Detroit Pistons, Draft

Zwei Ballhandler – einer zu viel?

Sollte Detroit mit Reggie Jackson verlängern?
Pistons at Wizards 02/28/15

„Freudentränen“ weinte Reggie Jackson nach eigener Auskunft, als er am Tag der Trading-Deadline von den Oklahoma City Thunder im Austausch für DJ Augustin und Kyle Singler nach Detroit transferiert wurde. Nachdem vor allem seine letzten Monate im Dress der Thunder für ihn persönlich eher nicht so erfolgreich verlaufen waren – im Januar sah er nur noch 21 Minuten und erzielte lediglich 9,4 PPG – konnte er in der Motor City endlich das sein, was er schon immer wollte: „The Man“, derjenige, der das Spiel eines Teams organisiert und bestimmt, wo es lang geht. Detroit hatte einen solchen Spieler auch dringend nötig. Durch den Ausfall von Brandon Jennings (Achillessehnenriss) hatte man als Ballhandler nur noch Rookie Spencer Dinwiddie und DJ Augustin zur Verfügung, beide – ohne es böse zu meinen – keine Spieler, denen man den Schlüssel zu einem Team ohne Bauchschmerzen in die Hand drücken möchte.

Jackson spuckte nicht nur große Töne, sondern es gelang ihm bisher auch zu liefern: seit dem Wechsel stehen 17,7 PPG, 9,0 APG sowie ein Offensivrating von 106 zu Buche; auch seine USG% ist von 22,2% auf 29,0% gestiegen. Sein Team steht im besagten Zeitraum jedoch etwas schlechter da. Nur 10 von Jacksons 27 Spielen konnte Detroit gewinnen. Noch einen Haken hat das Engagement des aufstrebenden Guards: Jacksons Vertrag läuft im Sommer aus. Zwar wird er Restricted Free Agent, doch dass er bald zu den Großverdienern der NBA gehören will, lässt er seit Monaten durchblicken. Stan Van Gundy, Trainer und General Manager in Personalunion, steht also vor einer schwierigen Entscheidung. Soll er Jackson den gewünschten (Maximal-)Vertrag geben (bzw. mit einem entsprechenden Angebot eines anderen Teams gleichziehen) oder einen gerade erst ertradeden Spieler sofort wieder verlieren?

Die Situation der Detroit Pistons im nächsten Sommer

Da die Entscheidung letztlich von Detroit getroffen werden wird – Van Gundy kann bei jedem Angebot für Jackson mitgehen – hängt es vor allem von der Situation der Pistons ab, ob Jackson auch 2015/16 ein blau-rotes Trikot tragen wird. In der nächsten Spielzeit stehen acht Spieler in Detroit unter Vertrag, die zusammengenommen runde 44,5 Millionen $ kosten werden. Greg Monroe wird ebenfalls Free Agent, allerdings ist der Bigman völlig frei in der Wahl seines zukünftigen Arbeitgebers. Sowohl für Jackson als auch für Monroe liegt das Maximalgehalt bei ca. 14,5 Millionen $ pro Jahr. Damit ist klar, dass Detroit sich notfalls von der finanziellen Seite her auch beide Spieler leisten könnte. Detroits Roster sieht für das kommende Jahr wie folgt aus:

Position

Name

Guard

Brandon Jennings, Jodie Meeks, Kentavious Caldwell-Pope, Spencer Dinwiddie

Wing

Anthony Tolliver, Ersan Ilyasova

Big

Andre Drummond, Aaron Gray

Die Guard-Position ist also relativ gut besetzt. Besonders der schon erwähnte Brandon Jennings wird nach seiner Rückkehr aus dem Krankenlager wieder Ansprüche auf einen Starterplatz stellen; aber auch Meeks als etablierte Kraft und besonders der junge Shooter Caldwell-Pope (82 Starts 2014/15) werden Ansprüche auf größere Rollen stellen.

Die Frage der Kompatibilität

Bei der Frage, ob Jackson gehalten werden sollte, geht es also vor allem um seine Kompatibilität mit den drei anderen wichtigen Guards in der Motor-City. Jackson und Jennings sind hierbei in erster Linie Ballhandler, wohingegen Caldwell-Pope und Meeks von ihrer Grundanlage her Shooter sind. Klingt nach einer soliden Kombination von jeweils einem Starter und einem Backup mit der jeweiligen Qualifikation.  Und würde Brandon Jennings nicht 8,4 Millionen $ in seinem letzten, im Sommer beginnenden Vertragsjahr verdienen, wären Jennings und Jackson sicherlich auch ein gutes Ballhandler-Duo. Doch insgesamt knapp 23 Millionen $ (bei einem Max-Angebot für Jackson) für zwei Point Guards bezahlen, die beide zwar Starterkaliber haben, aber beileibe keine All-Stars sind? Das macht nur dann Sinn, wenn beide auch nebeneinander spielen können. Somit könnte dieses Geld dann einfach an anderer Stelle wieder eingespart werden. Der Konflikt spitzt sich in letzter Konsequenz auf die Fragestellung zu, ob Jennings und Jackson nebeneinander spielen können.

Jennings und Jackson, geht das gut?

