Dallas Mavericks

Roddy B. Good?

Das sechste Spiel der Erstrunden-Playoffsserie 2010 zwischen den Dallas Mavericks und den San Antonio Spurs ließ viele Dallas-Anhänger – über eine lang andauernde Offseason – mit einem Gefühlschaos zurück. Einerseits war man natürlich frustriert: Die älter werdende Mannschaft, deren persönliche Weiterentwicklungschancen eher gering war, musste der starken Konkurrenz mal wieder den Vortritt lassen, während andere gestandene Teams in den weiteren Playoffs um die Championship spielten und jüngere Teams schon in den Startlöchern standen. Andererseits beschlich einen hinter dem Gefühl des Ärgers auch ein leichtes Gefühl der Hoffnung: Nachdem man im besagten Spiel schon frühzeitig ausgeschieden schien, brachte der 21-jährige Rookie Rodrigue Beaubois wieder Leben in die Mannschaft und startete eine furiose 22 Punkte-Aufholjagd, die aber letztendlich doch scheiterte. Doch nicht erst seit diesem Spiel weiß man um sein Talent, das Ausscheiden beendete lediglich eine individuell erfolgreiche Saison. Von Fans und Medien fallen im Laufe der Offseason oft Worte wie Heilsbringer und Hoffnungsträger in Bezug auf Beaubois. Wie realistisch ist ein solches Denken? Welchen Einfluss wird Beaubois auf die Mavericks haben?

Dallas’ Probleme im Backcourt

Betrachtet man die Namen des Backcourts der Mavericks oberflächlich, sieht man keine schwache Besetzung. Der startende Aufbauspieler Jason Kidd ist schon heute eine Legende, die einen Platz in der Hall of Fame so gut wie sicher hat. Dieses Jahr steuerte er neben seinem Allround-Game und seinen Spielmacherfähigkeiten noch eine neu gewonnene Präzision von der Dreierlinie bei, die, aufgrund seines Alters, beeindruckte. Mit 36 Jahren durfte der Point Guard zum zehnten Mal an einem All-Star-Game teilnehmen. Kidds häufigster Backcourt Partner war Jason Terry, der – von der Bank kommend – meist neben Kidd in den letzten Minuten eines Spiels stand. Verständlich, denn schließlich zählte er zu den zehn besten Punktesammlern des letzten Viertels, was dem letztjährigen Sixth Man of the Year immerhin den zweiten Platz in der diesjährigen Abstimmung um den besten Bankspieler bescherte. Auch die beiden ehemaligen All-Stars Josh Howard und Caron Butler fanden sich als Rotationsspieler im Backcourt wieder, während J.J. Barea den Backup für Jason Kidd spielte.

Trotz der namhaften Spieler sind die Schwächen, die die Guards hinterließen, schwer zu verkennen. Betrachten wir die drei wichtigsten, um im Nachhinein Beaubois daran vergleichen zu können.

Defizit Nr. 1: Zug zum Korb

Es gibt Vor- und Nachteile, die das Spiel mit einem gut werfenden Big Man bringt. Eine natürliche Schwäche im Spiel mit Nowitzki ist die, dass die hochprozentigen Punkte direkt unter dem Korb, welche am einfachsten von den großen Spielern erzielt werden können, wegfallen, da der Go-to-Guy insgesamt am effizientesten ist, wenn er von größerer Distanz wirft. Um diese Schwäche ausgleichen zu können, sind Spieler von Nöten, die den von Nowitzki erzeugten Platz unter dem Korb nutzen können. Im Normalfall sollte der Weg zum Korb einfacher sein und daher die Punkteausbeute effizienter. Die folgende Statistik zeigt die Ergebnisse:

Wurfhäufigkeit “Inside”Trefferquote “Inside”Wurfversuche pro Spiel
Caron Butler34,1%46,7%4,5
Jason Kidd16,7%42,9%1,4
Jason Terry23,9%56,5%3,2
Josh Howard29,0%62,5%3,2
JJ Barea44,1%68,0%2,5

Zunächst einmal zur Erklärung: In dieser Statistik (Quelle: hoopdata.com) werden Würfe aufgeführt, die von einer Entfernung von weniger als 3 Meter genommen werden.

