Alltimers, Lockout, Off-Court

The Blueprint

Lockout. Das Unwort des vermeintlichen Sommers bei den NBA-Begeisterten. Instinktiv denkt man wohl zunächst an die Sportler, die ihrer Arbeit nicht nachgehen. In den Sommermonaten sind es aber die General Manager, die wirklich handlungsunfähig sind. Das Sommerprogramm der Spieler – im Kraftraum schwitzen und die Verbesserung der individuellen Fähigkeiten – wird durch die Aussperrung etwas erschwert, ist aber weitestgehend dennoch problemlos möglich. Für die General Manager hingegen ist die Phase vor der Saison von großer Bedeutung – im Hochbetrieb wird versucht, die Gleise für die folgende Saison oder gar die darüber hinausgehende Zukunft zu stellen. Natürlich mit dem Ziel, irgendwann am Ende einer Postseason die ‚Larry O’Brien Trophy‘, das goldene Schmuckstück für den jeweiligen NBA-Champion, gen Himmel zu strecken.

Einzig eine passive Arbeitsweise ist derzeit möglich – in den Gedanken Pläne zu schmieden, Ideen zu entwickeln und Möglichkeiten abzuwägen. Es stellen sich dabei einige Fragen für einen Außenstehenden: Nach welchem Muster arbeiten die Herren Riley, Buford, Kahn und Co.? Gibt es eine Blaupause und bestimmte Regeln, an die man sich halten muss? Wenn ja, inwieweit darf und kann davon abgewichen werden?

Zunächst gilt es zu sagen, dass jeder General Manager gewissermaßen seine eigene Philosophie hat bzw. jene seines Lehrmeisters übernimmt. Richard Cho bspw. ließ bei Amtsantritt bei den Charlotte Bobcats direkt verlauten, den Weg der Oklahoma City Thunder gehen zu wollen, um die Mannschaft von Mehrheitseigner Michael Jordan auf die Weise aufzubauen, wie es Sam Presti getan hat. Keine Überraschung, denn Cho arbeitete bereits einige Jahre in Seattle und Oklahoma City unter diesem.

“One of the worst things you can do in this league is be a middle-of-the-road team – in the playoffs one year, out the next. One of the tough things about a middle-of-the-road team is you never get really good draft picks. That makes it hard to have sustained success. Sometimes you have to take a step back to take two steps forward. I’m a big proponent of accumulating assets. That’s how we did it in Oklahoma City.” [Richard Cho]

Das Grundstück…

Michael Jordan, Hakeem Olajuwon, Tim Duncan, Shaquille O’Neal, Dwyane Wade, Kobe Bryant, Dirk Nowitzki – diese sieben Spieler waren die jeweils besten Spieler bei 18 der letzten 20 Meisterschaften. Dadurch wird deutlich, wie sehr der absolute Erfolg mit den Besten der Besten zusammenhängt. Da solche Elitespieler bekanntlicherweise nicht vom Himmel fallen und bei 30 Mannschaften nur ein Titel pro Jahr vergeben wird, nimmt sich dieser Artikel das Recht heraus, zu behaupten, dass nicht bloß die endgültige Meisterschaft für erfolgreichen Basketball spricht. Ungeachtet, dass in den Medien sowie bei vielen Fans das Bild dominiert, welches nur Meister wirklich wertschätzt. Mit dieser Sichtweise tut man Mannschaften wie den Utah Jazz, Sacramento Kings oder Indiana Pacers, die in ihrer jeweiligen Blüte Ende der 90er / Anfang des neuen Jahrtausends hervorragenden, aber titellosen Basketball spielten, Unrecht.

Ob es letztlich für den Titel reicht oder nicht – für erfolgreichen Basketball ausreichend Talent ist unabdingbar. Im Optimalfall hat man wirklich einen ‘Franchise Player’ in den eigenen Reihen, der diesen Namen auch verdient. Als Beispiel für eine Mannschaft, die sich ohne wirklichen ‘Franchise Player’ einen Namen gemacht hat und sogar den Titel gewinnen konnte, werden gerne die Detroit Pistons (NBA-Champion 2004) herangezogen. Vermutlich wird keiner der damaligen Schützlinge von Coaching-Legende Larry Brown jemals in einem Atemzug mit anderen NBA-Größen genannt werden, aber (nicht ausgeschöpftes) Talent war im Kader vorhanden. Wenn man fachkundige Beobachter nach den talentiertesten Power Forwards der letzten 20 Jahre befragt, könnte der Name Rasheed Wallace bei einigen direkt nach Kevin Garnett fallen. Dieses Potential konnte er nur nicht komplett auf das Parkett übertragen. Dass Chauncey Billups (dritter Pick nach Tim Duncan und Keith van Horn im Jahr 1997) und Richard Hamilton (siebter Pick 1999) über hohes basketballerisches Talent verfügten, war ebenfalls kein Geheimnis.

