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17 Fragen an die Top 4 der Ost-Playoff-Teams

Oder: welche Schwächen können für die Playoff-Teams zum Stolperstein werden ? Teil 2

Nach einer anscheinend viel zu lange regulären Saison (#DNPRest) fangen endlich die Playoffs in der NBA an. Während der Westen erneut sehr tief ist, erwarten uns im Osten gerade ab der zweiten Runde sehr hochkarätige Matchups. Zum ersten Mal seit gefühlt der Entstehung der NBA findet die Postseason zudem ohne LeBron James statt. Nicht nur dadurch werden dieses Jahr viele interessante Fragen beantwortet werden. Wir von den Go-to-Guys wollen gerade einige dieser Fragen an die Teams stellen, weil sich deren Beantwortung wesentlich auf den Erfolg der Teams auswirken wird.


Viele der möglichen Problemstellen der Teams ergeben sich daraus, dass Playoff-Basketball eine andere Sportart ist als Regular Season-Basketball. Teams können in der Vorbereitung und zwischen den Spielen richtige Trainingseinheiten abhalten. Trainerstäbe, Videoscouts etc. bereiten sich exzessiv und detailliert auf den Gegner vor. In den Playoffs werden Schwachpunkte gezielt angegriffen, es wird härter verteidigt und die Tendenzen der Spieler werden analysiert. Innerhalb einer Serie kommt es zu Adjustments und Gegen-Adjustments. Außerdem werden Rotationen kürzer und die besten Spieler verbringen mehr Minuten auf dem Platz. Zu guter Letzt ist durch die Eliminierung der schlechtesten Teams insgesamt die Team- und Spielerqualität viel höher. Gegnerische Spieler sind in der Tendenz bessere Verteidiger, bessere Scorer, bessere Schützen etc. Dadurch ergeben sich für die Playoff-Teilnehmer folgende Problemstellen.

Disclaimer: Der Text wirft einige Fragestellungen zu den Schwächen der Teams auf. Dass alle besprochenen Teams natürlich auch Stärken haben, ist uns wohl bewusst. Dieser Text will diese Stärken nicht negieren, setzt nur den Schwerpunkt auf eine andere Facette. 

Heute; Teil 2: Die 4 besten Teams im Osten:

Milwaukee Bucks

Vielleicht zerdenkt der Autor dieser Zeilen die Situation um die Bucks nur zu sehr. Vielleicht sollte es bei Milwaukee deutlich weniger Fragen geben. Immerhin waren die Bucks das mit Abstand beste Team der regulären Saison. Sie stehen bei einem Net-Rating von +8,8, was 2 Pp100 besser ist als die Warriors und ganze 3 Punkte besser als das zweitbeste Team im Osten, die Raptors. Diese 3 Punkte Unterschied sind so viel wie der Unterschied zwischen Toronto und Platz 11 im Net-Rating, um die Dominanz der Bucks zu veranschaulichen. Darüber hinaus sind sie auf Platz 1 im DRtg und auf Platz 3 im ORtg. In der Vergangenheit waren Teams mit vergleichbaren Platzierungen im Net-, O- und D-Rating immer sehr erfolgreich, wie die Recherche von John Schuhmann ergab:

 

 

 

Schaut man sich die Liste genauer an, sieht man, dass von den Teams, die nicht das Conference Finale erreicht haben, einige dabei sind, die schlimme Verletzungen in den Playoffs erlitten haben (OKC 12-13, Boston 08-09, Chiacago 11-12). Sollte Milwaukee verletzungsfrei bleiben, zeigt die Vergangenheit, dass sie ein sicherer Conference Finals-Teilnehmer sein könnten. Dennoch bleiben einige Restzweifel, die sich in folgenden Fragen äußern.

Funktioniert die Defensivtaktik der Bucks in den Playoffs?

Viel wurde im Verlauf der Saison über das ungewöhnliche Defensivsystem der Bucks geschrieben: man spielt gerade mit Brook Lopze extrem viel Drop Coverage und parkt ihn nahezu immer nahe des Rings. Da Lopez ein guter Verteidiger in Ringnähe ist und er oft neben einem der besten Defensivspieler der Liga (Giannis) agieren darf, geben die Bucks sowohl sehr wenige Wurfversuche am Ring als auch relativ wenige Freiwürfe ab und rebounden defensiv elitär. Das führt im Umkehrschluss zu sehr vielen, z.T. weit offenen Dreiern, die sie den Gegnern „geben“: sie führen in diesen Kategorien die Liga an.