Diese Information veranschaulicht, ob die erwähnten Räume, von den Spielern auch genutzt werden konnten. Zunächst ist da Caron Butler, ein Spieler, dessen Stärke der lange Midrange-Wurf ist. Obwohl er ihn auch gerne benutzt, war er auch in den vorigen Jahren, bei den Washington Wizards, immer in der Lage, in der Zone effizient zu punkten. Seine Trefferquoten in Korbnähe waren überdurchschnittlich gut, in Dallas  konnte er jedoch den Korb nicht finden. Kidd ist mittlerweile zu alt, um sich erfolgreich zum Korb durchzukämpfen und lässt es deshalb fast ganz sein. Der JET trifft zwar gut, belässt es aber auch bei wenigen Wurfversuchen. Josh Howard, der Garant der letzten Jahre, kämpfte die ganze Hinrunde mit seinen Knöcheln. Er traute sich nur sehr wenig in die Zone, auch wenn seine Trefferquote – wie jedes Jahr – hervorragend war. Einzig JJ Barea brachte in der Zeit, in der er auf dem Feld stand, Entlastung. Jedoch waren seine 20 Minuten Spielzeit zu wenig, um in dem Bereich dauerhaft helfen zu können.

Das spiegelt sich auch in den Statistiken des Teams wieder. Ligaweit erhielten nur sechs Mannschaften bei 100 Possessions weniger Freiwürfe als die Mavericks. Außerdem erzielte man – bei einer Distanz von weniger als 3 Meter Entfernung zum Korb – die drittwenigsten Punkte aller Teams (ebenfalls bei 100 Possessions). Beides sind Werte, die die Mavericks sonst nur mit Nicht-Playoffmannschaften teilen. Selbst die Effizienz im Abschluss bleibt,  trotz der wenigen Versuche, auf der Strecke, denn auch die 55% Trefferquote aus derselben Distanz ist im Ligaschnitt unterdurchschnittlich. Kein anderes Team, das neben Dallas in der Top 10 des Offensive Ratings von Dean Oliver steht, kann zusammengefasst solch schlechte Werte vorweisen.

FTAPunkte “Inside”FG% InsideORtg
Phoenix Suns27,022,159,6%115,3
Atlanta Hawks25,823,556,8%111,9
Denver Nuggets32,222,157,1%111,8
Orlando Magic28,820,758,6%111,4
Toronto Raptors27,722,259,1%111,3
Cleveland Cavaliers29,123,361,6%111,2
Portland Trailblazers28,219,857,4%110,8
Utah Jazz28,924,960,0%110,7
San Antonio Spurs26,123,055,8%110,0
Dallas Mavericks24,619,755,5%109,2

Unterm Strich ist die Ausbeute der Guards so schlecht, dass die Unausgeglichenheit, die der werfende Power Forward verursacht, noch vergrößert wird. Die Räume, die unter dem Korb frei werden, werden kaum genutzt, stattdessen wird noch mehr geworfen. Das ist vor allem problematisch, wenn die Räume in den Playoffs enger werden und Shooter weniger Platz zum Werfen bekommen. Das Resultat in diesem Jahr war ein Ausscheiden in der ersten Runde.

Defizit Nr.2: Der Backup Point Guard

Der reguläre Ersatzmann von Jason Kidd war zu großen Teilen J.J. Barea. Man kann behaupten, er war der Nutznießer der Harmlosigkeit der Mavericks-Guards beim Zug zum Korb. Der Weggang von Devin Harris hat in dem Bereich ein solch großes Loch hinterlassen, dass selbst Barea in Kauf genommen wurde, um dieses zu stopfen. Dabei ist offensichtlich, dass das Spiel mit dem klein gewachsenen Puerto Ricaner nur eine Notlösung sein kann.

Während die Offensive mit ihm auf dem Platz nur ein wenig schlechter läuft, ist vor allem die Verteidigung ein Grund, warum Barea möglichst wenig auf dem Platz stehen sollte. Bei 100 Ballbesitzen kann die gegnerische Mannschaft gegen Dallas im Schnitt 5,3 Punkte mehr erzielen, wenn der Point Guard auf dem Platz steht. Durchschnittlich sind die Mavericks, wenn Barea spielt – auf 100 Possessions bezogen – um 7 Punkte schlechter als die Mavs ohne Barea auf dem Platz. Das ist nicht nur schlecht, sondern vernichtend für einen Spieler, dessen Mannschaft die zweitmeisten Siege in der eigenen Conference erspielte. Die Statistik spricht hierbei eine klare Sprache: Barea scheint seiner Rolle als Backup Point Guard nicht gewachsen zu sein.

