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Don’t Call it a Comeback

LaMarcus Aldridge bringt die Mid-Range nach San Antonio zurück

In Texas sei alles größer, sagt man. Nun auch die Power Forwards. Die Spurs angeln sich LaMarcus Aldridge, der als Rückkehrer in seine Heimat ein Stück Nostalgie nach San Antonio bringen soll: Die Rückkehr der Dominanz zweier Türme. Die Rückkehr zur Mid-Range. Auch eine weitere Verjüngung von Tony Parker und Tim Duncan soll Aldridge bewerkstelligen.

Aus der Ära Robinson/Duncan in die Ära Duncan

Ende der 90er Jahre und unmittelbar nach dem Millennium war der Basketball der NBA noch ein völlig anderer, sagt man. Schwere, physische Duos prägten die Frontcourts. Der schmächtige Dirk Nowitzki kam als revolutionärer Shooter auf den großen Positionen erst 1998 in die NBA und brauchte eine Weile, um sich zu akklimatisieren. Ein Jahr zuvor gelang es den San Antonio Spurs ihrem alternden Star David Robinson über die Draft den jungen Tim Duncan an die Seite zu stellen. Diese Paarung machte die Spurs direkt wieder relevant und die Texaner gewannen zwei Meisterschaften in fünf Jahren. Die große Stärke dieser Teams lag insbesondere in der Defense (nie schlechter als Top 3 im DRtg in den Jahren mit Robinson und Duncan), doch auch offensiv verstand das Duo zu harmonieren. Das Offensivfeuerwerk von heute waren diese Spurs noch nicht. Eher als graue, monotone und ergebnisorientierte Offensive verschrien, gehörten die Spurs nie zu den wirklich besten Angriffsreihen. Bei zwei Riesen ist der Platz begrenzt, doch Duncans und Robinsons Skillset in der Mid-Range erlaubte es ihnen, abwechselnd dem Anderen Platz in der Zone zu geben. Die heute so ästhetische, moderne und effiziente Offensive der Spurs war einst sogar richtig Mid-Range-lastig mit eher mieser Effizient aus dieser Region:

RobinsonDuncanSpurs

Nach dem Titelgewinn 2003 und dem perfekten Karriereende des Admirals änderte sich die Wurfauswahl der Spurs:

DuncanSpurs

In den 11 Jahren der Ära Duncan (und Parker/Ginobili) kamen nur in zwei Spielzeiten deutlich mehr als 20% der Würfe aus der langen Mid-Range. Ansonsten blieb das Wurfvolumen aus dieser Zone meist unter dem Ligadurchschnitt, was seit 2008 kontinuierlich fällt. Die Spurs sind keine Mannschaft, die dem Mid-Range-Wurf komplett abschwört; aber sie sind seit den Tagen der Twin Towers auch keine Mannschaft mehr, die in besonderer Weise auf diesen Wurf baut.

LaMarcus Aldridge und der ewige Mid-Range-Streit

Aldridge ist ein komischer NBA-Star. Spielerisch wie charakterlich ist er eine graue Maus und passt alleine deswegen nach San Antonio. Sein Spiel produziert selten Highlights, sofern man Hot Streaks langer Mid-Range-Bomben nicht spannend findet. Aldridge ist offensichtlich ein sehr guter Spieler mit großem Einfluss aufs Spielgeschehen. Doch es fällt schwer, diesen Einfluss in Worte zu fassen und Zahlen zu messen. Als einer der ganz großen kontemporären NBA-Spieler katapultierte sich der heute 30-jährige in die Köpfe der Beobachter und wurde zum All-Star mit Abonnement. Gerade als er anfing, bei sehr hoher Usage besonders viele Würfe aus der sehr langen, schwierigen Mid-Range Distanz zwischen 16 Fuß und der Dreipunktelinie zu ballern. In seinen ersten sieben Profijahren nahm Aldridge 30% seiner Würfe aus dieser Distanz bei einer durchschnittlichen Usage von 24.3%. In den letzten drei All-Star-Jahren schnellten diese Werte auf ein Wurfvolumen von 40% bei eine Usage von 29% hoch. Aldridge ist einer der besten Mid-Range-Werfer, doch eine FG% zwischen 40% und 43% an diesen sehr langen Würfen in den letzten drei Jahren ist an sich kaum der Rede wert. Individuell noch nie besonders effizient, sank Aldridges durchschnittliche TS% in den letzten drei Jahren auf 52%, die eFG% gar auf 47%. Das sind eigentlich Horrorwerte für einen Spieler mit hoher Usage, der die Größe eines Centers hat. 

