NBA, Playoffs 2019, Toronto Raptors

Marc Gasol – Das Hirn der Raptors-Defense

Vor den Finals kristallisierte es sich zu eine der größten Fragen aller Previews, ob Marc Gasol vom Pick-and-Roll der Warriors vom Feld gespielt werden könnte wie so viele Center vor ihm. Eine im ersten Moment irritierende Frage, spricht man hier doch von einem Spieler, der erst vor 6 Jahren noch zum Defensive Player of the Year ernannt wurde. Betrachtet man jedoch die Gewinner dieses Titels vor und nach Gasol, Tyson Chandler und Joakim Noah, beide dieses Jahr per Buyout aus ihren Verträgen ausgekauft, erscheint sie plötzlich valide. Der Spielstil der NBA hat sich in den letzten 6 Jahren stark verändert und das sicherlich nicht zum Vorteil klassischer Center wie Marc Gasol. Und doch ist Gasol eine der zentralen Figuren des Finals-Runs der Raptors in diesem Jahr. Seit seinem Trade zu den Raptors am 07.02. stellen sie die drittbeste Defense der gesamten Liga (105.7 Defensive Rating), lediglich übertroffen von den Utah Jazz (105.2) und den Orlando Magic (105.3), nachdem sie vor dem Trade noch an achter Stelle dieser Kategorie lagen (107.2). In den Playoffs konnte sich die Defense Torontos sogar noch deutlich steigern, entwickelte sich zu einem wahren defensiven Juggernaut und wird von vielen Experten bereits als die beste Defense betrachtet, die den Warriors während ihres fünfjährigen Finals Runs jemals gegenüberstand. Marc Gasol ist ein wichtiger Baustein dieser Verteidigung, stellte in der ersten Runde Orlandos Allstar Vucevic beinahe völlig kalt, hielt sich in der zweiten Runde mehr als respektabel gegen All-NBA-Center Joel Embiid und war entscheidend daran beteiligt, in den Conference Finals Giannis Antetokounmpo auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Und doch wurden vor den Finals Zweifel laut, ob er auch auf dieser Ebene noch ein positiver Faktor sein könne. Woher kommen diese Zweifel und was macht Gasol in diesen Playoffs bisher so stark? Welche Stärken helfen ihm gegen die Warriors und welche Schwächen konnten und können diese eventuell ausnutzen?

Warum gab es trotz seiner starken Leistungen Zweifel an Gasols Finals-Tauglichkeit?

Einen großen Teil seiner defensiven Highlights erreicht Gasol in dieser Postseason als Verteidiger im Post gegen starke Postspieler wie Vucevic oder Embiid. Solche Matchups sind in der Finals-Serie gegen die Warriors eher selten. Die besten Lineups der Warriors kommen völlig ohne klassischen Center aus und nutzen Draymond Green als Option auf der Fünf. Durch den verletzungsbedingten Ausfall Kevin Durants und die fehlende kritische Masse an versatilen Flügelspielern für diese Taktik, spielt Golden State bisher in der Serie mit einer Mischung aus verschiedenen Bigs in Form von Kevon Looney (19.4 Min/pro Spiel), DeMarcus Cousins (17.8), Jordan Bell (5.9) und Andrew Bogut (3.6). Von diesen Spielern kann lediglich Cousins als Postspieler bezeichnet werden. Er postet seinen Gegenspieler, in etwa der Hälfte der Fälle Gasol, in den Finals im Schnitt 7.5 Mal pro Spiel auf. Er wird dabei von beiden Bigs der Raptors gut verteidigt und kann so nur 0.2 Punkte pro Post-Touch erreichen. Von dieser Ausnahme abgesehen sind Post-Ups im Spiel der Warrior nur sehr selten, sodass Gasol nicht dazu kommt, seine größte Stärke auszuspielen. Stattdessen nutzen die Warriors viel Screening-Action durch ihre Bigs am Perimeter und verfügen mit der Kombination aus Steph Curry als Ballhandler und Draymond Green als Screener über die vermutlich gefährlichste Pick-and-Roll-Kombination der gesamten Liga. Mit der Verteidigung genau dieses Plays hatte Gasol in vergangenen Playoff-Spielen dieser Postseason allerdings Probleme. Insbesondere zu sehen war das im Matchup mit den 76ers, wenn Embiid als Roll Man agierte und Gasol den jüngeren, athletischeren Big im Raum verteidigen musste wie in folgender Szene:

Wie umgehen die Raptors dieses Problem und wie spielt Gasol seine Stärken aus?

Die Raptors sind sich der Gefahr bewusst, die von Curry als Ballhandler im Pick-and-Roll ausgeht. Setzt einer der Warriors Bigs einen Screen für Curry, kommt der Gegenspieler des Screen-Setters mit auf die Höhe des Screens und spielt eine Hedge-Defense gegen Curry. Eine ähnliche Strategie führen die Raptors auch gegen Thompson aus, wenn er der Ballhandler ist. Ist Gasol als Gegenspieler des Screeners in ein solches Play involviert, kann er dank seiner langen Arme den Ballhandler so lange beeinflussen, bis sich der eigentliche Verteidiger um den Screen gekämpft hat und seine Position wieder eingenommen hat. Gasol zeigt sich dabei lateral deutlich schneller als von vielen Kritikern befürchtet und ist in den allermeisten Fällen in der Lage, vor seinem Gegenspieler zu bleiben. Dank seines hohen defensiven Basketball-IQs und seiner schnellen Hände ist allerdings nicht nur fähig, den Gegner darin zu hindern, an ihm vorbeizugehen, sondern er kann zudem noch etliche Bälle deflecten oder den Gegenspieler anderweitig beeinflussen und ist so an einigen Steals seines Teams wie dem Folgenden beteiligt:

Die Grundidee dieser Defensivtaktik der Raptors ist es, den Ball aus den Händen Currys zu nehmen und damit andere Mitspieler zu zwingen, Plays für das Team machen zu müssen. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Help Defender, der den Drive des Roll Mans zum Korb verhindert. Ist Gasol der Gegenspieler des Screeners wird diese Rolle zumeist von Paskal Siakam oder Kawhi Leonard ausgefüllt. Nicht selten, wenn einer der anderen Spieler der Gegenspieler des Screeners ist, übernimmt Gasol diese Aufgabe auch selbst. Diese Rotationen erfordern eine gute Abstimmung im Team und einen hohen Basketball IQ der beteiligten Spielern. Glücklicherweise für die Raptors zeichnen sich viele ihrer Spieler, insbesondere in der Starting Five, genau durch diese Qualitäten aus. Vereinfacht wird diese Strategie für die Raptors enorm dadurch, dass es den Warriors ohne Kevin Durant an fähigen Playmakern oder generell an gefährlichen Scoring-Optionen fehlt. So gelangt der Ball, wenn Curry gehedgt wird, oftmals in die Hände von Spielern, die nicht in der Lage sind, einen Vorteil aus der kurzfristigen Überzahl zu ziehen wie in der folgenden Szene McKinnie:

Es gereicht Gasol dabei sicherlich zum Vorteil, dass er nur etwa 4.5 Possessions pro Spiel als primärer Verteidiger Draymond Greens eingesetzt wird, der in solchen Situationen ein deutlich besserer Playmaker ist als seine Mitspieler.

In Spiel 2 reagieren die Warriors auf die defensive Taktik der Raptors, indem sie den Screen höher setzen und dadurch die Wege für die Rotationen der Raptors verlängern und damit Lücken in der Defense eröffnen:

Mit dieser Taktik ist Golden State lange Zeit in Spiel 2 erfolgreich, bis Klay Thompson verletzungsbedingt das Spiel verlassen muss. In dem daraus entstehenden Mangel an Scoring-Gefahren auf Seiten der Warriors sieht Raptors Coach Nick Nurse eine Chance und stellt auf das auf NBA-Niveau ungewöhnliche „Box-and-One“-Defensivsystem um. Diese Taktik sollte sich als derart erfolgreich herausstellen, dass die Warriors anschließend 5:32 Minuten ohne Wurferfolg blieben, wenn auch bedingt durch das Verfehlen einiger offener Würfe. Eine solche drastische Anpassung des Systems erfordert eine hohe Menge an defensiven BB-IQ und Erfahrung, die insbesondere von Marc Gasol zum Team beigesteuert werden.

