Los Angeles Clippers, Playoffs 2019

Lou Williams – Ein Regular Season Spieler?

In der vergangenen Offseason prägte Draymond Green im Rahmen des Draftprozesses den Begriff des „16-game players“ im Vergleich zu einem „82-game player“ bei der Frage darauf, welche Art Spieler sein Team draften sollte. Was der Star der Golden State Warriors damit treffend beschrieben hat, ist der Unterschied zwischen Spielern, deren Skillset besser in der Regular Season zur Entfaltung kommt, und anderen, die ihr volles Potenzial erst in dem etwas anderen Spielstil der Playoffs zeigen können.  Eine extreme Form dieser Unterscheidung sind Spieler, die in der Regular Season gute bis sehr gute Leistungen zeigen, in den Playoffs aufgrund bestimmter Schwächen aber nahezu unspielbar sind oder zumindest deutlich schlechter spielen. Solche Spieler bezeichnet die Basketball Community im Allgemeinen als „Regular Season Spieler“. Ein Spieler, der von vielen Fans als Regular Season Spieler betrachtet wird, ist Lou Williams. Der designierte „Sixth Man of the Year“ wird oftmals so bezeichnet, weil er in der Vergangenheit mit den Rockets, Raptors und den Hawks einige enttäuschende Postseason-Serien hatte. Doch seit dem letzten der oben genannte Auftritte mit den Rockets sind bereits zwei Jahre vergangen. Das Spiel, viele Regeln und Williams selbst haben sich seitdem verändert – Zeit, die Frage von Williams Postseason-Tauglichkeit neu zu überprüfen.

Woher kommt Lou Williams’ Ruf als Regular Season Spieler?

Wie viele Vorurteile über Spieler in der NBA lässt sich auch Lou Williams Ruf zu großen Teilen auf eine einzelne Playoff Serien zurückverfolgen. In der erste Runde der Playoffs der 2014/15 Season tritt das Toronto Raptors Team um Kyle Lowry, DeMar DeRozan und 6th Man Lou Williams als 4. Seed gegen das junge Team der Washington Wizards um John Wall und Bradley Beal an. Toronto wird mit 4:0 gesweept und scheidet chancenlos aus den Playoffs aus. Williams spielt von der Bank kommend 25 Minuten pro Spiel und erzielt im Schnitt 18 Punkte (pro 36 Minuten) bei einem weit unterdurchschnittlichen True Shooting von 43.3%. Vor dieser Serie lag eine Saison, in der Williams bei nahezu identischer Minutenanzahl 22 Punkte pro 36 Minuten bei einem effizienten True Shooting von 56.4% auflegte und seinen ersten Award als „Sixth Man of the Year“ gewann. Die große Differenz zwischen Regular Season und Playoffs dieser Statistiken ließ Kritiker daran zweifeln, wie gut Williams sein Skillset in die Playoffs übertragen kann. Dass auch alle Starter der Raptors in der Serie mehr oder weniger enttäuschten, vergisst man dabei leicht.

