NCAA Previews 11/12

College Preview: Memphis Tigers

Memphis Tigers, Conference USA

2010/11: 25-10; NCAA-Tournament: Second Round.

In dieser Spielzeit bricht für Memphis die dritte Saison nach John Calipari an. 2009 entschied sich die Coaching- und Recruitingkoryphäe, ein von den Kentucky Wildcats offeriertes jährliches Einkommen von rund 4 Millionen Dollar zu akzeptieren und die Tigers in Richtung Major Conference SEC zu verlassen. Vorbei war es mit den rosigen Zeiten, die Elitespieler wie Derrick Rose oder Tyreke Evans nach Tennessee lockten oder auch Final Four – (2008) oder Elite Eight Teilnahmen (2006, 2007) bedeuteten. Der aktuelle Übungsleiter Josh Pastner trat ein schweres Erbe an. Zwar gewann er in den letzten zwei Spielzeiten 49 der 69 durch ihn gecoachten Partien. Dies lag allerdings auch daran, dass die Tigers als Mitglied der Conference USA eher gegen schwächere Gegner spielen, als es beispielsweise ein College in einer Major Conference zu bewerkstelligen hat. Ein Tournamentspiel gewann man bisher unter Pastner noch nicht. Dies soll sich allerdings dieses Jahr ändern.

Wer ging?

Die Mission lautet also, Siege im März einzufahren. Ein Vorhaben, das in dieser Saison gar nicht so abwegig zu sein scheint. Man behielt von einem 15-Mann-starken Kader 14 Leute und musste sich nur von Senior Will Coleman verabschieden. Dieser wird nun sein Glück in Europa versuchen und hofft dort im französischen Erstligisten Le Mans Sarthe eine gute erste Station für die beginnende Profikarriere gefunden zu haben. Der Power Forward wird den Tigers mit seiner Athletik, seinem guten Shotblocking sowie seiner Reboundarbeit am defensiven Brett schon fehlen. Allerdings ist sein Abgang zu verschmerzen, wenn man sich ansieht, dass Coleman mit seinen 7 Punkten im Schnitt nur der siebtbeste Scorer des Teams war. Er wurde immer als zu inkonstant angesehen und schaffte es nie, sich einen Starterplatz zu ergattern. In seiner Seniorsaison brachte der Bigman es gerade mal auf durchschnittlich 19 Minuten Spielzeit pro Partie.

Wer kam?

Dadurch, dass mit Coleman nur ein Spieler den vollständig ausgefüllten Kader verließ, konnten die Tigers natürlich auch nur einen Neuzugang akquirieren. Diese Verpflichtung hat es allerdings in sich.
Man holte mit Adonis Thomas von der Melrose HS in Memphis das größte Talent Tennessees an den Campus. Der Small Forward wird als neuntbester High Schooler der diesjährigen Recuitingclass angesehen und steht in der positionsbezogenen Auflistung von ESPNU sogar an zweiter Stelle. Nur Kidd-Gilchrist von den Kentucky Wildcats wird als besserer Dreier angesehen. Wir hatten beide in unserer Freshman Top 10 schon einmal beschrieben.
Thomas überzeugt durch seine Athletik und seine körperlichen Ausmaße, besitzt er doch eine beeindruckende Armspannweite, die teilweise sogar mit 213cm angegeben wird. Diese Werkzeuge helfen ihm, sich unter den Brettern durchzusetzen, viele Rebounds zu greifen, in der Verteidigung seinen Mann zu stehen und in Korbnähe zu punkten. Außerdem glänzt er durch großen Willen, Antrieb und eine extrem energiegeladene Spielweise. Allerdings fehlt es ihm noch etwas an Perimeterskills, um wirklich ein Vollzeit-Small Forward werden zu können. Vor allem muss der aktuelle U17-Nationalspieler Ballhandling und seinen wackligen Wurf verbessern. Bis dahin wird sein Spiel eher an einen zu klein geratenen Power Forward erinnern.

