BG Göttingen, Walter Tigers Tübingen

Artland Dragons. Zwei Spiele, eineinhalb Gesichter.

Zwei Partien der Beko BBL-Hauptrunde 2014/15 sind absolviert, vier Teams haben zwei Siege eingefahren. Und zwar die Top 4 des letzten Sommers: FC Bayern Basketball, ALBA Berlin, EWE Baskets Oldenburg und die Artland Dragons. Ein Blick auf die ersten beiden Auftritte des Playoff-Halbfinalisten der Vorsaison.

Heimspiel-Auftakt gegen Tübingen

 Neun Ballverluste stehen am Ende für die Artland Dragons im Spielbericht, demgegenüber aber eine phänomenale Zahl an Assists: 27. Die meisten davon spielt wie besonders in Quakenbrück üblich die Starting Five – kein Team ließ in der Vorsaison seine Starter so viele Minuten spielen, keine Aufstellung stand so lange gemeinsam auf dem Court wie Holston – Graves – Thomas – Hill – King (Zahlen dazu via Jannes Schäfer). Und genau das ist, besonders in der Frühphase der Saison, der große Vorteil der Quakenbrücker. Denn genau so liest sich auch jetzt die Starting Lineup, und das sieht man. Rotationen sind klar, Defensiv-Systeme verinnerlicht. Antonio Graves nimmt Jonathan Wallace fast komplett aus dem Spiel, nimmt dazu ungewohnt viele (elf) Würfe und trifft davon sechs für 17 Punkte. Die Offensive ist es auch, wo der Unterschied zwischen beiden Teams am deutlichsten ist. Gegen eine eingespielte Defense kann eine neu formierte Offense wie die der Tübinger durchaus zu Punkten kommen, eine funktionierende Offensive jedoch kann eine ungeübte Defensive schnell aus den Angeln heben. Genau das passiert im zweiten Viertel der Partie. Vor allem David Holston bekommt die Guard-Rotation um Till-Joscha Jönke nicht in den Griff, immer wieder penetriert der nur 168cm lange Spielmacher zum Korb und kickt den Ball zum freien Schützen. Doppelt bitter aus Tübinger Sicht, dass Quakenbrück eines der besten Teams von jenseits des Perimeters ist und auch in diesem Spiel wieder 16 von 33 Versuchen für drei Punkte trifft. Noch größer aber werden die Probleme der Gäste-Defensive, wenn Holston selbst abdrückt – 66,7% aus dem Feld sind überragend, 4/5 aus der Nah- und Mitteldistanz, fünf von zehn Mal erwischten die Dreier nichts als Netz. Offensiv findet außer Anthony King und Brandon Thomas (2/7 FG) heute jeder Drache seinen Rhythmus, alle zwölf Spieler punkten, 34/62 FG offensiv stehen am Ende 25/67 FG der Gäste gegenüber. Für Tübingen ist die Niederlage zwar eindeutig, sollte jedoch vor allem in ihrer Deutlichkeit nicht überbewertet werden. Mit den Artland Dragons stand ihnen ein Team mit einer Mission gegenüber – eine Runde weiter als im Vorjahr soll es gehen, und auch diese Runde möchte man dann für sich entschieden. Sollten die Favoriten Bayern und Berlin, mit Abstrichen Bamberg, schwächeln, will Coach Tyron McCoy mit seinem Team bereit sein. Ein eingespieltes Team, angeführt vom kleinsten Profi der BBL, ergänzt um einen an beiden Seiten des Spielfelds effektiven Andreas Seiferth und Edelverteidiger David McCray, ist keinesfalls schlechter als die Truppe, die im Vorjahr Alba Berlin im Halbfinale ärgerte. Reicht es in diesem Jahr zu mehr? Ein Spiel sagt darüber zwar recht wenig aus, die Aussichten aber waren sicher schon mal schlechter.

