Indiana Pacers

OverPACEd?

Oder: Über den richtigen Zeitpunkt, zu viel zu zahlen

Es wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch, dass es den richtigen Moment zum Überbezahlen geben soll. Aber in manchen Situationen sind zu viel Geld oder zu viele Picks für einen konkreten Spieler genau die richtige Entscheidung für die Franchise. Gleich mehrere Beispiele dafür könnten sich bei den Pacers finden: Nachdem letzte Saison die Finals nur denkbar knapp verpasst wurden, haben die Verantwortlichen um Rückkehrer Larry Bird und Kevin Pritchard in dieser Saison den Kern des Teams gehalten und weitere Verstärkungen vorgenommen – vor allem für die beiden Power Forwards David West und Luis Scola allerdings zu einem erheblichen Preis. Das sind allerdings nicht die ersten Beispiele: Vor einem Jahr wurde bereits der von einem Qualifying Offer aus Portland geerbte Maximum-Vertrag Roy Hibberts der gleichen Kategorie zugeordnet, und auch der Mahinmi-Collison-Sign and Trade erschien fragwürdig. Warum diese Entscheidungen trotzdem die konsequente Fortsetzung des ungewöhnlichen Weges sind, den das Team aus Indianapolis in den letzten Jahren beschritten hat, ist damit mehr als einen Blick wert.

Auferstanden aus Ruinen?

Eine Auffälligkeit am aktuellen Pacers-Team sind die Draftpositionen der Spieler: Paul George ist als 10. Pick von 2010 klar der höchste, die übrigen im Team selbst zu Starter-Kalibern gewachsenen Spieler wurden an 17. Stelle (Danny Granger 2005, Roy Hibbert 2008 von den Raptors, im Anschluss getradet) beziehungsweise im Fall Lance Stephensons sogar erst in der 2. Runde an Position 40. aufgerufen. Der für den an 15 gewählten Kawhi Leonard ertradete George Hill war selbst 26., Free Agent David West – der Vollständigkeit halber genannt – ursprünglich 18. Pick. Damit ist klar, dass die Pacers den Umbruch nach der Reggie-Miller-Ära auf eine recht eigenwillige Art und Weise gestaltet hatten. Anders als OKC, die derzeitige Blaupause für einen erfolgreichen Rebuild, war das Team nie wirklich in die Tiefen der Lottery abgestürzt. Selbst in der schlechtesten Saison 2009/10, die dann Paul George einbrachte, konnte das Team noch 32 Siege erzielen.

Zum Zeitpunkt von Millers Rücktritt im Jahr 2005 erreichte der komplette Rebuild ohnehin noch nicht die spätere Popularität, auch, da die Thunder noch nicht noch das Paradebeispiel diesbezüglich waren, sondern SuperSonics. Aber selbst einige Jahre ohne größere Fortschritte, was unter anderem Coach Rick Carlisle den Job kostete, führten nicht zu zentralen Kursänderungen. Personifizieren lässt sich dieser Zustand – zu gut für einen Top-Pick, zu schlecht, um etwas zu gewinnen – durch Danny Granger, der von seiner dritten Saison 2007/8 bis zur vorletzten Topscorer des Teams war. Trotzdem wäre es unpassend, einen Zusammenhang zwischen der von Verletzungen geprägten letzten Saison und der Rückkehr der Pacers in die Conference Finals zu ziehen – der Wiederaufstieg beruht nicht unerheblich auf Granger.

Go, West!

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung lässt sich zudem klar mit der Verpflichtung David Wests nach dem Lockout identifizieren. Obwohl er aufgrund einer Verletzung im letzten Saisonspiel der Vorsaison keine Playoff-Minute für New Orleans hatte spielen können, war der Power Forward ein gefragter Free Agent, unter anderem die Boston Celtics hatten sich um ihn bemüht. Nach seiner Unterschrift unter einen nur kurzen, aber gut dotierten Vertrag – je 10 Millionen Dollar über zwei Jahre – in Indiana musste er sich aus dem Celtics-Lager einige Vorwürfe gefallen lassen, Geld Erfolgen vorzuziehen. Neben der Konstante Granger war es den Pacers zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits gelungen, die Säulen des heute bestehenden Teams zu sammeln, am Drafttag 2011 war schon George Hill ertradet worden.