Im Vorfeld zur Draft bemängelte Kollege Dennis Spillmann genau diesen Umstand bei den Minnesota Timberwolves, um ein aktuelles Beispiel anzubringen:

Sollte man das Draftverhalten der Timberwolves in den letzten Jahren beschreiben, würde man neben unglücklich vor allem sagen, dass es nicht risikobereit war. Was hat die Franchise zu verlieren, wenn man riskant in der Lottery pickt? Das ausgewählte Talent schlägt nicht ein und man hat einen Draftpick verschwendet.

Man sollte wirklich alles Erdenkliche versuchen, um eine gescheite Basis zum Aufbauen zu haben. Risiken gehören dazu, ob nun bei der Draft oder bei Trades. Gerade bei Letzterem ist oftmals zu lesen, wie sich Fans und zum Teil auch die Verantwortlichen an Rollenspieler bzw. weniger talentierten Spieler klammern: “Landry Fields wird in kein Paket für Carmelo Anthony involviert” (2011) oder “…für Kobe Bryant ist entweder Luol Deng oder Ben Gordon im Paket – auf keinem Fall beide Spieler!”  (2007).

Es ist nicht verständlich. Lieber mit einem vielversprechenden Puzzleteil von vorne beginnen statt mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen eine Wand namens Mittelmaß zu laufen. Hierbei spielt aber natürlich das Verhältnis zwischen Besitzer und General Manager eine bedeutende Rolle. Für eine gute Leistung als General Manager ist viel Vertrauen sowie Job-Sicherheit zu einem bestimmten Grad ziemlich wichtig, da ansonsten eine langfristige Planung erschwert werden würde, weil sich der Manager möglicherweise genötigt fühlt, kurzfristige Erfolge vorzeigen zu müssen.

Drei Eingangstüren und keine Fenster?

Hinsichtlich der Offense gibt es für eine Mannschaft mit Perspektive neben dem Talent einen entscheidenden Faktor: Kompatibilität zwischen den Spielern – heißt: sie müssen zusammenpassen. Talent und tolle Namen reichen mitnichten. Bis zu diesem Punkt wird keine fachkundige Person widersprechen. Beim Grad der Kompatibilität kommt es aber zu Meinungsverschiedenheiten. Dass die beiden Flügelspieler neben einem Chris Paul nicht (ein gesunder) Brandon Roy und Hidayet Turkoglu sein sollten, versteht sich von selbst. Es wäre fraglos ein talentiertes Trio, aber es wären auch drei Spieler, die sich in erster Linie als Spielgestalter verstehen und die Umsetzung dieses Spielstils funktioniert zu einem hohen Maß nur mit dem Ball in der Hand. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde es zu Problemen auf dem Parkett kommen (wie bspw. in der vergangenen Saison in Philadelphia beim Trio Jrue Holiday / Evan Turner / Andre Iguodala zu beobachten war). Den genauen Gegensatz würden einigChris Paule fachkundige Kollegen fordern, nämlich zwei Flügelspieler, die sich als Schützen verstehen und deren Fähigkeit sein muss, Dreier zu versenken. Da es wenige Hände gibt, in denen der Ball besser aufgehoben wäre – um beim Beispiel Chris Paul zu bleiben -, macht man mit dieser Strategie vermutlich nicht viel falsch. Bedeutet es aber, dass der Ball nur in seinen Händen sein sollte? Der für eine Vielzahl an NBA-Beobachtern beste Point Guard der Liga ist dann am besten, wenn er den Ball kontrolliert, aber würde es dem Team insgesamt schaden, wenn auf dem Flügel noch ein Spieler wäre, der etwas mit dem Ball anfangen kann, also für sich und seine Mitspieler Gelegenheiten zum Punkten ermöglichen kann (wenn auch nicht auf dem Niveau eines Pauls)?

