Debatte, Denver Nuggets, Oklahoma City Thunder

Debatte: Oklahoma City Thunder (4) vs. Denver Nuggets (5)

Heute Nacht ist es endlich soweit. Die reguläre Saison ist vorbei und es starten die Playoffs. Welche Teams machen kurzen Prozess mit ihren Gegnern? Welche Akteure spielen sich ins Rampenlicht? Gute Chancen für die spannendste Serie der ersten Runde hat das Aufeinandertreffen der Oklahoma City Thunder und Denver Nuggets. Beide heim- und offensivstark, dazu interessante Matchups. Eine elektrisierende Serie über die vollen sieben Spiele ist also im Bereich des Möglichen. Was will man da mehr? Unsere Redaktuere Jonathan Walker und Fabian Thewes debattieren heute zu der Frage: “Oklahoma City Thunder oder Nuggets – wer setzt sich am Ende durch?”

Fabian Thewes: In einer Serie zwischen den Thunder und Nuggets schätze ich erstere vor allem deswegen besser ein, weil sie sich – wenn es eng wird – auf zwei so genannte Go-to-Guys verlassen können: Russell Westbrook und Kevin Durant. Beide wären jeweils im Team der Nuggets der beste Spieler. Gerade in den Playoffs ist eine verlässliche Option, falls das Team unbedingt Puntke braucht, unerlässlich.

Jonathan Walker: Guter Punkt. Allerdings sehe ich hier auch einen Nachteil für die Thunder bzw. Vorteil für die Nuggets. Denver kann sich defensiv hauptsächlich auf eben Durant und Westbrook konzentrieren. Hat man einen der beiden einigermaßen im Griff, wird es für die Thunder schon schwer, wie man letztes Jahr gegen die Lakers gesehen hat, als Artest Durant ausschaltete. Ibaka, Perkins oder Sefolosha sind keine Spieler, die dann übernehmen können. Einzig Harden, der in der vergangenen Saison einen großen Schritt nach vorne gemacht hat, kann dann auch mal in die Bresche springen. Das Team der Nuggets strotzt währenddessen nur so vor Optionen. Auf jeder Position gibt es zwei Spieler, die starten könnten. Mit Lawson, Felton, Smith, Afflalo, Gallinari, Chandler, Harrington und Nene stehen viele Leute im Kader, die für 20+ Punkte gut sind, und offensiv übernehmen können. Das macht es für die Thunder sehr schwer, die Offense der Nuggets auszurechnen und zu verteidigen. Es gibt in Denver nicht den einen oder die beiden Stars, auf die man sich konzentrieren muss.

Fabian Thewes: Ausgeglichenheit ist grundsätzlich wünschenswert; gerade dann, wenn es gut läuft, sind die Nuggets unglaublich schwer auszurechnen und können jeden Gegner buchstäblich überrollen. Eine sehr ausgeglichene und große Rotation hat aber auch Nachteile. Schließlich wollen alle Spiele eine gewisse Rolle in Form von Minuten in den Playoffs einnehmen. Wer darf starten, wer darf das Spiel beenden? Das kann auch zu Unmut führen, auch wenn die letzten Wochen der regulären Saison nichts in der Art vermuten ließen, was aber auch daran liegen kann, dass die Nuggets die ein oder andere Verletzung beklagen mussten. Diesbezüglich gibt es auch ein paar Fragezeichen. Die Backups auf den großen Positionen, Chris Andersen und Timofey Mozgoc, fallen ziemlich sicher gegen die Thunder aus, wodurch Forward Al Harrington teilweise auf der 5 aushelfen muss. Afflalo kommt gerade von einer Verletzung zurück, Ty Lawson ist angeschlagen und somit fraglich für die erste Partie. Coach Karl muss dafür Lösungen finden.

Jonathan Walker: Dass George Karl dazu in der Lage ist, hat in der Vielzahl seiner Stationen schon bewiesen. Apropos Coaching: Das Duell auf der Trainerbank ist ebenfalls sehr interessant, weil es zwei verschiedene Typen sind. Auf der einen Seite der alte George Karl, der bereits fast alles in der NBA erlebt hat, auf der anderen Seite der junge Coach Brooks, der interessanterweise Assistant  Coach unter Karl in Denver von 2003 bis 2006 gewesen ist. Lehrmeister vs. Lehrling könnte man sagen.

Fabian Thewes: Dass die Lehrlinge die Meister überflügeln, soll ja das ein oder andere Mal schonmal vorgekommen sein. Zurück zm Vergleich der Teams: Ich persönlich stelle mir die Frage, ob die Nuggets auch in der Lage sein können, ein Spiel nicht über die Offense, sondern über die Defense zu gewinnen. Ohne auch mal “dreckige” Siege einzufahren, kommt man in der Regel nicht weit. Die Thunder haben mit der Verpflichtung von Kendrick Perkins einen echten “Enforcer” bekommen, der mit Serge Ibaka ein wunderbares Defensivtandem bildet. Das haben die Nuggets in der letzten Woche auch zu spüren bekommen, als die Thunder sie zwei mal (darunter auch in Denver) geschlagen haben. Die Defense der Thunder hielten die Offense der Nuggets nur bei ca. 100 Punkte pro 100 Ballbesitze, ganze 12 Punkte weniger als ihr Saisonschnitt. Ob die Nuggets ähnliches mit den Thunder anstellen können, müssen sie noch zeigen.

