NBA

Glück in der NBA

Die Sieger schreiben die Geschichte

Glück ist ein Phänomen. Nahezu jeder Mensch interpretiert den Begriff Glück individuell. Das führt zwangsläufig dazu, dass Glück als Faktor nicht rational messbar ist und eine Assoziation mit dem Begriff folglich unterschiedlicher nicht sein könnte.

Besonders im Sport führt der Begriff zu einer irrationalen Emotionalität und wird fälschlicherweise als Argumentationsbasis verwendet, um einen schwer zu greifenden Moment oder eine stark von der Norm abweichende negative oder positive Leistungsabweichung einzelner Sportler, Teams oder Franchises zu erklären. Besonders in der NBA ist auffallend oft von Glück die Rede: Teams gewinnen glücklich, Spieler X hatte lediglich Glück seine Karriere bei Team Y zu verbringen, Verletzungspech verhindert eine Dynastie. Es gibt unendlich viele Beispiele, die den Terminus Glück im Zusammenhang mit der NBA als Argumentationsgrundlage heranziehen. Zu Recht? 

Es läuft der Abend des 6. Juni 2013. NBA Finals, Spiel sechs, San Antonio Spurs gegen die Miami Heat. Auf der Uhr verbleiben noch 28 Sekunden, die Spurs führen mit 5 Punkten. Alles deutet darauf hin, dass Tim Duncan in wenigen Minuten seine fünfte Larry-O-Brien-Trophy in der Hand halten wird. Sogar die Offiziellen der NBA fangen schon mit den Vorbereitungen der Feierlichkeiten an. Dann kommt LeBron James und trifft einen Dreier. Kawhi Leonard verwirft einen seiner beiden Freiwürfe. Der anschließend folgende Auftritt Ray Allens ist schon jetzt einer der größten Momente der NBA-Historie, der Rest Geschichte.
Natürlich, eine der beiden Mannschaften hätte das Spiel oder gar die Serie schon vorher für sich entscheiden können, die Spurs hätten auch Spiel 7 gewinnen können. Doch so wie es das Schicksal wollte, hing die Frage, ob die Spurs nach diesem Spiel Meister sind oder nicht, an einem einzigen Moment. Einem Moment, der letztlich alles änderte, besonders eines: die Narrative. Tim Duncan stünde heute vielleicht nach Titeln auf einer Stufe mit Michael Jordan. LeBron James würde eventuell als Versager gelten und die Heat 2011-2014 keineswegs als Dynastie.

In der jüngeren Vergangenheit gibt es genug Beispiele, wo Kleinigkeiten große Auswirkungen auf die Sicht der Dinge hatten. Cleveland führte letzten Juni beispielsweise nach drei Spielen mit 2-1 gegen die Warriors. Wie würden wir über die Leistungen von Steve Kerrs Truppe denken, hätten sie die Finals verloren? Ein Titel setzt einer Saison natürlich die Krone auf, aber machen ein paar fehlende Siege in den Finals eine brillante reguläre Saison und starke Rest-Playoffs völlig wertlos? Oder anders gefragt: Ist die allgemein akzeptierte Bewertung von Erfolg überholt?

Titel – der richtige Bewertungsmaßstab?

Ein beliebtes Format der vielen Sport-Seiten im Internet sind Bildergalerien mit dem Namen „Superstars, die nie einen Titel holten“. Meistens werden dabei Spieler wie Charles Barkley, Steve Nash oder Karl Malone genannt. Bis 2011 fiel auch Dirk Nowitzki unter diese Kategorie. Vor dem Titelrun galt der gebürtige Würzburger immer als zu weich, es wurde gesagt, er sei einfach kein Sieger-Typ. Zwei Monate später war er dann der gefeierte Star und bester Europäer aller Zeiten. Die Bilanz von Dirk Nowitzkis Karriere hat sich durch den Titel geändert, keine Frage, und seine Leistungen im Finale waren extrem stark. Doch sind alle seine anderen Leistungen mehr wert, nur weil ein Titel wie eine Kirsche auf der Torte wirkt?