Es schadet einer Mannschaft nicht, wenn sich der Ball beizeiten auch in vergleichsweise schwächeren Händen befindet (das mussten auch Michael Jordan und Kobe Bryant lernen, bevor sie erfolgreich wurden). Eine Abweichung von dem Gedanken bzw. von dem Schema, dass ein Spieler – der primäre Ballhandler – ständig den Ball in den eigenen Händen halten und kreieren muss, wäre zu unterstützen. Mehr Ballbewegung im gesamten Team, sodass auch ein zweiter Ballhandler bspw. ‘Pick and Rolls’ initiiert. Für den primären Ballhandler bedeutet es in solchen Situationen nicht, dass in der Gegend rumstehen muss. Er könnte sich ebenfalls in eine passende Situation bringen (bspw. durch einen guten Cut), um den Ball eventuell zurückzubekommen. In dem Moment, in dem sich die Verteidigung wieder orientiert, könnte der Spieler selbst abschließen oder einen Assist spielen.

Während vergangener Playoffszeiten konnte man in Cleveland (mit LeBron James) oder zuletzt bei den Chicago Bulls wunderbar sehen, wohin es führen kann, wenn der Angriff des Teams im oben genannten Schema festgefahren ist. Etwas mehr “europäische” Einflüsse dahingehend wären bei manchen Mannschaften wünschenswert.

Ballmovement wie aus dem Bilderbuch

Zur Veranschauling ein Beispiel von der kürzlich beendeten Europameisterschaft: Milos Teodosic, Aufbauspieler vom serbischen Nationalteam mit grandiosem Auge, war mit Abstand der beste Playmaker seiner Mannschaft (vielleicht sogar Europas), dennoch sah man ihn oftmals auch abseits des Balles. Dadurch entstand ein schöner, weniger ausrechenbarer Spielfluss innerhalb des Teams. Diese Spielweise bringt in der individuell geprägten NBA, wo am liebsten einzelne Spieler mit starken Leistungen (und blendenden individuellen Statistiken) vermarktet werden, weniger Publicity, aber er kann auch in den USA sehr erfolgsversprechend sein – der (noch) lebende Beweis für beide Thesen sind die San Antonio Spurs und ihre bisherigen Meisterschaften (1999, 2003, 2005, 2007).

Nach einer Eingewöhnungsphase würden auch andere vermeintlich balldominante Spielertypen sportlich neben einem Aufbauspieler wie Paul funktionieren. Ob nun ein Joe Johnson oder Dwyane Wade. Das Entscheidende wäre die Bereitschaft der Spieler, sich auch anzupassen. Dass dies nicht immer gegeben ist, könnte man bspw. bei den Portland Trail Blazers in Person von Brandon Roy beobachten. Das Parade-Beispiel, dass bestimmte Kombination auch funktionieren, obwohl es zu Beginn auf dem Papier nicht optimal aussieht, sind wohl Paul Pierce und Rajon Rondo. Letzterer ist aufgrund seines nicht-existenten Wurfes im Angriff komplett davon abhängig, den Ball in den Händen zu halten. Er ist ein Spielgestalter in seiner reinsten Form. Pierce war viele Jahre in Boston der primäre Ballhandler, der sich eigenhändig seine Würfe erspielt hat. Eine Meisterschaft und eine weitere Finalteilnahme in den letzten vier Jahren sprechen dafür, dass die Strategie nicht zwingend in die Hose gehen muss. Eher im Gegenteil. Sie kann sich wunderbar auszahlen.

Dass sich dagegen ausgesprochen werden kann, liegt möglicherweise am Gedanken, die Kompatibilität müsse dem Spieler einen hundertprozentigen Leistungsabruf ermöglichen. Vor LeBron James’ berüchtigten Entscheidung im Sommer 2010 nach Miami zu den Heat und Dwyane Wade zu wechseln, war oftmals zu lesen, dass die beiden Spieler nicht zusammenpassen, da sie extrem balldominant seien und ihr gewohntes Spiel nicht aufziehen könnten. Nach dem ersten Jahr lief das Spiel nicht immer reibungslos und es wurde auch gelegentlich nebeneinander als miteinander gespielt. Letzten Endes reichte es dennoch für die Finals und mit etwas mehr Ernsthaftigkeit in Spiel II hätte es eventuell bereits für mehr gereicht. Es muss nicht immer der Anspruch sein, dass die Spieler 100% ihrer (offensiven) Leistungsfähigkeit abrufen können müssen. Es kann auch reichen, wenn jeweils nur 85-90% zur durchschnittlichen Leistung gehören (insbesondere bei hochtalentierten Spieler). Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass eine geringere Forderung im Angriff auch eine bessere Leistung in der Verteidigung ermöglicht, da mehr Energie-Reserven hierfür aufgewendet werden können.