Defizit Nr.3: Verteidigung gegen schnelle Guards

Ob zu langsam (Kidd), zu klein (Barea) oder einfach untalentiert (Terry), auch im Bereich der Verteidigung von schnellen, kleinen Guards hat man Qualitätsmängel. Das machten nicht erst die Playoffs deutlich, in denen George Hill die Mavericks schwindelig spielte. Bei Siegen der Spurs erzielte Hill 18,5 Punkte bei einer starken Wurfeffizienz von 63TS%. Ein Jahr zuvor übernahm Tony Parker diese Rolle, vor zwei Jahren ließ man sich von Chris Paul vorführen.

Unter den acht besten Scoring Performances gegen die Mavericks standen in der letzten Saison sieben Guards, deren Stärke es ist, ihre Schnelligkeit auszunutzen, um am Brett zu punkten. Unglücklicherweise ist dieser Typ Point Guard in der NBA keine Seltenheit mehr. Die letztjährigen Drafts brachten eine Vielzahl jener Spieler in die Liga, sei es Derrick Rose, Russell Westbrook, Tyreke Evans oder nun John Wall, die allesamt den Charakter der Liga für die nächsten Jahre mit beeinflussen sollten. Wenn man in der Zukunft vorhat, Spieler dieser Klasse verteidigen zu wollen, sollte man sich mehr einfallen lassen als die 3-2 Zone, die von Rick Carlisle häufig als Hilfsmittel versucht wurde.

Der Rookie: Rodrigue Beaubois

Der rasante Aufstieg von Rodrigue Beaubois ist schnell beschrieben: Am Ende der ersten Runde gedraftet, profitiert er vom Verletzungspech in seiner Mannschaft, spielt sich in die Rotation und kann, trotz der geringen Spielzeit, überzeugen. Dabei überrascht er die Fans und Medien, die in ihm eine neue Hoffnung für seine Mannschaft sehen.

Für diese Einschätzung reichten 56 Regular Season Spiele (16-mal Starter) und sechs Playoffspiele mit insgesamt knapp über 700 Spielminuten. Die Zahlen sehen jedenfalls beeindruckend aus. In 12,5 Minuten Spielzeit pro Spiel erzielte er 7,1 Punkte mit herausragenden Quoten in allen Bereichen. Besonders hervorzuheben ist der März, als er über 14 Spiele in 18,6 Minuten 13,4 Punkte erzielte, bei 56% aus dem Feld und 46% von hinter der Dreipunktelinie. Die Mavericks gewannen 10 der 14 Spiele und waren gerade in ihrer besten Form der gesamten Saison. Eines der gewonnen Spiele wurde gegen defensiv katastrophale Warriors gespielt, gegen die Roddy B. insgesamt 40 Punkte auflegte und neun Dreier verwandeln konnte.

Dennoch schaffte er es nicht, den Trainer zu überzeugen und erkämpfte sich auch keinen Platz in der Rotation, als die Saison sich dem Ende neigte. Caron Butler und Jason Terry verschluckten die meisten Minuten auf der 2, die Spielzeit als Ersatzmann auf der 1 wurde schon am Anfang der Saison Barea übertragen. Der Grund dafür lag in Carlisles Zweifel an Beaubois’ Fähigkeit im Spielaufbau. Den Großteil seiner Minuten spielte er als Off Guard, der sich um den Abschluss kümmern sollte, während ein regulärer Point Guard die Leitung des Spiels übernahm. Außerhalb der Garbage Time lief der Rookie deshalb so gut wie immer entweder neben Kidd oder Barea auf. Von Vorteil war dabei sicher, dass seine körperlichen Anlagen es ihm erlaubten, den Shooting Guard des Gegners zu verteidigen. Trotz 185cm Körpergröße ist Beaubois aufgrund seiner riesigen Arme (Wingspan fast 6’10) und seiner Sprungkraft in der Lage, größere Gegenspieler zu beschäftigen. Seine Athletik hilft, neben seinem Händchen aus der Distanz, auch in der Offensive, denn ob Fastbreaks, Alley Oops oder Pick and Rolls, der Neuling findet den Weg zum Korb ohne Probleme.

Dabei ist vor allem erstaunlich, welche Abgezocktheit er bereits in seinem Alter besitzt. Als erster Rookie in der NBA schafft er es, eine Saison mit Quoten von über 50% aus dem Feld, 40% von der Dreierlinie und 80% von der Freiwurflinie abzuschließen. In Sachen Wurfeffizienz (TS%) ist er mit 61% 13. bester in der Liga, unter den Spielern die über 600 Minuten Spielzeit gesehen haben. Bemerkenswert ist, dass die Usage Rate von Beaubois höher ist als die der vor ihm liegenden Spieler, was zumindest andeutet, dass die Scoring Rolle (wenn er denn auf dem Feld war), die er in seinem Team bekleiden musste, nicht kleiner war als die der besser platzierten. Das ist deshalb erstaunlich, da die Effizienz im Normalfall fällt, wenn die Anzahl der Wurfversuche steigt.

