Golden State Warriors, Playoffs 2019

Steph Curry – ein Playoff-Versager?

Currys Leistungen in den Playoffs am Beispiel von Spiel 4

Dass Kevin Durant der beste Spieler dieser Playoffs ist, werden wohl die wenigsten ernsthaft bestreiten. Aber was ist eigentlich mit dem Mann, den Durant gerade mit seinen Leistungen zum Sidekick degradiert? Steph Curry kann dieses Jahr zum X-Faktor der Warriors werden. Gründe dafür gibt es genug, vor allem aber einen: die schwache Bank der Warriors. So wenig Impact wie die Bank- und Rollenspieler des Champions dieses Jahr liefern, kommt es in besonderem Maße auf die Stars an. Und dass einzelne, herausragende Spieler ausreichen, um Playoffserien zu entscheiden, sieht man momentan unter anderem in Portland und Toronto. Wie also sind die Leistungen Currys in diesen Playoffs einzuordnen, gerade in dieser umkämpften Serie gegen die Rockets? Wagen wir einen Blick vor allem auf Spiel 4 in der vergangenen Nacht.

Curry im Pick-and-Roll

Auffällig war dabei zu Beginn der Partie vor allem eines: Die Warriors versuchten, Curry öfter mit dem Ball in der Hand in aussichtsreiche Driving-Positionen zu bringen. Hier etwa stellt Draymond Green gleich in Semi-Transition einen Screen für Curry, dies provoziert einen Switch auf Harden und resultiert schließlich in einem Layup für Curry.

Überhaupt war Curry zu Beginn sehr aggressiv. Insgesamt traf er starke 5/6 FG direkt am Ring, nach dem 1. Viertel stand er bei 3/3 FG.

Hier sieht man ein weiteres Mal, wie Curry aus der Transition ins Pick-and-Roll geht. Dieses Mal erhält er einen Doppel-Screen von Iguodala und Green.

Der Clou dieses Plays ist jedoch ein anderer: Curry attackiert dieses Mal nicht den Korb, sondern passt den Ball zu Green und stellt danach direkt aus der Bewegung einen Down-Screen für Thompson.

Da Currys Mann nicht zum Hedge nach draußen kommt, resultiert daraus ein freier Thompson-Dreier, der jedoch danebengeht – dennoch ein starker Abschluss. Plays wie diese sind vielleicht die stärkste Waffe, die die Warriors haben: ihre besten Schützen in Transition gegen eine unorganisierte Defense ins Spiel bringen.

Insgesamt habe ich 19 Possessions gezählt, in denen Curry als Ballhandler im Pick-and-Roll involviert war; aus diesen resultierten 18 Punkte, ein Wert knapp unter 1, was gerade noch akzeptabel ist. Überhaupt fällt auf, dass Curry in dieser Postseason noch Probleme hat, effizient als Pick-and-Roll-Ballhandler zu scoren: Der PPP Wert seiner eigenen Abschlüsse aus diesem Play ist von 1,02 (Regular Season) auf nur 0,87 (Playoffs) gefallen. Das entspricht dem Unterschied zwischen dem 92er und dem 50er Perzentil. Insofern ist es beachtlich, dass die Warriors ihn verstärkt ins Pick-and-Roll geschickt haben. Steve Kerr hat wohl erkannt, dass nur ein aggressiver Curry sein volles Potential ausschöpfen kann. Dennoch kehrte man in der Crunchtime wieder ein wenig davon ab: Nach 14 Pick-and-Roll-Possessions in Halbzeit 1, kamen in Halbzeit 2 nur noch 5 dazu.

Auffallend war dabei auch, wer die Screens für Curry stellt. Nur 2 Mal im gesamten Spiel stellte Durant einen Screen für Curry, beide Male im 2. Viertel. Den Rest besorgten Draymond Green, Andre Iguodala, Kevon Looney oder Shaun Livingston.

Die Strategie der Warriors, Curry mehr Pick-and-Roll laufen zu lassen, entsprang aber nicht dem Zufall, sondern beruhte auf der Tatsache, dass Curry gerade in seiner Paradedisziplin, dem Spiel abseits des Balles, Probleme hat. In den kompletten Playoffs erzielt Curry aus Spot-up-Situationen nur 0,65 PPP! Gegen die Rockets lässt ihn zudem der sonst so verlässliche Distanzwurf im Stich und fällt nur mit 26%. Zwei Dinge machen es Curry in der Serie gegen die Rockets dabei schwer: Physis & Switches.

Currys Probleme Off-Ball

Exemplarisch dafür steht diese Possession.

Curry stellt hier gleich zwei aufeinanderfolgende Screens: Erst einen Down-Screen für Thompson, dann einen weiteren an der Baseline für Iguodala.