Der mögliche Einwand, dass es wenige Kombinationen mit dem Talent von James und Wade gibt, ist berechtigt. Doch bei Pierce / Rondo ist es ähnlich. Manu Ginobili und Tony Parker könnte man ebenfalls nennen. Sportlich sollte es ebenso bei einer fiktiven Paarung von Johnson / Paul funktionieren. Mit weniger Sturheit und mehr Teamgedanken hätte auch das bereits erwähnte Backcourt-Duo Roy / Miller ein schlagkräftiges, schwierig zu verteidigendes Tandem ergeben können, auch wenn sie nicht das jeweilige Maximum des eigenen Potentials abrufen könnten. Basketball ist zu dynamisch, sodass man das Ganze nicht zu statisch betrachten sollte. Die Spieler sind keine nummerierten Züge, die sich ausschließlich in bestimmten Schienen bewegen (können). Auch wenn bestimmte Kombinationen augenscheinlich nicht direkt ineinander passen mögen, wie es ein zweiteiliges Puzzle täte, bedeutet es nicht, dass man damit keinen Erfolg haben kann.

Je geringer das Talentlevel der Mannschaft, desto wichtiger wird die Kompatibilität. “Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile” – dieser Satz mag mathematisch nicht korrekt sein, im Basketballsport hat er aber große Relevanz. Wenn sich alle Spieler ergänzen, die Schwächen der Mitspieler kaschieren und miteinander harmonieren, sind auch weniger talentierte Mannschaften in der Lage, theoretisch besser besetzte Gegner zu besiegen. Das aktuellste Beispiel liegt auf der Hand: die Dallas Mavericks, Champion 2011. Auf dem Weg zur Meisterschaft wurden mindestens zwei Mannschaften mit höherem Talentlevel, die Los Angeles Lakers und die Miami Heat, aus dem Weg geräumt. Ein Dirk Nowitzki hatte mit Tyson Chandler den benötigten ‘Defensive Anchor’ an seiner Seite. Ein Center, der ihm den Rücken freihält und die Verteidigung der Mannschaft zusammenhält. Exakt auf diese Rolle konnte sich Chandler konzentrieren, denn mit den offensiven Fähigkeiten eines Nowitzki konnte er sich im Angriff darauf beschränken, die Abstauber zu verwerten sowie hin und wieder einen ‘Alley Oop’ in die Reuse zu drücken. Mehr geben seine Fertigkeiten auch nicht her.

Ein ähnliches Bild ergab sich im Backcourt bei Jason Kidd, Jason Terry, DeShawn Stevenson und Jose Barea. Allesamt keine kompletten Guards (mehr), aber sie konnten sich durch die unterschiedlichen Stärken dennoch bedeutend ins Spiel der Mavericks einbringen. Die Schwächen der Spieler wurden durch andere Spieler kaschiert – soweit, dass es für das Team keine großen Probleme mehr darstellte. In einer Mannschaftssportart ist die Summe oftmals wirklich mehr die Addition seiner Teile.

Weitläufige Zimmer…

Das Spacing. Hierbei geht es darum, das Feld – bildlich gesprochen – breit zu machen; den Gegner daran hindern, bei der Verteidigung weit abzusinken (u.a. um Starspieler leichter zu doppeln) und den Weg zum Korb für einfache Punkte zu blockieren. Die Verteidigung wird nur daran gehindert, wenn Spieler auf dem Parkett stehen, die ein Absinken des Verteidigers auch bestrafen können. Die Vorstellung, Rajon Rondo, Tony Allen und Andre Iguodala auf den Positionen 1-3 einsetzen zu können, sorgt bei einem Verteidigungsfetischisten für eine beengende Hose – der gegnerische Trainer wird sich bei der Entwicklung des defensiven Konzepts aber ebenfalls freuen. Dieser würde seine Schützlinge beauftragen, weitmöglichst abzusinken und diese Jungs werfen zu lassen. Der Inside-Spieler, sei er noch so gut, hätte folglich auch erhebliche Probleme, da der Gegner relativ risikolos doppeln könnte. Zur Verhinderung werden Schützen eingesetzt, gerne Drei-Punkt-Schützen, da drei Punkte schmerzlicher sind als zwei. Diese Philosophie sorgte dafür, dass ein Rashard Lewis absurderweise einen Vertrag von über 120 Millionen US-Dollar erhielt.

