Cleveland Cavaliers, Golden State Warriors, Playoffs 2016

NBA Finals 2016: Game 6

Von Physis, Mobilität und offenen Würfen

Die Ausgangslage war denkbar einfach zu beschreiben und unterschied sich in keiner Facette zu der von Spiel fünf: Cleveland muss gewinnen, sonst sind die Golden State Warriors Meister. Wieder würde eine unmenschliche Performance von LeBron James verlangt werden; im Vergleich zu Spiel 5 durfte aber Draymond Green wieder ins Geschehen eingreifen, dafür fällt Andrew Bogut die gesamte Serie aus.

Die Cavaliers kamen – wie in Spiel 3 – sehr gut aus den Startlöchern und gaben ihre 20-Punkte-Führung aus dem ersten Viertel nie wieder her. Sie hielten die Warriors in den ersten fünf Minuten bei null Punkten – der Meister kam letztlich nur auf elf Zähler. Wie konnten die Cavaliers die Warriors so kontrollieren?

Tristan Thompson: Rebounder – Resteverwerter – Passer!

In Zeiten von Small-Ball bzw. Skill Ball wirkt ein Spielertyp wie Tristan Thompson fast schon veraltet. Der Kanadier besitzt keinen Jump Shot und verstopft damit theoretisch die Driving Lanes für James und Irving. Dazu ist er kein Ringbeschützer – er konnte in der regulären Saison über 52% der Würfe direkt unterm Korb nicht verhindern.

Dennoch hat er zwei Attribute, mit denen die Warriors in dieser Partie überhaupt nicht klar kamen: Mobilität und Länge. Die alte Coach-Weisheit, dass man Länge nicht trainieren kann, trifft auf wenige Spieler besser zu als auf Thompson. Dieser lebt davon, sich in einer immer kleiner werdenden Liga als einziger Big zu behaupten. Über die Warriors wird gemeinhin gesagt, dass ihre Länge auf dem Flügel für ihren Erfolg stehe und man dadurch fast alles switchen könne – auf Thompson am Ring kann niemand switchen. Mit dem Ausfall Boguts und dem schlechten Tag Festus Ezelis hatte Thompson viele Möglichkeiten, seiner Profession nachzugehen: (offensives) Rebounding. Thompson erarbeitete sich in 42 Minuten 30 Reboundchancen – elf am offensiven Brett; mehr als die Hälfte seines Teams. Auch wenn er letztlich nur – fast untypische – zwei offensive Rebounds pflücken konnte, bindet er seinen Gegenspieler an sich. Über die Serie reboundet Thompson am offensiven Brett besser als jeder andere Spieler in der regulären Saison.

Würde man Thompsons Leistung in einer Szene zusammenfassen wollen, wäre es diese, die mit einer Irving-Isolation beginnt.

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Irving ist isoliert auf dem Flügel, während Thompson sich in die gegnerische Zone orientiert.

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Während Irving einen gut verteidigten Wurf nimmt, bringt Thompson sich in Position. Draymond Green macht sich zum Ausboxen bereit, aber Thompson erahnt, dass der Wurf zu kurz ist und er sich zur rechten Seite des Korbes orientieren muss.

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Durch seine Länge hat er keine Probleme, vor dem deutlich kleineren Green den Rebound zu sichern. Was nun folgt, ist eine neuere Facette Thompsons, die vor allem in diesem Spiel sehr zum Tragen kam: seine Übersicht und Ruhe, um einen sicheren Pass zu spielen.

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Er sichert sich den Rebound und behauptet ihn gegen Green und Barnes, die ihn bedrängen, dann aber die Verteidigungsposition wieder einnehmen, wo Barnes sich zu Irving orientiert. On top oft he key schläft Klay Thompson und LeBron James cuttet zum Ring, während Thompson ein Post-Up antäuscht.

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James sieht den freien Raum, sprintet in diesen, während Thompson mustergültig den Pass aus dem Post-Up spielt, um James einen einfachen Dunk zu ermöglichen.

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Thompson spielte in dem Spiel nicht nur drei Assists, sondern war auch Initiator von gutem Passing aus dem Post heraus, da er auf zwei secondary assists und einen Pass, der zu einem Freiwurf führte, kam.

Thompsons Passing half den Cavaliers ungemein, weil er zu lang ist, um ihn direkt am Korb alleine agieren zu lassen – nicht von ungefähr traf er jeden Wurf in diesem Spiel, den er nahm. Dadurch orientierte sich öfter ein Warrior zur Hilfe, was Raum für Pässe eröffnete.

Defensive am Ring

Im letzten Jahr griffen die Cavaliers vor allem deswegen auf Timofey Mozgov zurück, weil er den Korb sehr gut beschützen konnte. In diesem Jahr kam der Russe kaum zu Einsatzzeiten. Deswegen konnten die Cavaliers in der regulären Saison auch nur eine Top 10-Defense stellen.