Ein Aspekt, der dieses Denken vielleicht erklären kann, ist die in den USA weit verbreitete „Der Zweite ist der erste Verlierer“ – Mentalität. Danach sind nur die die wirklichen Großen, die „richtigen“ Erfolg hatten – sprich mindestens einmal über alle anderen triumphiert haben. Doch gerade in der NBA ist dieses Denken völlig falsch. Es gibt pro Jahr nur eine einzige Championship zu vergeben und der Gewinn derselben wird von extrem vielen kleinteiligen Faktoren beeinflusst. Glück spielt dabei oft eine entscheidende Rolle, wie auch bei dem eingangs erwähnten Dreier Ray Allens. Da hinter einem erfolgreichen Titelrun zumeist eine herausragende Leistung sowohl des Teams, als auch von Einzelspielern steht, macht es in jedem Fall Sinn, den Gewinn von Titeln in die Gesamtbewertung von Karriere oder auch Saisonleistungen einfließen zu lassen. Und ja, ein Titel sollte nach wie vor den Höhepunkt des Erfolges repräsentieren. Das darf aber keineswegs bedeuten, dass eine fehlende Championship eine ansonsten tadellose Bilanz völlig entwertet.

Der Faktor Glück

Glück, das sind nicht oder wenig beeinflussbare Vorgänge, die letztlich zugunsten des oder der Glücklichen ausfallen. Im Sport, besonders im Fußball mit der Bezeichnung „Sonntagsschuss“, aber auch im Basketball wird oft auf den Faktor Glück verwiesen. In der Tat ist der Einfluss von Glück bzw. Pech gerade in den NBA-Playoffs enorm. Vor allem Verletzungen sind hier zu nennen. Die Oklahoma City Thunder spielten 2013 die beste Regular Season der ganzen NBA. In der ersten Runde der Playoffs blieb Patrick Beverley an Russell Westbrooks Knie hängen. Meniskus kaputt, Titeltraum vorbei. Die Golden State Warriors dagegen blieben in den letzten Playoffs von Verletzungspech weitgehend verschont, ebenso wie auch die Meister von 2014 und 2013, San Antonio und Miami. Doch auch direkt innerhalb von einzelnen Spielen oder Serien wirkt sich Glück aus. Wenn der Ball nach James verworfenen Dreier nicht direkt in die Arme von Chris Bosh springt, reden wir heute nicht über den wichtigsten Wurf in Ray Allens Karriere. Ebenso wenig, wenn Kawhi Leonard kurz vorher beide Freiwürfe verwandelt hätte.

Statistisch gesehen gleichen sich solche Ereignisse über eine große Anzahl von Spielen eigentlich immer aus. Nur: In der NBA ist, bedingt durch das Playoffsystem, nicht jedes Spiel gleich wichtig. Ein Spiel 6 oder 7 in den Finals ist nun mal ungemein bedeutender als ein Spiel der Regular Season irgendwann Ende Februar oder Anfang März. Das macht auch den Reiz der Sportart aus. Ein Wettbewerb, der sich immer weiter zuspitzt und dann in einem Spannungs-Höhepunkt ganz zum Schluss endet. Dadurch wird allerdings der Faktor Glück wichtiger. Man muss deswegen sehr genau aufpassen, wie man Leistungen in der NBA bewertet. Es wäre falsch, Leistungen zu entwerten, weil der letzte Baustein aufgrund von Pech fehlt. Ebenso ist es nicht gut, einen Titel mit einer Parole wie „Die haben doch eh nur Glück gehabt“ zu belegen. Denn Glück ist zwar ein großer Faktor, der für eine Championship gerade was die Verletzungen angeht extrem wichtig ist. Nur mit Glück geht jedoch gar nichts.

He got lucky there

San Antonio, NBA Playoffs 2004, Game 5 Western Conference Semifinals, 2-2. Die Los Angeles Lakers, bestehend aus Shaquille O’Neal, Kobe Bryant und der versammelten Alt-Star-Truppe aus Gary Payton und Karl Malone, befinden sich mit dem Rücken zur Wand.