Speziell die bisher angesprochenen Typen von Spielerkombinationen (Pierce / Rondo, James / Wade, Roy / Miller, Johnson / Paul) brauchen als dritten Partner am Perimeter einen Spieler mit sehr gutem Wurf im Gepäck. Die Celtics haben mit Ray Allen den Vorzeigespieler für diese Rolle, auch legte Miami mit Mike Miller, Mario Chalmers und Mike Bibby großen Wert darauf. Bei der Bildung einer Mannschaft darf das Thema ‘Spacing’ keinesfalls vernachlässigt werden. Für gutes Spacing sind aber nicht drei herausragende Drei-Punkt-Schützen zwingend notwendig, sodass andernfalls der Erfolg ausbleibt. Es ist ebenso mit einem guten Wurf aus der Mitteldistanz denkbar, insbesondere wenn man in der Lage ist, diesen auch aus dem Dribbling zu versenken. Einige Meister der letzten 15 Jahre können als Nachweis dienen, u.a. die Detroit Pistons 2004, deren einzig guter Schütze in der Startaufstellung Chauncey Billups war. Ein Richard Hamilton war dafür unglaublich stark aus der Mitteldistanz, dazu Rasheed Wallace und Tayshaun Prince, die auch werfen konnten, aber bei den Dreiern keine gute Quote (Wallace) oder kein hohes Volumen (Prince) hatten. Anfang des Jahrtausends hatten die Los Angeles Lakers einen Backcourt bestehend aus Ron Harper und dem jungen Kobe Bryant – beides keine Distanzschützen, aber mit gutem Wurf aus der Mitteldistanz ausgestattet. Für die Dreier waren Glen Rice (2000) und Rick Fox (2001) zuständig, wobei Letzterer nicht zwingend als ‘Shooter’ durchgehen würde. Die Bulls nach dem Comeback von Michael Jordan könnten ebenfalls genannt werden, die neben dem Großmeister noch Scottie Pippen und Ron Harper auf den kleinen Position starten ließen. Natürlich konnten Jordan und Pippen Dreier werfen und haben sie auch getroffen. Ihr eigentliches Spiel lief aber bekanntermaßen in der Mitteldistanz ab (insbesondere 1998 war es ziemlich deutlich: Die drei genannten Starter kamen zusammen auf exakt zwei getroffene Dreier pro Partie). Der beste Schütze des Teams kam nur von der Bank: Steve Kerr, der in seinem besten Jahr 52,4% seiner Dreier versenken konnte.

Durch die steigende Bedeutung des Drei-Punkt-Wurfes (durchschnittliche Anzahl von einem Team genommene Dreier pro Spiel: 2011 – 18,0 Dreier bei 35,8%; 2001 – 13,7 Dreier bei 35,4%; 1991 – 7,2 Dreier bei 32.0%) und höheren Anzahl an wurffähigen Spielern sollte man bei Möglichkeit schon versuchen, den Effienz-Vorteil des Dreiers zu nutzen. Effektiv entspricht eine Dreierquote von 33,3% einer Feldwurfquote von 50,0%. Es sollte an dieser Stelle nur verdeutlich werden, dass man selbst ohne viele Drei-Punkt-Schützen ausreichendes ‘Spacing’ haben kann.

Ein Zaun…

“Offense wins games, defensive wins championships” – eine Floskel vom American Football, die aber auch gerne beim Basketball verwendet wird. Es ist zumindest etwas Wahres dran. Rückblick Pre-Finals 2011: Wie wollen die Dallas Mavericks mit mit ihren langsamen, kleinen, schwachen, alten Spielern die beiden Ausnahmeathleten LeBron James und Dwyane Wade verteidigen? Und der Rest ist bekannt…

