Playoffs 2019, Toronto Raptors

Der Bench Mob der Raptors und seine Probleme

Kaum mehr als ein Jahr ist vergangen, da stellten die Toronto Raptors noch die nach Netrating beste Bank der gesamten Liga. Delon Wright, Pascal Siakam, Jakob Pöltl, Fred VanVleet, CJ Miles und Norman Powell spielten alle viele Minuten und wussten mit einem addierten Netrating von +4.9 Punkten pro 100 Possessions zu überzeugen. Ein Jahr, zwei Trades und einige Änderungen des Starting Lineups später sind aus dieser Gruppe in den aktuellen Playoffs nur noch VanVleet, Powell und der aus dem Starting Lineup herabgestufte Serge Ibaka übrig. Sie sind auch die einzigen drei Spieler, die von der Bank kommend in der Serie gegen die Sixers mehr als 6 Minuten pro Spiel spielen. Und sie haben alle etwas gemeinsam: Sie weisen ein deutlich schlechteres Netrating auf als die Starter. Ibaka kann hier noch den mit Abstand besten und einzigen positiven Wert aufweisen, mit ihm auf dem Feld sind die Raptors um 3.8 Punkte pro 100 Possessions besser, die anderen beiden weisen ein katastrophal schlechtes Netrating auf. Vor dem Blowout-Sieg der Raptors in Game 5 war auch Ibakas noch deutlich negativ.

Das Starting Lineup der Raptors hingegen hat ein deutlich positives Netrating von +9.8. Auf der gegenüberliegenden Seite bekommen die 76ers wichtige positive Beteiligungen von ihrer lange als zu schwach geltenden Bank in Form der Buyout-Markt-Akquisitionen James Ennis III und Greg Monroe. Haben die Raptors ein Problem von der Bank, das sie vielleicht den Sieg in der Serie gegen die Sixers kosten könnte? Und wenn ja, welche Maßnahmen kann Toronto Coach Nick Nurse ergreifen, um diesen Nachteil auszugleichen?

Wie sind die individuellen Leistungen der einzelnen Bankspieler zu bewerten?

Wie oben bereits angedeutet, soll es im folgenden nur um die drei Bankspieler gehen, die in der Serie mit den Sixers mindestens 10 Minuten pro Spiel spielen: Fred VanVleet, Serge Ibaka und Norman Powell. Trotz dieser Einschränkung handelt sich aufgrund der eingeschränkten Rolle und Minutenzahl der drei um eine zu kleine Sample Size, um ihre Leistungen entsprechend vollständig bewerten zu können. Und doch kann man eindeutige Tendenzen erkennen, warum die Raptors mit ihren Bankspielern auf dem Feld so viel schlechter sind als mit ihren Startern. Das beste Beispiel hierfür ist vermutlich die Personalie VanVleet. Im letzten Jahr noch als potenzieller Sixth Man of the Year gehandelt, erlebt der Guard eine Serie zum Vergessen. In 17.3 Minuten pro Spiel legt er bisher in den fünf Spielen der Serie ein True Shooting von extrem ineffizienten 22.3% auf, trifft nur drei seiner achtzehn Würfe und einen seiner elf Dreier. Er strahlt daher off-Ball keinerlei Gefahr aus und ist auch on-Ball weder in der Lage Würfe für sich selbst zu kreieren, noch seine Mitspieler so gut einzusetzen, wie man es in der Vergangenheit von ihm gesehen hat. Da die Sixers ohne traditionellen Point Guard spielen, sieht er sich zudem am defensiven Ende des Feldes immer einem ihm körperlich überlegenen Gegenspieler entgegen und wird oftmals von den Sixers attackiert. Dies gilt insbesondere, wenn er in Lineups gemeinsam mit Lowry auf dem Feld steht.

Einig wenig anders gestaltet sich die Serie für Serge Ibaka. Im letzten Jahr noch Starter auf der Power-Forward-Position wird er zu Beginn dieser Playoffs nur noch als Backup-Center hinter  Marc Gasol eingesetzt. Aufgrund von Unterschieden in der Dynamik der Rotationen trifft er dort als Matchup zumeist auf Joel Embiid, den derzeit vermutlich besten Two-way-Center der gesamten Liga. Im Besonderen gilt das für die Defensive, wo er sich fast die Hälfte aller Possession im direkten Duell mit Embiid wiederfindet und von diesem gnadenlos attackiert und überpowert wird. Am offensiven Ende befindet er sich nur relativ selten im Matchup mit Embiid, der seit Spiel 2 zumeist gegen Siakam eingesetzt wird. Weil sein in der Regular Season noch sehr konstanter Jumper nicht fällt, ist Ibaka allerdings auch nicht in der Lage, aus anderen Matchups Profit zu schlagen, sodass er über die Serie hinweg nur ein True Shooting von weit unterdurchschnittlichen 42.5% auflegt. All dessen zum Trotz weist er von allen Reservespielern noch das mit Abstand beste Netrating auf und spielt mit im Schnitt 20.6 Minuten die meisten Minuten.