Um Beaubois mit viel Spielzeit versorgen zu können und gleichzeitig die Problemposition des Backup Point Guards zu verkleinern, wurde deshalb vom Coaching Staff der Plan erstellt, ihm mehr Spielanteile im Spielaufbau zu überlassen. Der Plan beinhaltete eine Vorbereitung durch die Summer League, des Weiteren sollte er das französische Nationalteam als Point Guard bei der Weltmeisterschaft führen und im Training Camp sowie Preseason angelernt werden. Unglücklicherweise brach sich der Franzose im August den 5. Mittelfußknochen des linken Fußes und verpasst damit einen Großteil seiner Vorbereitung. Einziger Maßstab zur Einschätzung seiner Entwicklung bleibt somit die zuvor gespielte Summer League, die naturgemäß eher wenig Auskunft geben kann.

Beaubois als Heilsbringer für Dallas?

Nun sollte man nicht vergessen, dass die Mavericks schon eine Vergangenheit mit Spielern haben, die das Puzzlestück zum Titel darstellen könnten. In den letzten Jahren waren es Transaktionen, die Spieler wie Kidd und Butler brachten, die kamen, um Nowitzki entscheidend zu unterstützen.

Das Resultat? Die legitime 2. Option, die gesucht und dringend benötigt wurde, fehlt dem Team noch immer. In der heutigen Zeit, in der sich sowohl James, Wade und Bosh ein Team teilen und die Lakers den Luxus haben, Gasol, einen Co-Star allererster Güte, Bryant an die Seite zu stellen, haben die Mavericks nicht unbedingt größere Gewinnchancen mit nur einer Option. An diesen Punkt muss die Hoffnung der Dallas-Anhänger ansetzen, die in Beaubois einen Heilsbringer sehen. Mehrere dritte und vierte Optionen kann das Team bereits jetzt schon vorweisen, was fehlt, ist ein echter Co-Star.

Der Logik folgend, stellt sich deshalb die Frage: kann Rodrigue Beaubois zu der 2. Option werden, die die Mavericks benötigen, um realistische Chancen auf den Titel zu haben?

Zunächst einmal ist zu fragen: wie erkennt man 2. Optionen? Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Spiel ihrer Mannschaft tragen können, wenn der Franchise Player auf der Bank sitzt, verletzt ist oder keinen guten Tag erwischt. Die meisten der heutigen Co-Stars mussten jahrelang selbst als 1. Option für ihr Team Playoffschlachten schlagen, lernten es, ihre Mannschaft anzuführen und mit Drucksituationen umzugehen. Als Beispiel seien Spieler wie Ray Allen, Chauncey Billups oder Chris Bosh genannt. Gestandene Spieler, die bereits am College darauf vorbereitet wurden, die kommenden Stars zu werden, die das Spiel sowie alle Feinheiten der Medienwelt kennenlernen durften und heute als Führungspersönlichkeiten angesehen werden.

Klingt das nach einer fairen Erwartungshaltung für einen Sophomore, der vor einem Jahr noch hoffen musste, in der ersten Runde gedraftet zu werden? Ein Spieler, der erst knapp über 700 Spielminuten in der regulären Spielzeit auf dem Platz stand und gerade mal 31 Playoff-Minuten zu verbuchen hat? Durchaus talentiert, aber gleich Schlüssel zum unmittelbaren Erfolg?

Ein erstes Contra, das einem bei dieser Überlegung direkt auffällt, ist die Zeitspanne, die ihm dafür bleibt. Einige der Leistungsträger des Teams, wie Marion, Terry oder Kidd, sind leistungstechnisch schon auf dem Weg nach unten. Sollte sich der Kader nicht wieder durch große Trades verändern, muss das Ziel sein, in den nächsten zwei bis drei Jahren anzugreifen. In der Folge bedeutet das, dass Beaubois sich nicht nur zu einem Co-Star entwickeln soll, es sollte auch möglichst schnell erfolgen. Welche jungen Spieler konnten denn in den letzten Jahren den Schritt zum Co-Star meistern?

