Alltimers, Salary Cap / CBA

Die Singularität der NBA-Offseason

Eine Spätsommeranalyse

Die Offseason 2016 stand ganz im Zeichen des ansteigenden Caps, der dazu führte, dass nahezu alle Teams mit Gehaltsspielraum agieren konnten, lediglich die Los Angeles Clippers hatten so viele garantierte Verträge angehäuft, dass sie nur mit den Exceptions arbeiten konnten.

Ende September kann zumindest eine erste Auswertung vorgenommen werden, inwiefern der sofortige Cap-Anstieg sinnvoll war oder ob die Liga und die NBPA nicht lieber das so genannte „Smoothing“ hätten anstreben sollen: ein gleitender Übergang zum neuen Salary Cap, um den jetzigen explosionsartigen Sprung zu verhindern.

Die Gründe fürs Smoothing waren einleuchtend und für beide Parteien sinnvoll: Die Franchises hätten weniger große Verträge aushändigen können (obwohl letztlich über die Anpassungen und ESCROW doch das Geld die Spieler erreicht hätte) und die Spieler, die keine Free Agents geworden sind, hätten bei einer behutsamen Anpassung des Salary Caps auch in den Folgejahren noch vom Anstieg des Caps profitieren können.

In diesem Punkt verlief der Sommer, wie es zu erwarten war: Rollenspieler werden überbezahlt, die Fans schreien auf oder belächeln die Deals, aber Ende Juli hat nahezu jedes Team das zur Verfügung stehende Geld verteilt. Lediglich Philadelphia, Denver und Brooklyn haben weniger als 80 Millionen in ihren Kader investiert. Die drei Franchises sind momentan clever oder unattraktiv für Free Agents – oder beides.

Aber ist es denn wirklich so sinnvoll, Cap Space zu behalten? Die kurze Antwort lautet nein. Die lange ist komplizierter und besteht zumeist aus Einzelfallprüfungen. Beide Seiten haben ihre Argumente und sollen heute auch zu Wort kommen. Der positive Einzelfall ist leicht zu finden: die Golden State Warriors.

Die Einzigartigkeit dieses Sommers

Vor der Offseason war klar, dass die Warriors Harrison Barnes verlängern müssen, um ihren schon sehr gut zusammengestellten Kader zusammenzuhalten. Dafür hätte man – mit Andrew Bogut – über den Cap Space gehen müssen. Niemand hätte diesen Move kritisiert. Das Team ist Contender und jeder Rollenspieler, der an das Team gebunden werden kann, ist hilfreich. Da die Dallas Mavericks Barnes einen Maximalvertrag angeboten haben, hätte dieser besser bezahlt werden müssen als Steph Curry – ohne die Zusage von Kevin Durant hätte Golden State aber sicherlich den Vertrag gematcht. Man hätte keinen Ersatz für Barnes bekommen, solange Andrew Bogut noch ein Warrior war.
Aber es kam natürlich anders: Kevin Durant sagte zu, die Warriors wurden Andrew Bogut los und ließen das Offer Sheet von Harrison Barnes ungematcht. Direkt danach konnte man die Room Exception in Zaza Pachulia investieren und war dabei offiziell oberhalb des Salary Caps. Dass für einen Superstar der komplette Cap Space aufgebraucht werden sollte, ist sicherlich keine neue Erkenntnis. Auch dass man ruhig Luxury Tax für ein Team zahlen sollte, das nachweislich rentabel und erfolgreich ist.

Kritisch bei der Verpflichtung Durants ist nur, dass die NBPA durch das Blockieren des Smoothings das Signing Durants erst möglich machte. Eine Weiterverpflichtung Barnes‘ bei gleichzeitigem Halten Boguts (den Trade hätte man wahrscheinlich nicht gemacht – oder Festus Ezeli bezahlt) hätte beim alten Salary Cap die Warriors prozentual nah an die Luxury Tax gebracht. Das Team wäre potentiell schlechter gewesen als mit Durant. Mit diesem ist man jedoch gerade so über den Salary Cap hinausgegangen – eine finanziell weit komfortablere Situation.

