Miami Heat, NBA

Miamis erfolgreicher Irrweg

Der Heat-Weg zurück zum Erfolg trotz Fehlentscheidungen

Seit Sommer 1995, also mittlerweile fast 25 Jahren, ist Pat Riley der prägende Akteur der Miami Heat. In dieser Zeit konnte die Franchise mit drei Meisterschaften ihre größten Erfolge feiern und steht wie allenfalls noch die Spurs für konstant gute Managemententscheidungen. Umso überraschender war es im Sommer 2017, dass die Heat eine der schon aus damaliger Sicht miesesten Offseasons hinlegten. In der Vorsaison 2016/17 konnten sie nach 11-30 in der ersten Saisonhälfte mit 30-11 noch fast die Playoffs erreichen, was für Riley augenscheinlich Grund genug für ein Beibehalten des Teams war: Er beschloss – nachdem sich das große Free Agency-Ziel Gordon Hayward für die Celtics entschieden hatte – die eigenen Spieler James Johnson und Dion Waiters mit ca. 60 bzw. 47 Millionen Dollar überzubezahlen und gab zusätzlich noch Kelly Olynyk einen Vertrag über ca. 45 Millonen. Dazu standen noch Chris Bosh im Angesicht des Karriereendes, Hassan Whiteside, Goran Dragic und Tyler Johnson mit teils riesigen Verträgen in den Büchern. Die Heat legten sich also vermeintlich längerfristig auf ein ziemlich mittelmäßiges Team fest, das außer dem gerade am Ende der Lottery gepickten Bam Adebayo und einigen Zweitrundentalenten wie Josh Richardson fast völlig die jungen Talente fehlten. Auch mit weiteren Picks sah es ziemlich mau aus. In der damaligen Saisonvorschau machten Jonathan Walker und ich daher unsere Skepsis über die Entschiedungen und auch die weiteren Aussichten ziemlich deutlich.

Im Jahr 2020 sieht alles deutlich freundlicher aus in Miami: Zwei Allstars in Adebayo und Jimmy Butler, jede Menge anderer interessanter Spieler und aller Wahrscheinlichkeit nach im kommenden Sommer annähernd den Cap Space für einen Maximalvertrag. Die Bilanz von 39-22 trotz einer Schwächephase im Februar deutet auf gute Heimrecht-Chancen hin. Lagen wir also mit unserer Einschätzung 2017 so falsch? Der Rückblick auf die letzten Jahre bestätigt die Skepsis eher, denn Riley, Coach Erik Spoelstra und GM Andy Elisburg mussten sehr viel sehr richtig machen, um an diesen Punkt zu gelangen. Da auch einige weitere Faktoren nachgeholfen haben, ist es einen ausführlichen Blick wert, wie das Heat-Front Office seine miese Offseason 2017 ausgebügelt hat. Welche Gründe gibt es für die überraschend gute Entwicklung?

1. Standort

Miami ist eine der beliebtesten Städte für NBA-Spieler, unabhängig von der Franchise. Wetter und Nachtleben sind hervorragende Argumente, weshalb Miami immer wieder die Konkurrenz aus den unbeliebten Orten im Mittleren Westen aussticht, obwohl die Stadt rein zahlenmäßig kein echter Big Market ist. Die Big Three LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh sind ein klarer Beleg – andere Franchises hätten genauso alle Hebel für das Trio in Bewegung gesetzt. Auch in den letzten Jahre ohne eindeutigen Star blieb die Anziehungskraft nicht zu vernachlässigen, wie das Interesse von Hayward zeigt, auch wenn letztendlich das sportlich interessantere Team in Boston wohl den Ausschlag gab. Jimmy Butler ließ sich von solchen Überlegungen anscheinend nicht beeindrucken (oder sah Riley als wichtigeren Faktor an) und setzte einen Sign-and-Trade durch, obwohl die Heat eigentlich keine Möglichkeiten zum direkten Signing hatten. Dass sie Josh Richardson für ihn bekamen, überzeugte die Sixers, lieber keinen ersatzlosen Verlust zu riskieren und Butler nach Miami zu schicken.