Die wechselhafteste Rolle aller Bankspieler spielt Norman Powell. Er spielt im Schnitt 11.7 Minuten pro Spiel in der Serie gegen die Sixers und weist mit 47.1% immerhin das beste, wenn auch trotzdem unterdurchschnittliche, True Shooting aller Reservisten auf. Er hat allerdings auch das schlechteste Netrating (-22.5 pro 100 Possessions) aller relevanten Bankspieler. Der Grund dafür liegt zum großen Teil daran, dass die Raptors mit ihm auf dem Feld nicht in der Lage sind, ihre Gegner zu verteidigen. Die Raptors versuchen Powell in verschiedenen Lineups gegen verschiedene Gegenspieler, aber gegen keinen der athletischen, großen Flügelspieler der Sixers ist er ein wirklich gutes Matchup. Die meiste Zeit spielt er gegen Tobias Harris, der ihm massiv überlegen ist. Aber auch gegen andere Matchups ist er als Verteidiger zumeist überfordert, wie in folgender Szene beim Drive von Jonah Bolden:

In den letzten Spielen setzt Nick Nurse daher teilweise auch verstärkt auf Patrick McCaw, der einige Minuten von Powell übernommen hat und seine Gegenspieler ein wenig, wenn auch kaum merklich, besser verteidigen kann. Allerdings stellt dieser offensiv eine noch größere Schwachstelle als Powell dar.

Wie wirken sich die verschiedenen Lineup-Rotationen beider Teams aus?

Einen direkten Zusammenhang aus individuellem Netrating und persönlicher Leistung eines Spieler zu setzen, ist immer von Fehlern behaftet, da es den Kontext der Lineups, in denen die Spieler auf dem Feld stehen, völlig außer Acht lässt. Beschäftigt man sich tiefergehend mit den Lineups beider Teams, fällt zuerst auf, dass die Raptors ihr Starting Lineup in deutlich mehr Minuten (102 Minuten über fünf Spiele) einsetzen als die Sixers (82 Minuten). Beide Starting Lineups weisen ein sehr ähnliches Netrating von +9.8, bzw. +9.2 auf. Dies erscheint zuerst widersprüchlich, da beide Lineups eigentlich einen großen Teil ihrer Zeit direkt gegeneinander spielen sollten. Dieser Effekt wird bedingt durch die unterschiedliche Art und Weise, wie beide Teams ihre Rotationen vollziehen. Die Sixers wechseln Teile ihrer Starter deutlich früher aus, staggern sie mehr und spielen so viele Lineups mit vier Startern und einem Bankspieler (Bspw.: 19 Minuten mit vier Startern und Ennis anstelle von Simmons). Diese Art der Wechsel ermöglichen es den Sixers, immer einige ihrer Stars auf dem Feld zu haben, sodass immer ein Mindestmaß an Shotcreation zur Verfügung steht.

Zu Beginn der Serie startet Philly zudem das zweite Viertel mit allen Startern gegen Lineups der Raptors mit zwei Reservespielern. In diesen Minuten fallen die Raptors im Schnitt deutlich zurück. Das erklärt, warum auch das Starting Lineup der Sixers hoch positiv ist. Dabei sind weniger die Starter der Sixers überwältigend gut, als vielmehr die Lineups der Raptors katastrophal schlecht. Da Leonard zu diesen Zeitpunkten auf der Bank sitzt, gelingt es keinem Spieler der Raptors verlässlich Würfe für sich selbst zu kreieren. Das liegt zum einen an den oben beschriebenen schwachen Leistungen der Bankspieler, aber auch an den wechselhaften Leistungen von einigen Startern, insbesondere Lowry und Gasol.

Welche taktischen Mittel kann Nick Nurse noch nutzen?

