Philadelphia 76ers, Playoffs 2019

Die Simmons-Rules

Oder: Warum die Sixers mit Ben Simmons niemals einen Titel gewinnen werden
Screenshot: NBA League Pass

Nach dem überraschenden Blowout-Sieg des klaren Außenseiter Brooklyns im ersten Spiel der ersten Runde der Playoffs über die Sixers, schlugen diese im zweiten Heimspiel ebenfalls mit einem Kantersieg zurück. Gründe für die jeweiligen Ergebnisse gibt es zu Genüge. Es soll nicht Sinn dieses Artikels sein, alle möglichen Erklärungen für den Ausgang der Spiele zu liefern. Stattdessen soll es um das vielleicht größte Sixers-Problem gehen, um Dribble-Hand Offs und mögliche Konter.


Wie Kollege und Chefredakteur Dennis Spillmann in einem Video vor der Serie bereits ausführlich erklärt hatte, nutzen die 76ers JJ Redick häufig und effizient in DHOs. Sind Redick und Embiid zusammen auf dem Feld, läuft die Offensive meistens über Embiid Post-Ups oder eben DHOs zwischen den deiden.

Die von ihrem Coach hervorragend eingestellten Nets waren darauf vorbereitet und nutzen eines der Mittel gegen DHOs. Bevor man das Hand Off selbst verteidigt, spielt man eine Art Deny-Defense, die zum Ziel hat, dass der Empfänger gar nicht erst an den Ball kommt. Beim Dribble Hand Off ist diese Vermeidung des Plays das sog. „Top Lock“:

Der Verteidiger positioniert sich so, dass er zwischen dem Ballübergeber und dem Ballempfänger steht und damit den direkten Laufweg verhindert. Er stellt sich damit quasi in den Laufweg von Redick, der zum DHO curlen will. Soll ein off-ball-Screen involviert werden, um Redick zu befreien, so positioniert sich Redicks Verteidiger so, dass er zwischen Redick und dem Screen steht.

Hier sieht man am unteren Rand des Plays wie Marjanovic Redick per Screen befreien möchte, das Top Lock von Harris verhindert dies. Der off-ball-Spieler kann also jetzt gar nicht oder nur mit größter Mühe um den Gegenspieler herum laufen. Es kommt gar nicht erst zur Ballübergabe. Die fehlende Eingespieltheit der Starter, die vor der Serie thematisiert wurde, merkt man in solchen Situationen, wenn Plan A fehlschlägt.

In der Folge entwickelt sich kein weiteres Play und Embiid geht beispielsweise nach kurzer Wartezeit in Ermangelung an Optionen in die Isolation. Im gesunden Zustand ist dies zwar immer noch ein gewinnbringender Spielzug, in der momentanen Verfassung des Kameruners aber nicht bedingt.

Was sind die Konter für das Top Lock? Die Sixers starteten in Spiel 2 Redicks Curl nicht vom Perimeter, sondern ließen Redick im Prinzip „in the paint“ starten. Redick läuft dann durch eine größere Menschenmenge hindurch und entscheidet, welche Richtung er genau einschlägt. Für seinen Verteidiger ist es nun viel schwieriger, den Laufweg abzuschneiden, wenn er nicht genau weiß, wohin Redick läuft.

Dies kann ebenso eingesetzt werden, wenn kein DHO gelaufen werden soll, sondern kann hilfreich sein bei allen Sorten von off-Screen-Aktionen.

Eine weitere offensichtliche Lösung für das Problem ist der Backdoor Cut. Während Verteidiger normalerweise so positioniert sind, dass sie den einfachsten Weg zum Korb verhindern, ist dies beim Top Lock – wie oben gezeigt – anders. Hier ist der direkte Weg zum Korb frei und ein fähiger Passer sollte den Ball zum Layup an seinen Mitspieler anbringen können. So funktionierte dies auch im zweiten Spiel, hier aber mit Simmons als Ball Handler.