Von Seton Hall holte man sich Ferrakohn Hall per Transfer in die Mannschaft. Der Junior Forward ist ein guter Rebounder und könnte so zu einer Rollenspieleroption von der Bank werden. Ähnliches gilt für den Power Forward Hippolyte Tsafack. Der Kameruner wurde in der letzten Saison noch mit einem „Redshirt“ versehen, um sich an das Collegelevel zu gewöhnen und sein rohes Spiel weiterzuentwickeln. In dieser Spielzeit wird der athletische Afrikaner eine Chance bekommen, sich auf dem Parkett zu beweisen.

Interessant sind auch die Verpflichtungen, die im Trainerstab getätigt wurden. Zum einen wurde Damon Stoudamire von den Memphis Grizzlies abgeworden. „Mighty Mouse“ wird sich nach zwei Jahren als Assistenzcoach in der NBA einmal in der NCAA versuchen. Zum anderen trieb der Lockout Lakers-Spieler Luke Walton nach Tennessee, welcher versuchen wird, auch als Assistent ein wenig Coachingerfahrung für de Zukunft zu sammeln. Trainerlegende Phil Jackson riet ihm wohl ausdrücklich zu diesem Schritt. Theoretisch könnte Walton übrigens trotz des Lockouts die Trainingsmöglichkeiten der Tigers nutzen…

Wer blieb?

Die Tigers werden trotz guter Entwicklungsmöglichkeiten für den gesamten Kader (man hielt ja nahezu die komplette Mannschaft zusammen) besonders auf den nächsten Schritt ihrer zwei jungen, talentieren Guards Will Barton und Joe Jackson angewiesen sein. Sophomore Shooting Guard Will Barton deutete als Topscorer der Tigers mit durchschnittlich 12,3 Punkten pro Spiel schon im letzten Jahr an, dass er in Zukunft ein NBA-Spieler sein könnte. Mit 1,98m besitzt er das Gardemaß für einen Zweier auf Profilevel und muss nur im Kraftraum etwas arbeiten. Packt er etwas Muskelmasse auf seinen noch etwas drahtig aussehenden Körper, muss er sich physisch vor kaum einem anderen Anwärter auf einen Platz in der Draft verstecken. Der Flügel ist schnell, explosiv und kann springen. Dies hilft ihm vor allem in der Offensive. Will Barton kann sich eigene Würfe erarbeiten und im Fastbreak spektakulär abschließen. Auch in der Defensive nutzt er seine körperlichen Gegebenheiten zu seinem Vorteil und ist deswegen ein anständiger Verteidiger, der je nach Matchup auch auf andere Positionen geschoben werden kann. Der Shootingguard muss aber noch immer an seinem Gefühl für das Spiel und seinem Basketball-IQ arbeiten. Seine Schussauswahl bringt Coach Pastner oft zur Weißglut. Das „Drive and Dish“ wird zu selten praktiziert, da Will Barton zu oft mit Tunnelblick zum Korb zieht und dabei die eigenen Mitspieler vergisst. Auch das Verstehen defensiver Systeme und Rotationen gehört (noch) nicht zu seinen Stärken. Falls sich der talentierte Guard aber besonders in diesen Kategorien verbessert, könnte er zu einem der besten Flügelspieler des Landes werden und in der kommenden Saison dominieren.

Point Guard Joe Jackson hat ähnlich gute Veranlagungen, nicht umsonst lief er im Sommer für das U19 Nationalteam der USA auf und legte 11,6 Pkt / 3 Reb / 4,1 Ast im Schnitt auf. Er ist ein klasse Ballhandler und kann von überall auf dem Feld seinen Wurf loswerden, sei es aus dem Dribbling oder dem Catch-and-Shot. Auch die Fähigkeit, Fouls zu ziehen und damit den eigenen Weg zur Freiwurflinie zu ebnen, ist sehr ausgeprägt. Ein klassischer Ballverteiler ist der etwas zu kurz geratene Guard allerdings nicht. Zu oft wählt er den eigenen Abschluss, anstelle einem Teammitglied einen guten Wurf zu verschaffen. Außerdem schadet er mit seiner hohen Turnoverrate dem Team in zu vielen Partien.

