Playoffs 2019, San Antonio Spurs

Der Aufstieg des Derrick White

Vom Verlegenheitsstarter zum zweitwichtigsten Spur
Screenshot: NBA League Pass

Es sind noch 6:22 Minuten im vierten Viertel zu spielen, als der Sophomore Guard der San Antonio Spurs Derrick White von seinem Trainer auf die Bank beordert wird und anschließend in der Crunchtime nicht mehr zurückkehrt. Zuvor lag ein rabenschwarzer Abend für White mit 6 Punkten aus 10 Würfen, 0 von 2 getroffenen Dreiern und 3 Turnovern. Die Spurs verlieren das Spiel gegen die Sacramento Kings und fallen auf den 8. Platz der Western Conference zurück. Es ist Anfang April und kein Team möchte diesen Platz belegen, da er ein Firstround Matchup mit den Warriors zur Folge hätte.
Zwei Tage später legt White gegen Atlanta in 30 Minuten 23 Punkte bei 10 von 12 aus dem Feld und 3 von 3 Dreiern auf. Noch viel wichtiger ist allerdings, dass er seinen direkten Gegenüber Trae Young mit starker Defense bei 33% aus dem Feld hält. Die Spurs gewinnen knapp mit 117:111 und feiern damit einen wichtigen Sieg im Kampf um das Seeding. Es ist ein Sinnbild für Whites Saison durchzogen von Rückschlägen und Höhepunkten.


Blicken wir 6 Monate zurück: Nach einer turbulenten Offseason mit dem Trade des einstmaligen Hoffnungsträgers Kawhi Leonard richten sich die hoffnungsvollen Blicke der Spurs Fans auf Dejounte Murray, der im Laufe der letzten Saison zum Starting Point Guard befördert worden war. Als sich Murray in einem Preseason Spiel verletzt und schnell klar wird, dass dies sein Saisonaus bedeutet, muss Derrick White seinen Platz einnehmen. Eine große Aufgabe für den 29. Pick des 2017er Drafts, der den größten Teil seiner Rookie Saison in der G-League bei den Austin Spurs verbracht hatte. Nur ein Preseason Spiel danach verletzt sich allerdings auch White und fällt für 5 Wochen aus. Seinen Platz im Starting Lineup übernimmt Bryn Forbes und die Spurs starten ohne White mit 6 Siegen aus 9 Spielen. Allerdings zeigt sich schon zu diesem Zeitpunkt, wie anfällig insbesondere die Perimeter Defense der Spurs ist. Nach seiner Rückkehr Anfang November wird White schnell in das Starting Lineup integriert. In diesem Moment befinden sich die Spurs am größten Tiefpunkt der Saison, haben die schlechteste Defense der gesamten Liga, kassieren einige der höchsten Blowout-Niederlagen der letzten 22 Jahre der Franchise History und stehen Anfang Dezember bei einer Bilanz von 11 Siegen und 14 Niederlagen. White selbst wirkt noch nicht NBA-ready, insbesondere am offensiven Ende des Feldes, an dem er im November ein True Shooting von katastrophalen 46% auflegt.

Im Laufe des Dezembers akklimatisiert sich White und zeigt sich stark verbessert. Sein Team kann 9 der nächsten 12 Spiele für sich entscheiden, was in Teilen an den stark verbesserten Leistungen des Allstars LaMarcus Aldridge festzumachen ist, allerdings auch mit White zusammenhängt. Er legt nun ein zumindest durchschnittliches True Shooting von 54% auf und ist am defensiven Ende der Verteidiger des point-of-attack, den die Spurs so dringlich vermisst haben.

Seinen Peak erreicht White im Januar, als er über 15 Spiele ein True Shooting von extrem starken 68% aufweist, 47% seiner Dreier trifft und in jedem Spiel den besten Offensivspieler des Gegners zur Verzweiflung treibt. Highlight dieses Stretchs ist seine Defense gegen Kawhi in dessen Comeback-Game in San Antonio, als er diesen bei 21 Punkten hält und dafür von den Fans lautstark gefeiert wird. Die Spurs stehen zu diesem Zeitpunkt bei 32 Siegen und 22 Niederlagen und ein Playoff-Platz scheint gesichert.

Vor dem alljährlichen Rodeo-Roadtrip im Februar fällt White allerdings wieder mit Schmerzen in seinem rechten Fuß aus und spielt während des Roadtrips lediglich zwei der neun Spiele. Die Spurs verlieren acht dieser Spiele und plötzlich scheint die Postseason wieder in Gefahr. Mit White zurück im Lineup können die Spurs einen Run starten und sich am Ende den 7. Platz der Western Conference sichern. Für White wechseln sich in dieser Phase Spiele mit sehr guten und eher schwachen Leistungen ab, sodass er nach dem Allstar Break ein TS von 51% bei 10,5 Punkten pro Spiel auflegt.