Zwei gute Beispiele wären Tony Parker und Rajon Rondo. Zum einen gelang es beiden, sich bereits in jungen Jahren zu festen Größen in Teams zu mausern, die Titelanwärter waren, zum anderen spielen sie die gleiche Position und können deshalb als Vergleichsobjekt dienen, wenngleich die Bezeichnung zweite Option auch bei ihnen mit Einschränkungen zu genießen sein muss. Dass beide sich prächtig entwickeln konnten, war aber kein Zufall. Eines hatten die Point Guards dem Franzosen nämlich voraus: garantierte Spielzeit, um sich zu entwickeln. In ihren jeweiligen Coming out Seasons (bei Parker 2002/03, bei Rondo im Zeitraum 2007-2009) spielten Parker und Rondo um die 30 Minuten pro Spiel und durften Erfahrungen sammeln. Wie sehen Beaubois’ Chancen auf eine solch hohe Spielzeit aus?

Nicht ganz so gut. Die Ereignisse der vergangenen Monate kommen ihm dabei natürlich nicht gerade entgegen. Aufgrund seiner Verletzung soll vorerst, auf Anordnung des Trainerstabs, der Druck von ihm genommen werden, das Spiel in Abwesenheit von Jason Kidd zu leiten. Dadurch bleiben Beaubois erstmal nur die Spielminuten auf der Shooting Guard Position, die er sich mit Jason Terry und Caron Butler teilen muss. Ob dahinter 30 Minuten Spielzeit bleiben, ist mehr als fraglich. Schon letztes Jahr bekam Beaubois wenige Einsätze gegen Playoffmannschaften. Nur in vier Spielen stand er gegen ein solches Team mehr als 15 Minuten auf dem Feld, was einerseits natürlich Carlisles geringes Vertrauen zeigt, andererseits auch seine Leistungen etwas relativiert. Alles in allem ist ein so großer Sprung in so kurzer Zeit nicht zu erwarten.

Keine 2. Option – kein Fortschritt?

Eine zu hohe Erwartungshaltung mindert jedoch die Stärke eines Spielers nicht. Vor allem lässt sie aber nicht verschleiern, welch guten Fit der Franzose für die Mavericks in der Gegenwart abgibt. Auf der einen Seite stellt er mit seinem Alter und seinem günstigen Vertrag einen Gegenpart zu den restlichen Leistungsträgern der Mannschaft dar. Das macht ihn nicht nur zu einem guten Trade-Asset, sondern hilft dem Team auch bei Zukunftsplanungen, sollte man eine Umstrukturierung vornehmen müssen. Auf der anderen Seite hat man auch für die Gegenwart einen guten Fit gefunden. Ein Spieler, der sowohl neben Nowitzki sowie in der Kombination mit Kidd gut funktioniert. Dessen Schwächen werden im Zusammenspiel ebenso gut verdeckt wie auch die von Beaubois. Zumindest in der Theorie funktioniert die Aufgabenteilung – Kidd übernimmt den Spielaufbau und die Defense gegen Shooting Guards, Beaubois kümmert sich ums Punkten und verteidigt die kleineren, schnelleren Guards – wunderbar. Damit scheint zumindest für die Gegenwart eine gute Lösung gefunden worden sein.

Beaubois als Lösung für die Probleme?

Ein genauerer Blick lohnt sich: welche Schwächen der Mavericks fallen in Beaubois’ Talentbereich?

Defizit Nr.1: Zug zum Korb

Selbst wenn man davon ausgeht, dass sich Roddy nicht weiterentwickelt, ist er jetzt schon in der Lage, dem Team durch seinen starken Zug zum Korb erheblich zu helfen. Das hat man bereits letztes Jahr bei eingeschränkter Spielzeit beobachten können, als die Offensive wesentlich effizienter lief, als Beaubois auf dem Feld stand. Die 47% Würfe, die er „Inside“ nimmt, sehen nicht nur im Vergleich zu den anderen Mavericks Guards (die zugegeben schwache Vergleichsobjekte darstellen) gut aus, sondern geben auch Aufschluss über die Spielweise des Franzosen. Dass er 68% jener Würfe verwandeln konnte, zeigt einerseits sein Talent, andererseits auch den Platz, der endlich mal von einem Spieler ausgenutzt werden kann.

