Draft

No Turner? No Problem!

Photo: AmyMo (Lizenz)

Die letzte Saison der Ohio State Buckeyes war eine ordentliche. Angeführt vom National Player of the Year Evan Turner stand nach einer langen Spielzeit 09/10 eine Bilanz von 24 Siegen bei 7 Niederlagen zu Buche. Man gewann die Conferencekrone der Big Ten und erreichte im Tournament die Runde der letzten 16. Allerdings verlor das Team im Sommer seinen überragenden Akteur. Turner, der letzte Saison außerirdische 20 Punkte, 9 Rebounds und 6 Assists im Schnitt auflegte, wurde an zweiter Stelle des NBA Drafts von den Philadelphia 76ers gezogen und wanderte somit in die amerikanische Profiliga ab (Go-to-Guys  besprach seinen bescheidenen Saisonstart). Dennoch steht die Mannschaft zu diesem Zeitpunkt des Jahres sogar besser da als in der vorherigen Spielzeit und musste sich bis dato erst zweimal geschlagen geben. Wie kann das sein? Dazu legen wir das Team einmal unter das Mikroskop und schauen genauer hin.

Der Kader

Ohio State hat noch immer sehr fähige Spieler in seinen Reihen:

Der Kopf des Teams ist Fifth-Year-Senior David Lighty. Der Flügelspieler, der 2006 in einer Recruiting-Class mit den NBA-Spielern Greg Oden, Mike Conley Jr. und Daequan Cook nach Columbus kam, ist bei weitem der dienstälteste Spieler im Kader der Buckeyes. Über 145 Collegepartien inklusive einem Tournamentritt bis in das Championship-Game 2007 stehen auf seinem Resümee. Der offensiv meist als purer Slasher agierende Veteran trifft seit dem letzten Jahr auch den Dreier recht sicher. Wirklich wertvoll macht ihn aber erst der Fakt, dass er ein wahrer Glue-Guy ist. Ein Spieler, der sein Team im Innersten zusammen hält. Außerdem weiß er durch ausgezeichnete Defense zu überzeugen. Auf dem Unilevel kann er alle Positionen bis zur Vier mit Bravour verteidigen. Diese Qualitäten könnten ihn zu einer passablen Option in der zweiten Runde des NBA Drafts 2011 werden lassen.

Der Senior-Flügelspieler Jon Diebler ist dieses Jahr der Dauerbrenner der Buckeyes. Er hat bisher 87% aller für ihn möglichen Minuten auf dem Parkett gestanden und noch kein Spiel verpasst. Diebler ist ein tödlicher Shooter, der klassisch aus dem Spot-up heraus hochprozentig seine freien Würfe einnetzt. Seine Effizienz zeigt sich, wenn man einen Blick auf seine True Shooting Percentage wirft. Hier besitzt er mit 69,5 TS% den viertbesten Wert aller am College tätigen Akteure. Außerdem hat er im letzten Spiel gegen Purdue am 20.2. den 333sten Dreier seiner Unikarriere versenkt und ist damit alleiniger Rekordhalter der Big Ten in der Kategorie „Threes Made“. Nur den Weg zum Korb findet Diebler zu selten, woran er allerdings in den letzten Spielen stark gearbeitet hat.

Dallas Lauderdale verbringt nun auch schon sein viertes Jahr mit den Buckeyes und ist der Mann für das Grobe. Der 2,03m große Bigman soll vor allem Rebounds sichern, Blöcke stellen und ab und an Fouls austeilen. Seine unglaubliche Armspannweite von 2,28m erlaubt es ihm außerdem, einer der besten Shotblocker der NCAA zu sein, obwohl seine Körpergröße eher unterdurchschnittlich ist. Die Blks% weist ihn als einen der 20 besten Spieler auf diesem Gebiet aus. Offensiv beschränkt sich Lauderdale auf Putbacks oder aus Durchsteckern resultierende Dunks. Endphasen von knappen Spielen verbringt er allerdings grundsätzlich auf der Bank. Seine grausame Freiwurfquote von 32% lässt dem Coach keine andere Wahl.

Photo: jmcmann (Lizenz)

Der Junior-Guard William Buford ist der wohl kompletteste Offensivspieler im Kader und mit knapp 14 Zählern im Schnitt zweitbester Punktesammler der Mannschaft. Er kann, wie seine Flügelkollegen, auch sicher den Dreier einnetzen und per Drive punkten. Allerdings hat er auch ein Midrangegame und trifft als einziger Buckeye konstant Würfe aus dem Dribbling. Außerdem ist er der primäre Ballhandler, wenn kein Aufbau auf dem Feld steht.