Fraglich ist jedoch, ob diese Taktik in den Playoffs noch so sinnvoll ist und so funktionieren kann. Wie eingangs erwähnt, ist die gegnerische Qualität insgesamt deutlich höher. Eine Taktik, die z.T. darauf fußt, dass wenig talentierte Spieler viele Dreier nehmen und verwerfen, wird gerade ab der zweiten Playoff-Runde massiv auf die Probe gestellt. Die Konkurrenz im Osten kann von dieser Taktik nun profitieren und Plays laufen lassen, sodass ihre besten Schützen nun diese offenen Dreier nehmen können. Selbst wenn gute Verteidiger wie Eric Bledsoe mit der Aufgabe der Verteidigung von JJ Redick, Kyrie Irving oder Kyle Lowry betraut werden, so kann das angreifende Team durch die Involvierung von Lopez´ Gegenspieler via Screen oder Dribble-Handoff offene Dreier generieren. In den Playoffs kann es sich Milwaukee nicht mehr erlauben, eine so offensichtliche Sollbruchstelle weiterhin offen zu lassen; dafür ist das Talentlevel des Gegners zu hoch.

Hat man genügend Star Power?

Giannis war der beste Spieler des Ostens in der abgelaufenen regulären Saison. Ebenso wäre die Prognose, dass er auch der beste Playoffspieler des Ostens ist, nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die Frage nach dem zweitbesten Spieler der Bucks gestaltet sich dabei schon schwieriger. Ist es Middleton? Ist es Bledsoe? Ist es Lopez, der bei manchen sogar als zweitwichtigster Spieler gilt? Die Bucks haben viele gute Spieler, sind sehr tief, haben aber wenig Starspieler. Man könnte argumentieren, dass alle drei großen Ost-Konkurrenten mehr Stars haben und dass sie den drittbesten Spieler in einer Serie mit Milwaukee stellen würden (BOS: Horford; TOR: Lowry; PHI: Butler, Harris).

Aber abseits dieser Hierarchien spielt es ebenso eine Rolle, ob der Mangel an Star Power auch ein Mangel an Shot Creation bedeutet. Wer im Team (minus Giannis) kann Offensive für sich selbst kreieren? Wie geht die Offensive damit um, wenn Plan A (Giannis) situativ durch die Defensive gestoppt wird? Middleton und Bledsoe sind gute Spieler, aber in der RS war deren Volumen an selbstkreierter Offensive so gering, dass dadurch nur vage Prognosen für die Playoffs möglich sind. Nebenbei bemerkt war gerade Middleton in der RS nicht mal sonderlich effizient (knapp 56 TS%). Beide wäre sehr gute dritte bis vierte Optionen, aber sind sie gut genug als 2. Option eines Championship-Contenders?

Wenn man über Self-Creation redet, führt dies automatisch zum Aspekt des Kreierens für Andere, da diese Skills oft Hand in Hand gehen. Daher soll ebenso die Frage gestellt werden: wer außer Giannis kann freie Würfe für Mitspieler kreieren? Reicht hierbei das Skillset von Eric Bledsoe, der zwar immer ein fähiger, aber nie ein kreativer oder gar elitärer Passer war? Positiv ist jedenfalls, dass er pro Minute die zweitmeisten Assists seiner Karriere gespielt hat. Ein Problem ist hierbei auch, dass mit Brogdon einer der wichtigen Playmaker aus der zweiten Reihe vorerst noch vorerst verletzt ausfällt.

Welche Version von Eric Bledsoe sehen wir?

Ein Grund, warum Bledsoe dieses Jahr so positive Presse bekommt, liegt streng genommen nicht an seiner Offense. Sein TS% ist zum Beispiel geringer als im Jahr zuvor. Seine große Verbesserung kam defensiv. Erinnert man sich aber an die erste Runde der Playoffs im letzten Jahr, so wird klar, wie sehr Bledsoe von Spielern wie Terry Rozier dominiert wurde, offensiv wie defensiv. Am Ende stand er nach 7 Spielen bei einem ORtg von 98 und einem TS% von 51 %.