Mozgov sah wieder nur zwei Garbage Time-Minuten; vor allem deswegen, weil die Cavaliers in Spiel 6 den Korb sehr gut beschützten. Das liegt zu Teilen auch daran, dass mit Bogut der Resteverwerter am offensiven Brett fehlt und die Warriors wieder nicht genug Länge mitbringen, um am Brett finishen zu können. Die Warriors trafen als Team bei verteidigten Würfen am Ring keine 32%! Das ist eigentlich der effizienteste Wurf im Spiel. Die Cavaliers kamen auf 56%, wobei vor allem Draymond Green überpowert wurde und acht von zwölf Würfen passieren lassen musste.

Green war generell kein Faktor. Das lag auch daran, dass die Cavaliers mit dem Minutenmanagement für Kevin Love, der keine 12 Minuten bekam, Rotationsmöglichkeiten eröffneten, die in dem Ausmaß sonst nicht möglich waren. Im Prinzip spielte LeBron James auf der Position, die ihn in Miami zum unumstritten besten Spieler der Liga machte: auf der Vier. Mit Richard Jefferson bekam ein Flügel die Minuten von Love, der das Spielfeld ebenfalls breit machte, aber lateral sehr viel schneller unterwegs ist als Love. James war in vielen Phasen des Spiels länger als jeder Warrior auf dem Feld. Ezeli und Varejao bekamen 20 Minuten, die restliche Zeit stellten die Cavaliers mit Thompson und James zwei sehr mobile Bigs, die durch ihre Ausmaße die Warriors dominieren konnten. Dies bekam auch Draymond Green zu spüren:DGBlocked1

Iguodala bringt hier den Ball auf der Seite ins Spiel und Green cuttet exzellent hinterm Rücken von James zum Korb.

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Tristan Thompsons Länge und laterale Geschwindigkeit ermöglicht es ihm aber, Green so zu checken, dass Iguodala den vollkommen kalten Barnes anspielen muss.

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James erkennt derweil seinen Fehler und rotiert zu Green zurück, währenddessen kann Thompson den Closeout zu Barnes laufen. Barnes penetriert dann an Thompson vorbei und Green bringt sich in eine gute Reboundposition, da der Wurf Barnes‘ den Ring verfehlt.

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Letztlich muss er sich aber der Athletik James‘ geschlagen geben, der den Tip-In-Versuch blockt.

James ließ nur einen von fünf Versuchen am Ring zu, Thompson vier von neun. Insgesamt kassierte Draymond Green als Verteidiger am Ring mehr Treffer als das gesamte Team aus Cleveland.

Dass man am Ring nicht finishen kann, ist ein gewaltiges Problem, aber es potenzierte sich für die Warriors, wenn man sich die offenen Jump-Shots ansieht, die Harrison Barnes seit zwei Spielen brickt.

Offene Würfe für Harrison Barnes

Barnes hat einen entscheidenden Anteil an den beiden Niederlagen und ist in den Spielen 5 und 6 vor allem dadurch aufgefallen, absolut nichts zu treffen: 2-22 steht er aus dem Feld. Die Cavaliers haben sich auch darauf ausgerichtet, Barnes‘ Würfe nicht mehr zu verteidigen. Nahezu jeder Drei-Punkte-Wurf ist gänzlich uncontestet.

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Auch wenn hier einige Screenshots täuschen: Achtet genau auf den Release des Wurfes. Die Verteidigungen von Smith (links oben) und Jefferson (rechts oben) haben keinerlei Chance, überhaupt in den Wurf einzugreifen, weil der Ball schon längst unterwegs ist.

Barnes‘ Probleme aus dem Feld zerstören nicht nur die gut herausgespielten Würfe und damit sichere Punkte für die Warriors, sondern nagen auch an der Teamphilosophie: Die Warriors setzen darauf, den offenen Schützen zu finden und suchen solche Möglichkeiten. Dies sind alles weit offene Würfe, die in der Regular Season forciert wurden. Harrison Barnes muss diese verwerten, damit die Warriors eine Chance haben, um noch Meister werden zu können.

Fazit

Die Cleveland Cavaliers sind beeindruckend in die Serie zurückgekommen und sollten schon jetzt jedem Zuschauer den Respekt abgerungen haben, den sie verdienen. Sie waren bereits zwei Mal für tot erklärt worden – nach den katastrophalen ersten beiden Spielen und nach Spiel vier – und haben sich doch zurückgekämpft.

Das liegt daran, dass den Warriors in den letzten beiden Partien jeweils ein starker Big-Verteidiger fehlte. Auf Bogut muss Golden State weiterhin verzichten und steht jetzt vor der schweren Entscheidung, ob man weiterhin viel Small mit Green geht, den aber sowohl Thompson als auch James überpowern können – oder man etwas konventioneller versucht, Festus Ezeli und Anderson Varejao mehr Minuten zu verschaffen, um der physischen Präsenz Clevelands etwas entgegenzusetzen.
Cleveland ist vor allem deswegen weiterhin in der Serie, weil sie den klar besten Spieler in den Finals stellen: LeBron James. Wir hatten vor den Playoffs leise Zweifel angemeldet, ob wir den Prime-James nochmals sehen können, wurden aber nicht enttäuscht.

Am Sonntag werden beide Teams ein letztes Mal aufeinandertreffen, um den würdigen Champion 2016 in Oakland auszuspielen. This is why they play.

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