Der amtierende Champion aus San Antonio sieht sich mit Ballbesitz 11,5 Sekunden vor dem Ende des vierten Viertels in einer formidablen Situation: Nach einer anfänglichen 2-0 Führung lechzt das Team von Gregg Popovich nach der 3-2 Führung in der zweiten Playoffrunde. Bisher hatten die Spurs die Offensive der Lakers erheblich limitiert (bis zum Ende von Game 5 erzielten die Lakers in der Serie 87,5 Punkte im Schnitt – Saisonschnitt: 98,2).

Die beste Defense der Liga bereitete den Lakers enorme Probleme. In den zwei Niederlagen in San Antonio erzielten die Lakers 78 und 95 Punkte. Vor dem augenscheinlich letzten Play des Abends führen die Lakers 72 zu 71. Einwurf von der rechten Seitenlinie.

Jungstar Tony Parker oder Tim Duncan sollten den Ball in einer aussichtsreichen Situation bekommen, um den bestmöglichen Wurf zu erhalten. Gute Deny-Verteidigung und ein offensichtliches Durchschauen von Popovichs Strategie von Lakers-Coach Phil Jackson verhinderten den geplanten, effizienten Abschluss. Das Resultat ist ein wilder Fadeaway-Jumper ohne Balance zwischen 3er- und Freiwurflinie von Tim Duncan, der tatsächlich das Ziel findet. 0,4 Sekunden stehen auf der Uhr – 72-73 für die Spurs.

Der nachfolgende Wurf von Lakers-Guard Derek Fisher, der in unter einer Sekunde den Ball fängt (Kobe Bryant, der den Ball eigentlich bekommen sollte, wurde erfolgreich verteidigt), sich dreht und wirft, geht in die Geschichte der Liga ein. Fisher legte hier das Fundament  für den 4-2 Erfolg und den später folgenden Finals-Einzug der Lakers, die in diesem Jahr ein letztes Hurra mit ihrem Superstar und im nächsten Jahr bei den Miami Heat unter Vertrag stehenden Shaquille O’Neal erlebten.

War der Serien-entscheidende Wurf von Fisher Glück? Fisher traf in der abgelaufenen Saison 03/04 ganze 21,6% an Würfen, aus der Distanz des hier geschilderten Wurfes (10-16 feet Entfernung zum Korb). Die Umstände des Wurfes verdeutlichen den Schwierigkeitsgrad. Fehlende Balance während des Wurfes, sowie die intensive Verteidigung und die enorme Drucksituation erschwerten den Abschluss erheblich. Zusätzlich verhinderten der Zeitmangel eine korrekte Positionierung der Füße und führen dadurch zu einer starken Abweichung zu trainierten und damit routinierten Würfen.

Ja, Derek Fisher kann bei diesem Wurf zu Recht Glück attestiert werden. Tim Duncan traf allerdings wenige Sekunden vorher einen Wurf, bei dem die aufgezählten Faktoren ebenfalls ins Gewicht fallen und der vom Schwierigkeitsgrad nur als unwesentlich leichter eingestuft werden kann. O’Neal bringt das Ganze auf den Punkt: “One lucky shot deserves another.“

Es ist sehr gut möglich, dass die Spurs bei einem Erreichen der Finals das Underdog-Team aus Detroit bezwungen hätten (ein Jahr später besiegte San Antonio die Pistons 4-3) und das Erfolgsquartett aus Popovich, Duncan, Tony Parker und Manu Ginobili einen weiteren Ring in ihrer Vita zu verzeichnen hätten. Glück war hier in der Tat ein Championship-entscheidender Faktor.

Die geheimen MVPs

Auch bei der jährlichen Vergabe des MVP-Awards spielt der Faktor Glück eine nicht zu unterschätzende Rolle. Um in der NBA den Most Valuable Player Award verliehen zu bekommen, muss ein Spieler nicht nur eine saisonübergreifende, sportlich herausragende Leistung vorweisen, sondern auch auf die Anerkennung der wählenden Journalisten hoffen. Die entstehende Langeweile bei einer andauernden Dominanz eines einzelnen Spielers spielt oft entscheidend in die Wahl der Journalisten hinein.