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2. Scouting und Spielerentwicklung

Dass die Heat in Richardson einen interessanten Gegenwert anbieten konnten, lag insbesondere an ihrem hervorragenden Scouting und der ebenso guten Spielerentwicklung. 2015 als 40. Pick gezogen, war Richardson innerhalb kürzester Zeit eine positive Überraschung. Die flexiblere Vertragskonstruktion von Zweitrundenpicks ermöglichte es den Heat zudem, ihn von einer relativ günstigen Verlängerung (42 Millionen Dollar über 4 Jahre) zu überzeugen – die wohl beste Aktion der Franchise in der Offseason 2017. Bei Richardsons Entwicklung handelte es sich offensichtlich nicht um reines Glück, denn die Heat konnten in den letzten Jahren zahlreiche weitere spät oder überhaupt nicht gepickte Spieler auf Starter-Level entwickeln. Hassan Whiteside ist trotz aller berechtigter Kritik immer noch ein hervorragendes Beispiel dafür. Im aktuellen Kader stehen in Derrick Jones Jr., Kendrick Nunn und Duncan Robinson weitere Erfolgsgeschichten, die sich über den Erwartungen entwickelten. Der Fall Nunn zeigt, dass die Heat hier über massive Red Flags – eine Anklage wegen häuslicher Gewalt – hinwegzusehen bereit sind, solange der Erfolg ihnen recht gibt. Diese Underdog-Mentalität dürfte dem Team aktuell nicht schaden: Es ist bemerkenswert, dass der selbst recht spät gepickte Jimmy Butler (#30 2011) mit den hochtalentierten und hoch gepickten Kollegen in Minnesota und Philadelphia allem Anschein nach deutlich schlechter zurecht kam als mit den aktuellen Teammitgliedern in Miami. Selbst Adebayo als 14. Pick (2017) dürfte klar noch in diese Kategorie fallen, wärend Andrew Wiggins, Karl-Anthony Towns und Ben Simmons erste Picks waren, Joel Embiid 3.

Wem dem unwahrscheinliche Erfolg spät gepickter Spieler zuzurechnen ist, lässt sich in den meisten Fällen nicht eindeutig sagen. Wahrscheinlich ist meistens ohnehin die ganze Franchise durch eine Kombination aus Scouting, Training und Coaching beteiligt. Im Fall der Heat ist auch hier die personelle Konstanz bemerkenswert: Spoelstra zählt wie Riley zu den dienstältesten Inhabern seiner Position. Wie überzeugt die Heat von ihrem Player Development sind, zeigt ironischerweise selbst die Tatsache, dass sie ihre Erstrundenpicks in den letzten Jahren öfter wegtradeten. Denn, so wird zumindest berichtet, sie halten ihre Erfolgschancen mit ungedrafteten Spielern für ähnlich hoch. Für die aktuell wohl größten Talente Adebayo und Tyler Herro (#13 2019) war zwar trotzdem je einer der wenigen Erstrundenpicks der letzten Jahre notwendig, das kann die Leistungen der Franchise aber keineswegs schmälern.

3. Glück

Glück gehört natürlich auch zu den wichtigen Faktoren für die Heat-Umschwung. Oder auch: Glück im Unglück, denn der Adebayo-Draft 2017 war genau in dem Jahr, in dem die Heat nach der Aufholjagd der zweiten Saisonhälfte ganz knapp die Playoffs verpassten. Auch in dieser Hinsicht ist der Draft natürlich immer ein Glücksspiel, nicht nur die Lottery – keine Franchise kann die Entwicklung von Spielern völlig fehlerfrei vorhersagen oder das Verhalten der zuvor draftenden Teams beeinflussen. Die NBA hat verschiedenste Mechanismen zum Stärkeausgleich der Teams aufgebaut; enttäuschende Saisons verhelfen so oft unverhofft zu guten Spielern. Hier haben die Heat also auch keinen besonderen Vorteil aufzuweisen – es sei denn, man zählt fragwürdige Tradentscheidungen anderer Teams in diese Kategorie…

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4. Trades

Der Trade, der die Heat endgültig aus der selbstverschuldeten Cap-Hölle befreite, ist erst wenige Wochen alt: Die Grizzies bekamen aus Miami nicht nur den talentierten, aber verletzungsanfälligen Justise Winslow, sondern mussten zusätzlich auch James Johnson und Dion Waiters mit zusammen fast 30 Millionen Dollar Gehalt in der Saison 2021/22 aufnehmen. Dass es Memphis um keinen der beiden Spieler ging, zeigt die Tatsache, dass Johnson sofort für Gorgui Dieng nach Minnesota weitergeschickt wurde und Waiters gar entlassen. Zusätzlich bekamen die Heat in Andre Iguodala, Jae Crowder und Solomon Hill vergleichsweise brauchbare Spieler mit auslaufenden Verträgen. Iguodala gelang es allerdings, eine Extension über zwei weitere Saisons – die zweite als Teamoption – in den Trade einzubauen. Das ist ein kleiner Wermutstropfen für Miami, die trotzdem als klarer Sieger aus dem Trade hervorgehen. Zum Vergleich: Für Iguodalas etwa 17 Millionen Dollar im letzten Vertragsjahr bekamen die Grizzlies letzten Sommer einen Erstrundenpick der Warriors als Ausgleich – und die Chance, Iguodala weiterzuvertraden. Summiert man diesen Gegenwert, könnte man fast die astronomischen vier Erstrundenpicks kommen, die Danny Ainges Celtics in Winslows Draftnacht angeblich für ihn boten. Dass dessen Entwicklung trotz der hervorragenden Bedingungen in Miami ein solches Angebot kaum rechtfertigt, ist erstaunlicherweise in den Wochen nach dem Trade relativ umstritten. Dabei lässt sich der Eindruck kaum vermeiden, dass in solchen Fällen die Bewertung des Trades nach dem ursprünglich berichteten Winslow-Iguodala-Swap nicht mehr angepasst wurde.