Natürlich sollte man eine Serie nicht überbewerten, aber bei einer möglichen Prognose für dieses Jahr ist jede Sample in Betracht zu ziehen.

Welche Rolle spielt die Roster-Konstruktion der Bucks?

Wenn es neben dem massiven Aufschwung des Dreiers in den letzten Jahren einen Trend gab, der die NBA nachhaltig geprägt hat, dann ist dies die Konstruktion eines erfolgreichen Rosters über Wings. Teams spielen, wenn überhaupt nur noch mit einem richtigen Big und platzieren daneben am liebsten drei bis vier Flügelspieler. Eine solche Konstruktion erlaubt flexible Switch-Defensiven, die kaum Mismatches erlauben. Wenn Teams von „der 2 bis zur 4“ ungefähr gleichgroße, gleichschnelle und körperlich gleichstarke Spieler einsetzen, können sie nahezu jedes Lineup switchen. Wenn also keine Mismatches entstehen, ist dies nahezu der Idealtypus einer Defensive. Toronto kann mit Green, Leonard, Anunoby und Siakam 4 solcher Spieler aufweisen, Boston mit Brown, Tatum, Smart, Hayward ebenso 4 und Philly mit Butler, Simmons, Harris 3.

Wie viele „echte“ Wings hat Milwaukee neben Middleton? Giannis ist defensiv versatil genug, um dazu gezählt zu werden, ist aber in Small Ball Lineups näher am Ring positioniert und kann mit seiner Körpergröße von 6-11 eher nicht auf Guards geswitcht werden. Ohne Brogdon ist der Rest der Flügelspieler für die Ansprüche der Bucks nicht erfahren genug (Sterling Brown) oder nicht gut genug (Tony Snell). Wie wird Milwaukee den Mangel an Wings auffangen können?

Wie sehr wird Giannis von der einen Schwäche zurückgehalten?

Der „Greek Freak“ kann nicht werfen. Ok, er traf zuletzt im Februar zwar 40 % seiner Dreier (nur 25 Versuche) und steigerte sich von Monat zu Monat, aber Teams verteidigen ihn trotzdem kaum an der Dreierlinie. Giannis lebt am Ring und an der Freiwurflinie. Satte 57 % seiner Würfe nimmt er zwischen 0-3 Fuß, seine FT-Rate liegt bei 55 %. Körperlich und skill-technisch ist er am Ring kaum zu stoppen, das tolle Spacing der Bucks hilft ihm dabei ungemein. Die Teams müssen sich entscheiden, ob sie Giannis doppeln und dadurch gute Schützen außen frei werfen lassen oder ob sie Giannis 1-gg-1 verteidigen.

Bereits in der RS gab es Teams, die letzteres bevorzugt haben. Help-Defender klebten an der Dreierlinie und Giannis´ Verteidiger sanken in die Zone ab und gaben ihm dadurch den offenen Jumper. Durch die gestiegene Defensivqualität in den Playoffs kann diese Taktik sogar noch besser funktionieren. Es gibt beispielsweise mit Al Horford und Joel Embiid zwei Spieler, die in der Lage wären, Giannis in Ringnähe einzudämmen, insbesondere, wenn sie ihn zwingen, sie per Jump Shot zu schlagen. Beide sind stark und agil genug, um Giannis ausreichend zu verteidigen. Dafür gab es in der RS sogar Anschauungsmaterial.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Spieler ohne Jump Shot in den Playoffs durch Scouting, Vorbereitung und Exekution massiv an Produktivität und Effizienz einbüßt. Superstarspieler, die in den Playoffs Erfolg haben, haben in den allerseltensten Fällen eine solche klare Schwachstelle im Spiel, die für den Sport mittlerweile eigentlich unabdingbar ist.

Stats via basketball-reference.com & nba.com; 09.04.19

Toronto Raptors

Wie gesund ist Kawhi Leonard?

Der Superstar der Raptors spielte in der abgelaufenen RS nur 2040 Minuten in 60 Spielen. Es wurde viel darüber berichtet, dass er aufgrund seiner Verletzung aus der Vorsaison bewusst und präventiv geschont wurde, zum Beispiel in back-to-backs. Dennoch schwingt hier eine große Portion Unwissenheit mit. War es wirklich nur Prävention für die Playoffs? Oder war er wirklich nicht ganz gesund? Nate Duncan erzählte in seinem Podcast des Öfteren, dass Leonard teilweise wirklich nicht spielen konnte, weil sein Quadrizeps geschwollen sei.

