Draft, Off-Court

The devil wears orange? – Der Saisontiefpunkt

Knapp drei Wochen ist sie jetzt alt, die Collegesaison. Man startete mit einem Paukenschlag in die neue Spielzeit. North Carolina und Michigan State trugen ein Spiel auf einem Flugzeugträger aus, bei dem es sich Stars wie Magic Johnson, James Worthy oder Präsident Obama nicht nehmen ließen, anwesend zu sein. Es ging in hohem Tempo weiter. Mit Pittsburgh, Vanderbilt und den Huskies aus Connecticut leisteten sich bald schon recht namenhafte Teams erste Ausrutscher und verloren als gerankte Mannschaften gegen weitaus schwächer eingeschätzte Colleges. Diese Upsets sorgten für große Schlagzeilen. Aber auch Einzelpersonen wussten die Spalten der Sportgazetten und Basketballblogs zu füllen. Blue Devils Coach Mike Krzyzewski knackte die 903er-Marke für Siege und katapultierte sich damit auf Platz 1 in der All Time Win Liste noch vor seinen Mentor die Trainerlegende Bobby Knight. Ein gewisser Griffin Lentsch sorgte mit seinen 89 Punkten in einem Division III-College Basketball Spiel für Aufsehen. Purdue Boilermakers Star Robbie Hummel scheint sein Comeback nach nunmehr zwei Kreuzbandrissen endlich geglückt zu sein. Hingegen ließ Minnesota Gophers-Star Trevor Mbakwe die Träume seines Colleges hinsichtlich einer Chance auf das NCAA Tournament und dem dortigen guten Abschneiden erst vor wenigen Stunden aufgrund der Diagnose „torn ACL“ platzen. All diese Vorkommnisse hätten Höhepunkte der noch jungen Saison Spielzeit sein können. Allerdings wird all dies von Ereignissen im Staate New York überschattet.

Nahezu die gesamte amerikanische Sportmedienwelt schaut derzeit nach Syracuse. Gut, mag der geneigte Fan denken, starteten die Orange mit sechs Siegen in Folge in die Saison und sind als ziemlich sicherer Kandidat für ein etwaiges Elite Eight anzusehen. Leider wollen die Journalisten derzeit nur wenig über sportliche Dinge wissen, wenn sie Anfragen auf Interviews einreichen. Mittelpunkt ihres Fokus’ ist Assistenz-Coach Bernie Fine, der nunmehr seit 36 Jahren für Syracuse in dieser Funktion tätig und damit der Dienstälteste seiner Zunft war. Er wurde nun am Sonntag von den Verantwortlichen der Universität fristlos gefeuert. Wie kam es dazu?

Everything’s fine?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zurück in das Jahr 2003 begeben. Carmelo Anthony spielte noch für das Team von Jim Boeheim und führte als Freshman seine Mannschaft in unwiderstehlicher Manier zum Collegetitel. Es war einer der wohl wichtigsten Momente in der Geschichte der Syracuse Orange. Hinter den Kulissen spielten sich aber, wie man heute weiß, noch andere Dinge ab. Ein junger Mann namens Bobby Davis, seines Zeichens ehemaliger Balljunge des College Basketball Teams, beschuldigte Fine schwer. „Hunderte Male“ sei er in den 80er und 90er Jahren von Fine angefasst und sexuell misshandelt worden. Seinen Anschuldigungen nach seien die Vergehen in seinem Zuhause, auf Syracuses Trainingsgelände und sogar „on the road“ beim Final Four 1987 vorgekommen. In der Öffentlichkeit wurden diese Anschuldigungen damals allerdings nicht laut. Davis wurde als einzige Quelle als nur bedingt glaubwürdig eingestuft. Einen Eindruck auf die Universität hatte der ehemalige Balljunge aber wohl doch hinterlassen. 2005 griff Syracuse den Fall intern noch einmal auf und startete eine interne Untersuchung. Aber kein drückender Beweis tauchte auf und so ließ man die Causa Fine recht schnell wieder fallen.