Seinen Mangel an Schnelligkeit gleicht er durch seine hohe Spielintelligenz mehr als aus. Dies zeigt sich auch, wenn Gasol gezwungen ist, Close-Outs zu laufen. Er ist bedingt durch seine eingeschränkte Athletik nicht in der Lage wirklich harte Close-Outs zu vollführen, allerdings schafft er es dank seiner guten Körperkontrolle doch zumeist den Wurf des Gegners zu erschweren, wenn dessen Release nicht schnell genug ist und begeht zugleich kaum Fouls.

Ist die Defense der Raptors erfolgreich, ist es oftmals Gasol der mit seinen guten Outlet-Passes die Transition-Offense der Raptors einleitet, wie schön zu sehen ist in der oben gezeigten Szene des Siakam-Dunks.

Welche Schwächen sind noch zu sehen und wie können die Warriors das ausnutzen?

Es gibt allerdings doch einige Punkte, in denen sein Mangel an Athletik Gasol und seinem Team schadet. So hat er Probleme beim defensiven Rebounding, die sich auch in der Serie mit den Warriors manifestieren können. In Spiel 1 holten die Warriors eine extrem hohe Offensive-Rebounding-Percentage von 31.1%, die maßgeblich dazu beitrug, dass die Warriors trotz ihrer Probleme in der Halfcourt-Offense lange im Spiel bleiben konnten. Defensives Rebounding ist natürlich nie die Aufgabe eines einzelnen Spielers, sondern eher Teameinsatz (und in Teilen Glück oder Pech). Und doch ist der Center im Normalfall das Kernstück solcher Bemühungen. Inwiefern sich der Trend aus Spiel 1 in der Serie bestätigt und ob die Warriors diese vermeintliche Schwäche auszunutzen wissen, bleibt allerdings abzuwarten.

Ein größeres Problem könnte allerdings die Transition Defense der Raptors werden. Gasol ist dank seines höheren Alters dabei nicht mehr in der Lage mit den jüngeren Bigs des Gegners mitzuhalten. In den ersten beiden Spielen war dieses Problem noch nicht allzu extrem zu sehen, da seine direkten Gegenspieler auch nicht als große Gefahren in Transition bekannt sind. Insbesondere Cousins, mit dem sich Gasol in ca. einem Drittel seiner defensiven Possessions im direkten Duell wiederfindet, gilt allgemein nicht als extrem schneller Spieler, der die Pace des Spiels beschleunigt. Ein Spieler, der das allerdings stets tut und dabei extrem gefährlich ist, ist Draymond Green. Sollte Kevin Durant im Laufe der Serie wieder auf das Feld zurückkehren, werden die Warriors sicherlich vermehrt auf Lineups mit Green als Center setzen und dann muss Gasol beweisen, dass er auch mit diesem in Transition mithalten kann.

Fazit

Nach zwei Spielen gibt es wohl keinen Zweifel mehr daran, ob Gasol auch gegen die Warriors auf dem Feld stehen und einen positiven Einfluss auf die Defense der Raptors haben kann. Mit seinem Basketball-IQ und seiner langjährigen Erfahrung darin, eine Verteidigung zu ordnen und zu koordinieren, ist er das Hirn der vielleicht besten Defense, die den Warriors während ihres Runs gegenüberstand. Und doch sind diese Warriors trotzdem noch die vermutlich beste Offense aller Zeiten. Sie finden Mittel und Wege, um gegen jede Defense zu punkten. Jetzt sind wieder die Raptors und Marc Gasol gefragt, sich anzupassen, um einen NBA-Titel ihr Eigen nennen zu können.

 

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