Trotz Aldridges Geballer aus der Mid-Range summte und brummte die Offensive der Blazers in diesen Jahren wie kaum eine Andere. Aldridge als Wurfoption in der Mid-Range scheint nur auf den ersten Blick der Schwerpunkt der Blazers Offense. Wie man oben an der Entwicklung des Wurfvolumens aus der langen Mid-Range sieht, sind diese Würfe in der Liga unbeliebt geworden und als ineffizient verpönt, während viele weiterhin darauf beharren, dass dieser Wurf nötig ist und seine Berechtigung hat. Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo in der Mitte. Die Blazers drücken als Team sehr oft aus der langen Mid-Range ab. In dieser Kategorie befinden sie sich in den Top 10. Ebenso die Los Angeles Clippers, die ebenfalls eine weit überdurchschnittliche Offense stellen. Betrachten wir das Wurfvolumen als “Team” aus einem anderen Blickwinkel, werfen diese beiden Mannschaften gar nicht weit überdurchschnittlich oft aus der Mid-Range:

In der folgenden Grafik sind die Top 3 in %FGA aus der sehr langen Mitteldistanz abgebildet sowie die Clippers und Blazers. Die ersten drei Kästen beschreiben, wie diese %FGA mit und ohne Berücksichtigung des Wurfprofils ihres notorischen Mid-Range-Werfens aussehen würde sowie die Differenz daraus. Der abgetrennte, vierte Kasten zeigt, wie sich die Differenz aus der %3PA ergeben würde, wenn wir das Wurfprofil dieses Spielers berücksichtigen bzw. nicht berücksichtigen würden. 

volum

Bei den Knicks, Hornets und Wolves macht es keinen Unterschied, ob wir den notorischsten Mitteldistanzwerfer in ihren Reihen berücksichtigen. Das komplette Team wirft in etwa genauso oft aus der Mitteldistanz und genauso wenig wie von außerhalb der Dreierlinie. Innerhalb der Clippers und Blazers gibt es feste Regeln. Löschen wir Aldridges und Griffins Würfe aus dem Konto ihrer Teams, nahmen sie deutlich weniger Mid-Range-Würfe (Blazers: von Platz 7 auf Platz 18) und mehr Dreipunktewürfe. Im Gegensatz zu den drei oberen Mannschaften sorgten sie für effiziente Würfe und insbesondere Dreipunktewürfe. Der Mid-Range-Wurf des offensiv begabtesten Spielers dient ebenfalls diesem Ziel, wie ich anhand der Clippers bereits versucht habe, aufzuzeigen.

Splitter und Diaw: Verschiedene Stärken

Parker und Duncan kommen zusammen auf ein Alter von 70 Jahren mit 32 Jahren NBA-Erfahrung. Die Spurs haben in der Vergangenheit kurze Täler Parkers überstanden und Duncan ist hauptsächlich aufgrund seiner Defensive weiterhin ein Erfolgsgarant. Dennoch agieren die Spurs am besten, wenn sich die beiden auch offensiv einschalten und individuelle Abschlüsse verwerten. Bei Parker machte sich der offensive Decline am Korb bemerkbar. Duncan driftete in den letzten Jahren neben Splitter weiter in Richtung Perimeter, wo er in den letzten beiden Jahren weniger effizient war als in Jahren zuvor:

ParkerDuncan

Aufgrund der Capsituation mussten die Spurs sich von Tiago Splitter trennen, um Aldridge unter Vertrag nehmen zu können. Splitter ist ein hervorragender Spieler, der großen Anteil an den Erfolgen der Spurs in der Regular Season hatte. Pünktlich zur Postseason sah der Brasilianer seine Minutenanzahl jedoch schwinden, hauptsächlich zugunsten von Boris Diaw und einer sich entfaltenden Offense. Dessen Spielweise erinnert eher an einen großen Flügel, der aufposten kann. Vor allem die alten Herren Parker und Duncan profitierten in der vergangenen Saison davon, wenn sie in Lineups mit Boris Diaw anstatt Tiago Splitter standen:

DiawSplitter

Beide agierten individuell effizienter und konnten eher in Sweet Spots am Korb gelangen, wenn Diaw anstatt Splitter die Zone frei machte, indem er an der Dreipunktelinie auf Anspiele wartete. Auch Kawhi Leonard schien von diesem Platz zu profitieren, zog neben Diaw viel öfter Fouls. In 700 Minuten waren Lineups Parker + Diaw + Duncan – Splitter jedoch recht schwach in der Defensive. Sie ließen 109 Punkte pro 100 Ballbesitzen zu, was defensiv zu den fünf schlechtesten Werten der Liga gezählt hätte. Fast 35% der Würfe gegen diese Lineups kamen direkt am Korb, wo Gegner 60% der Layups und Dunks in Punkte verwandelten. Auch in der Zone und der kurzen Mid-Range trafen Gegner mehr als 40% ihrer Würfe, was auf eine nicht ganz knackige Pick-&-Roll- und Help-Defense schließen lässt. Lineups mit Splitter statt Duncan waren zwar nicht so offensiv-stark, hatten aufgrund der Defensive jedoch ein deutlich besseres Net-Rating.

