Portland Trail Blazers

Trailing Blazers

Vorgestern mussten auch die größten Optimisten in Portland der Realität endgültig ins Auge blicken: Die Mannschaft, der vor wenigen Jahren nach einhelliger Meinung noch die blühendste Zukunft in der NBA bescheinigt wurde, ist Geschichte. Das Ende kam ironischerweise mit der Entlassungen des einst größten Hoffnungsträgers. Im Zuge der zwei Trades mit den Houston Rockets und New Jersey Nets entließen die Portland Trail Blazers Greg Oden, den ersten Pick der 2007er NBA Draft und einen der größten Talente der letzten 20 Jahre. In seinen fünf Profijahren hielt er allerdings weniger wie ersehnt die Verteidigung seiner Mannschaft zusammen sondern sich größtenteils die lädierten Knie.

Zurück auf Start

Obwohl Brandon Roy aufgrund seiner Probleme mit den Knien bereits vor Beginn der Saison seinen Rücktritt vom Profibasketball erklären musste, gelang der Mannschaft von Microsoft-Mitgründer Paul Allen ein euphorischer Start in die verkürzte Saison. Fünf Siege mit durchschnittlich 11,2 Punkten konnte man in den ersten sechs Partien erringen. Die Freude war allerdings nicht von langer Dauer. Nach einem soliden ersten Monat verloren LaMarcus Aldridge und seine Kumpanen 15 der 23 Spiele vor der Trading Deadline am Donnerstag – das Ganze gekrönt von einer deutlichen Niederlage am Dienstag (75-92 in Indiana) und einer Demontage am Mittwoch im Madison Square Garden (79-121 in New York). Ob diese beiden Spiele das Fass zum Überlaufen gebracht haben oder ob sie nur eine Bestätigung einer bereits getroffenen Entscheidung waren, bleibt unklar. Es ist auch irrelevant. Unterm Strich hatten die Verantwortlichen um General Manager Chad Buchanan in die Mannschaft mitsamt Trainer kein Vertrauen mehr und schieben die Ambition für die Playoffs mittelfristig zur Seite. Nate McMillan durfte nach sieben Jahren an der Seitenlinie sein Clipboard an Assistenztrainer Kaleb Canales abgeben.

Marcus Camby läuft zumindest für den Rest der aktuellen Saison in Houston auf und dürfte damit kein Problem haben, da die Rockets um eine gute Platzierung in den Playoffs spielen, während Hasheem Thabeet und Jonny Flynn, die – zusammen mit einem 2nd Rounder der Timberwolves – im Gegenzug zu den Blazers wechseln, jetzt bei einer Mannschaft spielen, der Siege zunächst weniger bedeuten. Zur Aktion ‚Großreinemachen in Portland‘ gehörte allerdings noch ein weiterer Trade. Nach einem Jahr an der Westküste wurde Gerald Wallace zurück in den Osten nach New Jersey verfrachtet (Wallace kam erst im Februar 2011 für zwei 1st Rounder, Dante Cunningham, Sean Marks und Joel Przybilla aus Charlotte in den Nordwesten der USA). Der Gegenwert: Mehmet Okur, Shawne Williams und als Kernkomponente der 1st Rounder der Nets in der kommenden Draft, sofern die Bällchen in der Draft Lottery nicht dafür Sorge tragen, dass es einer der ersten drei Picks ist. Da für die Tauschgeschäfte zwei Plätze im Kader geschaffen werden mussten, wurden wie oben bereits Oden sowie Chris Johnson vor die Tür des Rose Garden gesetzt. Der Trail Blazer, dessen Name im Vorfeld in den meisten Gerüchten auftauchte, fand letzten Endes keinen Abnehmer: Aber auch Jamal Crawford war ebenfalls nur einige Minuten von einem neuen Arbeitgeber entfernt, wenn man Mike Bresnahan von der L.A. Times Glauben schenken mag.

Gehe über Los

Wie sollten die einzelnen Deals und das Gesamtbild beurteilen werden? In der Situation der Trail Blazers gestaltet sich die Bewertung einfacher als es bspw. bei den Los Angeles Lakers mit dem Trade für Ramon Sessions der Fall ist. Mein Kollege Dennis Spillmann schreibt im entsprechenden Artikel:

Die Deals isoliert betrachtet, haben zu dem Ergebnis geführt, dass sich die Lakers zwei Mal verbesserten. Aber eine isolierte Betrachtung ist nicht hilfreich, wenn man ein Team bewerten will.

