Houston Rockets, Playoffs 2019, Utah Jazz

Die Harden-Rules

Wie die Jazz (und andere?) den Superstar der Rockets verteidigen
Screenshot: NBA League Pass

James Harden ist nicht nur MVP-Kandidat, sondern auch der Spieler, der eine gegnerische Defense momentan wohl zu den meisten Adjustments zwingt. Kaum ein Team außer den Rockets ist so abhängig von Topleistungen ihres Franchise-Players – dementsprechend lohnt sich der Gedanke, wie man diesen aus dem Spiel nehmen kann. Eine vermeintliche Blaupause dafür lieferten in der Endphase der Regular Season die Milwaukee Bucks ab: Harden die linke Seite nehmen und dann in lange Shotblocker à la Brook Lopez und Giannis Antetokounmpo laufen zu lassen.

Die Utah Jazz scheinen sich das zu Herzen genommen zu haben, denn im ersten Spiel der Erstrundenserie beider Teams sahen die Zuschauer ganz ähnliche Szenen. Hardens Gegenspieler positionierte sich extrem hoch auf dessen linker Seite, um ihn zum Drive nach rechts zu zwingen. Dieses Bild ist nicht etwa nach einem Drive entstanden, sondern stammt vom Anfang der Possession.

Dieses Vorgehen erfüllt mehrere Zwecke: Zum einen soll Harden der Stepback-Dreier erschwert werden. Wenn der Verteidiger bereits hinter Harden steht, macht es keinen Sinn, dorthin auszuweichen; und zum anderen soll Harden so die Möglichkeit genommen werden, Kontakt aufzunehmen und Fouls zu ziehen, da vor ihm viel Freifläche liegt. Eine Schlüsselrolle kam dabei auch Rudy Gobert zu, denn ohne einen elitären Ringbeschützer sind diese Drives selbst auf Hardens schwache Hand viel zu einfach.

Spannend war zudem auch die Personalauswahl: Quin Snyder vermied es, Joe Ingles gegen Harden verteidigen zu lassen und setzte diesen lieber auf Chris Paul an; stattdessen durften sich wahlweise Ricky Rubio, Royce O‘Neal und Donovan Mitchell gegen Harden versuchen.

Und zumindest einige Achtungserfolge konnten die Jazz erzielen: Harden zog nur für seine Verhältnisse lächerliche drei Freiwürfe. Außerdem gelang es oft, ihn zu Würfen aus der Floaterdistanz zu zwingen, aus der er nur 1/8 FG verwandelte – hier machte sich Goberts Länge bemerkbar. Insgesamt erzielte Harden „nur“ 29 Punkte, versuchte 10 Dreier (von denen er 4 traf) und legte ein ORtg von 115 auf – alles teils deutlich unter seinem Saisonschnitt. Auf diesem Shot-Chart sieht man noch einmal deutlich, aus welchem Bereich Harden schwächelte:

Insgesamt, das muss man in aller Deutlichkeit sagen, ging der Plan der Jazz jedoch nicht wirklich auf, das zeigt schon ein Blick auf das Endergebnis und die deutliche Niederlage. Abgesehen von den eigenen offensiven Unzulänglichkeiten (Team-ORtg: 91) legten auch die Rockets als Team eine starke Offensiv-Performance aufs Parkett (Team-ORtg: 123), an der Harden unter anderem mit 10 Assists seinen Anteil hatte. Gerade zu Beginn der Partie sah man deutlich, wie leicht Harden es mittlerweile fällt, Clint Capela im Dunkerspot zu bedienen, wenn die Offense ihn zu diesen Drives einlädt.

In dieser Szene etwa hat Gobert keine Chance, gleichzeitig Hardens Abschluss und den Lob auf Capela zu verhindern. Ingles könnte vom Flügel nach unten helfen, müsste dann aber Chris Paul an der Dreierlinie offen stehen lassen.

Trotzdem versuchten die Jazz genau das im Laufe des Spiels, etwa hier:

Das Resultat war jedoch einfach, dass Harden freie Passwinkel in die Ecken hatte. Generell verpassten die Jazz-Spieler des Öfteren die eigentlich passende Rotation. Die Rockets trafen als Team 15/41 Dreiern (36,6 %) und nahmen 14 Eckendreier, von denen sie 5 verwandelten – deutlich mehr als ihr Saisonschnitt von 11,4 Eckendreiern/Spiel. Dabei gehören die Jazz eigentlich zu den besten Teams der Liga, wenn es darum geht, solche Würfe zu verhindern.

Hier zeigt sich ein dreckiges Geheimnis der Bucks-Taktik gegen Harden: Kaum ein Team bietet eben so eine Länge auf dem Flügel auf wie Milwaukee, gerade mit Antetokounmpo als Helpside-Spieler. O’Neal, Rubio, Mitchell, Sefolosha, Korver und Ingles sind allesamt entweder zu klein oder zu unathletisch, um gleichzeitig in der Zone stören zu können, ohne die Schützen an der Dreierlinie zu vernachlässigen.

Somit standen (und stehen) die Jazz vor einer klassischen Pick-your-Poison-Situation: Entweder verteidigen sie Harden wieder traditioneller oder geben wahlweise einfache Lobs auf Capela oder die Kickout-Pässe zu den Schützen ab – alles gleichzeitig umzusetzen, wird unmöglich sein. So oder so stehen die Coaches der Utah Jazz vor einer defensiven Mammutaufgabe. Und da ist die eklatante Offensiv-Schwäche des Teams noch nicht einmal erwähnt …

  • 7
  •  
  •  
  •  
  •  

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben