Draft

Der Abtritt eines glorreichen Halunken

Wir befinden uns gerade in der leeren Wüste der Collegeberichterstattung, die sich Sommerloch nennt. Das Konfetti des letztjährigen Final Fours ist verflogen, die Adelung der Collegestars durch die NBA Draft ist lang passé. Vereinzelte Verdachtsmomente hinsichtlich Recruitingviolations lassen zwar hier und dort einmal ein paar kleine Newsflämmchen auflodern, Neuigkeiten zu Conference Realignments die Experten über die mittelfristigen Stärken der Ligen referieren. Der interessanteste Wechsel des Sommers der letzten Wochen war wohl der des Collegeanalysten Doug Gottlieb, der Stammsender ESPN den Rücken zukehrte und zu CBS ging. Es herrscht also wahrlich Langeweile. Eine Besserung wird es wohl erst in vier Wochen geben, denn zu diesem Zeitpunkt werden die meisten Mannschaften ihre Trainingscamps starten.

Genau in dieses Newsvakuum füllte vor ein paar Tagen eine Nachricht aus der Region New England, genauer gesagt aus Connecticut. Die 70-jährige Coachinglegende James A. Calhoun erklärte am 13. September seinen Rücktritt vom Amt des Übungsleiters an der University of Connecticut. Dass dieses Original der Collegewelt nun endgültig in den Sonnenuntergang reitet, wird die Collegelandschaft verändern.

The good

Jim Calhoun war schon immer ein Sportverrückter.  An seiner Highschool in Braintree, Massachusetts absolvierte er als Mitglied der Teams für Football, Baseball und Basketball ein straffes Programm und zeigte gute Leistungen.  Wie viele junge Sportler träumte er von der großen Bühne, von einer Karriere als Profi. Allerdings wurde der junge Calhoun recht schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert. Als 15-Jähriger musste er den Tod seines Vaters hinnehmen. Fortan hieß es nicht mehr am eigenen Spiel zu arbeiten, sondern Minijobs anzunehmen, um seinen Teil zum Wohl seiner Familie beizutragen. Dennoch interessierten sich Colleges für ihn und boten ihm Basketballstipendien an. Er entschied sich für Lowell State, musste diese Universität allerdings schon nach rund drei Monaten verlassen. Seine Mutter und seine fünf Geschwister waren Zuhause auf jede helfende Hand angewiesen.

Erst nach knapp zwei Jahren stabilisierte sich die häusliche Situation. Calhoun konnte nun endlich seine Familie guten Gewissens verlassen und abermals mit einem Stipendium für Basketball an ein College gehen. Neben seinem Soziologiestudium führte er seine Uni American International College auf dem Parkett, wurde als Senior gar Kapitän der Mannschaft und verließ den Campus als einer der besten Punktesammler aller Zeiten. Dennoch war an professionellen Basketball als Spieler nicht mehr zu denken. Zu alt war Calhoun nach seiner Zwangspause für die Scouts geworden.

Um dennoch mit Basketball Geld zu verdienen, blieb dem harten Arbeiter Calhoun nur ein Ausweg: sein Glück als Trainer zu versuchen. Schon im Sommer nach dem Collegeabschluss heuerte er bei einer Highschool ganz in der Nähe an und scheiterte grandios. Nur eins der 18 Saisonspiele konnte Calhoun mit seinen Sechstklässlern gewinnen. Aber er blieb dran, sog alle gemachten Erfahrungen in sich auf und zog seine Schlüsse. Drei Jahre und zwei Schulwechsel später gewann der Jungtrainer seine erste Highschoolmeisterschaft. Er war bereit für das nächste Level.

Im Herbst 1971 bekam er seine erste Chance, seine Fähigkeiten am Parkettrand am College zu beweisen und nutze diese auf Anhieb. Als Übungsleiter der Northeastern University gelang es ihm, eine Division II Schule zu einem ernstzunehmenden Basketballprogramm zu formen. Vorher gar nicht auf der Collegelandkarte vorhanden konnte Calhoun Northeastern in seinen letzten drei Jahren 1984-86 zu einer kombinierten Bilanz von 72 Siegen und nur 19 Niederlagen inklusive drei Teilnahmen am NCAA Tournament führen. Bis heute hat kein Coach an dieser Universität mehr Siege erringen können. (245-138) Mit Reggie Lewis wechselte gar einer seiner Studenten zu den Bird-McHale-Parish-Celtics.

Aber Calhoun wollte mehr. Da kam ihm das Angebot der University of Connecticut im Sommer 1986 ganz recht. Zwar war er mit seiner Uni in der Nähe von Boston zuletzt sehr erfolgreich gewesen, allerdings war die ECAC North Atlantic Conference keine wirklich tolle Bühne. Die Big East hingegen würde für mehr Ruhm und Ehre sorgen. Da war es auch egal, dass die Huskies seit 4 Jahren keine Spielzeit mit mehr Siegen als Niederlagen hatten feiern können. Nur ein Jahr Anlaufzeit benötigte Calhoun, um die Universität zu einer ernstzunehmenden Kraft in Sachen Basketball zu formen. Ab der Spielzeit 1987/88 beendeten Huskiesteams ihre Saison nie wieder mit einem „losing record“. 1988 brachte er seine Mannschaft um Clifford Robinson in das NIT Tournament und gewann seinen ersten Titel. Es folgte 1990 die erste Big East Championship, ein Ritt in das Elite Eight des NCAA und die Krönung zum National Coach of the Year. Calhoun war in der Übungsleiterelite angekommen. Er hatte die zuvor angeketteten Huskies von der Leine gelassen.

Es fehlte die Besteigung des Olymps, um in die Geschichte der Collegetrainer einzugehen. Diese sollte knapp ein Jahrzehnt danach folgen. Nach 12 Jahren Regentschaft an der Universität gelang 1999 der große Wurf. Calhouns Team um Collegesuperstar Richard Hamilton (21,5 PPG, 4,8 RPG)  setzte sich gegen den haushohen Favoriten Duke (Brand, Battier, Maggette, Langdon) durch und Schnitt als Gewinner des NCAA Tournaments im April die Netze ab. Calhoun wurde mit einem besonderen Team Champion. Dieses Kunststück vollführte der Erfolgstrainer noch zweimal mit komplett anderen Nuklei. 2004 waren es Ben Gordon und Emeka Okafor, die als seine Anführer glänzten und mit ihm den Titel errungen. 2011 hieß der Kopf seines Teams Kemba Walker und brachte ihm einen unerwarteten dritten Titel ein.

All seine Teams zeichneten sich durch große Arbeitsbereitschaft und Härte aus und standen immer für einander ein. Allerdings agierten sie oft auch mit einer gewissen Arroganz. All dies sind Eigenschaften, die auch Calhoun auszeichnen. Mit seinem Office direkt in der Trainingshalle zeigte er seinen Spielern, dass er ständig arbeitet, um sich und seine Mannschaften weiterzuentwickeln. Die geht oft nur mit etwas Härte. In einer Partie gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Northeastern punktete sein ehemaliges College nach vier Sekunden durch einen Tip-In gegen seine Huskies. Calhoun nahm sofort die Auszeit und stauchte seine Jungs zusammen. Connecticut gewann die Partie mit 50 Punkten Vorsprung. Er holte immer das Maximum aus seinem Team heraus, stärkte seinen Spielern den Rücken bis diese wie beispielsweise Kemba Walker über sich herauswuchsen. Auch persönlich bewies Calhoun großes Durchhaltevermögen und extremen Willen im Kampf gegen gesundheitliche Probleme. Weder Prostatakrebs, eine Verengung seines Wirbelkanals oder eine Fraktur seiner Hüfte konnten ihn länger von der Trainerbank fern halten.

Calhoun wird mit drei Titeln, vier Final Fours, neun Big East Titeln, seiner Hall of Fame-Aufnahme, unzähligen Spielern in der NBA und einer Bilanz von 866 Siegen bei 369 Niederlagen als einer der größten Coaches der Neuzeit in die Geschichte eingehen. Allerdings nicht ohne berechtigte Zweifel…

The bad

Geheime Zahlungen und Gefälligkeiten, inoffizielle Treffen und Anrufe. All dies gehört zum Tagesgeschäft, wenn es um Collegerecruiting geht. Es ist ein offenes Geheimnis, dass, wer sich an die vorgegebenen Regeln hält, im Rennen um die aussichtsreichen Talente verliert. John Calipari, Rick Pitino, Ben Howland, sie und viele mehr wurden mit diesen unsauberen Machenschaften schon einmal in Verbindung gebracht. Erwischt wurde noch keiner. Bis 2011 konnte dies Jim Calhoun auch von sich behaupten. In diesem Jahr wurde es ihm allerdings Schwarz auf Weiß nachgewiesen, dass er beim Umwerben potentieller Kandidaten für Basketballstipendien an seiner Universität illegal gehandelt hat. Im darauffolgenden Jahr wurde er für einige Spiele gesperrt. Die zu vergebenden Stipendienplätze der Huskies wurden reduziert und ihnen stehen nun während der Recruitingphase einige Maßnahmen und Privilegien nicht mehr zu.

