New Orleans Pelicans

Ohne West im Westen

Im Basketball ist es so wie in jeder anderen Sportart: Siege sind grundsätzlich etwas Positives, steigern das Selbstbewusstsein und die Moral des (logischerweise siegenden) Teams und verbessern die Bilanz. Niederlagen hingegen sind etwas prinzipiell Negatives, verunsichern sie die Verlierermannschaft und mindern sie deren Chancen auf einen guten Record. Der 121-117-Sieg der New Orleans Hornets, mittlerweile sechs Tage zurückliegend, würde jedoch von keinem Hornissen-Offiziellen, -Spieler oder -Fan positiv angesehen werden. Denn obwohl Emeka Okafor mit einem unglaublichen Buzzerbeater die Overtime erzwingen und das Hornets-Team in der anschließenden Overtime „Eier“, wie man in der Volkssprache zu pflegen weiß, zeigen konnte, kam der Sieg das Team teuer zu stehen: Zweifacher All-Star, Teamstütze und erste Scoring-Option David West verletzte sich 22 Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit und riss sich die vorderen Kreuzbänder im linken Knie. Out for season, halbes Jahr Verletzungspause.

Der West’sche Wert

Wie in den drei Spielzeiten zuvor, war es auch in der Saison 2010/2011 David West, der einen der wichtigsten Spieler im Dress der „Bees“ darstellte. Es waren nicht nur die zweifellos wichtigen 19 Punkte, acht Rebounds und zwei Assists, die West jede Nacht zum Besten gab, sondern auch sein Dasein als Kämpfer und Anführer, der auch angeschlagen auf die Zähne biss und spielte; der dem Team als erste Anspielstation in der ansonsten auf Roundscoring ausgelegten Team-Offense diente; der zahlreich in entscheidenden Phasen des Spiels das Ruder an sich riss und der, last but not least, ein Hornet seit Beginn der NBA-Karriere war und somit als Identifikationsfigur für die Fans der Stadt New Orleans diente.

Deutlich wird dies auch bei einem Blick auf die advanced stats: West gehört zu den 25 besten Crunchtime-Performern, seine Feldpräsenz wirkt sich auf die Teamleistung positiv aus und der Mythos, West funktioniere nur mit Hilfe von Chris Pauls Pässen, wurde durch eine Karrieretiefstleistung in assisted Field Goals (der Wert ist unter anderem niedriger als der von Dirk Nowitzki oder Blake Griffin) endgültig widerlegt.

Man muss sich dabei David West mal ansehen: Er ist ein wenig „undersized“, ein wenig unathletisch, ein wenig überhastet in seinen Aktionen, ebenso wie zu langsam und nicht stark genug für den Kampf gegen viele Power Forwards. Nichtsdestotrotz hat er sich trotz seiner Schwächen das vielleicht größte Repertoire an Offensiv-Moves aller Vierer der Liga angelegt. Crossover, Step backs, Up-and-under-Bewegungen, Drehungen, Hakenwürfe, Zug zum Korb – und das alles gekrönt von seinem butterweichen Mitteldistanzwurf, der bis zur Dreierlinie fällt.

Der Sieg gegen Utah war ohne Zweifel wertvoll – insbesondere, wenn man sich den Kampf um die Playoff-Plätze im Westen ansieht –, aber so wertvoll, dass er den Einfluss eines David Wests für den Rest der Saison wert wäre? No Way. Betrachtet man die restlichen Spiele, kommt man zu dem Schluss, dass gerade in Anbetracht der Tatsache, dass fünf von acht Spielen gegen direkte Playoff-Konkurrenten stattfinden, eine Abstinenz David Wests einem Spagatversuch auf Messers Schneide für die Mannschaft gleicht.