Twin Towers Reloaded?

Ist es für die Zukunft nun besser, für die Offensive oder Defensive aufzurüsten? Die Spurs schlagen quasi zwei Fliegen mit einer Klappe. Aldridge hat zwar die Größe eines Centers, spielt aber seit jeher defensiv lieber die Rolle des Vierers, der die Zone in erster Linie nicht bewachen muss. Dies war sicher ein wichtiger Selling Point von Greg Popovich. Neben Duncan muss er diese Rolle auch weiterhin primär nicht ausüben und weiß eine zuverlässige Defensive neben sich, was er in Portland nicht hatte. Bigs_Protection

Innerhalb des neuen Frontcourts der Spurs sollte die defensive Rollenzuteilung spannend werden. Die Grafik auf der linken Seite hängt mit der Rim Protection zusammen. Sie beschreibt, wie viel Prozent der kompletten gegnerischen Wurfversuche Bigs zu stören versuchten, würden Sie 48 Minuten durchspielen. Bei vielen Spielern mit niedrigen MPG-Werten kommen dabei etwas merkwürdige Werte heraus, dennoch ist dies gerade für startende Bigs ein guter Indikator dafür, wie ihre defensive Rolle ist. Je höher der %Contested-Wert, desto näher orientierte sich ein Spieler defensiv zum Korb. Man erkennt daran auch wieder, dass Tim Duncan defensiv weiterhin ein Center ist, da er nicht nur total, sondern auch prozentual sehr viele gegnerische Würfe stört, während Tiago Splitter weiter außen verteidigt und einen niedrigen Wert aufweist. Was auffällt, ist auch, dass die beiden Abgänger Splitter und Baynes prozentual deutlich mehr Würfe am Korb störten als Aldridge und der andere Neuling im Frontcourt, David West. Als Power Forwards verteidigten auch sie weiter außen und finden sich sehr tief in der Liste wieder. Das Zünglein an dieser Waage ist der dritte Neuzugang. In seiner Prime könnte der riesige Serbe Boban Marjanovic als fünfter Big gerade defensiv stoßweise eine wichtige Rolle spielen. Doch er ist ein Rookie und wird sich trotz seiner außergewöhnlichen Kondition erst akklimatisieren müssen. Einen bewiesenen, wahren Backup für Duncan haben die Spurs nicht – es sei denn, Aldridge akzeptiert diese Rolle in Lineups mit Diaw und West. 

Aldridge fand sich zwar eher selten am Korb wieder, um Layups und Dunks zu stören, machte gegen diese wenige Versuche aber eine gute Figur. Er ist kein Defensivspezialist. Doch neben Green, Duncan und Leonard sollten seine Größe und Mobilität großartige Voraussetzungen sein, um auf der Vier neben der geballten Defensivpower die Zone dicht zu halten.

Die Offense: Ein Exkurs in den Videoraum

Die Schönheit von Greg Popovichs Offense scheint so simpel, dass sie seit Jahren als Blueprint für die NBA gilt. Jeder Fan hätte es gerne, wenn sein Team wie die Spurs spielt: Einfach mal ein bisschen mehr passen, ein bisschen mehr bewegen und schon läuft’s. Das umfangreiche Playbook der Spurs zu imitieren ist vielleicht nicht schwer. Die Takte des Read-&-React-Charakters so nahtlos und rhytmisch aneinanderzureihen wie es die Spieler der Spurs vermögen, ist es. Auch LaMarcus Aldridge sollte Zeit brauchen, um nicht nur die Spielzüge zu lernen, sondern auch ein Gefühl für die richtigen Wege innerhalb der vielen Konteraktionen zu bekommen. 