Defizit Nr.2: Der Backup Point Guard

Die Frage, ob Beaubois auch hier schon nächstes Jahr helfen kann, ist um einiges schwerer zu beantworten. Bisher tat er sich schwer beim Spielaufbau, traf häufig überhastete Entscheidungen und suchte zu sehr den Abschluss. Vieles wird hierbei von Trainer Carlisle abhängen, ob er bereit ist, die Zügel für den Backup Point Guard zu lockern. Eine offensive Aufgabenteilung in einem Terry/Beaubois-Backcourt, bei dem die Mannschaft eine einfache Offense läuft, könnte durchaus funktionieren, denkt man in die Vergangenheit zurück, als dasselbe mit einem Terry/Harris-Backcourt erfolgreich praktiziert wurde. Die Qualität der Mitspieler und auch die Spielertypen würden eine solche Spielweise ebenfalls zulassen. Der Vorteil einer solchen Spielweise wäre zunächst, dass die Probleme, die Barea in der Defense verursacht, abgeschwächt werden, wenngleich auch eine Terry/Beaubois Kombination nicht die defensive Lösung ist. Wahrscheinlicher scheint allerdings, dass Beaubois zunächst Barea den Vortritt lassen und sich die Spielanteile in der Saison verdienen muss. Bei der Frage nach Begabung und Spielanteilen lässt sich daher nur schwer spekulieren, ob eine direkte Stärkung realistisch ist.

Defizit Nr.3: Verteidigung gegen schnelle Guards

Trotz guter Anlagen und Einschätzungen wusste Beaubois in seiner ersten Saison defensiv nicht zu überzeugen. Stellungsfehler in der Off-Ball-Defense, schlechte Rotation in der Help-Defense und Probleme in der Pick-and-Roll-Defense sind charakteristische Anfängerfehler, die auch der Dallas Rookie nicht umgehen konnte. Den Vorteil seines Wingspan, mit dem er bei NBA Scouts einen Eindruck als talentierter Defender machte, konnte er kaum ausspielen. Wenn man davon ausgeht, dass Beaubois sich eingewöhnt hat und begutachtet, wer seine Konkurrenten im eigenen Kader sind, bleibt aber auch hier die Einschätzung, dass er sofort helfen könnte, realistisch. Einen Lockdown Defender, der die Pauls und Williams reihenweise kaltstellt, macht das aus ihm vielleicht zu diesem Zeitpunkt nicht, die körperlichen Anlagen machen ihn jedoch zu einer guten Alternative zu Kidd, Terry oder Barea.

Fazit

So gut wie Rodrigue Beaubois auch zu seinem Team passt, das, was die Mavericks dringender brauchen als alles andere, ist eine konstante zweite Option, die auch mal übernehmen kann. Eine solche Rolle wird Beaubois in einer so kurzen Lernzeit nicht ausfüllen können. Eine gesunde Entwicklung vorausgesetzt, wird Dallas jedoch schon in der Gegenwart von ihm profitieren können, sodass die Türen zum ganz großen Schritt noch ein wenig länger offen bleiben. Grund genug für Mavericks Fans, sich zu freuen.

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4 comments

  1. Du hast dich wirklich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt und bist nicht über die Stärken Beaubois’ in den Artikel eingestiegen, sondern über das Teamneed der Mavericks. Das fand ich von daher interessanter, weil es mehr mit der Umsetzung in der Praxis zu tun hat. Der Artikel ist sehr gut strukturiert und man sieht gleich, worauf du hinaus willst.

    Widersprechen möchte ich vor allem in einem Punkt: Defizit Nr. 2 wird Beaubois in diesem Jahr keinesfalls lösen können. Du sprachst die Summer League an. Diese ist natürlich kein Abbild der NBA, aber wenn Beaubois Spielmacherskills trainiert und verinnerlicht hätte, dann hätte man diese Ansätze sehen müssen. Das war wirklich grausam, auch wenn es natürlich ein zusammengewürfeltes Roster war. Zudem kommt die Ausfallzeit hinzu, die länger ist, als zuerst angenommen. Beaubois hat die gesamte Vorbereitung verpasst, hat kein einziges Spiel oder Training auf der 1 bei den Mavericks absolviert. Jetzt von Coach Carlisle zu fordern, dass er mitten in der Saison austesten soll, was Beaubois kann, halte ich für absolut kontraproduktiv. Die Mavericks werden (wie wohl alle Teams im Westen – die Lakers ausgenommen) um den Einzug in die Playoffs richtig kämpfen müssen. Da können ein oder zwei hergeschenkte Spiele zum Testen von Roddys Fähigkeiten schon ein-zwei Plätze kosten.
    Zudem bleibt abzusehen, dass – bei Misserfolg – Beaubois’ Selbstvertrauen leidet. Carlisle wird ihn benchen, wenn er nicht funktioniert. Für mich wird Beaubois auch in dieser Saison einen jungen Terry abgeben, der offensiv Input leisten kann (und natürlich nciht nur Dreier wirft wie der JET), aber trotz großem Wingspan kaum einen Shooting Guard eines Playoff-Teams im Westen anständig verteidigen können wird. Ich sehe – für die persönliche Entwicklung Beaubois’ – dieses Jahr fast schon als verschenkt an.