Dafür spräche auch, dass Leonard keine back-to-backs gespielt hat, obwohl im Laufe der Saison ursprünglich verkündet wurde, er könne diese Spiele doch bestreiten.

Es gibt zwar in den Playoffs keine Spiele in aufeinanderfolgenden Nächten, aber Leonard hat auch Spiele verpasst, die isoliert im Kalender auftraten. Wie gesund ist er in den Playoffs  wirklich? Was passiert in diesen Spielen, in denen die Intensität so hoch ist und er wahrscheinlich mehr Minuten pro Spiel erhalten wird? Leonards Situation ist ein wenig nebulös, seine Fitness ist aber ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Toronto.

Was kann Nick Nurse?

Nick Nurse ist nicht nur ein Rookie-Coach in den Playoffs, er ist generell ein Rookie-Headcoach. Das heißt nicht per se, dass er schlecht ist, aber er ist eine ziemlich unbekannte Variable. Definitiv anzunehmen ist aber, dass er – ähnlich wie Spieler, die zum ersten Mal in den Playoffs stehen – Fehler machen wird. Fehler, aus denen er normalerweise in Zukunft lernt. Auch er sieht in den Playoffs womöglich zum ersten Mal neue Dinge, die ihn beim RS-Basketball noch nicht begegnet sind. Diese Unsicherheit alleine kann auf dem höchsten Level den Ausschlag geben.

Wenn gleichstarke Teams auf dem höchsten Niveau aufeinandertreffen, können Nuancen über Weiterkommen und Ausscheiden entscheiden. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Rookie-Coach in einer engen Serie die richtigen Adjustments macht? Möglich ist es definitiv. Aber die mögliche Konkurrenz im Osten sind u.a. Mike Budenholzer und Brad Stevens, zwei der fünf besten Coaches der Liga.

Welche Version von Kyle Lowry finden wir in den Playoffs?

Kyle Lowry ist sehr wichtig für die Titelchancen der Raptors, weil er eigentlich der zweitbeste Spieler des Teams ist und die Raptors für ihr Ziel einen zweiten Star brauchen. Starspieler entscheiden Playoff-Serien, deshalb braucht man derer mindestens zwei. Neben Leonard ist Lowry der einzige Spieler des Rosters, der sich (in der Theorie) zuverlässig einen eigenen Wurf kreieren kann.

Dennoch ist es keine sichere Sache, dass Lowry wirklich auf Star-Niveau produziert. Das hat mehrere Gründe:

a. Lowry hat eine Geschichte an schwächeren Playoff-Leistungen, als er in den vergangenen Jahren regelmäßig seine starke Performance aus der RS nicht auf die Postseason transportieren konnte:

RS 15-16: 58 TS%; 115 ORtg; 29,6 Pp100; Playoffs: 51 TS%; 103 ORtg; 26,8 Pp100

RS 16-17: 62 TS%; 123 ORtg; 30,4 Pp100; Playoffs: 59 TS%; 114 ORtg; 21,6 Pp100

RS 17-18: 60 TS%; 120 ORtg; 24,9 Pp100; Playoffs: 66 TS%; 123 ORtg; 24,4 Pp100

In den letzten 3 Jahren war er nur in der letzten Saison in den Playoffs gleichgut oder besser, aber in 2 dieser Jahre konnte er weder Effizienz noch Volumen annähernd halten. Zweimal lieferte er nicht wie ein Star, der er zuvor in der RS war.

b. Lowry war im Gegensatz zu den letzten Jahren in dieser Saison bislang kein Spieler mehr auf All Star-Niveau. Auch wenn er dieses Jahr wieder ziemlich effizient (115 ORtg) und ein außerordentlich guter Passer und Playmaker war (Career-High in Ast%), so sank sein Scoring-Volumen und seine Usage enorm. Er produzierte nur 15,1 Punkte pro 36 min, seine Usage war unter 20 %! Lowry agierte in der abgelaufenen RS nur wie ein Rollenspieler. War dies ein bewusster Plan der Raptors, um Lowry für die Playoffs zu konservieren, um den Trend in 1. entgegenzuwirken? Wollten sie die frei gewordenen Touches bewusst zur Entwicklung anderer Spieler wie Siakam und Ibaka nutzen? Oder war die reguläre Saison nur bereits ein Zeichen, dass Lowry einfach kein Star mehr ist? Es gibt keine definitive Antwort, aber Skepsis ist durchaus angebracht.