Eine Saison in Rollercoaster-Manier

Das postulierte Saisonziel der Hornets war Minimum die erste Playoff-Runde. Wir rekapitulieren: Das Vorhaben, Franchise Player Chris Paul in New Orleans zu halten, wurde unter der Prämisse erreicht, dass man dem Superstars ein schlagfertiges Team an die Seite stellte, mit Hilfe von welchem er erfolgreich sein kann. Zu diesem Zweck wurde Rookie-Hoffnung Darren Collison im Sommer für Small Forward Trevor Ariza getradet, zu diesem Zweck musste der ebenfalls vielversprechende Marcus Thornton für Power Forward Carl Landry nach Sacramento abwandern; und zu diesem Zweck wurden auch Spieler wie Jarrett Jack, Willie Green, Jason Smith oder Marco Belinelli für verhältnismäßig geringen Gegenwert akquiriert.

Und das Team funktionierte, das Konzept des Headcoach-Debütants Monty Williams, verteidigungsstarken Energie-Basketball mit einer ausgeglichenen Truppe zu spielen, wurde lange Zeit erfolgreich umgesetzt. Die Hornets starteten unter anderem 9-0 in die Saison und konnten ebenfalls im Januar eine imposante Siegesserie hinlegen, in der sie zum wiederholten Mal bewiesen, dass diese ausgeglichene Truppe unangenehm zu bespielen war und einige potentielle Gegner in den Playoffs vor Probleme stellen könnte.

Im weiteren Verlauf der Saison verletzte sich Chris Paul am Nacken, Trevor Ariza pendelte sich bei konstant schlechten Leistungen zwischen Verletzungsproblemen und 1-12-Feldwurfquoten ein und die ansonsten so funktionierende Teamdefense offenbarte zahlreiche Löcher und Unkonzentriertheiten. Als ob es Ironie in sich selbst wäre, waren gerade die Neuhornissen Jack und Landry die einzigen Akteure, die in der Schwächephase, in der 14 von 22 Spielen verloren wurden, überzeugen konnten.

Nun, pünktlich zum Playoff-Kampf, war man bereit, kündigte man an. Man wollte es als Fan gar glauben, war das Team ohnehin eine in Rollercoaster-Manier spielende Sinuskurve und stets in der Lage, aus Formtiefs darauf folgende Siegesserien zu erzielen. Die Leistungen gegen die Phoenix Suns und Utah Jazz sprechen ebenfalls eine eindeutige Sprache: zwar nicht ganz souverän, aber mit der richtigen Einstellung konnten diese immens wichtigen Wins erzielt werden. Die Hoffnung auf eine vielleicht potentiell mögliche starke erste Playoff-Runde ließ Hornets-Fan schon gespannt gen Postseason blicken.

Sein oder Nicht-Sein, das ist hier die Frage

Nun ist also alles anders. Nicht nur, dass der Kampf um einen der acht begehrten Playoff-Slots ein verdammt harter wird, sind die Aussichten auf einen Achtungserfolg in der Runde der letzten 16 verdammt schlecht. Als Gegner in der ersten Runde drohen die Los Angeles Lakers oder San Antonio Spurs – in beiden Fällen ein denkbar schlechtes Los. Die Wunschgegner der Hornissen, Oklahoma City und die Dallas Mavericks, wären nur im Fall einer Verbesserung der eigenen Position in Reichweite. Und davor stehen Portland, zwei Mal Memphis, Indiana, Houston, Phoenix, Utah und Dallas auf dem Speiseplan. Essenspausen im Falle einer Übersättigung? Sind nicht drin.

Sowohl die Portland Trail Blazers als auch die Memphis Grizzlies sind dabei besonders formstark momentan, die Jazz sind ein traditioneller Angstgegner der Hornets und – allgemein betrachtet – sind die Mehrzahl der restlichen Gegner, sieht man auf ihre Position, selbst unter Druck.

Besonders wichtig in diesem Zusammenhang erscheint die Verpflichtung Carl Landrys im Februar. Dieser hat das Format, ein legitimer Starter zu sein und ist einer der wenigen von der Bank kommenden Power Forwards, die einen solchen Ausfall zumindest partiell kompensieren können. Auf Landry wird ein großer Druck lasten; seine Ankunft war Gold wert und auf ihn werden große Stücke gesetzt. Ebenfalls Emeka Okafor und Jason Smith sind nahezu dazu verpflichtet, ihre Verfassung vom Saisonbeginn wiederzufinden und in die Bresche zu springen.