Eine herausragende Verteidigung bei den Titelträgern zieht sich von Boston (2008), über Detroit (2004) hin zu Chicago (1996-1998) sowie San Antonio mittendrin. Mit einem reinen Offensiv-Feuerwerk wird man eine erfolgreiche reguläre Saison mit vielen Siegen spielen können, aber in den Playoffs wird man seinen Urlaub früh buchen können. Insbesondere die Verteidigung der zweiten Reihe ist essentiell. Der Einfluss eines Dwight Howard ist bekannt, aber man konnte in Dallas sehen, wie sich ein Tyson Chandler auf die Mannschaft ausgewirkt hat. Auch (bisher) weniger bekannter Spieler, wie der Rookie Ömer Asik bei den Chicago Bulls, sind elementare Bestandteile einer Rotation, weil sie in der Lage sind, den Ring zu verteidigen und ungewünschte Gäste fernzuhalten.
Die Perimeterverteidigung bzw. -verteidiger soll dabei natürlich nicht zu wenig wertgeschätzt werden. Der heimliche ‘Defensive Player of the Year 2011’ war ein Flügelspieler:

“Our defensive energy is the cornerstone to what we’re doing—creating turnovers, making steals, forcing deflections,” [Lionel] Hollins said. “And Tony attached himself to that concept at training camp like it was normal, like it was expected. The guy loves to play defense. And the other players started feeding off it.” [WSJ.com]

Die Rede ist von Tony Allen, Guard der Memphis Grizzlies, die man erst auf der Rechnung hat, seitdem Allen eine hohe Anzahl an Minuten in der Rotation von Coach Hollins bekommt und er mit seiner Art und seiner Spielweise in der Verteidigung seinen Kollegen auch eine Mentalität eingeimpft hat. Die Mentalität, dass Basketball in der Verteidigung anfängt.

Das Richtfest!

Der fachkundige Leser wird sich mit der Vollständigkeit dieses Artikels nicht zufrieden geben. “Die beste Verteidigung bringt nichts, wenn die Rebounds nicht eingefangen werden…und den ‘Masterminds’ an der Seitenlinie, die das Spiel von dort aus lenken, hast Du ebenfalls keine Beachtung geschenkt!” wird dieser sagen. Ist diesem zuzustimmen? Uneingeschränkt. Aber: Dem Kunstwerk Rebound wird Kollege Fabian Thewes in geraumer Zeit einen eigenen Artikel widmen und die Männer in schicken Anzügen und schwarzem Maker sowie deren Bedeutung für die Mannschaften haben ebenso einen eigenen Artikel verdient.

Um auf die Frage in der Einleitung zurückzugreifen: Nein, es gibt keine richtige Blaupause, nicht ein fixes Muster für die Gestaltung aller Teams, welches zwingend zu erfüllen gilt. Es existieren aber die in diesem Artikel thematisierten “Regeln”, an die man sich als General Manager grundsätzlich halten sollte, wenn man seinen Plan aufzeichnet. Auch wenn es innerhalb dieser Regeln ein Maß an Flexibilität – bedingt durch die vorhandenen Möglichkeiten und die eigene Philosophie – gibt. Da man als General Manager sowieso nicht jeden Spieler haben kann, den man gerne hätte, sind unterschiedliche Ansätze in der Gestaltung unvermeidbar. Bei einem Blick auf die NBA-Champions und Top-Teams der letzten 20 Jahre wird es schwierig, diese Mannschaften in ein Muster zu zwängen, zumindest in Hinblick auf die unterschiedlichen Spielertypen. Die Houston Rockets 1994 und San Antonio Spurs 2003 gewannen ihre Meisterschaft mit einem überragenden Center im Zusammenspiel mit einem passenden Spielkonzept, welches aus Rollenspieler bestand. Die Dallas Mavericks 2011 könnte man in eine ähnliche Schublade stecken, wobei es zwischen Dirk Nowitzki und Hakeem Olajuwon / Tim Duncan selbstredend Unterschiede in der Spielart gibt. Die Gewinner von 2004 (Detroit Pistons), 2007 (San Antonio Spurs), 2008 (Boston Celtics) oder die für viele Meister der Herzen von 2002 (Sacramento Kings) weisen im Gegenzug einen anderen Aufbau der Mannschaft so, ebenso die Rockets mit Olajuwon und Clyde Drexler oder die Los Angeles Lakers mit Shaquille O’Neal und Kobe Bryant.

Welcher Weg führt nach Rom? Viele Wege tun es. Es ist aber sehr ratsam, einige Wegweiser nicht aus den Augen zu verlieren, damit man nicht komplett vom Ziel abkommt.