Jonathan Walker: Die Spiele der Regular Season haben weniger Bedeutung, als man ihnen in Previews oft zugesteht. Das hat die Vergangenheit oft genug gezeigt. Doch auch in der regulären Saison (seit dem Anthony-Trade) konnten die Nuggets einige “dreckige Siege” einfahren, bei dem starke Gegner über die Defense in die Knie gezwungen wurde. Hier seien die Siege gegen die Celtics, die nur 75 Punkte erzielten, zwei mal gegen die Hawks (90 und 87 Punkte), gegen die Lakers (90 Punkte) und Mavs (96 Punkte) als Beispiele genannt. Über einen erfahrenen “Enforcer” vefügen die Nuggets mit Kenyon Martin ebenfalls. Allgemein werden die Nuggets defensiv total unterschätzt. Seit Anthonys Abgang lassen die Nuggets durchschnittlich nur 102 Punkte pro 100 Ballbesitze zu (25 Spiele). In der Jahres-Statistik würde das für die Top 5 in Sachen defensive Effizienz reichen. Eine Schlüsselrolle wird dabei Wilson Chandler einnehmen, der wahrscheinlich die Aufgabe übernimmt, Kevin Durant zu verteidigen. Dass er die Anlagen dazu hat, steht außer Frage.

Fabian Thewes: Ein wirklich starker Wert, das überrascht mich doch ziemlich, aber Zahlen lügen nicht. Einzuwenden bleibt mir aber Folgendes: Unabhängig von der ein oder anderen guten defensiven Vorstellung gegen so manches Playoffteam sind diese tollen Werte sicherlich auch ein wenig geschönt durch Kantersiege gegen den Bodensatz der Liga. Außerdem verhält es sich so, wie du vorhin geschrieben hast: Playoffs und reguläre Saison –  das sind zwei paar Schuhe. Vor Wilson Chandler sollten die Thunder jetzt jedenfalls keine allzu große Angst haben. Ich kann mir schwer vorstellen, dass er Kevin Durant über eine längere Serie konstant ausschalten kann. Größeren Respekt habe ich vor den offensiven Qualitäten des Centers der Nuggets, Nene Hilario.

Jonathan Walker: In der Tat könnte das Aufeinandertreffen von Nene und Perkins das Key-Matchup der Serie werden. Nene gehört zu den effektivsten und effizientesten Spielern der NBA. Letztes Jahr führte er die NBA beim Offensivrating an (siehe basketball-reference.com), produzierte also die meisten Punkte aller Spieler auf 100 eigene Ballbesitze (Offensivrating: 124).  Dieses Jahr hat er fast denselben Wert (123). Er hat ein solides Passspiel, und schließt in Korbnähe hochprozentig ab, ist extrem schnell für einen Spieler seiner Größe, was perfekt zu den Nuggets passt, weil sie die Geschwindigkeit einer Partie immer sehr hoch halten wollen. Wenn Nene ein gutes Spiel macht, machen die Nuggets in aller Regel auch ein gutes Spiel. Das wird der Schlüssel sein.

Fabian Thewes: Wie ich vorhin bereits andeutete: Mit der Ankunft von Perkins sind die Thunder ein anderes, besseres Defensivteam geworden, ohne schlechter in der Offensive zu sein. Während sie mit Green und Krstic im Frontcourt in der Verteidigung maximal reiner Durchschnitt waren, kratzen sie seit dem Trade an der Top 10 in Sachen defensive Effizienz mit 105.8 Punkten pro 100 Ballbesitze  (Saisonwert: 107.2). Ibaka blockt seit dem Trade (normiert auf 36 Minuten) vier Würfe pro Spiel. Das sind nicht so starke Zahlen wie die der Post-Anthony-Nuggets, jedoch sollte man Perkins’ defensiven Einfluss auf das Team abseits der Zahlen gar nicht hoch genug einschätzen. Sei es als jemand, der den Gegner einschüchtert, oder als jemand, der seine Mitspieler in der Verteidigung koordiniert. Oder eben Ibakas unglaubliche Blockfähigkeiten fördert. Es wird jedenfalls ein spannendes Aufeinandertreffen von zwei grundverschiedenen Centern, sowohl körperlich, als auch von der Psyche. Auf der einen Seite der extrem athletische und offensivstarke Nene, auf der anderen Seite der etwas schwerfällige, immer grimmig ausschauende Defensivanker der Thunder. Unterm Korb wird es  also gehörig zur Sache gehen. Da Perkins in den letzten Jahren gegen die Center der Magic oder Lakers einen sehr guten Job gemacht hat, bin ich optimistisch, dass ihm das gegen Nene ebenfalls gelingen wird; zur Not mit Hilfe von der Weakside (Serge Ibaka).