Wie wertvoll ist Pascal Siakam in den Playoffs?

Siakam ist der wahrscheinliche Gewinner des MIP-Awards. 2 Jahre nachdem er als Rookie noch aussah, als würde er keinerlei Zukunft in der NBA haben, war er bei einigen Medienvertretern in der All-Star-Diskussion und ist heute der vielleicht drittbeste Spieler der Raptors. Seine defensive Flexibilität als Flügelverteidiger und auch als Small-Ball-Center ist für Toronto unheimlich wichtig, weil es die Lineups so flexibel macht. Sie können mit ihm auf der 4 neben Gasol oder Ibaka Big Ball aufs Feld bringen oder aber sie stellen einen weiteren Flügel auf und nutzen ihn auf der 5. Offensiv initiiert er sehr viele Fast Breaks und ist in Transition ihr primärer oder sekundärer Ballhandler. Off-ball trifft er mittlerweile 37 % seiner 2,7 Versuche pro Spiel. Siakam ist ein spannender Spieler, der offensiv mehrere Rollen einnehmen kann und diese effizient ausfüllt.

Nichtsdestotrotz floriert sein Spiel vor allem in Transition. Playoff-Basketball ist aber tendenziell langsamer, methodischer und findet mehr im Halbfeld statt. Bei Ben Simmons wurde letztes Jahr gnadenlos offengelegt, was Verteidigungslinien mit Spielern tun können, die hauptsächlich im Fastbreak agieren. Siakam ist spielerisch bis auf den Jump Shot noch nicht einmal auf Simmons´ Level. Wenn er dann plötzlich mehr im Halfcourt kreieren muss, könnte es seinen offensiven Wert massiv beschneiden. Smarte Defensivteams können sehr gut Schemata entwerfen, um wackelige Jump Shooter ohne ausgereiftes Dribbling oder Post Moves aufzuhalten. Dass Siakam ein sehr junger Spieler mit wenig NBA-Erfahrung ist, verkompliziert es für ihn noch mehr.

Stats via basketball-refence.com; 11.4.19

Philadelphia 76ers

Ist die Starting Five eingespielt genug?

Die Sixers haben das wohl besten Starting Lineup der Liga (NetRtg +17,6). Selbst wenn man die besten Lineups aller Teams miteinander vergleicht, braucht sich die Fünf aus Simmons-Redick-Butler-Harris-Embiid vor niemandem zu verstecken: nur zwei Warriors-Lineups und ein Pacers-Lineup war in der RS erfolgreichen. Das Problem? Philly spielte mit dieser Fünf nur 161 min. Das ist im Vergleich zu anderen Starter-Lineups lächerlich wenig (BOS, MIL, TOR: über 500 min). Dadurch, dass zwei der Spieler in diesem Aufgebot während der Saison hinzukamen, ist Philly noch überhaupt nicht eingespielt. Es gab aber in diesem Jahr einige Untersuchungen über die Korrelation von Roster-Kontinuität und „Erfolg“. Eingespieltheit ist in der Tat sehr wichtig. Aber dies ist auch logisch: Systeme und Prinzipien, die offensiv und defensiv implementiert und ausgeführt werden müssen, konnten bis hierhin nicht richtig einstudiert werden. Repetition fehlt ebenso. Diese fehlenden Nuancen könnten in den engen Serien ab der zweiten Runde eventuell sogar über Sieg und Niederlage entscheiden.

Was ist mit der Tiefe?