Während die Spieler den Lockout mit ‘Pick-Up-Games’ überbrücken, machen sich die General Manager ihre Gedanken. Mehr können sie derzeit nicht tun…

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5 comments

  1. Matthias Drecoll

    woah umfangreicher langer artikel, und das während des lockouts…respekt 😉

    Trotzdem hatte ich anfangs etwas anderes von dem Artikel erwartet, nach dem Motto: “Was, macht eigentlich ein GM während des Lockouts?” Diese Frage wurde mir leider nicht wirklich beantwortet. Das von dir beschriebene Gedankenspiel, wie eine Mannschaft zusammengesetzt sein sollte, ist wohl eher allgemein gültig und sollte nicht nur während des Lockouts angwendet werden.

    Daher von mir 5 Punkten für deinen Fleiß und den interessanten Artikel.
    Aber einen Punkt Abzug für die Einleitung, die etwas anderes erwarten ließ.

  2. Ariel

    Gefällt mir, dein Artikel! Deinen Schlussfolgerungen hinsichtlich der für eine Meisterschaft erforderlichen Spielerkonstellationen und -Talente stimme ich zu. Was man gerade dieses Jahr wieder deutlich gesehn hat sollte aber auch nicht unerwähnt bleiben: die für die Playoffs erforderlichen Spielercharaktere, die Einstellung, den Siegeswillen des ganzen Teams. Das war wieder mal entscheidend. Sicher hat ein LeBron James wesentlich mehr Talent als ein Terry, dennoch war es Terry der im 2. Finals-Spiel in der entscheidenden Phase den Unterschied ausgemacht hat. Ähnlich könnte man, natürlich nur bei diesen Playoffs, Kobe und Barea vergleichen. Wenn Talent und die richtige Spielermischung in den Playoffs das Entscheidende wären gäbe es nicht so viele Überraschungen. Das es ist wie es ist macht sie so faszinierend!

  3. Hassan Mohamed

    |Author

    Erstmal ein Dankeschön an alle für das Lob.

    @Matthias

    Mit der Einleitung wollte ich ja gerade zeigen, dass die General Manager während des Lockouts kaum etwas tun können, als sich über ihren ‘Blueprint’ Gedanken zu machen, während sie normalerweise (in Offseasons ohne Lockout) aktiv an der Umsetzung dessen arbeiten.

    Einzig eine passive Arbeitsweise ist derzeit möglich — in den Gedanken Pläne zu schmieden, Ideen zu entwickeln und Möglichkeiten abzuwägen. [Absatz II]

    Grundsätzlich sind ja meist die Spieler ein Thema, aber die sind in den Sommermonaten trotz Lockout nicht handlungsunfähig. Ihr Sommerprogramm können sie weiterhin durchziehen und finanzielle Einbußen haben sie frühstens im November, wenn sie normalerweise ihren Gehaltsscheck bekommen.

    @Ariel

    Ich möchte Dir grundsätzlich nicht widersprechen. Aber auch ein General Manager kann nicht jede erdenkliche Eventualität berücksichtigen, dazu kommen noch Faktoren, die man nicht beeinflussen kann, aber für den Erfolg eine bedeutende Rolle spielen. Ob nun Glück in bestimmten Spielsituationen (http://www.youtube.com/watch?v=H8epMd07g1Q&feature=related – warum landet der Ball exakt bei Horry?) oder die Tagesformen in entscheidenden Spielen.

    Über dieses Thema könnte man theoretisch Bücher verfassen, aber als Schreiber von Artikeln muss man natürlich auch darauf achten, dass eine lesefreudlichen Länge nicht weit überschritten wird.

    Weitergehende Diskussion sind im Kommentarbereich aber natürlich jederzeit gerne gesehen!

  4. Ariel

    Ob ein Spieler ein Tough Guy, ein guter Chrunchtime-Player ist, wie er charakterlich tickt kann ein GM auch ohne Glaskugel feststellen wenn er beobachtet wie das mit ihm in seinen alten Teams lief. Du legst den Schwerpunkt deines Artikels auf die Titelaussichten eines Teams bei seiner Zusammenstellung, da ist doch wohl gerade bei Playoffs der psychologische Aspekt nicht weniger wichtig als spielerische. Aber gut, das diesjährige Playoffauftreten der Mavs entsprach nicht unbedingt ihrem Ruf. Das bestätigt teils deinen Einwand, unterstreicht aber auch die Notwendigkeit für ein Teammanagment da die richtigen Veränderungen zu machen.

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