Denver Nuggets, Playoffs 2019

Wie Denver mit “Anti-Morey-Ball” die Playoffs aufmischt

Der moderne oldschool Basketball der Nuggets
Screenshot: NBA League Pass

Die Denver Nuggets konnten sich in den Playoffs bisher in vielerlei Hinsicht gut verkaufen. Trotz einem beeindruckenden zweiten Platz in der regulären Saison war die Skepsis gegenüber dem jungen Team zu Beginn der Playoffs groß und nachdem man die Spurs in 7 Spielen niederringen konnte, befindet man sich nun in einer komfortablen Situation, mit großen Chancen auf einen Einzug in die Western Conference Finals. Das Prunkstück des Teams ist ohne Zweifel ihre unkonventionelle Offensive, welche maßgeblich vom 7-Footer Nikola Jokic gesteuert wird. Man spielt dabei gewissermaßen einen Basketball, der einerseits als modern bezeichnet kann, weil er auf gutem Spacing, viel Pick-and-Roll und einem Big als primärem Ballhandler basiert. Aber es lassen sich auch einige eher traditionelle Elemente erkennen, wie beispielsweise das häufige Kreieren aus dem Postup heraus oder der Fokus auf Würfe aus der Floater Range. Wie erfolgreich ist dieses Konzept bisher? Wie gut werden die einzelnen Rollen ausgefüllt? Und wo stößt die Spielweise der Nuggets an ihre Grenzen?

Was macht Denver besser als andere Teams?

Denver stellt bisher eine der besten Offensiven der diesjährigen Playoffs und das obwohl man eine vergleichsweise schlechte effektive Feldwurfquote vorweisen kann. Man befindet sich auf Platz 2 beim Offensiv Rating und profitiert dabei maßgeblich vom exzellenten Offensiv Rebounding. Gegen Portland kann man eine offensive Reboundrate von 32% erzielen, man holt sich also nahezu jeden dritten Wurf wieder zurück. Hier ist vor allem Nikola Jokic zu nennen, der solche Bälle oftmals direkt nach dem Fehlwurf in den gegnerischen Korb tippt und so viele missratene Wurfversuche seiner Kollegen kompensieren kann. Überhaupt lässt sich in der gesamten Konzeption der Denver Offense eine Ausrichtung auf den serbischen Superstar erkennen. Man nimmt extrem viele Abschlüsse aus 4-8 Fuß, also weder direkt am Korb, noch aus der klassischen Mitteldistanz. Diese Entfernung stellt die Wohlfühlzone von Jokic dar, der hier allerdings nicht nur gerne aufpostet, sondern oft aus dem Dribbling heraus sein gefühlvolles Floater Game zur Schau stellt. So trifft man aus dieser (von Analytics belächelten) Zone bärenstarke 44%. Nun muss die Frage erlaubt sein, warum gerade dieser Wurf so im Fokus steht und man nicht direkt bis zum Korb durchzieht, wo man zwar vergleichsweise unterdurchschnittlich agiert, allerdings immer noch deutlich effizientere 59% verwandelt. Die Antwort scheint hier nicht nur bei Jokic, sondern auch seinem Sidekick Jamal Murray zu liegen (wobei hier zu klären wäre, wer im Bereich des Scorings eigentlich wen sidekickt, aber dazu später mehr). Auch der quirlige Kentucky Guard favorisiert den Bereich der Floater Range und präsentiert bei diesen Würfen ein schier unerschöpfliches Arsenal an Finishes. Neben einbeinigen klassischen Floatern macht Murray hier gerne auch von lässigen Up-and-Under Moves oder teils wilden Fadeaway Jump Shots Gebrauch. Die Frage warum er dabei nicht direkt bis zum Korb durchzieht, bleibt allerdings noch offen. Zum einen liegt das am Unvermögen von Murray und Jokic im Pick-and-Roll (oder auch bei Handoffs) ihre Gegenspieler zu überholen und explosiv den Weg zum Korb zu suchen. Murray ist zwar dynamisch, aber ihm scheint teilweise der Antritt zu fehlen, um insbesondere den gegnerischen Big stehen zu lassen und einen einfachen Layup zu generieren. Aber auch Jokic ist hier naturgemäß etwas schwerfällig und tendiert oftmals dazu eher in die Midrange oder an die Dreierlinie zu poppen als schwungvoll zum Korb zu schneiden. Des Weiteren kokettieren auch beide deswegen so gern mit Floatern, weil ihrem Spielverständnis eine gewisse Verspieltheit innewohnt, die sich auch vereinzelt in fancy Dribble Moves oder tollkühnen Pässen zeigt. Es handelt sich also nicht nur um reines Unvermögen zum Korb zu kommen, sondern liegt auch gewissermaßen in der Natur ihres Spiels. Dennoch ist die Nuggets Offense sehr effizient, auch deswegen weil man einen guten Job dabei macht, auf den Ball aufzupassen. Die Nuggets sind eines der Teams, welches am seltensten Turnover begeht, ein weiterer Umstand der ihre schwache eFG% kompensiert. Wie mittlerweile hinlänglich bekannt ist, dürfte der prominenteste Weg, um diese Quote zu pushen der sogenannte “Morey-Ball” sein, eine Philosophie, welche diese Saison nicht nur von den Rockets, sondern auch von den Bucks in großem Ausmaß praktiziert wird und so möglicherweise auch ihren Weg in die Finals finden könnte. Der Versuch möglichst viele Abschlüsse direkt am Korb oder aber möglichst viele Dreier zu nehmen, findet bei den Nuggets nicht statt. Dass sie eher selten direkt am Korb abschließen und somit übrigens auch ihre Freiwurfrate auf einem eher niedrigen Niveau halten, wurde ja bereits thematisiert. Aber sie nehmen auch extrem wenig Dreier, wobei sie die unternommenen Versuche mit durchschnittlicher Effizienz treffen. Das ist insofern interessant, da eigentlich 8 ihrer 9 Rotationsspieler über den Wurf verfügen und sie somit fast durchgehend mindestens 4 Schützen auf dem Parkett haben. So können sie auf den ersten Blick solides Spacing aufbieten, allerdings lohnt es sich genau hinzuschauen wer überhaupt als echter “Schütze gelten darf. Hier die Dreierversuche pro Spiel plus die jeweilige Quote in den bisherigen Playoffs:

Name Dreierversuche pro Spiel Dreierversuche pro 100 Pos Dreierquote
Murray 6 9 34%
Jokic 4 5 38%
Harris 4 6 35%
Barton 4 9 29%
Beasley 3,5 8 45%
Millsap 3 4 33%
Craig 2,5 6 50%
Morris 1 3 0%

Die Nuggets haben augenscheinlich nur wenige Leute, die ein hohes Volumen von draußen aufweisen können. Murray und Beasley sind die einzigen, die ein hohes Volumen mit einer guten Quote vereinen, für Jokic, Harris und Craig lässt sich das mit Abstrichen sagen. So schrumpft die Zahl der tatsächlich gefürchteten Schützen erheblich und gerade Millsap, sowie teilweise Barton. bekommen von gegnerischen Defensiven Platz zugestanden. Dazu hilft die Portland Defense in hohem Maße gegen Jokic und auch bei Murrays Drives klebt selten jeder potenzielle Help-Verteidiger an seinem Mann. Die Nuggets verweigern hierbei viele offene Dreier, ein Phänomen, dass sich auch nach Pässen von Jokic aus dem Double Team heraus beobachten lässt. So hält sich letztendlich die Ausbeute in Grenzen und manche Possessions enden anstatt mit einem freien Rollenspieler-Dreier mit einem schwierigen Wurf der Starspieler.

Ein weiterer Umstand, der den Nuggets Chancen auf einfache Dreier oder Abschlüsse am Korb verwehrt, ist ihre langsame Pace. Denver hat, wenn man so will, die schwerfälligste Offense der Liga und läuft vergleichsweise wenig Transition. Wenn man das Spiel allerdings gelegentlich doch mal schnell macht, ist die häufigste Ursache ein genialer Pass von Nikola Jokic. Dieser ist ein absoluter Meister der “Touchdown” Pässe und vereinzelt stehlen sich die Nuggets Guards nach einem gegnerischen Fehlwurf davon, um von einer solchen Gelegenheit zu profitieren. In der Mehrheit der Fälle geht man allerdings in den Halfcourt und bedient sich hier einer sehr bewegungszentrierten Offense. Selten wirkt das Spiel statisch, oftmals werden multiple PnRs und vor allem Handoffs gelaufen, bis man einen Wurf gefunden hat, der dem Wunsch des ballführenden Spielers entspricht. Jokic, der alle Spieler in den Playoffs mit 126 Touches pro Spiel anführt, tritt dabei als häufigster Initiator auf und bedient mit Freude seine cuttenden Mitspieler oder versucht ihnen mithilfe von gut gestellten Screens Platz zu verschaffen. Außerdem begibt er sich häufig ins Postup, nachdem er zunächst einen Block gestellt bekommen hat und macht dann basierend auf der defensiven Reaktion seine Reads. In dieser Szene findet er so Paul Millsap für einen einfachen Dunk:

Die zentralen Personalien des Systems

Neben Nikola Jokic muss im offensiven System der Denver Nuggets vor allem das Backcourt-Duo angesprochen werden. Sowohl Jamal Murray, als auch Gary Harris passen mit ihrem Skillset extrem gut zum passfreudigen Big Man. Zwar sind die beiden nicht Stephen Curry und Klay Thompson, alles in allem sind sie über weite Strecken der Saison jedoch gute Schützen von Downtown gewesen. Ähnlich wie das Duo der Golden State Warriors zeichnen sie sich zudem durch dauerhafte Aktivität aus, bewegen sich gut off-ball, cutten gerne und kommen so immer wieder zu Gelegenheiten von Jokic bedient zu werden. Während Gary Harris in den Payoffs bisher jedoch hauptsächlich als Komplementärspieler auftritt (16.1 USG%, 7. in der Playoff-Rotation), zeigt sich Jamal Murray gerade wie ein Starspieler und legt mit 26.7% Usg den höchsten Wert im Team der Nuggets auf. Beeindruckend ist beim jungen Guard vor allem die Verantwortung für sich und andere spät in der Shotclock Würfe zu erspielen. So kreiert er sich 49% seiner Zweipunktwürfe und 48% (!) seiner Dreier selbst, eine enorme Steigerung zu den 32% in der Regular Season. Langfristig würde den Nuggets hier definitiv noch ein Spieler gut tun, der off the dribble für Offense sorgen kann, da Murray mit einem 115er Ortg und 55% TS zwar gute Zahlen auflegt, eine weitere Option seiner Effizienz jedoch gut tun sollte und den Nuggets allgemein Entlastung geben würde. Es ist zudem zu betonen, dass Murray tatsächlich die “erste Scoring Option” der Nuggets per Definition darstellt. Dies ist insofern verwunderlich da Jokic als die potentere Gefahr gilt (128er ORtg in den Playoffs) und seine USG% mit 25 dennoch geringfügig niedriger ist. Dieser Wert wird zudem durch Jokics zahlreichen Putbacks gepusht, Würfe die ursprünglich nicht für ihn vorgesehen waren, ihm aber sozusagen vor die Füße fallen. Dass man deshalb auch so weit gehen könnte Jokic als Sidekick von Murray zu bezeichnen (im Hinblick auf ihr jeweiliges Scoring Volumen) ist in zwei Faktoren begründet. Zum einen sucht Jokic ständig den freien Mann, überdreht im Gegensatz zu Murray fast nie und bevorzugt häufig den Pass auf den freien Mitspieler anstatt den schwierigen Wurf. So erleichtert er es einerseits gegnerischen Defensiven ihm den Ball aus den Händen zu nehmen, allerdings ergibt sich durch seine begnadeten Pass Fähigkeiten eine große Anzahl an “guten Looks” für das eigene Team. Der zweite Aspekt ist eine grundsätzliche Thematik. Guards sind in kritischen Situationen in der Regel häufiger in der Lage sich einen halbwegs offenen Wurf zu kreieren und können in “broken play” Situationen meist effektiver improvisieren. So ist es oft Murray, der in diesen Situationen den Wurf sucht, auch weil er die große Bühne in solchen Momenten nicht scheut. Somit sind es in der Crunchtime oft Murrays Würfe, die aus Sicht der Nuggets über Sieg und Niederlage entscheiden.

Der absolute Schlüssel ihrer offensiven Exekution ist jedoch die “Chemie” zwischen Jamal Murray und Nikola Jokic im Handoff/PnR-Game der Denver Nuggets. Hierbei handelt es sich definitiv um das Signature-Play ihrer Offense, auch erkennbar an den Passstatistiken der beiden. So befinden sie sich in den Top 6 der meist angespielten und meist passenden Spielern der Playoffs und das obwohl man, wie bereits erwähnt, mit einer Pace von 92.6 das langsamste, noch aktive Team der Playoffs ist (San Antonio 91.9). Aus diesem Set kann sich sowohl ein Pick and Roll entwickeln, in dem Jokic der Roll Man ist und so in die oben angesprochene Floater Range kommt, aber auch Murray wird hier von Headcoach Mike Malone als Roller genutzt und von Jokic häufig bedient. Beide können nach dem Pass dann entweder Richtung Korb ziehen, aus der Short Roll passen oder ihre gefühlvollen Floater nehmen. 