In der Lockout-Saison folgte dann der erste Winning Record und anschließend auch der erste Playoff-Seriensieg gegen die Orlando Magic seit der Saison 2004/5. In der zweiten Runde stand dann das erste der für dieses Pacers-Team thematischen Duelle gegen die Miami Heat an. Chris Bosh‘ Verletzung ließ Indiana hoffen, einen wohl nicht eingeplanten Sieg zu erzielen, letztendlich setzte sich die Erfahrung und Klasse des späteren Meisters jedoch durch. Aus Sicht des Teambuildings war dabei vor allem Roy Hibberts Rolle interessant: Einerseits ließen seine Leistungen im letzten Jahr des Rookie-Vertrags aufhorchen – die Kombination aus Effizienz, vor allem in den Playoffs, einer Allstar-Nominierung und Größe versprachen einen Zahltag in der kommenden Offseason, wenn nicht von den Pacers, dannHibbert von einem anderen Team. Andererseits führte jede Pause des Centers zu erheblichen Problemen, auch, da die Alternativen im Wesentlichen Tyler Hansbrough und Louis Amundsen hießen. Die zwar nur begrenzt aussagekräftige, aber in diesem Zusammenhang öfter zitierte Plus-Minus-Statistik hätte in den gut 30 Minuten Spielzeit von Hibbert einen Seriensieg bedeutet.

Money, Money, Money

Neben der vergleichsweise geräuscharmen Verlängerung mit George Hill, der nach seinem Rookie-Vertrag 40 Millionen Dollar über 5 Jahre verdient, stand also vor allem die Center-Position im Fokus. Roy Hibbert testete als Restricted Free Agent den Markt und fand dabei wohl genau das, was er sich erhofft hatte: Ein Angebot für einen Maximum-Vertrag, und zwar aus Portland. Die Blazers hofften, mit dem Center ihren Schnell-Rebuild nach dem Roy-Oden-Desaster zu vervollständigen und waren damit bereit, eine Summe für Hibbert auszugeben, die den Pacers zu viel sein könnte.

Wie etwa auch das zeitgleiche Beispiel Eric Gordons zeigt, ist diese Situation für das bisherige Team extrem schwierig – viele Spieler sind nach ihrem vierten Jahr noch lange nicht klar einzuschätzen, und selbst dann hießen die Alternativen oft: verlieren für nichts, oder zu viel bezahlen? Als weitere Möglichkeit wäre noch ein Sign and Trade erwägenswert, der jedoch in den seltensten Fällen einen adäquaten Gegenwert einbringt. Im Fall der Pacers bestand damit also die Gefahr, die Aufbauarbeit der vergangenen Jahre zu verlieren oder das Risiko einzugehen, sich mit einem überbezahlten Hibbert die Flexibilität der kommenden Jahre zu ruinieren. Da eine Abgabe in keinem Fall in die Planungen gepasst hätte, blieb Indiana nur die zweite Alternative mit der Hoffnung auf eine weitere Entwicklung des Centers.

Ein ebenfalls umstrittener Trade brachte zudem den gesuchten Backup-Center nach Indianapolis. Darren Collison, zu den Playoffs von George Hill aus der Starting Five verdrängt, wurde gemeinsam Dahntay Jones für Ian Mahinmi nach Dallas getradet. Die beiden günstigen auslaufenden Verträge – gut 2 beziehungsweise knapp 3 Millionen Dollar – für einen Sign and Trade auszugeben, der auch über Capspace hätte durchgeführt werden können, war dabei der erste Kritikpunkt. Zudem erhielt Mahinmi mit 16 Millionen Dollar über vier Jahre einer der teuersten Verträge für Backup-Center.

Highway to Hibbert?

Im Fall Roy Hibberts durften sich anschließend beide Seiten bestätigt sehen: Anfangs wirkte der Center klar überbezahlt, als sich in den ersten Monaten der neuen Saison seine Feldwurfquoten zeitweise unterhalb der 40% befanden – Hibbert schien jeden Rest seiner ohnehin nicht sonderlich ausgefeilten Offensive verloren zu haben und damit auch seine Effizienz. Trotz seiner weiterhin überzeugenden defensiven Fähigkeiten entstand in der Folge massive Kritik, die Hibbert als klassisches Beispiel eines Contract Years darstellte. Allerdings kehrte sich diese Wahrnehmung gegen Ende der Saison und in den Playoffs teilweise ins Gegenteil um. Schon in den letzten Monaten der Regular Season hatte Hibbert sich den 17 Punkten bei Quoten jenseits der 50% angenähert, und auch in der zweiten Auflage des Duells gegen die Heat trugen seine Leistungen wieder stark dazu bei, die Serie bis zum letzten Spiel offen zu halten: Über 22 Punkte und 10 Rebounds bei eine True Shooting Percentage von mehr als 60% reichten zwar letztendlich nicht für einen Seriensieg, dürfte das Management-Team um Kevin Pritchard allerdings in der eigenen Entscheidung bestätigt haben.

Auch im Nachhinein ist die Verpflichtung Mahinmis weniger eindeutig: Einerseits zeigten die für ihn abgegebenen Darren Collison und Dahntay Jones zwar, wieso sie von Indiana als verzichtbar angesehen wurden: Jones fand sich dauerhaft am Ende der Rotation wieder und wurde zur Deadline nach Atlanta abgeschobe; Collison durfte zwar die Saison in Dallas zu Ende spielen, wurde aber zeitweise von den Basketball-Senioren Derrek Fisher und Mike James auf die Bank verdrängt. Andererseits konnte Mahinmi den Erwartungen nicht gerecht werden, verglichen mit der Vorsaison bei den Mavs sanken absolute Zahlen wie Quoten gleichermaßen. In den Playoffs setzte sich diese Entwicklung fort, so erreichte Mahinmi etwa in keinem Spiel mehr als 5 Punkte. Defensiv trug der Backup-Center zwar zur insgesamt hervorragenden Teamleistung bei, allgemein reihte er sich aber in die wenig überzeugenden Leistungen seiner Bankkollegen ein – noch 12 Millionen über die kommenden drei Jahre wären in diesem Zustand ohne Einschränkung zu viel.

Trotz solcher kleinerer Schönheitsfehler war die zweite Runde im Duell Pacers gegen Heat eine erneute Bestätigung für die Pacers, insbesondere angesichts des Fehlens von Danny Granger. Der Aufstieg Paul Georges und des Teams als Ganzem konnte diese Schattenseiten mehr als auffangen. Umso mehr stellte sich vor dieser Offseason also die Frage, wie es für die Franchise weiter gehen sollte.

Go, West!²

Die diesbezüglich wohl wichtigste Nachricht für alle Pacers-Fans kam schnell und wenig überraschend: David West hatte sich im Vorfeld schon klar für einen Verbleib im Team positioniert, so dass ein neuer Vertrag in Indianapolis wohl nie wirklich in Gefahr geriet. Trotz dieses klaren Bekenntnisses darf sich der Power Forward in den kommenden drei Jahren über je 12 Millionen Dollar freuen – nach 10 in den vergangen beiden und mit dem zusätzlichen Risiko, dass er im letzten Vertragsjahr bereits 35 Jahre alt sein wird.

WestDennoch dürfte die Entscheidung kaum für schlaflose Nächte im Pacers-Management gesorgt haben. Zum einen war West in den letzten Jahren einer der Erfolgsgaranten, wichtiger jedoch wog vermutlich der Mangel an Alternativen: Indiana hatte schlicht nicht den Platz unter dem Salary Cap, um einen ähnlich guten Spieler zu verpflichten. Die bestehenden Gehälter summierten sich bereits auf etwa 52 Millionen Dollar, und die Verwendung dieses Spielraums hätte den Einsatz sämtlicher Exceptions unmöglich gemacht. Die günstigere Lösung wäre also einem Verlust an spielerischer Klasse gleichgekommen, selbst wenn für 7 Millionen Dollar Einstiegsgehalt ein mit West vergleichbarer Free Agent in Indiana unterschrieben hätte. Einige Millionen zu viel für West sind somit auch für ein eher sparsames Team die bessere Wahl, als zu sehr an spielerischer Substanz zu verlieren.