Betrachtet man allerdings Lou Williams’ gesamtes Playoff Resümee vor der aktuellen Postseason widerspricht dies auch nur sehr bedingt dieser Annahme. Keins seiner 52 Playoff Spiele ist der Combo Guard gestartet. Er erzielt im Durchschnitt 16 Punkte pro 36 Minuten bei einem unterdurchschnittlichen True Shooting von 48.2%. Seine Assist percentage ist mit 16.0% ebenso bestenfalls durchschnittlich wie seine Turnover percentage von 10.4%. Seine Dreierquote ist mit 25.5% bei 4.8 Versuchen pro 36 Minuten katastrophal. Vergleicht man diese Statistiken mit den dazugehörigen Werten aus allen Regular Seasons vor dem letzten Playoff Auftritt Williams mit den Houston Rockets im Jahr 2016 kann man einen deutlichen Abfall dieser Statistiken in den Playoffs erkennen. In der Regular Season punktet Williams im Schnitt 20 Mal pro 36 Minuten bei einem effizienten True Shooting von 55.5%. Das ergibt einen Unterschied von 4 Punkten bei 7.3% besserem True Shooting im Vergleich zu den Playoffs. Die Assists percentage steigt um 4.5% auf überdurchschnittliche 20.5% bei nur einer nur leicht gestiegener Turnover percentage von 11.4%. Die Dreierquote ist mit 34,5% bei ca. 5.6 Versuchen pro Spiel zumindest annehmbar.  Seine Usage bleibt dabei interessanterweise mit ca. 25% nahezu konstant. Insbesondere auffällig ist zudem, dass die Anzahl an Freiwurfversuchen von 6.5 Versuchen pro 36 Minuten in den Playoffs auf 4.0 sinkt.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer für alle Lou-Fans schien die oben angedeutete Postseason mit den Houston Rockets zu sein. Als zweite Option neben James Harden sinkt zwar seine Assist percentage auf 8.8%, aber er legt effiziente 18.3 Punkte pro 36 Minuten bei einem True Shooting von 52.8% auf und ist damit eine wichtige Entlastung in der Offensive für Harden. Insbesondere in der ersten Runde gegen OKC spielt Williams überragend und sein Team weist mit ihm auf dem Feld ein um 36.1 Punkte besseres Netrating auf als mit ihm auf der Bank. In der zweiten Runde gegen die San Antonio Spurs zeigen sich allerdings wieder Williams Schwächen. Nach einem starken ersten Spiel der Serie legt er in den anschließenden 5 Spielen ein True Shooting von 30.5% auf und trifft nur 1 von 13 Dreiern. Zudem wird er von den Spurs defensiv attackiert, wann immer er auf dem Feld steht. Houston verliert die Serie enttäuschend mit 2:4. In der anschließenden Offseason wird Williams nur 6 Monate nach seinem Trade von den Lakers zu den Rockets gemeinsam mit Patrick Beverley, Montrezl Harrell und einigen anderen Spielern im Austausch gegen Chris Paul zurück nach LA gesendet, dieses Mal allerdings zu den Clippers. Ein Trade, der sich für Lou Williams als Glücksfall erweisen sollte…

Was hat sich für Lou Williams bei den Clippers verändert?

Williams kam zu den Clippers in den Zeiten eines rapiden Umbruchs. Wurde der erste Spieler der „Big Three“ der „Lob City“ Ära, bestehend aus Chris Paul, Blake Griffin und DeAndre Jordan, im direkten Gegenzug für Williams getradet, wurde der zweite in Form von Blake Griffin zur Trade Deadline nach Detroit verschifft. Auch um Williams gab es im Rahmen der Trade Deadline viele Tradegerüchte, am Ende durfte er allerdings bleiben und etablierte sich nach dem Abgang Griffins als treibende Kraft der Clippers Offensive. Aufgrund seiner defensiven Limitationen kommt Williams auch in LA zumeist nur von der Bank. Die Clippers verpassen im Folgenden nur knapp einen Playoff-Platz und Williams gewinnt seinen zweiten „Sixth Man of the Year“ Award. In der darauffolgenden Offseason verlässt auch der letzte der „Big Three“ DeAndre Jordan den Verein, um sich den Dallas Mavericks anzuschließen.

Williams ist spätestens zu diesem Zeitpunkt endgültig der Leader eines jungen Teams, welches im Laufe des Tobias Harris Deals im Februar noch weiter verjüngt wird. Als die Clippers den erst ein Jahr zuvor im Griffin-Trade gekommen Forward im Grunde gegen Rookie Landry Shamet und einige Picks zu den 76ers traden, wird das von vielen Experten als Aufgabe aller Playoff Ambitionen des Teams gewertet. Doch angeführt von Williams können die Clippers einen starken Lauf nach dem Allstar Break starten und beenden die Saison am Ende mit 47 Siegen auf Platz 8 der Western Conference. Lou Williams gilt bei Experten und Buchmachern als großer Favorit auf die Verteidigung seines Awards als „Sixth Man of the Year“.