Auswärts-Auftakt in Göttingen

 Acht Turnover sind es diesmal für die Drachen. Allerdings nicht nach 40, sondern schon nach dem ersten Viertel. Antonio Graves pausiert angeschlagen, David McCray rückt dafür in Starting Five. Das erste Viertel wird erneut verschlafen, diesmal mit 10:21 aus eigener Sicht sogar noch deutlicher. Offensiv trifft nur Anthony King, defensiv bekommt man BG-Big Harper Kamp (20 Punkte im Spiel) nur schwer in den Griff. Coach Tyron McCoy verordnet daraufhin seinem Team im zweiten Viertel eine Zonenverteidigung, von da an stehen die Dragons unter dem eigenen Korb wesentlich besser – nur 13 zugelassene Punkte in diesen zehn Minuten sind der Schlüssel zurück ins Spiel. Offensiv produziert man nochmal fünf Ballverluste, trotzdem bewegt sich das Team besser, Anthony King ist zur Pause mit acht Punkten bester Scorer. Die Big Men, allen voran Andreas Seiferth und Lawrence Hill, sind im Gegensatz zu Spiel eins heute offensiv der entscheidende Faktor – 39 Punkte erzielen Seiferth, Hill und King insgesamt, treffen dabei 13/19 aus dem Zwei-Punkte-Land. Vor allem Neuzugang Andreas Seiferth ist es, der Mitte des dritten Viertels immer wieder aus dem Low Post zum Korb zieht und erfolgreich abschließt. Hier liegt auch in diesem Jahr eine der großen Stärken der Quakenbrücker – sowohl Back- als auch Frontcourt können offensiv heißlaufen, heute übernehmen in der entscheidenden Phase die großen Jungs das Kommando. Eine weitere, fast schon traditionelle Problemzone ist das Rebounding: Bereits im ersten Spiel verlor man das Duell an den Brettern, David Holston forderte sein Teams deshalb zu mehr Einsatz unter selbigen auf. Einen Rebound mehr als die BG Göttingen sammelten am Ende die Artländer, Holston selbst war trotz seiner Körpergröße (er dürfte einer der wenigen Basketballprofis sein, dessen Kleidung dem Durchschnitts-Zuschauer schlicht und ergreifend zu kurz ist) mit sieben Abprallern bester Akteur in dieser Kategorie. Holston ist auch heute wieder bester Allround-Guard, sammelt dazu sechs Punkte und sieben Assists und fängt mit zwei Steals zumindest teilweise den Schaden seiner sechs Turnover auf. David McCray hat bereits gegen Tübingen unter Beweis gestellt, wie wichtig er defensiv werden kann; heute zeigt er im Vergleich zur Vorsaison ungewohnte Offensivqualitäten mit elf Punkten aus nur fünf Würfen, deren Flugkurve zumindest entfernte Vergleich mit Dirk Nowitzkis „rainbow shots“ hervorruft. In der zweiten Halbzeit geht der Gameplan von Tyron McCoy in Göttingen dann auf, der 31:34-Rückstand wird über 52:51 bis zum dritten Viertelende in ein 55:51 verwandelt. Entscheidend dafür ist, wie schon gegen Tübingen, dass die Defensive die Göttinger weiterhin in schwierige Abschlüsse und Ballverluste drängt, während offensiv endlich selbst der Ball durch die eigenen Reihen läuft – offene Dreier sind das Ziel, sind dann auch endlich die Folge. McCray trifft in dieser Phase zwei wichtige Dreier in Folge, auch Chad Topper und Lawrence Hill nutzen freie Wurfpositionen zu wichtigen Punkten. Ball movement ist das Zauberwort auf Drachenseite, bei der BG ist die im Vergleich kleinere Rotation auch ein Faktor, der Räume für Zuspiele von Hill, Doreth und Holston öffnet, die besonders im Schlussviertel oft in den Händen von Small Forward Brandon Thomas landen. Dieser bedankt sich mit vier teils weit offenen Dreiern und 17 Punkten für die Pässe. Göttingen ist ein schwierigerer Gegner, als das finale Ergebnis von 83:70 für die Dragons vermuten lässt, deutlich wurde es erst im Schlussviertel. Drei Viertel lang macht die Defensive vieles richtig, in der zweiten Halbzeit dann kommt auch die Offensive der in Spiel eins gezeigten Schlagzahl recht nah: 52 Punkte sind Ausdruck des verbesserten Spacing, 36 Punkte des Gegners auch Ausdruck des höheren Tempos in den zweiten 20 Minuten.

Fazit

 Nach zwei Spielen verstärkt sich folgender Eindruck der Artland Dragons 2014/15: Vieles ist ähnlich der erfolgreichen Taktik des Vorjahres. Wenn die Defensive zupackt, funktioniert, und damit die Offense einleitet, läuft vorne der Ball merklich häufiger durch viele Hände. Am Ende dieser Zirkulation steht im Idealfall ein offener Dreier, 58 der bisher 117 Würfe (49,57%) werden von jenseits der 6,75 m-Linie abgefeuert, 28 davon (48,28%) finden bisher das Netz. Vor allem letztere Quote wird über die Saison noch sinken, dreierlastig ist die Offensive der Drachen aber ja nicht erst seit heute. Initiiert wird diese oft aus einer intensiven, aggressiven Verteidigung – sowohl Man2Man wie auch Zone – welche den Gegner zu schwierigen Würfen zwingen will. Stimmt dann auch das Timing im Rebound (Du bist gemeint, Anthony King), wird es in dieser Saison wenige Teams geben, die den Dragons Wasser ins Feuer gießen können. Denn die Schwäche des Vorjahres, die große Belastung der Starter, kann durch die Verpflichtungen von Andreas Seiferth (anstelle von Kenneth Frease) und David McCray (Upgrade zu Acha Njei und Chris Hoffmann) etwas aufgefangen werden. Dazu kommt irgendwann das Debüt des 16-jährigen Isaiah Hartenstein, der zwar noch kein Faktor sein wird, aber immerhin als einer der größten Forward-Talente Europas gilt. Und die JBBL inklusive Top Four im Vorjahr auf dem Weg zum Titel und zur MVP-Ehrung fast nach Belieben dominierte. Eineinhalb Gesichter? In sieben von acht Vierteln hielt man den Gegner (deutlich) unter 20 Punkten, in ebenfalls sieben von acht Vierteln erzielte man selbst 20 und mehr Punkte. Drei Viertel lang hakte es bisher im Spiel der Artländer, in beiden Spielen aber war man klar überlegen, sobald defensiv effektiv gearbeitet wurde. Offensiv läuft es vor allem dann, wenn es am eigenen Korb läuft, dazu kommt bisher ein phänomenales Ballmovement: 48 der 63 Treffer aus dem Feld ging ein Assist voraus.

Ausblick

Fest steht – mit diesen Artland Dragons ist auch in dieser Beko BBL-Saison zu rechnen. Weiter geht es schon morgen: Mittwoch, 8. Oktober, um 20.30 Uhr beim TBB Trier. Gewinnt man auch dort und gestaltet Oldenburg seinen Heimauftakt gegen Bayreuth erfolgreich, wird das Derby am Sonntag Nachmittag zum Spitzenspiel ungeschlagener Teams in der Drachenhöhle.

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