Jared Sullinger ist wohl der bekannteste Spieler der Ohio State University, wird der Freshman doch als zukünftiger Lottery-Pick gehandelt und sogar in Diskussionen zum National Player of the Year 2011 öfter einmal genannt. Der etwas zu klein geratene Power Forward wiegt gute 125kg bei einer Körpergröße von 2,03m und ist ein echter Zonenwühler. Er liebt das Spiel mit dem Rücken zum Korb und kann im Lowpost wegen seinem großen Repertoire an ausgefeilten Bewegungen und dem klugen Einsatz seiner eigenen Körpermasse fast nach Belieben punkten. Zudem ist er ein ordentlicher Rebounder. In der Verteidigung macht sich allerdings sein Körperbau bemerkbar. Wegen der fehlenden Zentimeter können manche Gegenspieler über ihn hinweg werfen. Seine gewichtsbedingte Schwerfälligkeit lässt ihn als Help-Defender und als Verteidiger im Pick-and-Roll oft schlecht aussehen.

Aaron Craft ist auch Teil der diesjährigen Recruiting-Class und der erste Spieler, der von der Bank kommt. Der Freshman-Aufbau ist ein klassischer Pass-First-Point-Guard. Dies ist wohl dem Fakt geschuldet, dass Craft an der High School lange auch als Football-Quarterback die Farben seiner Schule vertrat. Auch er besitzt einen netten Wurf mit Range bis zur Dreierlinie und kann mit seinem schnellen Antritt jederzeit für gefährliche Drives sorgen. Zudem ist er schon jetzt der beste On-Ball-Defender der Buckeyes. Schnelle Fußarbeit erlaubt es ihm hierbei vor jedem Gegenspieler zu bleiben und viele Charges zu forcieren.

Der siebte Rotationsspieler ist der Freshman-Forward Deshaun Thomas. Er wäre an anderen Colleges wohl Startermaterial, muss sich aber in Columbus wegen der großen Konkurrenz auf dem Flügel mit einem Bankplatz zufrieden geben. Thomas ist einer dieser Spieler, denen man das Scoring-Gen in die Wiege gelegt hat. So haben in der Geschichte seines Heimatstaates Indiana nur zwei Spieler mehr Punkte für ihre High School erzielt als Thomas. Coach Matta weiß diese Qualität zu schätzen. Er nutzt seinen Schützling auch dementsprechend als Instant Offense und gibt ihm auf dem Feld alle Freiheiten. Kommt Thomas auf das Feld, bekommt er sofort den Ball in die Hand. Deswegen hat er auch die höchste Usage-Rate aller Buckeyes.

Der Rest des Kaders ist zu vernachlässigen. Coach Matta vertraut auf diese Sieben-Mann-Rotation und ließ diese in dieser Saison mehr als 80% aller möglichen Minuten abreißen.

Der Coach

2004 kam Thad Matta, nach vorherigen Arrangements bei Butler und Xavier, nach Columbus und ist seitdem als Übungsleiter der Buckeyes im Amt. Während seiner nun schon 7 Jahre andauernden Regentschaft hat Ohio State fast 77% seiner Spiele gewonnen. Dies spricht für erfolgreiches Coaching. So kann Matta bereits schon auf eine Final-Four-Teilnahme und mehrere Big Ten Championships zurückblicken, auch wenn er 2007 nach dem wichtigsten Spiel seiner Karriere Gators Coach Billy Donovan zum Titel gratulieren und den Florida-Spielern Joakim Noah, Corey Brewer und Al Horford beim Abschneiden der Netze zusehen musste. Matta gilt taktisch nicht unbedingt als der gewiefteste Coach in der Unilandschaft, aber ist dafür einer der besten Recruiter in der Collegewelt. Er lotste auch nach der einmaligen Freshman-Class von 2006, die Greg Oden und Mike Conley Jr. beinhaltete, weitere erstklassige Talente nach Ohio. Mit Kosta Koufos, BJ Mullens und Evan Turner produzierte er weitere NBA-Spieler und hat auch für die kommende Saison bereits die McDonalds-All-Americans Shannon Scott und Amir Williams verpflichtet.