Erst am 17. November diesen Jahres rollte man den Vorfall neu auf. Nachdem am Anfang des Monats ein ähnlicher Kindesmissbrauchs-Skandal am Penn State College publik wurde, fühlte sich nach Bobby Davis auch ein zweites potentielles Opfer von Fine endlich in der Lage auszusagen. Der Stiefbruder Davis’, Mike Lang, der ebenfalls als Balljunge für die Orange tätig war, machte Angaben zu neuen Vorfällen des Kindesmissbrauchs. Er beschuldigte Bernie Fine auch ihn als kleinen Jungen in den 90ern sexuell genötigt zu haben. Diese Aussage verlieh den Worten seines Stiefbruders Bobby Davis neues Gewicht und trat eine detaillierte, öffentliche Untersuchung los. Die Luft für Fine wurde dünner. Headcoach Boeheim fühlte sich genötigt, auf den Plan zu treten, und seinen geschätzten Freund und Kollegen zu verteidigen. Auf einer Pressekonferenz nannte er die beiden Ankläger geldgierig und beschimpfte sie als Lügner.

Es trat dann ein weiterer Mann auf den Plan, Zach Tomaselli, der auch ein Opfer von Fine gewesen sein will. Er gab an, dass ihn Fine 2002 in einem Hotelraum in Pittsburgh unsittlich berührt worden zu sein. Tomaselli ist aber eine etwas mysteriöse und weniger glaubwürdige Gestalt im Vergleich zu Davis oder Lang. Zum einen bestreitet sein eigener Vater, dass Tomaselli jemals in diesem Hotelzimmer gewesen wäre, zum anderen ist er im Staat Maine selbst wegen sexueller Belästigung angezeigt worden. Seine Rolle in der ganzen Verwicklung bleibt noch abzuwarten.

No, it’s not!

Die Bombe platzte dann am Sonntag, als bei ESPN Telefonmitschnitte auftauchten, die Bernie Fine schwer belasteten. Zu hören sind seine Frau Laurie Fine und Bobby Davis. Beide unterhalten sich über verdächtige Vorgänge und es kommt zwar nie zu expliziten Aussagen, die Taten von Bernie Fine beweisen, allerdings beinhalten die knapp 200 Minuten Material mehrere mehr oder minder konkrete Anspielungen, die auf eine klare Mitwisserschaft der Ehefrau Fines schließen lassen. Dieses neue, ihn schwer belastende Indiz machte den Assistenz-Coach für die Syracuse Univertity nicht mehr länger tragbar und sorgte für dessen sofortige Entlassung. Head Coach Boeheim entschuldigte sich sofort für seine vormaligen, recht scharfen Ausführungen und nahm diese sichtlich beschämt zurück. Dennoch fordern nun einige Beobachter des ganzen Treibens Boeheims Rücktritt, da sie ihm nicht glauben, dass er von all diesen Vorgängen nichts mitbekommen haben will. Momentan sieht es aber nicht danach aus, als ob auch Boeheims Kopf rollen wird. Dies könnte sich aber in den kommenden Wochen noch ändern.

Fazit

Die Syracuse University hat mit ihrer Entscheidung Fine zu entlassen, alles richtig gemacht. Man entledigt sich damit ein wenig der medialen Aufmerksamkeit und schafft so wieder die Möglichkeit, das Sportliche in den Vordergrund zu rücken. Zu der rechtlichen Situation um Fine kann man keine Aussage treffen, da er noch nicht verurteilt ist, aber die bisher gefundenen Indizien lassen einen klaren Schluss zu. Ob Boeheim auch seinen Hut nehmen sollte, steht bisher nicht zur Debatte. Man kann ihm viele Sachen vorwerfen, aber wohl guten Gewissens einen Kollegen zu verteidigen, mit dem er auch privat schon seit über 50 Jahren befreundet war, kann ihm kaum negativ ausgelegt werden. Jeder hat sich schon einmal in einem Menschen getäuscht. Es ist zu hoffen, dass bald wieder der Basketball in den Mittelpunkt der Berichterstattung der amerikanischen Sportmedien rückt und dieser Negativhöhepunkt seinen Abschluss findet.

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