Aldridge wird anfangs vielleicht Probleme haben, sich in der Offense zurechtzufinden und sich zu integrieren. Sein besonderes Spielerprofil sollte aber den übrigen Spurs ermöglichen, seine Stärken für ihre Zwecke und die der Offense auszunutzen. Dazu gehören:

  • ScreeningDa Aldridge hauptsächlich in der Mid-Range zu finden ist, verkörpert er den perfekten Screener für eine Motion Offense. Spieler können um ihn herum Aktionen ausführen und mit seiner Hilfe bei Cuts zum Korb oder zur Dreierlinie freikommen.
  • Stretch-Eigenschaft & Gravity: Ob nun effizient oder nicht – Gegenspieler respektieren seinen Wurf und das ist für die Effektivität der Teamoffensive vielleicht wichtiger als für die individuelle Effizienz. Direkte Gegenspieler bleiben gerne an Aldridge haften, was seine Screens effektiver macht. Zögerliche Hilfsrotationen gegen seine Mitspiele, schlechte Kommunikation bei Switches und Ähnliches eröffnen Raum und Zeit für Aktionen.
  • Passspiel: Aldridge kann einfache Pässe aus Double Teams spielen. In San Antonio mit den Shootern am Perimeter wird er dies vielleicht wieder verstärkt zeigen.
  • Stationärer Shooter: In der Mid-Range ist Aldridge eine einfache, risikofreie Anspielstation. Mitspieler wissen, wo Aldridge steht, was das Zurücksetzen bzw. Retten von Offensivaktionen vereinfacht.

Einige dieser Stärken aus Portland, die wir in ähnlicher Form auch in San Antonio sehen, könnten sind in diesem Video zusammengefasst:

Kawhi & Aldridge… Aldridge & Kawhi

Aldridge scheint also gut zur Offense der Spurs zu passen. Eine kleine Sorge wirft die Frage auf, was seine Präsenz für Kawhi Leonard bedeutet. Seit seinem Eintritt in die Liga spielt sich Leonard still und heimlich zum Gesicht der Spurs. Neben der elitären Defense wächst auch seine Offensive stetig. Seine Spielanteile stiegen in der Regular Season wie in den Playoffs mit teilweise dominanten offensiven Leistungen. Er erinnert an Paul George und Jimmy Butler, die sich als junge Defensivspezialisten zu guten Offensivspielern gemausert haben, die ein Team über Phasen auch tragen können.

Aldridge kennt seit langer Zeit nichts Anderes. Als klare erste Option der Blazers stieg seine Usage in den letzten beiden Jahren sogar auf über 30%. Wie für Parker wird Aldridge auch für Leonard durch seine Gefahr aus der Mitteldistanz Räume für Drives eröffnen. Neben dem Versprechen, bei einem Contender nicht in erster Linie auf Center spielen zu müssen, war Aldridge vielleicht auch von der offensiven Balance der Spurs angetan. Er muss sich offensiv nicht mehr so aufreiben wie in den letzten Jahren und weiß, dass im System der Spurs ein junger individueller Offensivspieler (Leonard ist 11 Monate jünger als Lillard) heranwächst, wie sie es auf der Flügelposition nur selten gibt. Die Interaktion beider Spielanteile sollte über die Saison ein spannender Fokus sein und ein wichtiger Faktor für den Erfolg, den die Spurs mit Aldridge haben können.

UsageSpurs
Fazit

LaMarcus Aldridge passt sehr gut zu den San Antonio Spurs. Seine Stärken sollten durch das alte Personal ohne große Probleme in das System der Spurs integriert werden, auch wenn anfangs persönliche Anlaufschwierigkeiten Aldridges zu erwarten sind. Mit seinem Spiel am Perimeter sollte es den Spurs gelingen, die offensiven Erfolge der Lineups mit Diaw zu reproduzieren, ohne besonders unter den defensiven Nachteilen sans Splitter zu leiden. Defensiv ist die Starting Five der Spurs von der 2-5 extremst groß und von der 2-4 extremst mobil. Offensiv sollte Aldridge sein Post-Up-lastiges Spiel um ein besseres Passspiel erweitern. Seine Post-Ups wären so noch effektiver, während er bei einer erträglicheren Usage vielleicht auch individuell wieder effizienter wäre. Die offensiven Initiatoren Parker und Ginobili sollten durch den Platz, den Aldridge bietet, wieder etwas aufblühen. Auch das Zusammenspiel zwischen Aldridge und Leonard sollte das Spiel beider öffnen, wobei kleinere Reibungspunkte unter dem Gesichtspunkt Arbeitsteilung und Leonards offensiver Entwicklung bestehen.

LaMarcus Aldridge kehrt in seine Heimat Texas zurück und bringt eine Menge Facetten nach San Antonio, welche die Spurs in der Vergangenheit erfolgreich machten und auch in der modernen NBA von Belang sind. 


 Bildrechte: murkmad via flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

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