Die Staransammlung in Oakland erreicht vor allem deswegen eine neue Dimension, weil man einen vierten Star hinzufügen konnte. Sicherlich spielt auch der Vertrag Currys eine große Rolle, der nun nur das vierthöchste Gehalt innerhalb des Teams kassiert. In der Vergangenheit war eine Star-Ansammlung in diesem Ausmaß schlicht nicht möglich. Wenn wir uns an den Zusammenschluss des Superteams in Miami 2010 erinnern, wissen wir, dass Wade und Bosh sogar auf etwas Gehalt verzichten mussten, um alle Verträge im Salary Cap unterzubringen. Die Heat starteten im Prinzip mit drei Stars und Minimumspielern. Dass dies trotzdem der richtige Weg war, zeigen vier Finalteilnahmen in Folge. Allerdings erschwerte der Salary Cap die Superstar-Cluster zu diesem Zeitpunkt. Der Cap-Sprung in dieser Saison begünstigt diese.

Um zu verdeutlichen, wie einzigartig diese Situation ist, muss man sich klar machen, dass die exakt selbe Situation (Durant wird Free Agent), im Vorjahr und im Folgejahr zu 100% nicht dasselbe Ergebnis zutage gebracht hätten. Vor einem Jahr hätte Golden State einfach keinen Cap Space gehabt. In der Offseason 2017 wäre Barnes bezahlt gewesen. Aber auch wenn Barnes in jedem Szenario hätte bezahlt werden müssen, hätte es nur in diesem Sommer funktioniert. Golden State profitiert in singulärem Maße von den Umständen.

Es ist nun eine philosophische Frage, inwiefern die Liga Superteams haben möchte und ob ein Modell wie bei den Warriors erwünscht ist. Die Historie zeigt, dass diese vor allem geholfen haben, die NBA noch besser zu vermarkten. Die LeBron-Heat waren die größten Feinde, die es zu besiegen galt – und dies sorgte dafür, dass sich noch mehr Menschen für die NBA interessierten. Aber dies ist nur das jüngste Beispiel. Die Geschichte der Liga ist eine Geschichte der Superteams: die Russell-Celtics, die Showtime-Lakers, Birds Celtics – und vor allem die Jordan-Bulls. Die Teams, die Rekorde aufstellen, multiple Meisterschaften erringen und die Liga dominieren, hatten schon immer eine faszinierende Wirkung auf die Menschen.
Aus Ligagesamtsicht und aus dem Blickwinkel der Wirtschaft sind die Warriors vielleicht sogar ein Glücksfall. Es verkauft sich nichts besser als die Geschichte vom übermächtigen Goliath – dabei ist es egal, ob der David siegt oder verliert. Der normale Fan will diese Superteams sehen, sich mit ihnen identifizieren und vielleicht dem Sport treu bleiben.

Der einzelne Franchiseeigentümer will allerdings mit Sicherheit nicht, dass sein Team nun auf ein sportliches Überteam trifft. Ebenso könnten Hardcore-Fans auch gelangweilt werden – aber dies wurde auch 2010 befürchtet. So unaufhaltsam präsentierten sich die LeBron-Heat dann doch nicht.

Dennoch ist es sportlich und finanziell sehr sinnvoll gewesen, dass die Warriors ihren gesamten Cap Space aufbrauchten, um Kevin Durant zu bezahlen. Es gibt aber auch Negativbeispiele in dieser Offseason.

Die Kurzsichtigkeit der Planung

Es gibt auch gute Gründe, die gegen ein maximales Ausreizen des Gehaltsspielraums sprechen. Generell handeln smarte General Manager so, wie es auch Neil Olshey in Portland tat: Besitzt man zu Beginn der Offseason ein gutes Team und hat zudem Spieler mit niedrigen Cap Holds im Kader, gibt man zunächst den restlichen Cap Space aus und verlängert dann per Bird Rights seine Free Agents, um weit über den Cap zu gehen und mehr Rotationsspieler zur Verfügung zu haben.

So ist es in Portland auch geschehen: Zuerst wurde Evan Turner verpflichtet, danach Allen Crabbe gematcht und als Bonus CJ McCollum fürs kommende Jahr per Maximalvertrag verlängert. Aus Sicht des CBAs war dies geschickt – fraglich ist nur, ob Olshey sich wirklich die richtigen Spieler herausgesucht hat, um so weit über den Cap zu gehen. Fest steht, dass Portland in diesem Jahr nur ganz knapp der Luxury Tax entgehen wird – um ein paar Dollar.

Fest steht auch, dass man im nächsten Jahr keinen Cap Space hat, sich eigentlich schon nahe der Luxussteuergrenze befinden wird – und trotz einiger auslaufender Verträge mindestens 123 Millionen Dollar für das Team zahlen muss. Das wäre wahrscheinlich das teuerste Team; in diesem Jahr leisten sich die Blazers bereits den zweitteuersten Kader hinter Meister Cleveland. Erschwerend kommt noch hinzu, dass bei diesen 123 Millionen noch nicht berücksichtigt sind, dass Miles Plumlee Free Agent wird und Festus Ezelis zweites Vertragsjahr noch nicht garantiert wurde. Zum jetzigen Zeitpunkt wird Portland abermals viel Geld in die Hand nehmen müssen, um die Minuten auf der Fünf adäquat abdecken zu können. Eine Payroll bis zu 150 Millionen scheint nicht unrealistisch! Das bedeutet dieses Mal, dass Eigentümer Paul Allen eine gehörige Summe an Luxussteuern zahlen muss.

Aber der ehemalige Mitbesitzer von Microsoft ist steinreich und begeistert – an ihm scheitert so ein Vorhaben nicht. Wieso war es trotzdem ein klarer Fehler, so zu agieren? Die offensichtliche Antwort ist hier die richtige: Weil Portland kein Contender war und es nach den Deals keinesfalls ist. Man hatte vor der Saison klare Baustellen: Defense auf den kleinen Positionen, weil sowohl Lillard als auch McCollum unterdurchschnittliche Verteidiger sind – sie ließen mit fast 38% Dreier überm Bogen die höchste Prozentzahl aller NBA-Teams zu. Generell gehörte Portland zu den zehn schlechtesten Verteidigungen der NBA. Dies liegt auch daran, dass man sich wohl gänzlich auf die Verteidigung des Ringes beschränkte und dort gut abschnitt, aber sobald ein Sprungwurf vom Gegner genommen wurde, hatte Portland erhebliche Probleme. Zum Dreier gesellen sich auch miserable Werte in der Midrange und der Zone (außerhalb des Ringes). Fraglich ist hier vor allem, ob Evan Turner wirklich als designierter Stopper verpflichtet werden sollte. Ansonsten änderte sich am Personal auf den kleinen Positionen gar nichts.

Eine Überlegung wäre gewesen, dass man statt Turner einen Big verpflichtet, der mobil ist und vor allem das Pick’n’Roll verteidigen kann. Portland wurde in der vergangen Saison am drittmeisten von Pick ‘n‘ Roll Ballhandlern attackiert und verteidigte ligaweit diesen Angriff am zweitschlechtesten. Auch der Roll Man wurde vom gegnerischen Teams ehr oft gefunden und schloss leicht überdurchschnittlich ab. Olsheys Gedanke war wohl, dass Turner die Ballhandler stoppen könnte – was ihm in Boston in begrenzter Possessionanzahl gelang. Fraglich ist nur, ob Lillard oder McCollum off-ball dann wirklich versteckt sind. Im letzten Jahr spielten beide nebeneinander – das Ergebnis ist bekannt.

Olshey hätte hier auf einen Big setzen sollen, der das Pick ‘n‘ Roll verteidigen und switchen kann, um Lillard zu entlasten. Die Umstellung für Lillard, nun abseits des Balls zu verteidigen, könnte noch gefährlicher für Portland werden. Hätte man also Biyombo oder Mahinmi Turners Geld gegeben, damit Ezelis Vertrag obsolet gemacht, Crabbe gematcht und für die nächsten Jahre keine Veranlassung gesehen, Plumlee (oder im Jahr danach Davis oder Ezeli) bezahlen zu müssen, wäre dieses Team nicht so festgefahren, wie es scheint.

Portland zahlt laut momentanem Stand auch 2018/19 mindestens 120 Millionen – ohne Verlängerungen. Man hat sich auf dieses Team festgelegt. Die Verträge von Turner, Crabbe oder auch McCollum können momentan auch nicht als Asset gesehen werden. Sie sind (zu) hoch und haben eine zu lange Laufzeit. Das Team überraschte eher und muss noch beweisen, dass es überhaupt ein klares Heimrecht-Team in den Playoffs ist.

Stand heute hat Portland sich nicht nur in diesem Sommer verspekuliert, sondern sich seine Zukunft mittelfristig auch verbaut, weil der Cap-Anstieg nicht sinnvoll genutzt wurde.

Wären Änderungen nötig gewesen?

Aus Sicht der Warriors und auch aus dem Blickwinkel der Blazers sollte die Antwort eigentlich nein lauten. Portland wurde zu keiner der Transaktionen gezwungen. Sie haben sich zu einem Weg entschieden, der kritisch gesehen werden muss. Eine Anpassung der bestehenden Strukturen ist – aus Sicht der General Manager – nicht nötig. Es gibt aber eine andere Personengruppe in der NBA, die durch diese Offseason massiv benachteiligt wurden: Spieler, die keine Free Agents waren. Es ist aus Sicht der NBPA nicht zu verstehen, wieso man sich nicht für den Großteil des Klientels eingesetzt hat.

Wichtig war natürlich, dass grundsätzlich das Geld ausgeschüttet wird. Hätte man das Cap Smoothing betrieben, wäre weniger Geld ausgeschüttet worden – wobei wir natürlich wissen, dass über ESCROW letztlich doch wieder knapp 50% der Einnahmen an die Spieler gegangen wäre. Die Umverteilung des Geldes hin zu wenigen Auserwählten, die zufällig auslaufende Verträge besaßen, ist willkürlich. Ob es eine Lösung gäbe, die gerecht und umsetzbar gewesen wäre, ist unklar.

Eine pragmatische Idee wäre gewesen, dass einfach alle Spieler eine Gehaltserhöhung von 28% bekommen hätten. Das ist der prozentuale Anstieg des Caps. Damit wären damalige Max-Spieler auch heutige Max-Spieler geblieben, es gäbe sehr viel weniger Cap Space für alle Franchises und damit auch eine eingeschränktere Handlungsfreiheit.
Nicht dass Freiheit ein Gut wäre, das man beschränken müsste; hier geht es aber um Gleichberechtigung aller Spieler in der NBA. Für die Free Agents des Sommers 2016 gab es das erste Mal eine fast freie Wahl des Arbeitsplatzes – auch kein unbedingter Luxusgut im allgemeinen Arbeitsmarktkontext, aber für die NBA etwas ganz Besonderes. So besonders, dass Kevin Durant eine wirkliche Wahl hatte, um sich aktiv und unkompliziert – ohne Einbuße an spielerischem Material – für die Golden State Warriors zu entscheiden.

Fazit

Die Offseason 2016 wird sich in dieser Form in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten nicht so schnell wiederholen, weil die Voraussetzungen einzigartig waren: Nahezu jedes Team konnte auf Cap Space zurückgreifen, Spieler konnten ihre neuen Arbeitgeber frei wählen und das gefühlte spielerische Gleichgewicht der Liga hat sich dadurch empfindlich verschoben.

Zu kritisieren sind für diese Situation – so sie denn kritisierenswert ist – vor allem die Spieler selbst, die sich – vertreten durch die NBPA – dafür einsetzen müssten, dass die Verteilung des Geldes gerechter vonstattengehen sollte. Die Entscheidung, dass durch den 28%igen Sprung des Cap Spaces eine Minderheit auf so viel Gehalt zugreifen konnte, hätte unter Umständen verhindert werden können.
Einzelschicksale gibt es in jeder Free Agency. Natürlich haben die einzigartigen Umstände dafür gesorgt, dass die Oklahoma City Thunder Durant verloren haben. Dies wäre in jeder anderen Offseason wahrscheinlich nicht passiert, weil es keinen Cap Space gegeben hätte.

Bedenklich ist jedoch die generelle Ausschüttung an Gehältern, wenn man sich perspektivisch ansieht, dass viele Spieler nun de facto unterbezahlt sind, aber auch eher auf kurzen Verträgen sitzen, sodass – alleine durch Bird Rights – schnell wieder viele Teams in der Luxury Tax landen könnten, was – gerade im Hinblick auf die bald anstehenden Verhandlungen zu einem neuen Collective Bargaining Agreement – nicht uninteressant wird.

Für diese Verhandlungen ist – im Sinne der Gleichbehandlung aller Athleten – zu wünschen, dass frühzeitig Vereinbarungen getroffen werden, die einen geregelteren Ablauf bei einem unerwarteten Cap-Sprung erwirken.

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