Ba-Ba-Banküberfall

Bei Luis Scola ist nicht unbedingt das Gehalt der störende Faktor, da er als Amnesty-Claim mit nur knapp 5 Millionen Dollar im Jahr für einen Backup-Big mit seinen Scoring-Fähigkeiten akzeptabel bezahlt ist. Gerald Green, der zum Ausgleichen der Gehälter eingesetzt wurde, stellt auch keinen außerordentlichen Verlust dar – tatsächlich mussten die Pacers vermutlich zusätzlichen Wert abgeben, damit die Suns seinen Vertrag aufnehmen. Der Haken findet sich in dem 2014er-Pick und Miles Plumlee, die Phoenix im Gegenzug erhielt. Daher bewerteten einige Beobachter die Transaktion sogar als komplette Katastrophe, auch die Kosten für Scola werden als hinderlich eingestuft.

Diese Einschätzung lässt mehrere zentrale Argumente für den Trade außen vor: Erstens: Wie schon erwähnt brauchen die Pacers Scoring von der Bank – letzte Saison waren nur die Ersatzleute von Portland schlechter. Zusammen mit der Rückkehr von Danny Granger und der Verpflichtung von C. J. Watson und Chris Copeland sollte aus einer klar unterdurchschnittlichen eine der besten zweiten Reihen der Liga werden. Zweitens: Weder Plumlee noch der Pick sind für Indiana besonders schmerzhaft. Der Forward wurde vor einem Jahr an Position 26 gedraftet, ähnlich hoch dürfte der Pick des kommenden Jahres liegen. Zwar finden sich gelegentlich auch Spieler wie Tony Parker und Serge Ibaka in diesen Regionen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Abgabe für die Pacers gut verschmerzbar. Denn, drittens, sind die Pacers darauf ausgelegt, sich in den nächsten Jahren in den Kampf um die Meisterschaft einzumischen. Dafür ist Scola geeignet, während etwa Plumlee oder auch Green kaum einen Beitrag geleistet hätten.

We are the Champions?

Nach allen verlässlichen Anzeichen haben die Pacers dafür einen klaren Plan: Paul George wird in einem Jahr seinen Maximal-Vertrag erhalten (oder auch schon früher), und wie auch schon Roy Hibbert mindestens 14 Millionen Dollar im Jahresschnitt verdienen. Zusammen mit West und George Hill ist damit ein Großteil der für die Franchise finanzierbare Summe verplant. Aber: Solange Danny Grangers Vertrag einfach ausläuft oder keine wesentlichen langfristigen Verpflichtungen aufgenommen werden, ist auch eine akzeptable Bank und eine Einigung mit Lance Stephenson (oder einem Ersatz) bezahlbar. Ohne Stephenson, aber mit der George-Extension erreichen die Pacers etwa 66 Millionen Dollar, so dass für ein Gehalt auf Niveau der Mid-Level-Exception noch Platz unterhalb der Steuergrenze bliebe. Das Team könnte so zumindest für die kommenden beiden Jahre – und, falls West und Hibbert nicht aus ihren Verträgen aussteigen, für eine weitere Saison – zusammenbleiben, ohne die Möglichkeiten eines Small Market Teams zu überreizen.

Die Transaktionen der Pacers in den vergangenen beiden Jahren bieten damit hervorragende Beispiele, wann es sich lohnt, einen Aufschrei der Fan- und Medienlandschaft wegen zu hoher Kosten zu riskieren: Im Fall Roy Hibberts wäre das etwa zum einen die Hoffnung, der Spieler würde seine Potential noch ausfüllen und damit den Vertrag rechtfertigen – was allerdings auch bei Ian Mahinmi versucht wurde, aber bisher gescheitert ist. Der weitere Faktor bei Hibbert und ähnlich bei West ist das Fehlen einer vernünftigen Alternative, sei es durch Markt, Capsituation oder den Entwicklungsstand der Franchise. Auch eine andere Einschätzung oder Bedeutung der Assets wie in den Trades für Mahinmi und Scola kann einen überzeugenden Grund darstellen – die Pacers sahen vermutlich in Collison schon etwa das, was die Mavs dazu bewegte, kein Qualifying Offer abzugeben. Überlagert werden diese Faktoren jedoch von dem einen großen Ziel jeder Franchise: Die Transaktionen sind Teil einer schlüssigen Strategie, mit der die Pacers nicht nur in einer möglichen dritten und vierten Runde gegen die Heat einen Sieg einfahren könnten, so dass die Meisterschaft in direkte Reichweite gerät. Diese Aussicht sollte es wert sein, bei Assets und den Gehältern absolut vielleicht zu viel auszugeben.

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