Toronto Raptors

Ein Titel und viele Fragezeichen

Offseason Preview der Toronto Raptors

Der Champagner in den Straßen Torontos ist nach dem Siegeszug der Raptors noch kaum getrocknet und doch steht die Franchise bereits wieder vor wegweisenden Entscheidungen, die ihre Zukunft maßgeblich beeinflussen werden. Seit dem Trade für Kawhi Leonard war jedem Beobachter klar, dass dieses Team eine bessere Chance auf die Finals und den Titel haben würde als jede Iteration eines Raptors-Teams zuvor. Nachdem dem Team diese herausragende Leistung geglückt ist, sollte nun eine Zeit des Feierns sein.  Jedoch beschäftigen sich Fans und Mitglieder des Teams bereits mit der kommenden Offseason. Selbst im Rahmen der Feierlichkeiten war dies zu spüren, zum Beispiel als Fans Kawhi zuriefen „one more year“ und Kyle Lowry darauf sogar antwortete „five more years“. Und wie könnten sich alle Beteiligten auch nicht damit beschäftigen. So großartig die vergangenen Wochen der Franchise aus dem hohen Norden waren, so ungewiss ist ihre Zukunft.

Der entscheidende Faktor: Was will Kawhi?

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Im Grunde genommen haben sich die Raptors mit dem Trade für Kawhi auf zwei verschiedene Alternativen ab nächster Saison vorbereitet, Contender oder Rebuild. Welchen Weg davon man gehen wird, hängt ganz allein von der Entscheidung einer einzelnen Person ab: Was will Kawhi? Man kann als gesichert annehmen, dass der frischgebackene Finals MVP seine Player Option in der Höhe von knapp mehr als 23 Millionen nicht zieht und damit im Sommer Unrestricted Free Agent wird. Die Raptors haben dank des Trades seine vollen Bird Rights und sind damit in der Lage, Kawhi mehr Geld anzubieten als jedes andere Team der NBA, ca. 190 Millionen über die nächsten fünf Jahre. Konkurrierende Teams könnten ihm „nur“ etwa 140 Millionen über die nächsten vier Jahre zahlen. Insbesondere das zusätzliche Jahr der Sicherheit könnte für Kawhi nach vergangenen Verletzungen äußert interessant sein.

Und doch zeigt die nähere Vergangenheit, dass Geld bei weitem nicht alles ist, dass die Athleten bei der Auswahl ihres neuen Teams antreiben. Ansonsten würde Kawhi vermutlich immer noch in San Antonio spielen, die ihm den Supermax in Höhe von 220 Millionen hätten bieten können. Oftmals spielen noch andere Faktoren eine Rolle wie beispielsweise der sportliche Fit. Nun kann man einen berechtigten Einwand vorbringen: Welches Team soll eine bessere sportliche Perspektive bieten als der aktuelle Meister? Doch große Teile des Kaders sind eher am Ende ihrer Prime und nicht langfristig an das Team gebunden (dazu später mehr). Kawhi könnte zu dem Schluss kommen, dass andere Teams ihm auf lange Sicht eine bessere Chancen auf den Titel bieten können, weil sie mehr junges Talent im Team haben wie beispielsweise die Clippers.

Mit letzteren wird Kawhi seit geraumer Zeit beständig in Verbindung gebracht und sie wären wohl auch äußert interessiert an ihm, wie die Anwesenheit etlicher Clippers-Verantwortlicher bei praktisch jedem Spiel der Raptors zu Genüge zeigt. Für die Clippers spricht außerdem ihr Standort. LA ist nicht nur eine der unter Spielern beliebtesten Metropolen, die Stadt liegt zudem in der Nähe der Heimatregion Kawhis, Riverside County. Auch aufgrund seines eher introvertierten Charakters ist es beinahe unmöglich vorherzusagen, welche Faktoren bei der Wahl Kawhis die entscheidende Rolle spielen werden, zumal es seine erste vollständig freie Entscheidung bei der Wahl seines Teams ist. Er selbst und sein Agent wurden jedenfalls auch während des Postseason-Runs nie müde zu betonen, dass sich Kawhi noch nicht entschieden habe, wohin ihn die Zukunft führt. Wie auch immer sich Kawhi entscheidet, es wird auch weitreichende Folgen für andere Personalentscheidungen der Raptors haben.

Der Weg zum Contender

Unterschreibt Kawhi einen neuen Vertrag mit den Raptors, dürfte deren Priorität klar sein, auch alle anderen Eckpfeiler des Meisterteams zurückzubringen. Zumal in diesem Fall dem Team finanziell die Hände gebunden wären, neue Spieler ins Team zu holen. Inkludiert man den Maximum-Vertrag Kawhis mit aktuell prognostizierten 32 Millionen Dollar in die Berechnung des Salarys, stehen die Raptors in diesem Fall bei Gehältern von knapp 115 Millionen und wären damit bereits über dem prognostizierten Cap von etwa 109 Millionen. Zieht Marc Gasol seine Playeroption über 25 Millionen Dollar, wäre man sogar erheblich oberhalb der Taxpayer-Linie.

Übersicht über alle Verträge der Toronto Raptors

In diesem Fall würden dem Team einzig die Mini-MLE von ca. 5 Millionen und die Bird Rights ihrer eigenen Spieler zur Verfügung stehen, um Spieler oberhalb des Minimums unter Vertrag zu nehmen. Einziger sicherer Free Agent unter den wichtigen Veteranen des Teams neben Kawhi ist Danny Green. Der 3&D-Wing ist der perfekte Rollenspieler eines jeden Contenders und sollte daher in der kommenden Offseason wohl die Wahl unter vielen attraktiven Angeboten haben. Doch auch hier stellt sich die Frage, welches Angebot im Falle eines Verbleibs Kawhis attraktiver sein könnte als das des aktuellen Meisters, zumindest falls keins der anderen Team bereit ist, Green weit über seinem Niveau zu bezahlen. Der Kader des Teams füllt sich somit bei einem Verbleib Kawhis beinahe von selbst und dürfte dem aktuellen Roster sehr ähnlich und wieder einer der Favoriten auf den Titel sein.

Der Weg zum Rebuild

Entscheidet sich Kawhi jedoch, das Team zu verlassen, sind viele der Vorzeichen völlig umgekehrt. Das ist ein Risiko, dass der General Manager der Raptor, Masai Ujiri, bei dem Trade willentlich in Kauf genommen hat. In diesem Fall hat Toronto wenig Anreiz, ein überzeugendes Angebot für Danny Green vorzulegen, sodass dieser wohl das Team verlassen würde. Marc Gasol muss seine Entscheidung über den Vollzug seiner Player Option zwar bereits vor der Free Agency treffen. Es kann jedoch als wahrscheinlich angenommen werden, dass er seine Option nicht zieht und anschließend je nach Entscheidung Kawhis entweder einen langfristigen Vertrag mit den Raptors aushandelt oder sich ebenfalls einem anderen Contender anschließt. Damit könnten drei Fünftel der Meister-Starting-Five bei anderen Teams unter Vertrag stehen. Auf diesem Weg würde Toronto anstelle eines Taxpayer-Teams auch auf der Stelle als Team agieren, dass noch ca. 25 Millionen Platz unter dem Salary Cap hat, um Free Agents unter Vertrag zu nehmen oder schlechte Verträge anderer Teams gegen Kompensation in Form von Draft-Picks oder jungen Spielern aufzunehmen.

Die Raptors wären auf einen Schlag am Anfang eines Rebuilds angekommen. Allerdings wäre das wohl ein sehr attraktiver Anfang. Die jungen Talente um Pascal Siakam, Fred VanVleet, OG Anunoby und Norman Powell stehen alle noch mindestens bis zur nächsten Offseason unter Vertag. Insbesondere in den Fällen der Toptalente Siakam und Anunoby verfügt das Team noch deutlich länger über Kontrolle über diese Spieler. Der einzige fehlende Pick in der Assetbox der Raptors ist der Firstrounder des 2019er-Drafts, der im Rahmen des Kawhi-Trades nach San Antonio verschifft wurde. Gleichzeitig ständen den Raptors auch noch einige Möglichkeiten offen, neue Assets anzusammeln. Als erstes in den Sinn kommt dabei ein Trade von Kyle Lowry. Der Point Guard steht nach der Offseason noch für ein weiteres Jahr mit 33,3 Millionen Gehalt in den Büchern der Raptors und wäre trotz dieses hohen Gehalts wohl für viele Teams ein interessantes Ziel, da der Point-Guard-Markt in diesem Jahr sich abgesehen von einigen Superstars eher wenig beeindruckend gestaltet. Der Mike-Conley-Trade von vergangenen Mittwoch zeigt ansehnlich, wie viel Wert das abgebende Team in einem solchen Trade generieren kann.

Auch ein Trade von Serge Ibaka scheint in diesem Szenario nicht unmöglich, gestaltet sich allerdings aufgrund seines hohen Gehalts von 23,3 Millionen im nächsten Jahr als extrem schwierig, solange Toronto nicht gewillt ist, Spieler mit ähnlich schlechten und länger laufenden Verträgen aufzunehmen. Es ist daher wahrscheinlicher, dass man Ibaka behält und seinen Vertrag dann in der nächsten Offseason nicht oder zu deutlich geringeren Bezügen verlängert. Unabhängig davon wie man mit Kyle Lowry verfährt, könnte man somit im Sommer 2020 eine relativ große Menge an Cap Space generieren und hätte keinerlei Belastung durch schlechte Verträge. In diesem Sommer wird auch Pascal Siakam Restricted Free Agent. Was wiederum zur letzten potenziellen Entscheidung der Offseason 2019 für die Raptors führt: Es wäre bereits in diesem Sommer möglich, mit Siakam über eine Verlängerung seines Vertrags zu verhandeln. Eingedenk seines geringen Capholds von nur 3,5 Millionen im Sommer 2020 scheint dies aber eher unwahrscheinlich.

Quo Vadis, Raptors?

Der rückblickend geniale Trade der Raptors für Kawhi Leonard ermöglichte dem Team den ersten Titel der Franchisegeschichte. Nun hängt es von eben jenem Kawhi ab, wie sich der zukünftige Weg der Raptors gestaltet. Unterscheibt der Finals MVP einen neuen Vertrag, ist man auf der Stelle und mit demselben Team erneut einer der Favoriten im nächsten Jahr. Verlässt Kawhi das Team, steht man zwar am Beginn eines Rebuild um den neuen Star Pascal Siakam, aber auch das ist sicherlich nicht die schlechteste Position, in der ein Team sein könnte.

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