Neben Gary Harris ist auch Paul Millsap offensiv in den Playoffs ein klarer Komplementärspieler, der bisher beim eigenen Scoring den niedrigsten Wert seit 2012 aufweist. In den letzten Saisons war er bei den Hawks in der Offensive mit 14.1 FGA und 17.7 Punkten noch prominenter vertreten, in Denver erarbeitet er sich bisher einige seiner 10.8 FGA selbst (51% seiner 8 2PT FGA) und kommt insgesamt auf 14.8 Punkte. Dass er in der aktuellen Serie mit seinem Scoring aus dem Post und seinen gelegentlich eingestreuten Dreiern jedoch wertvoll sein kann, zeigte er in Spiel fünf mit 24 Punkten bei einem 128er Ortg. Da man mit Nikola Jokic jedoch einen Big hat, der im Post mittlerweile besser ist als Millsap (Passing), wird er hier seltener eingesetzt. Bekommt er die Möglichkeit kann er jedoch immer noch viele seiner Gegenspieler überpowern. Genau wie Gary Harris kann Paul Millsap seinen Wert für die Nuggets allerdings am defensiven Ende zeigen. Anders als Harris ist er natürlich nicht als Point-of-attack-Verteidiger auf einen der beiden Backcourt Stars Portlands abgestellt, sondern hilft als flexibler Big immer wieder wenn Nikola Jokic Probleme hat oder es anderweitig Rotationen in der Defensive gibt. 

Neben diesen 4 Schlüsselspielern verfügen die Nuggets über ein Trio aus 3-n-D Wings (namentlich Barton, Beasley und Craig), einem Low-Usage Spielgestalter in Morris und einem Backup Big in Plumlee, der sogar zeitweise gemeinsam mit Jokic auf dem Platz steht. Malone ist hierbei gewillt die Lineups situationsabhängig durchzumixen und lässt auch mit der zweiten Garde konsequent denselben Stil spielen. Barton sieht sich vornehmlich in der Rolle des designierten Bank Scorers berufen, nachdem er im Gegensatz zur regulären Saison auf die Bank verbannt wurde. Hierbei macht er trotz katastrophalem Shooting einen soliden Job, ist jedoch sehr inkonstant. Im epischen G4 der Serie (welches erst nach der 4. OT entschieden wurde), verlor er ihnen zunächst fast im Alleingang das Spiel in der regulären Spielzeit und war dann in der Overtime der wichtigste Spieler, der das Team lange Zeit am Leben erhielt.

Was lässt sich daraus resümieren?

Unabhängig von Barton steht und fällt die Offensive allerdings mit der Anwesenheit von Nikola Jokic. Ohne den Serben auf dem Feld performt die Offense um 13 Punkte schwächer (interessanterweise gilt das ebenso für die Defense, welche um 11 Punkte schlechter wird).  Er hat ganz klar den größten Einfluss auf die Denver Offensive und beeinflusst nahezu jede Possession, an der er beteiligt ist. Dabei hat er stets die Mitspieler im Blick und lässt diese von seinem überragenden Spielverständnis profitieren. Dennoch könnte er phasenweise noch aggressiver den eigenen Wurf suchen und vor allem gegen Mismatches wird es im zunehmenden Verlauf der Playoffs umso wichtiger, dass er diese einfachen Scoring Gelegenheiten nicht verstreichen lässt. Sein kongenialer Partner Murray beeindruckt bisher trotz seiner ebenso großen Unerfahrenheit mit einer gewissen Kaltschnäuzigkeit und hat das Team bereits mehrmals aus kritischen Situationen manövriert. Das Zusammenspiel der beiden wirkt mühelos und spielerisch, ist aber für gegnerische Teams oftmals verheerend. Ihre Spielweise ist in der Tendenz doch eher unkonventionell, das Jokic-Murray PnR mit Letzterem als Blocksteller ist eine Variante, auf die viele Teams noch keine wirkliche Antwort gefunden haben. Zwar verzichtet man weitestgehend auf die “modernen” Zutaten einer erfolgreichen Offense, nämlich vor allem dem Dreier und teilweise dem direkten Abschluss am Korb, und liebäugelt stattdessen mit diversen Floatern und anderen “Trickwürfen”. Dennoch kann es wohl nicht gerade als traditionell bezeichnet werden, wenn ein 7-foot großer und 250 lbs schwerer Quasi-Point Guard das Ballhandling übernimmt und mit No-Look-Pässen und fancy Finishes die eigene Offense orchestriert. Murray und Jokic scheinen auf einer Wellenlänge zu sein und schaffen nahezu im Alleingang eine erfolgreiche Halfcourt Offense für Denver auf die Beine zu stellen. Das Konzept ist eine erfrischende Art und Weise Basketball zu interpretieren, dem bisher eine gute Übertragbarkeit auf das Playoff Setting bescheinigt werden darf. Ob das ausreicht um in den Conference Finals gegen die deutlich stärkeren Warriors oder die “Morey Ball” geprägten Rockets zu bestehen, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

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