Mike Scott ist ein brauchbarer NBA-Rotationsspieler. Er ist defensiv kein Minusspieler, hat Größe und Körperlichkeit, um in einem Switch-System zu überleben. Er ein guter Dreierschütze. Wenn er aber der sechsbeste Spieler eines Contenders ist und Sixers-Fans Panikattacken bekommen, weil James Ennis (!!) 2 Wochen verletzt ausfällt, dann sollte jeder wissen, wie schlecht die Bank des Teams ist. Natürlich spielen Starter in den Playoffs deutlich mehr und Vor- und Nachteile einer Bank werden vernachlässigbar klein, aber das heißt nicht, dass man mit 5,5 NBA-Playoff-Spielern erfolgreich sein kann. Selbst bei einer 8-Mann-Rotation bedeutet das, dass 2 von TJ McConnell, Jonah Bolden, Boban Marjanovic, Zhaire Smith, Shake Milton und Jonathon Simmons Minuten sehen müssen. Bolden hat Talent, ist aber noch ein Rookie Big, Milton ist vertragsrechtlich gar nicht playoff-spielberechtigt und Smith war bereits vor seinem Krankenhausaufenthalt ein Langzeitprojekt. McConnell und Boban sind beide eigentlich nicht spielbar, weil ihre Schwächen in Playoff-Settings gnadenlos offengelegt würden. Marjanovic ist defensiv viel zu langsam auf den Füßen und kann sowohl von Stretch Bigs dominiert als auch „in space“ angegriffen werden. McConnell ist viel zu klein und wird daher meist als weitere defensive Schwachstelle identifiziert. Offensiv zerstört er durch seine Unfähigkeit Dreier zu werfen jegliches Spacing: ein großes Problem neben Simmons und Embiid. Der andere Simmons im Roster ist dieses Jahr einer der schlechtesten NBA-Spieler überhaupt. Die Sixers sind mindestens einen guten Bankspieler von echter Championship-Qualität entfernt.

Die Playoff-Rotation wird wahrscheinlich zu Beginn aus den folgenden 3 Lineups bestehen: Die Starter, McConnell-Butler-Harris-Scott-Marjanovic/Bolden, Simmons-Redick-Ennis/Smith-Scott-Embiid.

Wie gut ist Jimmy Butler noch?

Jimmy Butler ist in der Theorie genau der Spieler, der den Sixers für ihre Playoff-Ambitionen noch gebraucht haben. Er bringt Isolation-Scoring, Pick´n´Roll-Playmaking und off-the-dribble-Creation. Aber praktisch hat er davon in der RS wenig gezeigt. Viel wurde in Sixers-Kreisen gemunkelt, ob sich der schon alternde und verletzungsgeplagte Jimmy Butler bewusst in der RS zurückgehalten hat und seine Kraft gespart hat. Dies wäre zwar durchaus möglich, es kann aber auch sein, dass seine gezeigten Leistungen der natürliche Leistungsabfall sind und er einfach nicht mehr so gut ist. In den wichtigen RS-Spielen dieser Saison sah man jedoch ein wiederkehrendes Schema: Über 36 Minuten läuft die Offensive über Embiid, Redick, Simmons und Harris, im letzten Viertel übernimmt dann Butler; zum Teil auch mit Erfolg.

Was er definitiv nicht machen darf, ist das Verweigern offener Dreier. Ein Team um Simmons und Embiid braucht off-ball-Shooting.

Ein wichtiger Aspekt ist außerdem seine Defensive, die direkt zur nächsten Frage führt.

Was ist los mit der Sixers-Defense?

Nachdem man im vergangenen Jahr die drittbeste Defensive der  NBA stellte, beendet man die heurige RS auf Platz 13 (!) (DRtg: 108,9). Philly verlor innerhalb eines Jahres ein Stück weit die eigene Identität. Dieser Identitätsverlust ist zwar zu erwarten, wenn man den halben Kader austauscht und den zweitbesten Verteidiger verliert, aber so einen dramatischen Absturz mit einem der besten Verteidiger der NBA (Embiid) ist alarmierend. Eigentlich sollten zumindest Simmons und Butler doch auch gute bis sehr gute Verteidiger sein. Leider trifft das dieses Jahr kaum zu. Simmons hat defensive Superstar-Qualitäten, macht aber noch viele Fehler, die typisch sind für junge Spieler und ist inkonstant. Bei Butler hingehen stellt man sich die gleich Frage wie bei seiner Offensive: Kann er nicht besser oder wollte er nur in der RS nicht? Seine einzelnen Highlight-Plays und seine durchaus gezeigten, wenn auch seltenen, defensiven Superstar-Momente suggerieren ein Problem mit seiner Motivation in einer für ihn bedeutungslosen regulären Saison. Der Autor dieser Zeilen vermutet, dass Butlers Defensive in den Playoffs kein Problem sein wird, seine Offensive hingegen schon.