Die letzten Spiele der Hornets sind wegweisend – sie werden die Frage nach der Zukunft der Franchise beantworten und zeigen, inwieweit dieses Team für ihren Verbleib kämpfen will. Sein oder nicht Nicht-Sein, das ist hier die Frage.

Eine Verletzung, die Schatten wirft

Doch der Ausfall Wests hat – man mag es nicht glauben – noch viel größere Bedeutung für die Franchise New Orleans. Da mit ihm der Teamerfolg auf lange Sicht steht und fällt, wäre ein Verpassen der Playoffs fatal. Nicht nur, dass man der finanzschwachen Region um New Orleans einen weiteren potentiellen Anreiz für Erhaltungsinvestitionen in die Franchise verschaffen würde, und folgerichtig die Relevanz der Hornets in der ansonsten so Saints-fixierten Stadt erhöht werden könnte, nein, auch personell würde sich einiges ändern.

So muss man als New Orleans-Fan ungeschönt in eine dunkle Zukunft blicken. Das talentierte Guard-Duo Collison/Thornton hat man für sofortigen Erfolg getradet, und was zurückzubekommen? Eine Never Come Back-Airline zum Rebuild. Denn de facto sollte man realisieren: Der Vertrag des nun verletzten David Wests läuft ebenso aus  (obwohl es nun wahrscheinlicher ist, dass West seine Option nicht zieht) wie der von Star-Point Guard Chris Paul. Während der Power Forward den bemühten Lockrufen von Hornets-General Manager Dell Demps, der den Vertrag von West während der laufenden Regulären Saison zu verlängern versuchte, zielstrebig „contra“ gab, und allen Anscheins nach andere Märkte sondieren will, bereitet sich die halbe Liga auf den Umzug Chris Pauls vor: dass dieser auf den Balztanz des Geldes, Großmarktes und Erfolgs bei den New York Knicks eingehen könnte, scheint immer realistischer, erst recht, wenn man sich anschaut, wie die mittelfristigen Erfolgschancen auf ein potentielles Contender-Dasein stehen. New Orleans ist nicht mit außerordentlich viel Talent gesegnet, Free Agents gehen ungerne in den Süden und Franchises aus großen Märkten formieren sich zu Großmächten, die den Titelkampf in den nächsten Jahren unter sich entscheiden dürften. Eine nie bekannte Zweiklassengesellschaft spaltet die Liga, New Orleans befindet sich noch in der Mittelschicht.

An der Art und Weise wie die Hornets den Ausfall ihres Stars kompensieren, hängt also die Zukunft des Basketballstandorts New Orleans ab. Denn kann Erfolg nicht sichergestellt werden, so blicken nicht nur Chris Paul und David West in eine unsichere Zukunft, sondern die ganze Franchise der Hornets. An Siegen wie dem am letzten Donnerstag wird sich kein Hornets-Fan erfreuen. Es sind eher die Sorgenfalten, die das Dasein als Anhänger der Hornissen dieser Tage prägen. Es bleibt nur zur hoffen, dass Carl Landry (und der Rest des Teams) den Ausfall so gut wie möglich kompensieren und die Mannschaft einen Überraschungserfolg landen kann, welcher beide All-Stars zu einem Verleib überstimmt. Denn ansonsten fliegen die Hornets bald mit gebrochenen Flügeln – und wahrscheinlich nicht mehr in New Orleans.

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1 comment

  1. Hassan Mohamed

    Wirklich ziemlich ärgerlich. Einen Upset in der ersten Runde hätte ich nicht komplett ausgeschlossen. Den Spurs konnte man ja bspw. 2008 in den WCSF sieben Spiele abringen – und die Teams sind ja weiterhin relativ ähnlich.

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