Der Guard erzielt von der Bank kommend starke 27.1 Punkte pro 36 Minuten bei einem True Shooting von 55.4% und verteilt 7.3 Assists (Career High) pro 36 Minuten. Das Netrating der Clippers steigt mit Williams auf dem Feld auf +4.4 im Vergleich zu -2.6, wenn er nicht spielt. Dabei bleibt das defensive Rating nahezu konstant, während sich das offensive Rating mit ihm um 7.1 Punkte pro 100 Possessions auf 112.6 verbessert. Ein Teil dieses Effekts rührt allerdings auch daher, dass Williams von der Bank kommend oftmals gegen schwächere gegnerische Lineups spielt, während die Bank der Clippers mit im Schnitt 61 Punkten pro Spiel die beste Bank der gesamten NBA stellt. Daran hat Williams als primärer Ballhandler dieser Lineups natürlich auch einen hohen Anteil. Insbesondere die Kombinationen mit Harrell, der gemeinsam mit Williams nach LA kam, sind hoch effektiv. Die Abstimmung zwischen beiden im Pick&Roll oder nach Handoffs ist beinahe perfekt. Dieses Zusammenspiel trägt einen großen Teil dazu bei, dass Williams mit 33% die höchste Assist percentage seiner Karriere erreicht.

 

Kann Williams dieses Jahr seine Regular Season Performance in die Playoffs übertragen?

Der belegte Platz 8 in der Western Conference bedeutet für die Clippers in Runde 1 der diesjährigen Playoffs das undankbare Matchup mit dem Meisterfavoriten, den Golden State Warriors. Für Lou Williams selbst bedeutet das, dass er sich zu fast jedem Zeitpunkt des Spiels einem der Eliteverteidiger Andre Iguodala (25.8 Possessions pro Spiel, 35% aller offensiven Possessions) oder Klay Thompson (17.0, 23%), in entscheidenden Phasen gelegentlich auch Kevin Durant (5.8, 8%) gegenübersieht.  Trotz dieser elitären Bewachung erhöht der designierte „Sixth Man of the Year“ seine Punkteausbeute im Vergleich zur Regular Season um 2.2 Punkte auf 29.3 Punkte pro 36 Minuten. Er erreicht dies bei einem effizienten True Shooting von 60.9% (+5.5 Prozentpunkte im Vergleich zur RS). Die Hauptfaktoren dafür sind zum einen eine erhöhte Dreierquote (40.0%, Playoff Career High, +3.1 Prozentpunkte zur RS) und vor allem, dass Williams die Anzahl an gezogenen Freiwürfen von 8.8 Versuchen pro 36 Minuten in der Regular Season sogar noch steigern konnte auf 9.4 Versuche in den Playoffs. Diese Freiwürfe sind ein integraler Bestandteil von Williams effizientem Offensivspiel, er trifft sie in über 82% seiner Versuche in den Playoffs. Hilfreich ist hier vermutlich, dass die Schiedsrichter ihre strenge Linie der Regular Season weiterhin konstant halten und viele Fouls pfeifen. In vergangenen Playoffs war dies oftmals nicht der Fall und Spieler wie Williams, die davon abhängig sind an die Freiwurflinie zu kommen, wurden davon am stärksten eingeschränkt.