Der durch den Abgang von Dion Waiters und James Johnson gewonnene Cap Space macht die Heat jetzt zu einem der interessantesten Akteure für die kommende Free Agency. Gefällt es Anthony Davis in Los Angeles vielleicht doch nicht so gut? Die Heat könnten mit einigen relativ einfachen Salary Dumps den nötigen Raum schaffen. Ein solcher war übrigens auch schon im komplizierten Butler-Sign-and-Trade letzten Sommer notwendig: die Heat schickten parallel Whiteside nach Portland, wofür sie eigentlich Moe Harkless und Meyers Leonard zurückbekamen. Da sie danach aber nicht genug Platz unter dem – durch jeden eingehenden Sign-and-Trade ausgelösten – Hard Cap gehabt hätten, mussten sie Harkless noch an die Clippers abgeben. Die ließen sich auch aufgrund des Zeitdrucks der Heat dafür mit einem Firstrounder abfinden, nachdem eine alternative Konstruktion von Miami und Dallas zuvor gescheitert war. Dieses Beispiel zeigt einerseits, wie aktiv die Heat in den letzten Jahren auf dem Trademarkt waren. Angesichts der Entwicklung des Kaders ist das sicher erst einmal positiv einzuschätzen. Andererseits verdeutlicht die komplizierte Butler-Whiteside-Harkless-Situation allerdings auch, wie stark die Heat immer noch unter den Fehlentscheidungen des Waiters/Johnson-Sommers litten: Hätten sie einen der beiden nicht gesignt, wären Harkless und der Pick zwei Jahre später nicht dem Hardcap zum Opfer gefallen.

Ausblick

Es sind also immer noch letzte Folgen des Sommers 2017 zu beobachten. Dass ehemalige Heat-Signings wie Tyler Johnson und Dion Waiters mit hoch dotierten verbliebenen Verträgen entlassen werden, wirft ebenso wenig ein gutes Licht auf die Heat. Dass andere Teams die massiven Cap Hits auf sich nehmen müssen, schon eher, zumal auch Tyler Johnson in einem für die Heat positiven Trade nach Phoenix ging: gegen Ryan Anderson, der auf einen Teil seines garantierten Gehalts verzichtete. Die Reihe guter Entscheidungen bei Trades, im Draft und bei der Spielerentwicklung hat die Heat gemeinsam mit einer guten Portion Glück wieder auf den richtigen Weg gebracht. Sie können gleichzeitig mit Butler als bestem Spieler zumindest als Borderline-Contender gelten und mit der U25 um Adebayo, Herro und Co. längerfristig planen.

Ob Riley und Co. die für den nächsten Schritt möglicherweise fehlenden Picks jetzt ebenfalls noch durch gekonntes Lavieren und eine gewisse Portion Glück ausgleichen können, müssen die nächsten Jahre zeigen. Den Heat fehlen bis einschließlich 2026 alle eigenen Zweitrundenpicks, Firstrounder 2021 und 2023 müssen sie ebenfalls noch abgeben – was bedeutet, dass sie erst die ab 2025 wieder vertraden könnten. Das sind Beeinträchtigungen, die auch die Optionen für die Free Agency 2021 begrenzen – für diesen Zeitpunkt hatten die Heat wohl vor dem Memphis-Trade ihren nächsten Schritt geplant. Durch die größere Zahl interessanter Free Agents gilt der Sommer 2021 als deutlich attraktiver als 2020. Damit hat Miami die in beiden Jahren die Chance auf eine Verpflichtung, die sie von einem guten Playoffteam unter die echten Contender hebt. Aber schon jetzt ist die Entwicklung ein riesiger Erfolg für Riley und Co.

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