Beide werden geswitcht, der jeweilige Rockets-Verteidiger klebt förmlich an Curry. Was hier klar ersichtlich fehlt, ist aggressives Freilaufen, Sprints und Richtungswechsel, um sich dennoch Wurfpositionen zu erarbeiten – mit dieser Art der Defense hatte Curry schon in vergangenen Finals gegen die Cavs Probleme. Im Endeffekt versuchen die Rockets so, Curry aus dem Spiel zu nehmen und andere – schlechtere – Spieler zu Playmakern zu machen. Das geht in dieser Possession perfekt auf: Klay Thompson nimmt am Ende einen Midrange-Jumper, auf den Kobe Bryant stolz gewesen wäre, und übersieht, dass Curry am Ende tatsächlich völlig frei auf dem Flügel steht.

Vielleicht fehlt Curry am Ende einfach die Physis, um in diesen Playoffs noch dominanter aufzutreten. Denn die Rockets attackieren ihn auch am anderen Ende des Feldes beinahe unaufhörlich. Currys Defense ist dabei weniger das Problem, als vielmehr eine Kraftfrage: Gerade zu Beginn des Spiels verteidigte er engagiert, neigte jedoch auch immer wieder zu dummen Reach-Ins, die ihn potenziell in Foultrouble bringen und seine Spielzeit beschneiden könnten. In Spiel 4 kassierte er insgesamt nur 3 Fouls, alle in Halbzeit 1, wobei er bei seinen Stealversuchen jedoch öfter mit einem blauen Auge davon kam.

“Gravity”-Gott

In besagten Possessions wirkte Curry abseits des Balles für seine Verhältnisse seltsam teilnahmslos. Trotzdem hat er einen unglaublich positiven Einfluss auf die Offensive der Warriors. Das Stichwort lautet hier „Gravity.“ In jeder Partie, auch in Spiel 4, lassen sich unheimlich viele Beispiele dafür finden, wie die Warriors ausnutzen, dass Currys Mann kaum einmal weghilft oder rotiert. Das Klassiker-Play schlechthin dürfte dabei der Lowpost-Split sein.

Green hat den Ball im Lowpost, Iguodala stellt einen Screen auf Curry und cuttet danach, da dessen Mann nicht reagiert, zum Korb – zwei einfache Punkte.

Ein anderes Play, das dank Currys Wurffähigkeiten kaum zu verteidigen ist, sehen wir hier. Curry stellt einen Screen für Durant, der um diesen herum zum Korb schneidet. Parallel dazu stellt Kevon Looney einen Down-Screen für Curry, der nach seinem eigenen Screen direkt hoch hinter die Dreierlinie laufen kann.

Ganz deutlich sieht man, wie eng Austin Rivers Curry verteidigt. Das stellt die Rockets vor Probleme: Hilft Currys Verteidiger nicht aus, hat Durant einfache Punkte; bumpt er Durant, kommt er nicht rechtzeitig mehr hinter Curry her. Die einzige „Lösung“ für dieses Problem wäre, beide Screens zu switchen, was erstens eine nahezu perfekte Abstimmung und Kommunikation erfordert und zweitens Mismatches produziert: In diesem Fall Durant gegen Rivers und Curry gegen Tucker. Bezeichnenderweise lassen die Rockets trotzdem lieber Durant zum Korb schneiden, als Curry den Dreier zu geben. Mehrere Male kam Durant in Spiel 4 aus diesem Play zu einfachen Punkten oder Freiwürfen. Currys Einfluss darauf wird nirgendwo vermerkt, außer im +/-.

Überhaupt wird Curry im großen Stil als Blocksteller eingesetzt – unter anderem On-Ball bei Kevin Durant. Hier kommt Curry erst um einen Off-Ball-Screen und stellt danach einen Block für Durant. Es zeigt sich das gleiche Spiel: Currys Verteidiger will nicht hedgen, Durant geht zum Korb – And-One.

Das Go-to-Play der Warriors in der Serie gegen die Rockets ist also tatsächlich das Curry-Durant-Pick-and-Roll – nur eben genau andersherum, als manch einer das gedacht hätte…

Fazit

Was machen wir also aus Currys jüngsten Auftritten? Vermutlich am besten das, was in Twitter-Zeiten viel zu selten passiert: eine abwägende Mittelposition einnehmen. Weder versagt Curry gerade in dieser Serie, noch dominiert er. Curry hilft seinem Team durch seine Gravity, sein Scoring und sein Passing, dennoch könnte er vermutlich noch mehr leisten, wenn er sein spielerisches Potenzial ausschöpft. Blickt man nur auf die Zahlen, spielt Steph Curry weder katastrophale Playoffs, noch eine unterirdische Serie gegen die Houston Rockets, noch ist er ein notorischer Playoff-Versager, zu dem ihn manche Internetuser gerne degradieren möchten. In diesen Playoffs legt er 23 PPG & 5 APG bei einem 118er Ortg auf, gegen die Rockets sind es 21 PPG & 5 APG bei einem 116er Ortg – natürlich sind wir von Curry etwas bessere Zahlen gewohnt, sein Wert für das Warriors-Spiel lässt sich aber eben nicht (nur) an Zahlen ablesen. Und hinsichtlich des Narratives, dass Curry in den Playoffs regelmäßig nicht abliefere, gibt es eigentlich keine bessere Antwort als dieser Tweet:

 

Spiel 4 war mit 30 Punkten und 8 Assists ein Schritt in die richtige Richtung für Curry. Dass er das trotz der oben beschriebenen Probleme und wackligem Wurf (4/14 3FG) schaffte, sollte alle Warriors- und Curryfans da draußen beruhigen.

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11 comments

  1. Mabusian

    Schöner Artikel so schnell nach Game 4 mit einem sehr provokanten Titel. Die Bilder sind auch toll, man kann die Punkte sehr gut erkennen. Aber eine Frage zu dem ersten Satz. Ist Durant wirklich der beste Spieler der Playoffs für euch oder sollte da der beste Spieler der Warriors stehen. Ich würde den Titel bester Spieler der Playoffs glaube ich Giannis geben, auch wenn es garantiert noch einige gibt, die auch Harden in der Diskussion sehen.

  2. Jonathan Walker

    Aber eine Frage zu dem ersten Satz. Ist Durant wirklich der beste Spieler der Playoffs für euch oder sollte da der beste Spieler der Warriors stehen. Ich würde den Titel bester Spieler der Playoffs glaube ich Giannis geben, auch wenn es garantiert noch einige gibt, die auch Harden in der Diskussion sehen.

    Kawhi? :idee:

  3. Mabusian

    Kawhi? :idee:

    Jokic oder Lillard könnte man ggf. auch noch einwerfen. Aber das bestätigt nur meine These.

  4. Coach K

    Aber eine Frage zu dem ersten Satz. Ist Durant wirklich der beste Spieler der Playoffs für euch oder sollte da der beste Spieler der Warriors stehen. Ich würde den Titel bester Spieler der Playoffs glaube ich Giannis geben, auch wenn es garantiert noch einige gibt, die auch Harden in der Diskussion sehen.

    Kawhi? :idee:

    An Kawhi musste ich auch denken, dieser spielt verdammt starke Playoffs. Ein mögliches aufeinander treffen von Giannis und Kawhi wäre super Spannend.

  5. Simon

    Schöner Artikel! Auch wenn ich den ersten Satz so auch nicht unbedingt unterschreiben würde :D

    Weiß man denn, ob Curry z.B. in Spiel 3 nicht richtig gesund war? Das Spiel war der Tiefpunkt, oder? Defensiv hat er da teilweise die Arbeit verweigert und vorne nicht nur den Dreier nicht getroffen, sondern so viele offene Layups verlegt (inkl. des Dunks am Ende), dass es für mich so aussah, als müsste da ein körperliches Problem dahinter stecken..

  6. Dennis Spillmann

    Der Artikel ist nicht gut gealtert 😂

    Was vom Fazit würdest du nicht unterschreiben wollen?

  7. Mabusian

    Der Artikel ist nicht gut gealtert 😂

    Was vom Fazit würdest du nicht unterschreiben wollen?

    Die Überschrift. Der Artikel ist sehr gut und wird auch durch die Ereignisse bestätigt, aber wenn jemand euch nicht kennt und liest Curry, Playoff-Versager?, lacht er sich innerlich eins.

  8. Dennis Spillmann

    Die Überschrift. Der Artikel ist sehr gut und wird auch durch die Ereignisse bestätigt, aber wenn jemand euch nicht kennt und liest Curry, Playoff-Versager?, lacht er sich innerlich eins.

    Da steht doch ein Fragezeichen, kein Ausrufezeichen oder ein Aussagesatz. Ich verstehe das Problem immer noch nicht.

    Die Frage soll das Interesse wecken, den Artikel zu lesen. Das ist doch absolut legitim, nachdem es durch die Medien ging.

  9. Mabusian

    Da steht doch ein Fragezeichen, kein Ausrufezeichen oder ein Aussagesatz. Ich verstehe das Problem immer noch nicht.

    Die Frage soll das Interesse wecken, den Artikel zu lesen. Das ist doch absolut legitim, nachdem es durch die Medien ging.

    Ich hatte doch extra ein Smiley dahinter geschrieben. Das sollte keine Kritik an dem Artikel sein, aber wir sind uns doch einig, dass keiner nach Spiel 6 einen Artikel mit dieser Überschrift schreiben würde, oder?


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