Playoffs 2019, Toronto Raptors

Kawhi Leonard – In der Form seines Lebens?

Wie haben sich Offense und Defense verändert?

Der Kampf um den Titel des „Most Valuable Players“ der Saison 2016/17 ist den meisten NBA-Fans als enges Rennen zwischen dem späteren MVP Russell Westbrook und dem MVP der darauffolgenden Saison James Harden in Erinnerung geblieben. Eher in Vergessenheit geraten ist Kawhi Leonard auf Platz 3 und Favorit einiger führender US-Sportjournalisten wie Zach Lowe und Kevin Arnovitz. Hauptgrund dafür dürfte sein, dass der damals noch in Diensten der San Antonio Spurs stehende Forward durch eine Quadrizeps-Verletzung dazu gezwungen war, beinahe die gesamte folgende Saison auszusetzen. Knapp zwei Jahre später dominiert der ehemalige Finals MVP und zweimalige „Defensive Player of the Year“ erneut die ersten Runden der NBA-Playoffs. Vorsichtige Rufe werden laut, Kawhi sei besser als je zuvor und in dieser Form vielleicht sogar der beste Spieler der gesamten Liga. Doch stimmt diese Aussage tatsächlich? Ist Kawhi besser als je zuvor?

Wie gut war Kawhi vor seiner Verletzung?

Um die eingangs definierte Frage beantworten zu können, müssen wir zuerst evaluieren, wie stark Kawhi tatsächlich vor seiner Verletzung war. Obwohl Leonard im Jahr zuvor Zweiter der MVP-Wahl hinter dem einstimmigen MVP Steph Curry und mit klaren Abstand DPoY wurde, war die deutlich beste Saison des Forwards vor seiner Verletzung ohne Zweifel die oben angesprochene Saison 2016/17. Wie in den Jahren zuvor besticht er dabei insbesondere durch eine enorm hohe Effizienz. Er legt ein True Shooting von 61% und ein Offensivrating von 121 auf. Diese Zahlen ähneln der Vorsaison, allerdings ist seine Usage um 5 Prozentpunkte auf 31.1% angestiegen, ohne dass die Effizienz seines Spiels auch nur im Geringsten leiden musste.

Umso beeindruckender ist es, dass Kawhi in den anschließenden Playoffs in der Lage war, seine Effizienz noch weiter zu steigern. In 12 Spielen gegen Memphis, Houston und die Golden State Warriors erreichte er im Schnitt er ein True Shooting von 67.2% und ein schier unfassbar hohes Offensivrating von 136.  Trotz des uneigennützigen Spielstils innerhalb des Spurs-Offensivsystem kreiert sich Kawhi vieler seiner Würfe selbst. Über die gesamte Saison 2016/17 sind lediglich 38.4% seiner 2-point Field Goals assisted, in den Playoffs sind es sogar nur 19.8%. Niemand zweifelt mehr daran, dass Kawhi mehr ist als ein Systemspieler. Einzige Ausnahme dessen ist der Dreier: Rund 80% aller seiner 3-point Field Goals in den Playoffs (RS: 78%) geht ein Assist eines Mitspielers voraus; zum Vergleich sind es für Kevin Durant in denselben Playoffs lediglich 63.2%.

All diese Zahlen können allerdings nur die Hälfte des Einflusses Kawhis auf das Spiel seines Teams beschreiben. Obwohl er in diesem Jahr „nur“ Dritter im DPoY-Voting hinter Draymond Green und Rudy Gobert wird, ist seine Defense nach wie vor auf einem absolut elitären Niveau und er somit vermutlich der beste Perimeter Verteidiger der gesamten NBA. Der individuelle Beitrag eines einzelnen Spielers zur defensiven Teamleistung ist oftmals schwer mithilfe von Statistiken zu messen. Betrachtet man jedoch einzelne Spiele der 2016/17 Saison kann man ein Schema erkennen, wie gegnerische Teams auf Kawhi als Verteidiger reagieren. Beispielhaft ein Spiel gegen die Chicago Bulls am 16.12.2016. Der zu diesem Zeitpunkt unangefochten beste Offensivspieler der Bulls ist Jimmy Butler und doch kann man innerhalb des Spiels eine widerkehrende Taktik erkennen, wie die Bulls mit der Bewachung Butlers durch Kawhi umgehen:

Man achte in diesem Video nicht auf den ballführenden Spieler Robin Lopez, sondern auf Jimmy Butler im hinteren Teil des Bildes. Mit Kawhi als direktem Gegenspieler bleibt er in der Ecke stehen und die Bulls versuchen nicht einmal, ihren besten Offenspieler in das Play einzubinden. Eine ähnliche Szene aus einem Spiel der Spurs gegen die Magic: Nachdem Evan Fournier in der ersten Hälfte Top Scorer der Magic war, wurde Kawhi auf ihn als Verteidiger angesetzt. Man achte in der nächsten Szene auf den unteren Bildrand:

Gegnerische Teams sind zufrieden damit, mit dem Rest ihres Lineups 4 gegen 4 zu spielen, solange das nur bedeutet, dass auch Kawhi aus dem Play eliminiert ist. Für sich allein betrachtet, sind diese Ausschnitte einzelner Spiels natürlich bedeutungslos. Betrachtet man allerdings den Kontext, dass mehrere gegnerische Trainer offensichtlich bereit sind, in ihrem offensiven Gameplan auf ihren besten Spieler zu verzichten, nur um einer Einmischung Kawhis in Passwege oder Plays zu entgehen, sagt es mehr über seine individuelle Verteidigung und deren Einfluss auf das Spiel aus, als Zahlen je könnten.

Was macht Kawhi in dieser Saison so stark?

Zwei Jahre, eine schwere Verletzung und einen Trade nach diesen Szenen spielt Kawhi seit Anfang der Saison im Trikot der Toronto Raptors. Geschadet scheint ihm keines dieser Vorkommnisse zu haben. Tatsächlich weist die abgelaufene Saison beinahe erstaunlich viele Parallelen zu der Saison 16/17 auf: Er ist weiterhin trotz hoher Usage von 30.3% extrem effizient mit einem Offensivrating von 119 und einem True Shooting von 60.6%, alle diese Werte sind nur marginal schlechter als 16/17.

Auffällig ist dabei, dass die Anzahl seiner assistierten 2-Point Field Goals sogar noch stark zurückgegangen ist auf 28.3%. Kawhi kreiert zumeist seine Würfe aus der Isolation oder als Pick&Roll Ballhandler selbst und ist dabei enorm effizient mit 1.05, bzw. 1.01 Points per Possession. Wird Kawhi dabei gedoppelt, ist er in der Lage, seine Mitspieler zu einzusetzen:

Diese Situation geschieht allerdings nur relativ selten und Kawhi ist kein natürlicher Playmaker, daher ist seine Assist Percentage mit 16.4% vergleichsweise niedrig. Dafür verursacht er auch nur extrem wenige Turnover (Turnover Percentage von 8.4%); auch diese Werte sind nahezu identisch mit 16/17. Kawhi ist fast immer in der Lage, an seine Sweet Spots auf dem Feld zu gelangen und von dort aus abzuschließen. Notfalls kann er dank seiner enormen Athletik Gegenspieler überpowern und hat zugleich das Körpergefühl trotz Kontakt oder Off-Balance zu finishen.

Eine neue Facette seines Spiels ist es, dass Kawhi auch von hinter der Dreierlinie in der Lage ist, für sich selbst Würfe aus dem Dribbling zu generieren. Diese Pull-Up-Dreier erhöhen die Variabilität seines Offensivspiels drastisch und machen es für Gegner noch schwieriger, passende defensive Matchups für ihn zu finden. Dementsprechend ist der Anteil seiner assistierten Dreier von 78.2% in 16/17 auf 67.0% gesunken.

Welche Rolle spielt Kawhi in diesen Playoffs?

Kawhi ist der einzige Superstar der Liga der regelmäßig seine Effizienz in den Playoffs noch weiter steigern kann:

Und so auch in diesem Jahr. Sein True Shooting von 69.6% ist 9 Prozentpunkte besser als sein Regular Season-Schnitt und der zweitbeste Wert aller Spieler in diesen Playoffs hinter Montrezl Harrell. Ein Faktor, warum Kawhi das gelingt, ist sicherlich auch, dass er ausgeruhter ist als die meisten Superstars der Liga. Aufgrund von „Load Management“ spielt Kawhi in der abgelaufenen Regular Season nur 2040 Minuten in 60 Spielen. Andere Superstars, wie beispielsweise James Harden (2867 Minuten in 78 Spielen), haben eine deutliche höhere Belastung und damit einhergehende Erschöpfung. Kawhi hingegen geht ausgeruht und topfit in die Playoffs und das merkt man. Er legt 31.5 Punkte pro 36 Minuten bei einem extrem hohen Offensivrating von 128 auf. Zudem nimmt er mit 6.2 Versuchen mehr Dreier pro 36 Minuten als in der Regular Season (5.3) und trifft sie gleichzeitig mit einer deutlich höheren Quote von 46.5% (RS: 37.1%). Nur 60% dieser Dreier geht ein Assist voraus. Aufgrund dieser enormen offensiven Leistung haben seine Gegenspieler verstärkt begonnen, Kawhi zu doppeln, um den Ball aus seinen Händen zu nehmen. Ob er in solchen Fällen in der Lage ist, seine freien Mitspieler effizient einzusetzen, wird eine zentrale Frage, die darüber entscheidet, wie weit der Playoff Run der Raptors in diesem Jahr gehen kann.