Ein Musterbeispiel hierfür ist der MVP der Saison 92/93: Charles Barkley. Michael Jordan, der ohne Zweifel im genannten Jahr eine mehr als MVP-würdige Spielzeit absolvierte, wurde bei der Abstimmung lediglich Zweiter. Jordan, der in den zwei vorangegangenen Jahren den Award gewann, wurde Opfer der Sensation. Barkley konnte zwar individuell bei den Philadelphia 76ers brillieren, seinem Team jedoch nicht zu besonderen Erfolgen verhelfen. Sein neues Team, die Phoenix Suns, führte er mit einer für seine (sehr hohen) Verhältnisse gewohnten sportlichen Leistung (lediglich seine 5.1 Assists pro Spiel waren ein Karrierebestwert) in die NBA Finals. Dort unterlagen die Suns den Chicago Bulls mit 2-4.

Objektiv betrachtet waren die gezeigten Leistungen Jordans denen von Barkley überlegen. Der spektakuläre Wechsel Barkleys, der die Suns unmittelbar zur besten Bilanz der Liga führte, sowie die entstandene “Langeweile“ bei der Betrachtung von Jordans Brillanz und Dominanz ermöglichten den Award für Barkley. In der Summe durchaus als glücklich zu bewertende Umstände, die den MVP-Triple für Jordan verhinderten und Barkley zu seinem ersten und letzten MVP-Titel verhalfen.

Mit Pech fällt auch das Gegenteil von Glück bei der MVP-Vergabe ins Gewicht. In der Saison 08/09 absolvierte Chris Paul bei den New Orleans Hornets seine bis dato individuell imposanteste Saison. Paul führte ein durchschnittliches Team in die Playoffs und legte dabei historische Zahlen für einen Point Guard auf – 59,9 TS%; 22,8 PPG; 18,3 WS; 54,5 AST%. In vielen anderen Saisons wäre der Award des wertvollsten Spielers wohl nicht an Paul vorbeigegangen. In der besagten Saison gab es lediglich ein Problem: LeBron James.

James‘ Leistungen waren schier zu dominant, um nicht mit der MVP-Trophäe belohnt zu werden. LeBron James verzeichnete mit einem Wert von 31.67 das bis heute vierthöchste PER der NBA-Geschichte, führte die Cavaliers zu einer 66-16 Bilanz (mit Mo Williams als zweitbesten Spieler(!)) und dominierte individuell auf beiden Seiten des Feldes.

Hier war es schlicht und ergreifend Pech für Chris Paul, dass er seine beste Saison zu einer Zeit ablieferte, in der einer der besten Spieler aller Zeiten gerade in seine persönliche sportliche Prime kam.

Durant oder Jordan? Oden und Bowie!

Ebenso wie Glück kann auch Pech nicht nur einzelne Spieler oder Teams, sondern sogar ganze Franchises treffen.

Die NBA-Draft von 1984 gilt für einige als eine der stärksten der NBA-Geschichte. Mit Michael Jordan, Charles Barkley, John Stockton und Hakeem Olajuwon in der Spitze sowie Sam Perkins, Otis Thorpe und Kevin Willis in der Tiefe war die Draft Class von 1984 mit Qualität gesegnet. Nachdem mit Olajuwon der erste Pick der Draft getätigt wurde, fanden sich an zweiter Position die Portland Trail Blazers wieder.

Gepickt wurden weder Jordan, Barkley noch Stockton, sondern: Sam Bowie. Bowie war ein hochgehandeltes Big Man-Talent mit viel Potenzial, was in einer Liga, in der Big-Ball zum Tagesgeschäft gehörte, durchaus eine Zukunft besaß.

Bowie absolvierte eine gute Rookie-Saison, an der er aufgrund von Verletzungen aber bei den Trail Blazers nicht mehr anknüpfen konnte (in vier Saisons in Portland lediglich 139 absolvierte Spiele). Auch im weiteren Verlauf seiner Karriere wurde Bowie nie mehr als ein guter Rollenspieler. Portland hatte hier die Chance verpasst, den wohl besten Spieler aller Zeiten oder wahlweise einen der besten Point Guards oder Power Forwards aller Zeiten zu picken. Pech und zu wenig Risikobereitschaft (Jordan) verhinderten hier einen Hall of Famer und eventuelle daraus resultierende Meisterschaften für die Blazers.