Schaut man sich statt des gesamten DRtgs nur die Minuten an, in denen Embiid auf dem Feld stand, lässt dies durchaus Optimismus zu. Das Defensive Rating lag bei 103,3, was der beste Wert der Liga wäre. Da die Sixers ihre Stars viel staggern, bedeutet dies neben der Unfähigkeit von Embiids Backups, dass alle anderen „Stars“ der Sixers dieses Jahr miese Defensive gespielt haben. Embiid wird voraussichtlich bis zu 38 Minuten spielen, aber dies löst nicht genügend Probleme, wenn Harris, Simmons und Butler weiterhin nicht defensiv performen. Die größte Schwachstelle ist die Verteidigung von on-ball- oder Lead-Guards. Redick als kleinster Spieler ist dieses Jahr zur klaren Minusverteidiger geworden. Simmons ist ein wenig zu groß, um sich durch ständige on-ball-Screens zu kämpfen und ist in seiner Technik noch zu inkonstant für solche Aufgaben. Die einzige Hoffnung bleibt also Butler, bei dem aber, wie oben bereits erwähnt, Zweifel aufgrund seiner RS-Perormance angebracht sind. Die beste Option für diese Aufgabe scheint derzeit Zhaire Smith (!) zu sein.

Was macht Brown, wenn Simmons wieder aus dem Spiel genommen wird?

Boston lieferte letztes Jahr in den Conference Semifinals eine Blaupause dafür, wie sie Simmons aus dem Spiel nehmen können. Auch dieses Jahr gelang es ihnen in 3 der 4 Saisonspielen. Milwaukee positioniert, wie weiter oben schon erwähnt, Lopez und Giannis in der Nähe des Rings und lässt dort die wenigstens Wurfversuche der Liga zu. Auch sie sind ein schlechtes Matchup für den Australier. Das einzige Team, das ein leicht besseres Matchup ist, sind die Raptors, solange sie nicht Leonard auf Simmons abstellen. Sollten sie dies doch tun, dann wird Simmons auch gegen Toronto eine sehr schwierige Zeit haben. Vielleicht brauchen die Raptors Leonard aber eher als Verteidiger für Harris oder Butler.

Wenn er als on-ball Gefahr so eliminiert werden kann, werden seine mangelnden off-ball-Skills von starken Playoff-Teams zu deren Gunsten ausgenutzt. Parken die Sixers Simmons im Dunker-Spot, kann sein Verteidiger von ihm so weghelfen, dass er gleichzeitig zwei Angreifer „abdecken“ kann. Platziert sich Simmons auf dem Flügel, kann durch seinen fehlenden Jump Shot sogar noch extremer von ihm weggeholfen werden. Simmons zerstört dadurch das Spacing des Teams und schadet dadurch vor allem Embiid, der gerne und oft aus dem Low-Post dominiert. Von Non-Shootern wegzuhelfen ist am einfachsten, wenn der Helfer im Low-Post zum Doppeln geht.

Was macht als Coach Brown in solchen Situationen? Lässt er andere Plays laufen? Nutzt er Simmons dann endlich mehr als Screener? Und hat er auch den Mut, Simmons in der Crunchtime vom Feld zu nehmen und ihn durch einen Shooter (Scott) zu ersetzen?

Stats via nba.com; 11.4.19

Boston Celtics

Kann man ohne Irving genügend Offense generieren?