Die Taktik

Photo: dorn (Lizenz)

Bei der Spielweise hat sich im Vergleich zum letzten Jahr einiges getan. In der vorherigen Saison war es Evan Turner und nur Evan Turner, der in der Offensive das Zepter schwang. Seine Usage-Rate von 35% zeigt auf, wie balldominant der ehemalige Star der Buckeyes war. Er kreierte meist aus dem hohen Pick-and-Roll heraus und versuchte durch den Drive zu Punkten zu kommen oder aber freie Mitspieler zu finden. Diese Spielweise war teilweise erfolgreich, aber irgendwann zu ausrechenbar. So gut Turner als Flügelspieler gewesen sein mag, es fehlte immer eine echte Zonenpräsenz, um die guten Schützen freizuspielen. Diese ist dieses Jahr nun aber in Form von Jared Sullinger vorhanden und wird von Coach Matta auch konsequent genutzt.

Sullinger ist darauf gedrillt, in jedem Positionsangriff sofort eine aussichtsreiche Postposition zu beziehen und den Ball zu fordern. Diesen erhält er dann auch meist und geht sofort an die Arbeit, indem er seinen massigen Körper nutzt, um sich den Weg zum Korb zu bahnen. Hierbei ist zu beachten, dass Sullinger auf dem Collegelevel eine echte Naturgewalt ist, die gedoppelt werden muss. Dies sorgt natürlich für viel Platz für die gefährlichen Schützen, von denen zu jedem Zeitpunkt im Spiel der Buckeyes mindestens drei auf dem Feld zu finden sind. Die vielen offenen Würfe sorgen dafür, dass mit Lighty, Diebler, Buford und auch Craft gleich vier Akteure mehr als 38% ihrer Schüsse von hinter der Dreierlinie treffen. Außerdem öffnet die Präsenz von Sullinger auch Räume für harte Drives der Flügelspieler, die den Platz zu nutzen wissen. Auf komplizierte Sets verzichtet die Offense von Thad Matta weitestgehend. Er vertraut auf die guten Entscheidungen seiner klugen Einzelspieler, die es zumeist schaffen, einen guten Spielfluss aufrechtzuerhalten und vor allem wenig Turnover zu produzieren. Daraus resultiert ein ausbalancierter Angriff, in dem vier Spieler im Durchschnitt 11 oder mehr Punkte erzielen. Dieses „Keep-It-Simple“-System funktioniert für Ohio State sehr gut, besitzt man doch laut den Statistikern die zweiteffizienteste Offense im ganzen Land.

Photo: mikemac29 (Lizenz)

Viel wichtiger ist in dieser Saison aber, dass  sich auch die Verteidigung vom Niveau her in ähnlichen Sphären befindet. Die Advanced Stats haben die Buckeyes auch in der Defensive Efficiency in der Top 10 aller Collegeteams gelistet. Nun fragt man sich allerdings, wie Coach Matta dies macht, wo er nicht mehr wie vor einigen Jahren einen wahren Defensivanker namens Greg Oden im Team hat, sondern meist den behäbigen Sullinger als letzten Mann zwischen gegnerischem Spieler und Korb stellen muss. Die Antwort auf diese Frage beinhaltet mehrere Faktoren. Zuerst verzichtet Coach Matta in dieser Saison auf die Zonenverteidigung und lässt ausschließlich Man-to-Man-Defense spielen. Es wird so konstanter Druck auf den gegnerischen Ballhandler ausgeübt und dieser zu Fehlern/Ballverlusten gezwungen. Die Erfahrung und flinken Hände der Perimeterplayer helfen hierbei sehr. Außerdem sind alle Spieler der Starting Five größer als 1,95m. Dass Körperlänge beim „Hand-ins-Gesicht-des-Gegenspielers-bringen“ hilft, sollte klar sein. Der Größenvorteil und die Agilität der Flügelspieler kommen auch besonders nach Screens am Perimeter zum Tragen. Diese beiden Vorteile ermöglichen es, in manchen Fällen die Gegenspieler zu „switchen“ ohne sofort einem Mismatch ausgesetzt zu sein. Der wichtigste Bestandteil der Buckeyes-Defense ist allerdings das Mantra „Fouls sind schlecht!“, welches Thad Matta seiner Truppe tagtäglich einbläut. Er besteht darauf, dass wenn ein Spieler foult, er im Vorhinein (auch abseits des Balls) keine gute Verteidigungsarbeit geleistet hat. Manche Videosession beschäftigt sich nur mit der Auswertung von begangenen Fouls und wie diese sich in Zukunft verhindern lassen. Diese Denkweise birgt zwei große Vorteile für das eigene Team. Zum einen hält man die eigenen Spieler aus Foultrouble heraus. Dies ist sehr wichtig für Ohio State, die nur eine sehr kleine Rotation spielen lassen wollen. Zum anderen serviert man dem Gegner keine leichten Freiwurfpunkte auf dem Silbertablett. Die Buckeyes haben diese Taktik absolut verinnerlicht, begehen kaum Fouls und lassen die mit Abstand wenigsten Trips zur Charity-Stripe zu.