Glück und Pech vereinen sich in der Draft von 2006 bei den Trail Blazers. Der von den Bulls an zweiter Stelle gepickte LaMarcus Aldridge wird für den Athleten Tyrus Thomas nach Portland geschickt. Aus heutiger Perspektive ein sehr starker Move für Portland. Ebenso bekommen die Trail Blazers den von den Minnesota Timberwolves gepickten Brandon Roy. Zwei unheimlich vielversprechende Talente kommen im selben Jahr nach Oregon. Pech?

Stand heute kann man die Karriere von Brandon Roy als großes Unglück betrachten. Roy entwickelte sich bis zu seiner ersten großen Verletzung zu einem der besten Shooting Guards der Liga. Nach der Verletzung konnte er sein gezeigtes Level nicht mehr abrufen und beendete nach einigen Comeback-Versuchen bereits mit 28 Jahren seine Karriere.

LaMarcus Aldridge erwies sich nach anfänglichen Schwierigkeiten als wertvoller Spieler für Portland, die jedoch trotz guter Spielzeiten mit Aldridge nie den Status eines Top-Contenders erreichen konnten (im vergangen Jahren verhinderten dies primär die Verletzungen von Wesley Matthews und Aldridge selbst). Nun spielt Aldridge bei den San Antonio Spurs und die Trail Blazers sehen sich einem Rebuild gegenüber.

Hatten die Blazers nach der Saison 06/07 mit Roy und Aldridge bereits einen vielversprechenden Core, wartete im Sommer 2007 der erste Pick der Draft. Mit Kevin Durant und Greg Oden besaß die Draft herausragende Talente mit absolutem Franchiseplayer-Potenzial. Die Blazers zogen Greg Oden dem späteren MVP Durant vor und knüpften an ihren großen Fehler von 1984 an.

Allerdings müssen die unterschiedlichen Umstände hier betont werden. Oden wäre wahrscheinlich bei jedem Team die erste Wahl gewesen. Dominante Big Men waren im Jahr 2007 in der NBA absolute Mangelware. Oden besaß das Potenzial eines defensiven Ankers mit bereits vorhandener Power und Athletik. Dazu gesellte sich ein herausragender (defensiver) Basketball-IQ. Von Experten bereits als nächster Bill  Russell gehandelt genoss Oden einen Hype, dem er nie gerecht werden konnte. In den wenigen Spielen, die Oden absolvierte, zeigte er durchaus eine vielversprechende Qualität. Seine Knie und andere Verletzungen führten jedoch zu einer geplagten Karriere die heute bereits “unter ferner liefen“ eingeordnet wird.

Kevin Durants Entwicklung ist bekannt und es ist davon auszugehen, dass er auch in Portland ähnlich agiert hätte. Hätten die Blazers nicht dieses enorme Verletzungspech gehabt, hätte die NBA Zeuge eines unfassbar talentierten Trios werden können. Aldridge, Roy und Oden hatten das Potenzial, den Core für ein Championship-Team zu bilden, dem der Rest der Liga wohl nur wenig hätte entgegensetzen können.

Zusammengefasst hatte Portland mit Oden enormes Pech; die Oklahoma City Thunder aber eben auch enormes Glück, dass sie nicht den ersten Pick bekamen und somit mit Durant belohnt wurden. Zumindest den Westen hat die Draft von 2007 entscheidend beeinflusst.

Glück im Wurf?

Es gibt den “glücklichen“ streaky Shooter. Beispiele wären da wohl J.R. Smith, Jamal Crawford oder auch Tracy McGrady, wenn man sich auf den 3er beschränkt (McGrady neigte allerdings auch aus der Mitteldistanz zur Inkonstanz – aus der Mitteldistanz (3-16 feet) traf McGrady über seine Karriere nur knappe 40%).