Entscheidend für diese Betrachtung ist, ob und wo sich ihre Fähigkeiten und besonders ihre Nicht-Fähigkeiten in der Offensive überschneiden bzw. ergänzen und wie sicher ein Backcourt Jennings/Jackson in der Defense ist. Dies ist besonders wichtig, da wahrscheinlich kaum einer der beiden sich mit einer Bankrolle zufrieden geben wird und sie somit als Starting-Backcourt gegen die besten Guards der Gegner antreten müssten. Beginnen wir jedoch in der Offensive. Gleich beim ersten Blick wird deutlich, dass beide Spieler gerne den Ball in der Hand haben. Jackson hielt den Ball als Piston 8,0 pro Spiel in der Hand, das reichte für Platz eins ligaweit. Jennings kommt mit 7,0 Minuten immer noch auf einen soliden zwölften Platz. Außerdem sind beide Liebhaber des Drives. Jackson ist bei den Drives pro Spiel mit 13,0 D/G Zweiter der NBA, Jennings nutzt diese Waffe zwar deutlich weniger, ist aber trotzdem mit 7,5 D/G in den Top35 der NBA zu finden. Ein weiterer Aspekt: Der Wurf. Oft sind zwei Backcourt-Spieler ohne Dreier der Todesstoß für jedes Team-Spacing. Hier bekleckert sich vor allem Jackson nicht mit Ruhm. Zwar traf er in Detroit wenigstens mittelmäßige 33% von Downton, doch über seine Karriere konnte er nie mit einem sicheren Distanzwurf glänzen. Dies war u.a. der Grund, warum er in OKC zuletzt nicht mehr erwünscht war. Jennings agiert hier deutlich besser (36% bei 5,1 versuchten Dreiern pro Spiel), ist aber ebenfalls weit davon entfernt, ein Elite-Shooter zu sein. Man kann jetzt schon erkennen, dass sich gerade die Stärken und Schwächen der beiden Playmaker überschneiden. Doch es kommt für Detroit noch schlechter. Wenn beide auf dem Feld stehen, muss einer der beiden Spieler logischerweise off-Ball agieren. Und auch hier zeigt die Vergangenheit, dass sowohl Jennings als auch Jackson in einer solchen Rolle oft überfordert sind. Jennings spielte in Milwaukee mit Monta Ellis zusammen, der als balldominanter Guard gilt, Jackson in Oklahoma mit dem Mann der absurden Usage-Raten, natürlich Russell Westbrook himself. In beiden Fällen scheiterte das Experiment. Jackson musste gehen, Milwaukee orientierte sich komplett um und trennte sich von Ellis und Jennings. Auch defensiv stellen sich einige Fragen. Jennings ist nur 1,85 m groß, Jackson 1,91 m. Das ist wahrlich kein Gardemaß und trotzdem müsste einer von beiden jede Nacht Spieler wie DeMar DeRozan, Dwyane Wade, Klay Thompson, Jimmy Butler oder James Harden verteidigen. Gegner, deren Kaliber deutlich höher liegt. Das mag vielleicht noch funktionieren, wenn der kleinere Spieler ein exzellenter Verteidiger vom Schlage eines Chris Paul ist, aber vor allem Jackson zeigte in seiner letzten Saison in OKC, was er nicht kann: verteidigen. Ein Dilemma für die Pistons.

Bisher haben die beiden Spielmacher aufgrund von Jennings’ Verletzung noch keine einzige Sekunde zusammen auf dem Platz gestanden. Deswegen kann nicht sicher gesagt werden, wie gut das Zusammenspiel funktionieren wird. Doch aufgrund der Erfahrung und Schlüsse, die man aus dem bisherigen NBA-Leben der Guards ziehen kann, liegt es nahe, dass es die Paarung schwer haben wird, zu funktionieren und zwar auf beiden Enden des Courts.

Warum die Pistons Jackson trotzdem halten sollten

Das Risiko, Jackson zu halten, vielleicht gar für einen Max-Vertrag, ist doch viel zu groß, werden nun viele meinen. Doch es gibt sehr gute Gründe für einen Verbleib Jacksons. Zunächst ist Jackson einfach ein Wert, den man so einfach nicht hergeben sollte. Zwar hat Detroit nicht wirklich viel für ihn abgegeben, aber van Gundy hat ihn jetzt. Warum sollte er ihn also abgeben, zumal der Prozess vollständig in der Hand des GMs liegt und er auf dem freien Markt kaum einen geeigneten Ersatz finden wird? Zudem ist die Situation um Jennings Achillessehnenriss noch völlig unklar. Zuletzt dachte er gar öffentlich über ein eventuelles Karriereende nach. Was, wenn man Jackson im Sommer abgibt, Jennings im Anschluss aber nie wieder der alte ist? Dieses Risiko sollte das Management keinesfalls eingehen. Und wenn Jennings wieder so gut wird wie früher und sich mit Jackson auf den Füßen steht, kann immer noch einer der beiden getraded werden, um wieder einen gewissen Wert zu haben. Bis dahin oder auch allgemein muss van Gundy darauf achten, die Spielzeit seiner Guards zu staffeln, sodass möglichst oft nur einer der beiden auf dem Parkett steht. Der Trade für den Ex-Buck Ersan Ilyasova, einen Combo-Forward mit gutem Dreier, ist neben den allgemeinen Vorlieben van Gundys für Stretch-Four-Spieler, auch damit zu erklären, dass mit dem Türken ein eventuelles Spacing-Problem auf den beiden kleinen Positionen deutlich weniger ins Gewicht fallen würde. 

Der angestrebte Maximal-Vertrag wird es für Jackson vielleicht nicht werden. Aber halten sollte und wird Detroit ihn. Und das ist aus ihrer Sicht nur logisch und konsequent.

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