Der designierte Häuptling für die Tigers sollte in der nächsten Spielzeit eigentlich Wesley Witherspoon sein. Schließlich ist der Senior Small Forward einer der ältesten Spieler im Kader und wird auf manchen Draftseiten im Mock 2012 geführt. Allerdings hat der gute Shooter das Vertrauen von Coach Pastner etwas verloren. Witherspoon hatte sich im Januar während einer Busfahrt mit einem Assistentscoach angelegt und wurde daraufhin intern vom Trainerstab für einige Spiele suspendiert. Und auch nach der Pause litt seine Spielzeit erheblich unter seinem Aussetzer abseits des Feldes. Es bleibt abzuwarten, wie er in der nächsten Saison in die Rotation eingebaut wird. Wichtig wäre er für die Mannschaft durchaus. Unter den zurückkehrenden Spieler rangiert er sowohl im Offensivrating, Trueshooting und der defensiven Reboundpercentage unter den Top 3 des Teams.

Wichtigster Mann im Frontcourt wird Tarik Black werden. Schon im letzten Jahr startete der Sophomore Power Forward, brachte es aber durchschnittlich nur auf rund 22 Minuten pro Begegnung. Diese Spielzeit wird in diesem Jahr ohne viele Optionen auf Groß definitiv steigen. Eine Weiterentwicklung seines jetzt schon tollen (Offensiv-)Reboundverhaltens und Shotblockings wird dafür sorgen.

Ansonsten kehren mit Chris Crawford, Antonio Barton (der ältere Bruder von Will) und Charles Carmouche drei Guards zurück, die mehr oder minder untereinander austauschbar sein und die Rotation komplettieren. Carmouche ist hervorzuheben, weil er ein weiterer Senior mit Führungsaufgaben ist. Antonio Barton ist mit circa 44% von Downtown der beste Schütze abseits von Witherspoon und Crawford kann alles ein bisschen, aber nichts überragend.

Stärken/Schwächen

Coach Pastner kann mit den vielen Rückkehrern auf ein eingespieltes Team zurückgreifen, welches seinen angedachten Spielstil schon verinnerlicht haben sollte. Man kennt die Teamkollegen und weiß über die eigenen Stärken und Schwächen Bescheid. Es wird schnell gespielt werden, um die eigene Tiefe voll auszunutzen. Besonders auf den kleinen Positionen verfügt man mit Jackson, den Bartons und Carmouche über Spieler, die durch das eigene Scoring Spiele entscheiden können. Kommen nun auch noch Witherspoon und Thomas dazu, könnten die Tigers zu einer schwer auszurechnenden Punktemaschinerie werden. Die große Anzahl an Optionen lässt sich nur schwer in einem (defensiven) Gameplan unterbringen. Auch die im Training von Stoudamire und Walton erlernten Kniffe und Tricks werden helfen.

Allerdings gibt es aber auch einige Fragezeichen. Wie will man mit nur zwei überdurchschnittlichen Schützen im Team genug Platz für die Drives der schnellen Guards schaffen? Der dienstälteste Tiger Witherspoon ist charakterlich nicht einwandfrei. Senior Carmouche geht als ehemaliger Transfer erst in die zweite Saison für Memphis. Wer wird der Anführer des Teams? Außerdem ist die Frontline bestehend aus Hall, Black und Tsafack überschaubar. In der Conference USA dürfte dies zunächst noch keine großen Probleme bereiten. Aber spätestens im März wird es negativ auffallen, dass man auf keinen Bigman über 2,05m Körpergröße zurückgreifen kann, dessen Spielzeit man auch wirklich rechtfertigen kann.

Ausblick

Die Memphis Tigers sind ohne Frage sehr talentiert. Dennoch muss man sie als Wundertüte ansehen. Ihre Conference werden sie (wieder einmal) recht souverän gewinnen. Der Lockout wird für dafür sorgen, dass so mancher Grizzliesunterstützer die Tigers als Ersatz nutzen wird. Die ersten zwei gewonnenen Tournamentspiele der Post-Calipari-Ära scheinen aber in Reichweite zu liegen.

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