zumindest meine ich mich entsinnen zu können, dass van Gundy von jenen Pässen mehrmals sprach gestern.

    Alles Gute,
    j

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