    Außerdem fehlt mir zum Abschluss eventuell noch ein Hinweis darauf, dass, sollte Beaubois die Umschulung auf Point Guard mittelfristig nicht gelingen, den Mavericks keinesfalls damit geholfen ist, einen weiteren zu kleinen Shooting Guard im Team zu haben.

  2. Daniel Glowania

    |Author

    Danke zunächst fürs Feedback, Dennis. Ich steig dann einfach mal direkt in die inhaltliche Kritik ein.

    Widersprechen möchte ich vor allem in einem Punkt: Defizit Nr. 2 wird Beaubois in diesem Jahr keinesfalls lösen können. Du sprachst die Summer League an. Diese ist natürlich kein Abbild der NBA, aber wenn Beaubois Spielmacherskills trainiert und verinnerlicht hätte, dann hätte man diese Ansätze sehen müssen. Das war wirklich grausam, auch wenn es natürlich ein zusammengewürfeltes Roster war. Zudem kommt die Ausfallzeit hinzu, die länger ist, als zuerst angenommen. Beaubois hat die gesamte Vorbereitung verpasst, hat kein einziges Spiel oder Training auf der 1 bei den Mavericks absolviert. Jetzt von Coach Carlisle zu fordern, dass er mitten in der Saison austesten soll, was Beaubois kann, halte ich für absolut kontraproduktiv. Die Mavericks werden (wie wohl alle Teams im Westen – die Lakers ausgenommen) um den Einzug in die Playoffs richtig kämpfen müssen. Da können ein oder zwei hergeschenkte Spiele zum Testen von Roddys Fähigkeiten schon ein-zwei Plätze kosten.

    Die Frage um die Backup Point Guard Rolle sehe ich ja selbst, wie du auch, kritisch. Bezüglich Summer League und Vorbereitung hätte ich auch gerne etwas weiter ausgeführt, allerdings hätte das, in einem schon langen Artikel, wohl noch einige Worte mehr zur Folge gehabt. Ich habe deshalb versucht die Punkte zu verarbeiten, in dem Teil der Analyse, in der ich darauf hinweise, wieviel Zeit im für Entwicklungen bleibt. Dass ich den Punkt dann im Thema “Defizit – Backup Point Guard” nicht noch einmal erwähne stimmt so, war aber als Faktor in den Überlegungen in diesem Abschnitt durchaus miteingebunden. Zudem schreibe ich bewusst im Konjunktiv und treffe eigentlich kein endgültiges Resultat das lautet “Beaubois wird das Defizit lösen können”.

    Deine Aussage ” Defizit Nr. 2 wird Beaubois in diesem Jahr keinesfalls lösen können” kann durchaus richtig sein, allerdings sollte ich vielleicht klarmachen, dass es in dem Abschnitt darum nur zu Teilen ging. Die Frage hinter dem Abschnitt heißt nicht “Wird Beaubois das Backup Point Guard Problem lösen?”, sondern vielmehr “Kann Beaubois bei der Lösung beim Backup Point Guard Problem helfen?”. Das mag verwirrend sein, womöglich habe ich das auch nicht deutlich genug formuliert, aber nicht umsonst ist von einem Terry/Beaubois Backcourt die Rede. Es geht darum sich den Spielaufbau zu teilen, in einem für beide Spieler gelockertem Offensivsystem. Verglichen habe ich das mit mit dem Terry/Harris Backcourt anno 2005-2007. Für würde ein solches Gespann, wenn es denn funktioniert, zumindest ein Problem lösen, nämlich Bareas 20 Minuten Spielzeit, ich denke ich habe klar gemacht, wie sehr er dem Spiel schadet.
    Wird Carlisle einen solchen Versuch machen? Das weiß ich nicht. Ich halte es allerdings nicht für Zufall, dass Carlisle in dieser Offseason laut überlegt, ob Terry nicht doch Minuten als Aufbau kriegen wird. In diesem Punkt widerspreche ich dir übrigens auch: ich bin durchaus der Meinung, dass Carlisle sich in der Regular Season auf Expiremente einlässt. Ganz einfach weil das seine Art zu coachen ist.