Personell sind Coach Nick Nurse zu großen Teilen die Hände gebunden. Insbesondere der Ausfall von OG Anunoby als sehr versatile Option von der Bank wiegt schwer. Eine Möglichkeit wäre der zu Beginn der Serie noch mit Rückenproblemen ausgefallene Jeremy Lin, der zuletzt in der Garbage Time wieder die ersten Minuten spielen konnte. Lin wäre ein potenzieller Kandidat, um Minuten von VanVleet zu übernehmen. Vielleicht ist in der Lage, in den Lineups ohne Kawhi Würfe für sich selbst zu kreieren. Wie fit er wirklich ist, scheint allerdings äußert fraglich. Patrick McCaw bekam zuletzt in Game 4 einige kompetitive Minuten, stellt allerdings auch keine wirkliche Verbesserung dar. Da der Einsatz anderer Spieler demnach keine Lösung ist, muss Nurse taktische Veränderungen vornehmen.

Eine sehr drastische Möglichkeit wäre der Umstieg auf eine 7-Mann Rotation ohne VanVleet und eine Erhöhung der Minuten der Starter. In den Minuten ohne Lowry müsste Toronto dann ohne klassischen Point Guard spielen. Dies erscheint allerdings leicht möglich, da Leonard und Siakam bereits einen Großteil der Ballhandling-Aufgaben übernehmen und auch Gasol in der Lage ist, als Passer vom Ellbow aufzutreten. Da die Sixers ebenfalls über weite Strecken des Spiels ohne einen kleinen, schnellen Ballhandler spielen, ist es vermutlich auch defensiv unproblematisch. Diese Taktik erfordert allerdings eine enorme Menge an Minuten und Belastung für die Starter und ist daher erst in einem potenziellen Spiel 7 eine Option. Eine andere taktische Möglichkeit wäre es, das Rotationssystem der Sixers zu übernehmen und die Minuten der Starter Eins-zu-Eins auf die der Sixers zu matchen. Eine derartig starke Veränderung der gewohnten Lineups mitten während den Playoffs erscheint allerdings unpraktikabel und dürfte dem Rhythmus der Spieler zu stark schaden, um tatsächlich sinnvoll zu sein. In geringerem Maße kann es allerdings eine sehr gute Alternative bieten. Gasol verteidigt gegen Embiid deutlich besser als Ibaka und daher sollten seine Minuten idealerweise auf die Embiids angepasst werden. Das hat zudem den Vorteil, dass die Sixers in den Minuten ohne Embiid deutlich mehr Pick&Roll-Aktionen laufen als mit Embiid und Ibaka in diesen Situationen ein etwas mobilerer Verteidiger ist als Gasol. In den vergangenen beiden Spielen adaptierte Nurse auch bereits diese Strategie und veränderte die Ein- und Auswechslungen Gasols merklich. Die Sixers reagieren darauf, indem sie auch Embiid mehr im Pick&Roll einsetzen. Auf Ibaka scheint die Umstellung, nicht dauerhaft Embiid verteidigen zu müssen, einen spürbar positiven Effekt zu haben.

Das Hauptproblem für Nurse ist es allerdings weiterhin, offensive Lösungen für die Minuten zu finden, in denen Kawhi nicht auf dem Feld steht. In der Regular Season bestand die Lösung zumeist aus starkem Ball Movement. In der Serie mit Philly ist dieses Ball Movement ebenfalls zu erkennen, es wirkt allerdings wenig zielstrebig und zu viele offene Würfe werden abgegeben. Diese Kritik muss sich insbesondere an die Starter Lowry und Gasol richten, die in diesen Lineups oftmals auf dem Feld stehen. Nurse versucht, diesen Umstand auszugleichen, indem er oftmals beide Point Guards Lowry und VanVleet gemeinsam aufs Feld schickt. Diese Taktik ist allerdings nicht von Erfolg gekrönt, das genaue Gegenteil ist tatsächlich der Fall: In 49 Minuten, in denen Lowry und VanVleet gemeinsam auf dem Feld stehen, erreicht Toronto ein extrem schlechtes Offensivrating von 76.0. In Game 4 verzichtete Nurse daher auch darauf, die beiden gemeinsam einzusetzen und versuchte es stattdessen mit einem Lineup mit Powell und McCaw. Diese Experiment scheiterte jedoch ebenfalls und wurde schnell wieder beendet. In Game 5 nutzte Nurse das Lineup mit beiden kleinen Guards zu Beginn des zweiten Viertels wieder, dieses Mal allerdings in Kombination mit den beiden Bigs Gasol und Ibaka. Mit diesem Lineup spielte Toronto in Spiel 5 über 5 Minuten und es konnte einen positiven Einfluss erreichen, obwohl Kawhi zu diesem Zeitpunkt auf der Bank saß.