Wie gestaltet sich Whites Rolle und Impact im Team?

Der Head Coach der San Antonio Spurs Gregg Popovich beschreibt White im Laufe der Saison als den „zweitwichtigsten Spieler im Team“. Ein enormes Kompliment, wenn man bedenkt, dass neben White mit Aldridge und DeMar DeRozan zwei Spieler im Team sind, die letztes Jahr in ein All-NBA-Team gewählt wurden. White ist 55 seiner 67 Spiele in dieser Saison gestartet und legt dabei im Durchschnitt 10 Punkte, 3.9 Assists und 3.7 Rebounds pro Spiel bei einer Usage von 17.4% auf. Zum Vergleich: DeRozan erzielt dieses Jahr als erster Spieler der Spurs-History mehr als 20/5/5 und das bei einer Usage von 27.4%. Also stellt sich die Frage, warum Pop diese These aufstellt.

Ein tieferer Blick in die Zahlen ergibt Rückschlüsse auf die Beantwortung dieser Frage. In Spielen, in denen White spielt, haben die Spurs eine Bilanz von 41 Siegen bei 26 Niederlagen. Das wäre die Bilanz eines 50 Siege-Teams. Mit White auf dem Feld hat das Team ein Netrating von +4.3, ohne ihn sinkt es auf -0.9. Diese Werte sind umso beachtlicher, wenn man miteinbezieht, dass ein großer Teil des Erfolges der Spurs in dieser Saison durch die starken Bank-Lineups begründet ist. Dies verdeutlicht ein Blick auf das NetRating von DeRozan: Mit ihm auf dem Court haben die Spurs ein Netrating von +/- 0.0, ohne ihn steigt es auf +4.2.

Ein großer Teil von Whites Impact ist am defensiven Ende des Courts zu finden und daher teilweise schwer mit Statistiken zu belegen. Mit White auf dem Feld haben die Spurs ein Defensive-Rating von 106.4. Ohne White auf dem Feld sinkt der Wert auf 110.2 (Platz 19).
Es ist White, der in jedem Spiel den besten Perimeterspieler des Gegners verteidigt. Dabei ist er on-Ball sehr versatil, also sowohl gegen größere Wings wie Kawhi als auch gegen kleinere Guards wie Trae Young stark. Insbesondere im Vergleich zu seinen Backcourt Mitspielern Forbes, Mills, Belinelli und DeRozan ist er ein extrem großes Upgrade.
Off-Ball verliert White teilweise seine Gegenspieler und hat Probleme sich durch Screens gegnerischer Spieler zu kämpfen. Dank seiner guten Athletik ist er in solchen Situationen aber meist in der Lage, den verlorenen Space noch zu recovern und den Wurf seines Gegenspielers zu blocken oder zu erschweren. Ein Grund, warum White off-Ball gelegentlich seinen direkten Gegenspieler verliert, ist, dass er im System der Spurs als Help-Defender von der weak side stark beansprucht wird, vor allem wenn Aldridge als Center spielt. White ist hierbei in der Lage, trotz seiner geringen Größe, eine große Hilfe bei der Rim Protection zu sein. Er legt daher eine sehr hohe Block Percentage von 2.3% auf. Das ist die höchste Percentage unter allen Guards, die diese Saison mindestens 1500 Minuten gespielt haben.

White hat allerdings nicht nur defensiv einen Impact auf das Spiel seines Teams, sondern ist auch eine wichtige Option offensiv. In Spielen, in denen er mindestens 10 Punkte auflegt, gewinnen die Spurs 24 von 33 dieser Spiele und das Offensiv-Rating sinkt um 1.4 Punkte, wenn er nicht auf dem Feld ist.

White spielt die Rolle des zweiten Playmakers neben DeRozan. Eine Rolle, die im Team eine große Bedeutung hat, weil sich der eigentlich als primärer Ballhandler etablierte Murray vor der Saison verletzt hatte und dadurch allgemein ein Mangel an Playmaking im Team herrscht. White ist prädestiniert für das klassische Drive&Kick-System der Spurs. Er erzielt mit 8.6 Drives per Game die zweitmeisten aller Spieler seines Teams hinter DeRozan.

Dabei zeichnet er sich vor allem durch gutes Finishing am Ring (und den einen oder anderen Highlight-Dunk) sowie ein gutes Auge für den Big Man im Pick&Roll oder Pick&Pop aus. Dies führt dazu, dass er mit 12.5% die höchste Assist Percentage seines Teams aus Drives heraus aufweist. Seine Turnover Percentage bei Drives ist mit 4.7% die zweitniedrigste hinter Veteran Patty Mills unter allen Spielern im Team, die regelmäßig Drives vollführen. Insgesamt liegt seine Turnover Percentage bei durchschnittlichen 10.1%.

Die größte Schwäche von Whites Spiel ist leicht zu identifizieren. Er hat extreme Probleme beim 3-Point-Shooting. Er trifft 33.8% bei ca. 3 Versuchen pro Spiel. Über 83% seiner Dreier sind assisted. Bei 95% seiner Versuche ist kein Verteidiger näher als 4 feet entfernt, dies entspricht der Definition von „open“ von nba.com, 76% seiner Dreier sind sogar „wide-open“, also kein Verteidiger ist näher als 6 feet.

White passt dabei sogar noch sehr viele offene Würfe an schlechter positionierte Mitspieler ab, was in vielen Situation einen extremen Bruch in den Offensivaktionen der Spurs zur Folge hat. Insbesondere seit dem Allstar Break ist zu beobachten, dass sich gegnerische Teams auf dieses Verhalten eingestellt haben und von White am Perimeter weghelfen oder in die Zone absinken, um seinen Drive zu erschweren. Dies hat zur Folge, dass White nicht mehr so gut zum Ring kommt und viele Floater oder andere schwierige Würfe nehmen musste, die er nur unterdurchschnittlich effizient trifft. White hat sich mit Hilfe seines Coaching Staffs aber ebenfalls daran angepasst und nimmt vermehrt Jumper aus der Midrange, die er mit 56% (aus 15-19 ft.) hocheffizient verwerten kann. Zusätzlich hat er seine Vision für Shooter am Perimeter stark verbessert im Vergleich zu Beginn der Saison, auch wenn sie weiterhin eher als durchschnittlich zu bezeichnen ist. Eine andere Möglichkeit, diese Taktik des Gegners zu umgehen, wäre es, wenn White aus seinen Drives mehr Freiwürfe ziehen könnte. Aktuell trifft er den Freiwurf zwar mit soliden 77%, aber zieht lediglich 2.6 Versuche pro 36 Minuten.

Welche Rolle kann White im Playoffmatchup mit den Nuggets einnehmen?

In den Playoffs wird die oben beschriebene Taktik des Weghelfens von Non-Shootern für gewöhnlich noch deutlich ausgeprägter genutzt als in der Regular Season. Es wird daher ein extrem wichtiger Faktor in der Serie gegen die Denver Nuggets, wie White mit diesen Situationen umgeht. Im ersten Spiel der Serie gelang es ihm sehr gut, die Schwächen seines direkten Matchups Jamal Murray in der Pick&Roll-Verteidigung sowie das Absinken des Bigs auszunutzen, um offene Midrange-Jumper zu generieren und diese zu treffen oder sich mit Geschwindigkeit aus dem Drive am Ring gegen den verteidigenden Big durchzusetzen.

Insgesamt traf er 7 von 10 seiner Würfe und 2 von 3 Freiwürfen für 16 Punkte, davon 6 von 7 Würfen im direkten Matchup mit Murray. Da er keinen einzigen seiner Punkte durch Dreier erzielte, dürfte es interessant sein zu sehen, welche Veränderungen Denver in ihrer Verteidigung gegen White vornimmt.

Auf der anderen Seite des Courts ist Murray kein ideales Matchup für White. Murray ist zwar mit 18.2 Punkten pro Spiel der zweitbeste Scorer der Nuggets, aber er ist nicht der primäre Ballhandler. Diese Rolle übernimmt Center Nikola Jokic aus dem Post, wie er im Spiel Samstagnacht mit 14 Assists einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellte. Murray bewegt sich viel off-Ball durch Screens oder cuttet zum Korb. Wie oben beschrieben ist dies noch eine der defensiven Schwächen von White. Murray hat zudem einen schnellen Release und ist ein guter, wenn auch streaky, Dreierschütze (ca. 37% bei 5.5 Versuchen), sodass ein Recovern auch mit Whites Athletik äußerst schwer ist. Im ersten Spiel gelang es White trotzdem sehr gut, Murray am Scoren zu hindern: Murray traf insgesamt nur 8 seiner 24 Würfe. Allerdings traf er auch nur 4 von 15 der offenen oder weit offenen Würfe; in folgenden Spielen ist zu erwarten, dass diese Quote deutlich ansteigt (über die gesamte Regular Saison hinweg liegt die Quote Murrays bei solchen Würfen bei ca. 44%). White wird über die gesamte Serie hinweg zudem nicht nur als Verteidiger Murrays gefragt sein, er wird immer den heißesten Perimeter-Spieler der Nuggets verteidigen müssen. So stand er in Game 1 auch einige Possessions gegen Gary Harris oder Will Barton. White wird dabei vorsichtig sein müssen, dass er trotz dieser enormen Belastung nicht in Foul Trouble gerät wie in Game 1, als er nach 3 Minuten bereits zwei persönliche Fouls gesammelt hatte und auf die Bank musste.

Welche Rolle spielt White langfristig in den Planungen der Spurs?

In dieser Saison spielt White einen Großteil seiner Minuten in Lineups mit Bryn Forbes, DeRozan, Aldridge und einem Spieler aus Rudy Gay (387 Min) oder Jakob Poeltl (187 Min). Kehrt Dejounte Murray im nächsten Jahr wieder zurück und man integriert ihn anstelle von Forbes als zweiten Guard in diese Lineups, wirft das enorme Probleme auf.

Murray selbst war vor seiner Verletzung ein absoluter non-Shooter. Auch wenn man in der Preseason einige Fortschritte an seinem Jumper feststellen konnte, ist nicht zu erwarten, dass er nach seiner Verletzung ein auch nur annähernd durchschnittlicher Dreierschütze ist. Demnach stände in diesen Lineups kein einziger Spieler mehr, der überdurchschnittlich von außerhalb der Dreierlinie ist. Auch wenn Pop dieses Jahr mit wenig Spacing trotzdem noch eine gute Offense kreieren konnte, erscheinen solche Lineups offensiv extrem limitiert.

Defensiv wäre das Lineup mit zwei All-NBA Defense Kandidaten auf den Guard-Positionen zwar extrem gut besetzt, allerdings ist DeRozan immer noch eine Schwachstelle, die vom Gegner ausgenutzt werden kann und das Team somit vermutlich keine absolute Elite Defense. Die Guardrotation wird zudem noch zusätzlich durch die Integration des Rookies Lonnie Walker verändert, der in der nächsten Season ein fester Bestandteil der Rotation sein soll. Wie Pop diese Aufgabe lösen wird, dürfte für alle Spurs Fans die interessanteste Frage des Sommers sein. Eine mögliche Lösung wäre die beiden Guards Murray und White soweit wie möglich zu staggern, um immer einen der beiden Elite-Verteidiger auf dem Feld zu haben. White könnte auf diese Art und Weise viele Minuten mit der Second Unit auf dem Feld verbringen. In der Second Unit finden sich viele sehr gute Shooter, die ihm Räume für seine Drives öffnen können. Stand White in diesem Jahr mit einem Lineup mit den drei Edelshootern Mills, Belinelli und Bertans auf dem Feld, erreicht dieses Lineup bei extrem geringer Sample Size von 38 Minuten ein NetRating von +56. Alle Lineups, in denen er mit Top Shooter Bertans auf dem Feld steht, erreichen ein Netrating von +20, bei einer nicht unerheblichen Sample Size von 519 Minuten. Diese Statistik lässt auch darauf schließen, dass eine andere mögliche Lösung für die Starting Five wäre, Bertans anstelle von Poeltl oder Gay zu integrieren, um somit ein Minimum an Shooting sicherzustellen.

Inwiefern ein Team, aufgebaut um Murray und White, langfristig erfolgreich sein kann, hängt neben dem Zustand von Murray nach seiner Rückkehr hauptsächlich davon ab, inwiefern sich White noch entwickeln kann.
Für einen Sophomore ist White schon relativ alt; er wird vor dem Start der nächsten Season 25. Dies lässt darauf schließen, dass er bereits näher an seinem Ceiling ist, als die enorme Entwicklung dieses Jahres vermuten lassen würde. Zusätzlich haben sowohl White als auch Murray nun große Teile ihrer bisherigen Karriere verletzt verbracht. Die langfristige, dauerhafte Gesundheit beider Spieler scheint fraglich. Sind beide fit, lässt sich ihnen auf jeden Fall All-NBA-Defense-Potenzial bescheinigen. Murray war im letzten Jahr im Second Team und White könnte es eventuell bereits dieses Jahr schaffen. Vieles der Prognose von Whites Zukunft wird davon abhängen, inwiefern die Shooting Coaches der Spurs ihm zu einem Dreier verhelfen können. Gelingt ihm ein ähnlicher Sprung wie Kawhi Leonard, dessen Shooting Splits in seinem Sophomore Year Whites erstaunlich ähneln, zu einem mindestens durchschnittlichen Shooter, erscheinen seiner Karriere kaum Grenzen gesetzt. Realistisch betrachtet wird aus White nie ein herausragender Shooter, aber sollte er zumindest durchschnittlich werden, könnte ihn eine Karriere ähnlich Jrue Holidays erwarten. Im Minimum sollte er das Potenzial eines defensiven Kettenhunds wie Marcus Smart oder Patrick Beverley mitbringen und damit gemeinsam mit Murray der Grundstein eines weiteren defensiv starken Spurs Team sein.

Stats von nba.com, außer Lineup Stats von Bball Reference

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