Jonathan Walker: Ein weiterer Vorteil Denvers ist deren unglaubliche Heimstärke. Die vom Heimpublikum unterstützten Nuggets und nicht zuletzt die dünne Luft in der “Mile High City” machen den Gegnern sehr zu schaffen, sodass die Nuggets seit dem Trade genau ein Spiel im Pepsi Center verloren, während sie elf gewinnen konnten. Die eine Niederlage fuhren sie ironischerweise ausgerechnet gegen die Thunder ein. Auch die haben ein tolles Heimpublikum, doch in der abgelaufenen Saison verloren sie elf Mal in Oklahoma City.

Fabian Thewes: Die Thunder verloren mit Perkins in der Starting-5 nur zwei Heimspiele. Eines gegen die Raptors, die man sicherlich unterschätzte, und das andere gegen die Milwaukee Bucks, als sich Coach Brooks dazu entschied, seine Starter zu schonen, und ein C-Team das Spiel beenden sollte. Wenn man auf die Heimbilanzen der Saison schaut, wird jedoch deutlich, dass nicht nur die Nuggets heimstark sind, die Thunder auch. OKC hat auf heimischem Grund eine 30:11 Bilanz, die Nuggets 33:8. Dass es ausgerechnet die Thunder waren, die den Nuggets die einzige Heimniederlage nach dem Trade zugefügt haben, ist für mich keine Ironie. Vielmehr zeigt es, dass die Oklahoma City Thunder zurecht als Favorit in die erste Runde gehen. Außerdem leitet sich aus der unglaublichen Heimstärke der Nuggets auch eine gewisse Auswärtsschwäche ab (Thunder 25:16, Nuggets 17:24). Selbst wenn die Serie also über sieben Spiele gehen sollte, was ich für gar nicht so unwahrscheinlich halte: Wer hat die größeren Chancen die entscheidende siebte Partie in Oklahoma City zu gewinnen?

Jonathan Walker: Vielleicht kommt es gar nicht zu einer entscheidenden Partie in Oklahoma City und die Nuggets “closen” die Serie bereits vorher zu Hause. Denn über eine Sache haben wir bisher noch gar nicht die gesprochen: die psychologische Komponente. Gemeint ist Folgendes: Das junge Team der Thunder geht erstmals als Favorit in eine Playoffserie und das kann einen gewaltigen Unterschied machen. Letztes Jahr waren die Thunder gegen die Lakers die klaren Außenseiter – und konnten überraschen. Dieses Jahr wird selbst Großes erwartet, zumindest aber ein (nicht gezittertes) Vorstoßen in Runde 2. Kann das Team mit diesen Druck umgehen?

Fabian Thewes: In der Tat kann diese Problematik wirklich zum Stolperstein für die Thunder werden.  Es ist wirklich fraglich, wie Westbrook, Harden, Ibaka & Co. mit dem Druck umgehen werden. Umso so wichtiger sind die Veteranen im Team: Nick Collison, Kendrick Perkins und  Nazr Mohammed. Während Collison über keine nennenswerte Playofferfahrung verfügt, standen Perkins und Mohammed in 68 beziehungsweise 44 Playoffpartien auf dem Parkett. Perkins war bekanntermaßen Teil der Starting-Five des Meisterschaftsteams der Celtics 2007/2008, und Mohammed spielte bei zwei Contendern als Stammkraft, bei den Spurs und Pistons in der Mitte des letzten Jahrzehnts, und holte mit Ersteren gar den Titel. Gar keine Sorgen mache ich mir um Kevin Durant. Er bewies letztes Jahr bei der WM in der Türkei, wie er mit Druck umgehen kann, als er nach seinen dominanten Vorstellungen zum MVP des Turniers gewählt wurde und das Team zum Titel geführt hat. Die Ausgangsposition der Nationalmannschaft  war ähnlich. Ebenfalls extrem jung, bestückt mit wenigen Veteranen. Zwar erwarteten die Beobachter zu Hause keinen dominanten Sieg wie beim “Redeem-Team” um LeBron James, Dwyane Wade und Kobe Bryant. Doch zum Selbstverständnis eines Team-USA gehört es immer, ein Favorit für einen Basketballtitel zu sein. Und es war Kevin Durant, der diesen Erwartungen gerecht werden konnte. Die Thunder sind zwar kein Favorit für die Championship in der NBA, für die erste Runde sieht es jedoch anders aus.

Jonathan Walker: Mir bleibt zum Ende noch auf einen Hinweis von ESPN-Statistik-Guru John Hollinger zu verweisen, der am Freitag geschrieben hat: “Seit der Saison 1983-84 sind die Serien zwischen den an 4 und 5 gesetzten Teams mit 27 zu 27 ausgeglichen; wenn man nur die  einzelnen Spiele betrachtet, haben die an 5 gesetzten Teams gar zwei Spiele mehr gewonnen.” Also ein gutes Omen für die Nuggets? Was denkt ihr?

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