Dass Simmons der Ball Handler ist, ist hierbei wichtig, weil es uns zum nächsten Problem führt, dass an den Titel dieses Artikels anknüpft. Simmons ist eigentlich nicht derjenige, der mit Redick die DHOs läuft. Zum einen ist er kein so guter Screen-Setter wie Embiid, zum anderen ist er selbst keine Gefahr, wenn er den Ball selbst behält, da er wegen seines fehlenden offensiven Skillsets ziemlich aufgeschmissen ist so weit vom Korb entfernt. Läuft er allerdings die Hand Offs, kann nicht von ihm weggeholfen werden. Alle anderen Starter der Sixers sind offensiv zu gefährlich, um von ihnen wegzudoppeln.

Soll also ein DHO zwischen Redick und Embiid gelaufen werden und die Nets wenden Top Lock an, wäre ein möglicher Konter auch hier ein Backdoor Cut von Redick. Dieses Play hat aber in Game 1 nicht ein einziges Mal funktioniert. Grund war Ben Simmons, der nicht mal in das Play involviert war. Egal, wo er platziert war, ob am Flügel oder im Dunker Spot, Simmons zerstörte jedes Mal den Konter des Cuts, weil sein Mann extrem von ihm weghalf.

Im Bild ist es Dudley, der in seiner Position und mit Simmons im Dunker Spot frühzeitig die Rotation macht. Embiid erkennt das und kann den Pass nicht spielen, da Redick kein guter Finisher mit Kontakt ist. Hier das ganze auch noch in bewegten Bildern, bei dem die Nets sogar zweimal mittels Top Lock die Ballübergabe an Redick verhindern. Beim ersten Versuch kreiert Embiid einen offenen Dreier:

Jimmy Butler war der einzige Sixer, der im ersten Spiel wirklich gut spielte. Er operiert größtenteils im Pick’n’Roll und generell off-the-dribble, was einen Gegensatz zum Spielstil der anderen Sixers darstellt. Als Philly aber bemerkte, dass ihr üblicher Stil keinen Erfolg brachte, wurde das Spiel in Butlers Hände gegeben. Trotz Butlers toller Performance waren die Pick’n’Rolls schwieriger als erwartet gegen die 15.beste Defense der NBA. Grund? Auch in diesen Spielzügen konnte Simmons´ Verteidiger konsequent von ihm weghelfen und so den Weg zum Korb für Butler oder den Roll Man erschweren.


Es war bereits bekannt, dass Teams bei Ballhandlern mit schwachem (oder nicht-existentem) Wurf sehr opportunistisch zu Werke gehen. Diese erste Serie zeigt bereits, wie Ballbesitze, die Simmons gar nicht zum Teil der Exekution machen, durch seine „Präsenz“ geschädigt werden. Non-Shooter haben negativen Einfluss auf die Offensive on- und off-ball.

Wenn sogar die Nets Simmons zum Teil schon so neutralisieren können, wie soll das gegen starke Defensiven ausgehen? Wie wertvoll kann Simmons sein, wenn sein Impact offensiv auf die Transition beschränkt wird? Muss nicht die Frage gestellt werden, ob er gegen Teams wie Toronto, Boston, Milwaukee oder Golden State sogar schadet? Stand jetzt sollte man sich als Sixers-Fan eher damit abfinden, dass man wahrscheinlich keinen Titel gewinnen kann, solange Simmons eine so große und wichtige Rolle im Team innehat.

Es soll natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass Simmons ein produktives und effizientes zweites Spiel hatte. Eines der Adjustments der Sixers war es, die Pace noch höher zu halten und noch mehr in Transition zu gehen, auch nach Korberfolgen des Gegners. Simmons setzte dies gekonnt um und brachte Chaos in die Nets Defensive, die dadurch oft in Crossmatches verteidigen musste. Trotzdem war Simmons Erfolg fast nur in Transition. Es darf bezweifelt werden, dass man darauf auch in späteren Runden zählen kann.

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