Zusätzlich war Calhoun zuletzt mit seinen Teams zu sehr auf den sportlichen Erfolg fokussiert und ließ die Bildung schleifen. Zu wenige Huskiesspieler nutzten in den letzten Jahren ihre Stipendien auch wirklich dazu, einen Universitätsabschluss zu bekommen. Ein Fakt, der bei der NCAA nicht gut ankommt. Bei aller Liebe zum Sport muss man als College schließlich auch für eine ausreichende Ausbildungsquote der eigenen Studenten sorgen. Calhoun versäumte dies in den letzten Jahren mehr und mehr. Connecticut fiel mit seinen Zahlen weit unter die vom Universitätsverband festgelegten Mindestvorgaben dazu. Als Strafe wird den Huskies im nächsten Jahr unabhängig von ihrer Bilanz das Tournament verwehrt bleiben. Alle Upperclassmen konnten ohne das sonst übliche Jahr Pause einen Transfer beantragen. Ein Eckpfeiler der 2011er Meisterschaft, Alex Oriakhi, machte davon bereits Gebrauch. Die aussichtsreichen Youngsters Andre Drummond und Jeremy Lamb verabschiedeten sich wegen dieser Strafe frühzeitig in die NBA. Das aktuelle Team bricht auseinander. Die Gegenwart der Huskies sieht also alles andere als rosig aus und die Zukunft ist ungewiss.

The (kind of) ugly

Dieses sinkende Schiff zu verlassen, kann man Calhoun nach all seinen Verdiensten für die Region und die Universität nicht verdenken. Er allein war es, der aus dem Nichts ein Collegeprogramm aufgebaut hat, dessen Erfolg in den letzten rund 25 Jahren nur von wenigen anderen Schulen vorgewiesen werden kann. Allerdings sorgt der Zeitpunkt und die Art und Weise von Calhouns Abtritt noch einmal für eine kleine Kontroverse.

Wäre er direkt nach dem recht bitteren Tournament-Aus gegen Iowa State im März abgetreten, hätte Connecticut einen klaren Schlussstrich unter die prägende Ära Calhouns setzen können. Man hätte einen Sommer Zeit gehabt, sich Gedanken zu einem neuen Übungsleiter und neuen Strukturen zu machen, einen Neuaufbau durchzuplanen.

Diese Chance nahm Calhoun Connecticut aus recht egoistischen Motiven. Er wollte sichergehen, dass ein Mann aus seinem erweiterten Dunstkreis den Posten des Cheftrainers übernehmen kann und wartete deswegen mit seiner Rücktrittserklärung bis kurz vor Beginn des Trainingcamps der Huskies. Der von ihm favorisierte Kevin Ollie (rechts im Bild; zweiter von links: Jeremy Lamb), ehemaliger NBA-Spieler und Größe bei den Huskies, musste so erst einmal als Interimstrainer eingestellt werden. Dass dies widerwillig geschehen ist, kann man an den Vertragsdaten Ollies erkennen. Er hat nur acht Monate Zeit sich zu beweisen, da sein Kontrakt kurz nach dem diesjährigen Final Four enden wird. Eine Unart an Universitäten. Zudem wird er als unerwünschte Übergangslösung ein nahezu lächerliches Gehalt von nur 384.615 Dollar erhalten. Trainer an Colleges mit einem solchen Renommee verdienen normalerweise deutlich über 2 Millionen Dollar.

Kein Geld, kein Team, kein Tournament, viele Auflagen und einen Chef, der ihn gern wieder loswerden wollen würde, um den Fortbestand eines Basketballpowerhouses zu sichern. Kevin Ollie, als neuer „Sheriff in Town“ befindet sich in keiner beneidenswerten Ausgangsposition. Jim Calhoun hingegen hat die unruhige Stadt verlassen und sich mit fetter Beute (ausstehenden Gehaltszahlungen von mindestens 2,7 Millionen Dollar) aus dem Staub gemacht. Trotz unreiner Weste wird man ihn vermissen.

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