Dem muss man uneingeschränkt zustimmen. Während es bei den Lakers allerdings das Ziel war, die Mannschaft unverzüglich zu verstärken und in direkte Erfolge umzumünzen, ist die Ausgangslage in Portland eine andere. Teaminterne Synergien spielen aus diesem Grund u.a. eine weitaus geringere Rolle. Die Zielvorgaben für die restliche Saison sind keine Siege, sondern das Ausloten von Möglichkeiten und die Verbesserung der Zukunftsperspektive. Daran sind die Entscheidungen von Buchanan zu messen – unter der gesetzten Prämisse, dass ein Rebuild die richtige Entscheidung war.

Im Fokus steht natürlich der Pick aus New Jersey. Aktuell dürfte man bestenfalls an siebter Position, im schlimmsten Fall an zehnter Position, anstelle der Nets draften. Bei der Vorstellung in der Top-10 zu draften, machen viele Fans oftmals große Augen. Leider ist die Diskrepanz zwischen Hoffnung und Realität regelmäßig ebenso groß. Die Warnung, die NBA Draft nicht zu überschätzen, ist bei Go-to-Guys.de daher keine Seltenheit. Wenn man die Draft-Jahrgänge 2000-2010 in dem Bereich betrachtet, stehen Andrew Bynum, Amare Stoudemire, Joe Johnson, Andre Iguodala und Luol Deng an der Spitze. Folgende Namen wurden am jeweiligen Draft-Abend ebenfalls spätestens an zehnter Stelle aufgerufen: Rodney White, Mike Sweetney, Jarvis Hayes, Rafael Araujo, Luke Jackson, Ike Diogu, Patrick O’Bryant, Mouhamed Sene oder Joe Alexander. Mit dieser Basis und einer einfachen Wahrscheinlichkeitsrechnung wird der gedraftete Spieler wohl Wallaces Niveau nicht erreichen. Da “Crash” allerdings demnächst seinen 30. Geburtstag feiern kann und grundsätzlich auf den französischen Nationalspieler Nicolas Batum gesetzt werden soll (dessen Verlängerung steht für den Sommer auf der Agenda und mit diesem Deal ist die finanzielle Flexibilität weitaus größer; Wallace hat eine Player Option für die Saison 2012/13) ist diese hoffnungsgetriebene Entscheidung definitiv nachvollziehbar. Die Rollen von Okur und Williams sind bei der Bewertung vernachlässigbar.

Springen wir zum zweiten Trade: Wenn man für einen Center, der kommende Woche 38 Jahre alt wird, den zweiten und sechsten Pick einer Draft, die keine drei Jahre zurückliegt, bekommt, müsste man als Fan eigentlich Luftsprünge machen … würde man meinen. Wenn man die Namen Thabeet und Flynn hört, ist die Freude doch eher überschaubar. Aus gutem Grund. Immerhin handelt es sich hierbei um zwei Spieler, die in der NBA bisher nichts vorzuweisen haben und von einigen Fachkundigen bereits zum Zeitpunkt des Drafts als Reaches (Spieler, die offensichtlich zu früh gedraftet wurden) tituliert wurden. Dennoch: Die Entscheidung Camby zu traden, ist richtig. Ein Spieler im Spätherbst seiner Karriere ist in einer Mannschaft, die für einen höheren Draft-Pick spielen möchte, nicht die richtige Wahl. Bei Thabeet und Flynn besteht nicht die Gefahr, dass sie Unruhe stiften. Statt sich mit dem Problem auseinanderzusetzen, hat man jetzt die Möglichkeit, zu prüfen, ob bei den Spielern noch ausschöpfbares Potential zu soliden Rollenspielern vorhanden ist. Man gewinnt diese – wenn wohl auch ziemlich geringe – Chance, aber hat nichts zu verlieren, da man die Verträge der beiden ehemaligen Raketen im Sommer auslaufen lassen kann.

Schlossallee?

Am 28. Juni 2007, der Tag an dem die Portland Trail Blazers offiziell die Rechte an Greg Oden erhielten, standen sie kurz davor mittelfristig zum “team to beat” – zur Mannschaft, die es zu schlagen gilt – zu avanchieren. Heute sind sie ziemlich weit davon entfernt. Die vorgestern getätigen Trades möchte ich im Ganzen dennoch positiv bewerten, da sich die Gewinnmöglichkeit in einem günstigen Verhältnis zum eingegangenen Risiko befindet. Der Gewinn (d.h. der Pick und/oder Thabeet/Flynn zahlen sich aus) ist zwar unwahrscheinlich, aber der Versuch aufgrund des gering einzuschätzenden Risikos (beim Trade von Camby ist kein Risiko vorhanden; sollte sich der Pick der Nets als Nullnummer entpuppen, wäre der Verlust von Wallace zwar ärgerlich, aber zumindest hinnehmbar, da ein Wechsel im Sommer ohne jeglichen Gegenwert auch nicht ausgeschlossen ist) durchaus lohnenswert.

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