Der personifizierte Gegensatz von streaky ist wohl Shane Battier. Mit einer Karrierequote von fast 40% von Downtown kann sich Battier getrost den Stempel eines konstanten Schützen aufdrücken. Berücksichtigt man dazu, dass knapp die Hälfte seiner Würfe über seine ganze Karriere (!) Schüsse hinter der Dreipunktelinie waren, sieht die Zahl umso beeindruckender aus. Insgesamt sprechen wir von 1250 erfolgreichen Würfen aus der Distanz. War Battiers Shooting im Rahmen seiner Karriere also glücklich? Nein, das belegt die Konstanz. Dass aber auch konstante Schützen wie Shane Battier sehr wohl Glück oder auch Pech bei ihrem Wurf haben können, zeigen die Playoffs der Saison 12/13.

Battier fungierte bei den Miami Heat noch den Großteil der Spielzeit als Small Forward. Bei dem von Eric Spoelstra installierten System, bei dem es vor allem um die Variabilität der Positionen ging, spielte Battiers Position auf dem Papier auf dem Feld jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Im Folgejahr agierte Battier fast 90% seiner Spielzeit auf Power Forward, nahm aber eine nahezu identische Rolle auf dem Parkett ein.

Battiers Rolle verhielt sich simpel: verteidigen (meistens die gegnerischen Vierer, um LeBron James zu entlasten) und vor allem werfen, um den Big Three aus Miami den nötigen Raum zu verschaffen. Gerade Battiers Potenz aus der Distanz war ein entscheidender Grund für seine Verpflichtung nach der erlittenen Finals-Niederlage gegen die Dallas Mavericks. Umso schwieriger gestalteten sich dementsprechend die Playoffs 12/13 für die Heat, als Battier seinen Wurf verloren zu haben schien. Vor den Finals traf Battier lediglich 15 von 59 Versuchen aus der Distanz – 24,7%. Pech?

Darauf folgten 12 von 27 (44,4%) in den Finals gegen die Spurs, darunter ein 6-8 in Game 7. Glück? Ähnlich verhielt es sich im Vorjahr in den Playoffs 11/12, in denen Battier vor den Finals für seine Verhältnisse unterdurchschnittlich traf (31.6% bei 79 Versuchen). Auch in diesem Jahr explodierte Battier erneut in den Finals gegen die Oklahoma City Thunder und traf 15 von 26 von der 3er-Linie (57,7%). Waren seine schlechten pre-Finals Playoffs der genannten Jahre Pech oder seine treffsicheren Finals Glück? Nein.

Viel mehr belegen Battiers Karrierewerte, dass es sich hier um Inkonstanz seiner Konstanz handelte. Kumuliert man die Werte, erreicht man eine Zahl von 36,4%. Das ist wenig schlechter als seine Karrierequote von 38,1%.

Battier hatte also ebenso wenig Glück bei seinen Finalsleistungen, wie er Pech bei den vorangegangenen Shooting-Slumps hatte, sondern agierte zusammengefasst entsprechend seines Karriere-Outputs. Ob die Heat ohne Battiers Shooting-Highs beide Finalserien gewonnen hätten? Unwahrscheinlich.

McGrady ein Loser?

Neben Teams und Franchises können auch Spieler vom Glück oder Pech verfolgt werden. War es Können, dass Phil Jackson insgesamt sechs Meisterschaften mit den Chicago Bulls um Michael Jordan und Scottie Pippen gewinnen konnte? Ja, auf jeden Fall! Es ist aber auch schwerlich abzustreiten, dass es etwas Glück benötigt, um in seiner Trainerkarriere vier All-Time Greats und Hall of Famer der obersten Kategorie zur Verfügung zu haben (O’Neal, Bryant, Jordan, Pippen).

Teams gewinnen Championships. Einzelne Spieler haben einen Anteil daran, mal größer, mal kleiner. Die Auswirkungen eines Einzelnen sind im Basketball zwar größer als in anderen Sportarten, aber eben trotzdem bis zu einem gewissen Grad beschränkt.