Die offensive Leistung Kawhis wird umso beeindruckender, bedenkt man, dass die gegnerischen Teams Orlando und Philly in Form von Aaron Gordon und Ben Simmons eigentlich Spieler haben, die die ideale Skillset-Mischung aus Größe, Athletik und Schnelligkeit mitbringen, die man sich als Verteidiger für Kawhi wünscht. Im Eins gegen Eins stoppen konnte ihn jedoch keiner der beiden bisher, wobei Ben Simmons dazu noch einige Gelegenheiten während der laufenden Serie gegen die Sixers erhalten dürfte. Simmons ist auch Kawhis primäres Matchup auf der anderen Seite des Feldes. Der zweimalige DPoY verteidigt den amtierenden „Rookie of the Year“ in ca. 50% aller seiner defensiven Possessions. Ist Simmons nicht der Ballhandler, verbringt er die meiste Zeit im sogenannten Dunkerspot, den wohl viele Basketball-Fans auch nur dank ihm überhaupt kennen. Verteidigt Kawhi ihn dort, entsteht ein recht ähnlicher Effekt wie in den oben dargestellten Szenen von 2016: Simmons beteiligt sich nicht wirklich am offensiven Geschehen und Kawhi ist daher auch nicht in der Lage, Einfluss auf das Spielgeschehen zu nehmen:

Einen wichtigen Unterschied gibt es jedoch: Der Dunkerspot ist deutlich näher am Spielgeschehen als die Ecken, in denen Gegner Kawhi für gewöhnlich versteckt haben. Er sollte daher in der Lage sein, bei Drives von Simmons wegzuhelfen und den Wurf des Gegner zu erschweren wie in folgender Szene:

Dies gelingt ihm allerdings noch viel zu selten. Im Generellen wirkt er weniger aktiv als in vergangenen Zeiten und nimmt weniger defensiven Einfluss. Dementsprechend sind sowohl Block- als auch Steal-Percentage deutlich gesunken im Vergleich zu den Playoffs 16/17. Insbesondere wenn er on-ball Gegenspieler verteidigt, scheint er nicht in der Lage zu sein, seinen Gegenspieler ähnlich effizient zu verteidigen wie in der Vergangenheit:

Dieser Effekt lässt sich in Teilen mit der größeren Rolle und der damit einhergehenden Belastung am offensiven Ende erklären. Und natürlich ist Kawhi trotzdem noch ein sehr guter Verteidiger, der in der Lage ist, mit guten defensiven Plays regelmäßig das Spielgeschehen zu beeinflussen:

Ist das also der beste Kawhi aller Zeiten?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht so leicht wie sie zuerst scheint. Bedenkt man die einjährige Verletzungspause ist allein diese Aussage allerdings schon ein sehr positives Zeichen für Kawhi. Offensiv ist er in der Kreation für sich selbst besser als je zuvor. Dementsprechend erhält er auch mehr Verantwortung, dies zu tun. Wie viele Two-Way Superstars vor ihm steht er nun vor der Frage, inwiefern er in der Lage ist, diese zusätzliche Last zu tragen und gleichzeitig sein defensives Niveau aufrecht zu erhalten. Beispiele der Vergangenheit wie LeBron oder Kevin Durant zeigen, dass die Wahl für gewöhnlich darauf fällt, die Defensive nur noch in den entscheidenden Phasen auf das absolut höchste Niveau zu heben. Für Kawhi bedeutet das, dass es gut möglich ist, dass er nie wieder ein ernstzunehmender Anwärter auf den DPoY-Award wird. Allerdings besitzt er diese Auszeichnung ja auch bereits.

Will Kawhi den nächsten Schritt Richtung des besten Spielers der Liga machen, muss er sich insbesondere in der Kreation für andere verbessern. Fraglich ist aktuell, ob Kawhi auch in Zukunft derartig viele Spiele in der Regular Season aussetzen wird oder ob das ein einmaliges Vorkommnis war, weil er sich er vor seiner anstehenden Free Agency auf keinen Fall verletzen wollte. Ist er in den Playoffs dafür immer in der Lage, sich derart zu steigen wie in diesem Jahr, könnte das für sein zukünftiges Team aber eventuell auch nur ein geringes Problem darstellen.

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