Ausblick

Ohio State hat sich bisher als wohl dominantestes Team der Spielzeit präsentiert. Die beiden, bis zu diesem Zeitpunkt einzigen, Niederlagen hat man sich jeweils in fremden Hallen abgeholt und das in Spielen, in denen man nicht zwingend der Favorit war. Mit diesem Resümee hat man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im März einen #1 Seed sicher und geht als gesetzter Kopf einer Tournamentregion in das NCAA-Tunier. Behält man die aktuelle Form bei, hat man dann eine große Chance auf ein erneutes Final Four und ein gehöriges Wörtchen mitzureden, wenn es um den Titel geht.

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6 comments

  1. Hassan Mohamed

    Verstehe ich es richtig, dass die Starting-Five im Grunde ohne wirkliches Playmaking bzw. ohne einen wirklichen Playmaker zurechtkommt?

    Denkst Du, dass dies eventuell in kritischen Situation im Tournament – wenn man einen Lenker und Denker braucht – zu einem Problem werden könnte?

  2. Tobias Berger

    |Author

    Ja, das hast du richtig verstanden. Die Buckeyes starten meistens mit dem Line-up Buford – Diebler – Lighty – Sullinger – Lauderdale und haben dann zunächst Buford und Lighty als primäre Ballhandler auf dem Parkett. Allerdings wird dann Craft immer recht schnell für Lauderdale eingewechselt. Damit hat man dann seinen Aufbau auf dem Feld. Dieser sieht auch annähernd das Doppelte an Spielzeit im Vergleich zum Buckeye-Center.

    Craft ist wegen seiner netten Verteidigung und wegen Lauderdales Freiwurfschwäche fester Teil des Crunchtime-Line-ups. Man hat also keine Playmaking-Probleme gegen Spielende. Es könnte im Tournament aber ein Problem sein, dass Craft ein Freshman ist (,auch wenn er meist nicht so spielt). Erfahrung ist immer ein wichtiger Teil einer langen Tunierreise. Beispielsweise gewann ja Senior – Aufbau Jon Scheyer letztes Jahr den Titel und nicht Freshman John Wall.

  3. Das Pfaff

    Wie siehst du denn die Chancen der Buckeyes im Big Ten Tournament?
    Nachdam sie ja beide Niederlagen auswärtz gegen Top-teams kassierten, könnte die nächste gegen Purdue (mit Heimfans) im Finale folgen!?
    Ich hoffe, dass die eventuelle Niederlage OSU nicht aus den #1-Seed(s) werfen wird… da man ihn dem Fall doch deutlich schwerere Gegner bekommen könnte!

  4. Tobias Berger

    |Author

    Ohio State als bestes Team in der regulären Saison ist sebstverständlich auch der Favorit auf den Titel im Big Ten Tournament. Ich gehe davon aus, dass sie weit kommen werden. Ob es zum Titel reicht muss man sehen.

    Schaut man auf die letzten Jahre sieht man, dass auch durchaus schlechtere Mannschaften weit kommen können. 2010 war mit Minnesota ein #6 Seed im Finale und 2008 gar ein #10 Seed aus Illinios. Diese schwächeren Teams haben für das Big Ten Tournament eine ganz andere Motivation. Gewinnt man es hat man ja einen Platz beim Big Dance sicher. So haben Mannschaften, die noch nicht einmal “on the bubble” sind noch eine letzte Chance.

    Für das Seeding von OSU beim NCAA Tournament dürfte das Big Ten Tunier keine Auswirkungen haben. Bis dato sind sie der sicherste #1 Seed.

  5. Das Pfaff

    was ich noch ganz kurz loswerden wollte:
    Ist irgendjemand aufgefallen wie ruhig Sullinger gestern gespielt hat?
    Man vergleiche mal sein Verhalten zu Dwight Howard, der ja ein T nach dem anderen bekommt… aber Sullinger lobt am Ende sogar noch das andere Team für die harte Spielweise, obwohl er sich locker darüber beschweren könnte dass er in der regulären Spielzeit keine Foulpfiffe bekommen hat!

    Das zeichnet einen großartigen Spieler aus!

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