Tracy McGrady gilt für viele als Versager, der in den entscheidenden Momenten sein Team nie zum (Playoff-) Erfolg verhelfen konnte. Fehlender Wille, nicht vorhandener Biss und der vermisste Killerinstinkt wurden und werden “T-Mac“ angelastet. Seine Karrierewerte in den Playoffs sind nicht überragend (51,2% TS%; 4.5 WS; 22,2 PPG; 5 AST und 5,5 REB), zeugen aber auch nicht gerade von “Versagen“. Gerade seine hohe Usagerate von 33,5 Prozent zeigt, dass McGrady stets der im Fokus stehende Spieler seines Teams war.

In den entscheidenden Spielen einer Playoffserie (Elimination Games) lieferte McGrady stets überdurchschnittliche Leistungen ab: 29.7 PPG, 5.9 RPG, 7.2 APG, 0.9 SPG, 1.3 BPG, 2.7 TOPG, 44.2 FG%, 29.4 3P%, 74.7 FT% lesen sich alles andere als schlecht.

Dennoch wurden nahezu alle dieser Spiele verloren. Vielleicht lag das aber nicht an McGrady, sondern an seinen Teams. Regelrecht alle Teams, die gegen McGradys Mannschaften in den Playoffs gewannen, waren auf dem Papier überlegen – teilweise sogar deutlich. Einzig die Utah Jazz im Jahr 2007 waren nicht zwingend besser, besaßen aber mit Deron Williams, Carlos Boozer (Mismatch gegen Yao Ming) und Andrei Kirilenko (als passender Verteidiger für McGrady) für die Rockets sehr unglückliche Matchups. Hier erreichten die Rockets Game 7, in dem McGrady überragend agierte, sein Team (!) jedoch unter dem Druck nicht genügend Leistungen zeigte. Bei der Beurteilung von McGradys Karriere wird oftmals unterschlagen, dass er in keiner Phase seines Schaffens mit guten Mitspielern gesegnet gewesen ist.

Zach Lowe fasst das Ganze in einem Satz zusammen:

“T-Mac’s best teammates were Yao Ming, Grant Hill (played 46 games in four years with McGrady), Mike Miller, a washed-up Dikembe Mutombo, a really washed-up Patrick Ewing, and a really, really, really washed-up Shawn Kemp.“

Glück oder in diesem Fall eher Pech (andauernde Rückenprobleme und andere Verletzungen) spielten folglich eine große Rolle in der Karriere von Tracy McGrady. Ihm fehlte schlicht und ergreifend das Glück, zur richtigen Zeit im richtigen Team zu spielen, um seine teils herausragenden individuellen Leistungen mit entsprechendem Teamerfolg belegen zu können. (Fehlendes) Glück ist hier ein enormer Faktor in der gesamten Geschichte des Tracy McGradys: Es gibt einige auf Glück basierende Parallelen zu dem eingangs erwähnten Pech der San Antonio Spurs. Direkt in den Sinn kommen McGradys historische 13 Punkte in 35 Sekunden gegen die Spurs mit anschließenden für unmöglich gehaltenen Sieg.

Eine weitere Parallele ist folgende: die Spurs (mit McGrady im Roster) stehen wenige Sekunden vor einer weiteren Meisterschaft, bis Ray Allen mit einem unglaublichen Wurf die Heat in die Overtime rettet und Miami in der Folge den Titel gewinnt.

Fazit

Glück kann also ein durchaus gewichtiger Faktor in der NBA sein. Teams, Spieler und Franchises können durch Glück oder Pech einen komplett unterschiedlichen Werdegang erleben. Die Definition des Begriffes ist jedoch eher subjektiver Natur. Oft ist es reine Auslegungssache, ob eine gewisse Aktion, ein Trade, oder ein Lotterypick als glücklich zu bewerten sind. Es gibt allerdings auch einige Beispiele, die nur vordergründig dem Faktor Glück untergeordnet werden, bei intensiverer Betrachtung aber nichts mit Glück zu tun haben. 

Wahrscheinlich ist es aber genau der Glücksfaktor in der NBA, der für die nötige Spannung und die größten Momente im Basketball sorgt. Versucht man den Faktor so klein wie möglich zu halten steht man vor einer unlösbaren Aufgabe. Viel Glück dabei!


Bildrechte: completely deck via flickr.com,  CC BY-NC-ND 2.0

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