Generell schickt der Head Coach der Raptors seit Game 4 verstärkt Lineups mit beiden Big Men auf das Feld. Eine Taktik, die von Nurse in der Regular Season vermieden wurde, da sie dem Team ein zu geringes Spacing bietet und zu oft nicht von Erfolg gekrönt war. In Game 4 wurden die Raptors aufgrund der Verletzung Paskal Siakams und dem Mangel an Alternativen auf dem Flügel allerdings quasi zu etwas gezwungen, das sich als Glücksfall erweisen sollte. Gasol und Ibaka standen in den beiden vergangenen Spielen 37 Minuten gemeinsam auf dem Feld. Lineups, die beide Spieler enthalten, weisen währenddessen ein Netrating von +16.6 Punkte pro 100 Possessions auf. Damit tragen sie einen großen Teil dazu bei, das die Raptors die Serie nach einem Rückstand drehen konnten. Mit zwei guten Shotblockern auf den Feld ist Toronto in der Lage defensiv die eigene Zone zu kontrollieren und lassen dort eine deutlich schlechtere Quote zu. Aufgrund von Szenen wie der Folgenden erzielen die Sixers in den letzten beiden Spiele im Schnitt nur 33 Punkte in der Zone, in den drei Spielen zuvor waren es noch 43 Punkte pro Spiel:

Im Gegenzug weist das Lineup mit zwei Big Men auf dem Feld allerdings auch entscheidende, defensiven Schwächen auf, da keiner der beiden Spieler in der Lage ist am Perimeter zu verteidigen. Dieser Nachteil ist gegen die Sixers nicht so eklatant wie gegen andere potenzielle Gegner, da sie oftmals in Person von Simmons und Embiid mit zwei Offensivspielern spielen, die keine guten Dreierschützen sind. Aber auch die Sixers konnten sich gegen diese Lineups offene Eckendreier zu erspielen, nutzten diese aber zumeist in Form von Tobias Harris nicht.

Ob und inwiefern sich dieser negative Lauf der Sixers bei offenen Dreiern bestätigt, bleibt abzuwarten. Was die Umstellung der Rotation auf jeden Fall bewirkt hat, ist eine deutliche Steigerung für Ibakas Selbstbewusstsein. In den letzten beiden Spielen spielt er im Schnitt 27 Minuten und damit deutlich mehr als in den Playoff Spielen zuvor. Dabei legt er ein True Shooting von 54.1% auf. Dieser Effekt hält auch dann noch an, wenn Ibaka mit den vier anderen Startern als einziger Big auf dem Feld steht. Das ist mit 17 gespielten Minuten das am zweithäufigsten genutzte Lineup der Raptors. Bedingt durch seinen Einsatz hauptsächlich beim Blowout in Spiel 5 weist dieses Lineup ein hoch positives Netrating von +58.7 auf. Ibaka spielt hierbei oftmals die Rolle als Screener im Pick&Pop und trifft in den letzten Spielen seinen Midrange-Jumper deutlich verlässlicher.

Fazit

Insbesondere in den ersten Spielen stellte die Bank der Raptors eine enorme Schwachstelle dar. Ausgedünnt durch Verletzungen und Trades für besseres High-End-Talent bieten sich Coach Nick Nurse nur wenige personelle Alternativen, wenn seine etablierten Bankspieler Probleme haben. Durch die deutliche Steigerung Serge Ibakas in den letzten Spielen waren die Raptors und Nurse allerdings in der Lage, mit verschiedenen taktischen Variationen diesen Umstand weitestgehend zu kaschieren. Nurse vollzog dabei in den letzten Spielen die richtigen Anpassungen, teilweise auch gezwungen durch Verletzungen. Brett Brown zeigt sich hier im Duell der Coaches deutlich flexibler und generiert immer wieder neue Aufgaben für den Gegner, indem er seine Bankspieler in unterschiedlichen Situationen integriert. Vor allem in zukünftigen Runden gegen tiefere Teams, die mit viel Spacing agieren wie die Bucks oder die Rockets, scheint ein Lineup mit zwei Big Men eher nicht die Lösung.  Aber um diesen Punkt zu erreichen, muss Toronto erstmal die aktuell vor ihnen liegende Aufgabe überstehen.

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