Diese enorme Offensivleistung wird von den Clippers in der Serie allerdings auch dringend benötigt. Er ist nicht nur der primäre Ballhandler jedes Lineups, in dem er spielt und hat mit 31.9% die höchste Usage des gesamten Teams. Er ist auch die einzige wirklich verlässliche Offensivoption, die effiziente Würfe für sich selbst oder andere kreieren kann. Davon profitieren vor allem seine Mitspieler, die gemeinsam mit Williams auf dem Feld stehen. Mit 46.6% weist Williams die zweithöchste Assist percentage unter allen NBA-Spielern auf, die in diesen Playoffs mindestens 30 Minuten gespielt haben. Diese 46.6% sind 13 Prozentpunkte höher als sein Career High aus der Regular Season. Die Turnover percentage bleibt trotz der hohen Usage bei moderaten 13.0%. Da die Clippers ohne Lou auf dem Feld seine Shot Creation extrem vermissen, steht er auch im Closing Lineup seines Teams

Dies führt allerdings zu anderen Problemen. So gut und effizient Lou Williams inzwischen am offensiven Ende des Feldes ist, so schwach ist er immer noch am defensiven Ende. Aufgrund seiner enormen körperlichen Defiziten und seinem Mangel an defensiven Instinkten ist es für Williams nahezu unmöglich, einen fähigen Gegenspieler im Eins-gegen-Eins vor sich zu halten. Die Clippers versuchen daher zumeist, ihn als Matchup eines der ungefährlicheren Offensivspieler der Warriors zu verstecken. Er verbringt daher die meiste Zeit in der Defensive damit, Iguodala, Thompson oder Quinn Cook zu bewachen. Die Warriors dagegen versuchen stetig, das Matchup mit einem ihrer besten Ballhandler gegen Williams zu erzwingen. Insbesondere gegen Ende eines knappen Spiels laufen sie viele small-small Pick&Rolls mit Lou Williams Gegenspieler, erzwingen so Switches von Williams gegen zumeist Curry, welcher einfach an Williams vorbeiziehen kann und sich damit hochprozentige Layups generiert.

Diese Strategie ist extrem effektiv, da die Clippers zudem über keinen wirklich guten Rim Protector verfügen. Ohne Williams auf dem Feld gleicht das Team diesen Mangel zumeist mit einer Switching-Defense aus, welche auch phasenweise sehr gut funktioniert. Mit Williams auf dem Feld ist es allerdings unmöglich, ein solches System zu implementieren, da er ein zu drastisches Mismatch darstellt. Daher sinkt das defensive Rating der Clippers mit Williams auf dem Feld von 107.1 um 16.7 Punkte auf extrem schlechte 123.8 Punkte pro 100 Possessions.

Fazit

Lou Williams ist ein integraler Bestandteil dessen, was die Clippers in den letzten zwei Jahren in einem drastischen Umbruch aufgebaut haben. Als Anführer einer perfekt funktionierenden Second Unit nimmt er eine zentrale Rolle ein bei allem, was die Clippers in den nächsten Jahren noch erreichen wollen. Diese extrem gut eingespielte Second Unit sowie Anpassungen an seinem Spiel und bis zu einem gewissen Grad Regeländerungen haben es dem amtierenden und designierten „Sixth Man of the Year“ ermöglicht seine starke Regular-Season-Performance in die Playoffs zu übertragen. Im Gegensatz zu vergangen Jahren konnte er sich in der Postseason sogar in vielen Kategorien, insbesondere in der Creation für andere, sogar noch verbessern im Vergleich zur Regular Season. Defensiv bleibt er allerdings eine extreme Schwachstelle und wird als solche auch in zukünftigen Playoffs immer stark ausgenutzt werden. Ob das jedes gegnerische Team so gut vollziehen kann wie die historisch gute Offensive der Warriors bleibt jedoch abzuwarten. Den Ruf als „Regular Season Spieler“ hat Lou Williams in diesem Jahr abgelegt, aber sollten die Clippers in naher Zukunft größere Ziele als ein Ausscheiden in der ersten Playoffrunde verfolgen, muss er in seiner Rolle als erste und teilweise einzige Option in der Offensive dringend entlastet werden. Eventuell kann dabei die Akquisition eines Free Agents helfen, der aktuell im hohen Norden beweist, dass für ihn diese Rolle wie auf dem Leib geschneidert ist.

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