    Zudem bleibt abzusehen, dass – bei Misserfolg – Beaubois’ Selbstvertrauen leidet. Carlisle wird ihn benchen, wenn er nicht funktioniert. Für mich wird Beaubois auch in dieser Saison einen jungen Terry abgeben, der offensiv Input leisten kann (und natürlich nciht nur Dreier wirft wie der JET), aber trotz großem Wingspan kaum einen Shooting Guard eines Playoff-Teams im Westen anständig verteidigen können wird. Ich sehe – für die persönliche Entwicklung Beaubois’ – dieses Jahr fast schon als verschenkt an.

    Die Frage nach dem Selbstvertrauen stellt sich natürlich auch. Nur ist das mMn kein Gegenargument. Du hast es selbst unten geschrieben, schafft es Beaubois sich nicht zu entwickeln, ist er wieder nur ein zu kleiner, scorender Shooting Guard. Der Schritt, einem Spieler ein wenig Verantwortung zu geben, muss nunmal gegangen werden, so war das bei Tony Parker, so war das bei Harris und sollte man hoffen, dass Roddy eine ähnliche Entwicklung nehmen kann, sollte der Schritt auch bei ihm in diesem Alter getan werden. Schließlich geht es “nur” um den Backup Posten, hinter dem höchstens 20 Minuten pro Spiel anfallen. Insbesondere wenn die Konkurrenz Barea heißt. Du siehst die persönliche Entwicklung Beaubois’ schon jetzt, in diesem Jahr als verschwendet an? Ich sehe sie dann für verschwendet an, wenn der Schritt nicht getan wird.

    Den Bermerkung, dass Roddy keinen Shooting Guard im Westen verteidigen kann, ist für mich auch nicht ganz zutreffend. Gehen wir davon aus, dass er als Shooting Guard startet und später als Backup Point Guard (mit Terry) wiederkommt. Welchen der Backups im Westen kann er da als Shooting Guard eigentlich nicht verteidigen? Vielleicht J.R. Smith oder vielleicht Rudy Fernandez. Ansonsten sind die Backups der Playoffmannschaften nicht zu fürchten, auch nicht für den etwas undersizeden Beaubois.

    Außerdem fehlt mir zum Abschluss eventuell noch ein Hinweis darauf, dass, sollte Beaubois die Umschulung auf Point Guard mittelfristig nicht gelingen, den Mavericks keinesfalls damit geholfen ist, einen weiteren zu kleinen Shooting Guard im Team zu haben.

    Hast Recht habe ich wohl verpasst. Wenngleich ich das natürlich auch wieder etwas entschärfen muss. Ich halte Beaubois nicht für einen Spielmacher im klassischen Sinne, sehe ihn am ehesten als Combo Guard neben einem Shooting Guard der das Spiel leiten kann, wie Wade oder Kobe. Sollte ein solcher Spieler nach Dallas kommen, wäre auch Beaubois als zu kleiner Shooting Guard nicht verschenkt. Mittelfristig ist wohl, bei den Spielmacherfähigkeiten, etwas in der Richtung Tony Parker das Ziel.

  3. Jonathan Walker

    Sehr gut geschriebener und informativer Artikel.

    Was du eventuell noch hättest einbringen können, ist Beaubois’ Alter. Meiner Meinung nach wird jemand, der mit 22 Jahren noch nicht im Entferntesten ein NBA-Aufbauspieler ist, wahrscheinlich auch keiner mehr werden. Sicherlich ist mit 22 noch Entwicklungspotential da, aber bei weitem nicht mehr so viel wie noch mit 19 oder 20. Deswegen ist deine Einschätzung, dass Roddy wohl eher als zu klein geratener SG oder ein Comboguard enden wird auch realistischer, als die Hoffnung einiger Mavsfans, er sei die neue Hoffnung auf der Eins. Der Zug ist in meinem Augen schon abgefahren. Dies schränkt das allgemeine Potential dann auch wieder etwas ein, denn nur die allerwenigsten Comboguards werden zu echten Stars.

  4. Daniel Glowania

    |Author

    Du hast natürlich Recht, 22 Jahre sind schon recht alt, für einen Sophomore, von dem man noch große Sprünge erwartet. Allerdings wäre es fair im Zuge dessen auch zu erwähnen, dass er professionelles Basketball erst spielt, seitdem er 17 Jahre alt ist. Wenn man das mit den europäischen Talenten vergleicht, die schon ab dem Alter von 14 Jahren die Juniorennationalmannschaften durchlaufen (ganz zu Schweigen von den amerikanischen Talenten) sind weitere Entwicklungen zumindest nicht allzu abwegig. Ich denke gerade in so einer Laufbahn, sind Steigerungen im Spielverständnis durchaus noch möglich.

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