Dass die Celtics seit Jahren immer wieder eine der besten Verteidigungen der Liga stellen, ist bekannt. Es ist ihre große Stärke, die sie auch in die Playoffs transportieren können. Die Offensive war hingegen recht wechselhaft. Auch dieses Jahr landete man wieder nur auf Platz 10 im ORtg. Dies ist angesichts der eigentlich hohen offensiven Qualität, die im Kader herrscht, überraschend. Von besonderem Interesse ist die Frage, wie die Celtics Offensive generieren wollen, wenn sie Kyrie Irving während des Spiels Pausen geben. Mit ihm auf dem Feld erzielt die Offensive 112,8 Pp100, was ligaweit Platz 5 wäre. Verlässt er den Court, sinkt die Effizienz auf 105,1 Pp100, gleichbedeutend mit Platz 28! Dies ist bei diesem Roster eigentlich viel zu schlecht. Aber fast alle ihre Spieler underperformen. Bis auf Marcus Smart, der selbst nur mit einem 57 TS% ein Karrierehöchstwert erzielt, enttäuschen fast alle anderen Offensivoptionen: Morris ist wieder auf unter 57 TS% zurückgefallen, Brown und Tatum liegen bei unter 55 % und Rozier knackt gerade so die 50 %. Aber nicht nur statistisch, auch konzeptionell ist die Celtics Offensive wenig überzeugend. Al Horford ist ein toller und flexibler All-Rounder, aber man kann die Offensive nicht komplett über ihn laufen lassen, auch nicht in den kurzen Phasen ohne Irving. Hayward ist bei weitem noch nicht der alte, Tatum kann für sich kreieren, aber nicht für andere, Brown ist eher ein 3-n-D-Rollenspieler, Smart ist on-ball als Scorer nicht gefährlich genug und Rozier ist, wenn überhaupt eher ein Scorer, aber ein schwacher Playmaker. Woher soll die offensive Creation kommen?

Welche Version von Brown, Tatum, Morris, Rozier und Hayward erhalten die Celtics?

Diese Problemstellen wurden eben schon kurz angerissen, bezogen sich aber eher auf die allgemeinen Skills, über die diese Spieler verfügen. Dieser Abschnitt widmet sich eher der Form bzw. der Frage der Nachhaltigkeit bei jungen Spielern. Brown verbesserte sich zwar im Laufe der Saison, gerade hinsichtlich seines Shootings, wirklich effizient war er am Ende trotzdem noch nicht. Zudem plagen ihn Rückenprobleme. Hayward steigerte sich ebenfalls mit größer werdendem Abstand zu seiner Verletzung. Die Unsicherheit und Zurückhaltung ist aber immer noch zu sehen. Wie viel von seiner Verbesserung am Ende der RS war dem „weicheren“ Spielplan geschuldet? Wird die Playoff-Intensität ihn erneut zurück werfen?

Rozier und Tatum waren so etwas wie die Shootingstars der letzten Playoffs und überragten für ihre Verhältnisse in einzelnen Spielen und große Teile aller 3 Serien. Bei Tatum, über den schon viel geschrieben und gesagt wurde, stört die ineffiziente Wurfauswahl. Viel schlimmer ist der Fall aber bei Rozier, der nur bei einem TS von 50,1 % liegt. In der Form dieser RS ist er für die Celtics offensiv keine Hilfe, eher sogar im Gegenteil. Wenn Brad Stevens nur eine 8-Mann-Rotation spielt, wäre er wahrscheinlich der erste Streichkandidat. Selbst bei einem neunten Rotationsspieler könnte Stevens dazu geneigt sein, seine Minuten zu minimieren.

Morris war bis zur Mitte der Saison eine der großen Überraschungen. Seine (und Smarts) Injektion in die Starting Five führte zum positiven Umschwung der Celtics-Bilanz in den ersten Saisonmonaten. Er hatte bis dahin sogar ein TS von über 63 % und war defensiv engagiert und überraschend kompetent. Aber auch bei ihm zeigt die Formkurve vor den Playoffs steil nach unten und er verfällt mehr und mehr in seine schlechten Gewohnheiten. Wie bei allen anderen genannten Spielern muss daher die Frage gestellt werden, welche Iteration des jeweiligen Spielers wir zu sehen bekommen.

Wie erfolgreich kann ein Team sein, bei dem der beste Spieler ein Point Guard ist?

Diese Frage mag provokant erscheinen, ist aber auch zwei Gründen durchaus legitim zu stellen. Historisch gesehen war der letzte Champion, bei dem der beste Spieler ein Point Guard war, Detroit in den 90ern (minus die Warriors 2015). Bei den Pistons 2004 war es mit Chauncey Billups womöglich ein Point Guard, aber der Spielervergleich zu Irving liegt nicht sehr nahe. Dies hat mit Sicherheit mehrere Gründe, aber die Liga wird im Prinzip seit fast 30 Jahren hauptsächlich von Wings (und Bigs) dominiert.

Der zweite Grund, der sich gerade in der heutigen NBA anbietet, um die obige Frage zu beantworten, bezieht sich auf das moderne „Mismatch-Hunting“. Wenn der beste Spieler ein Wing ist, ist er in den meisten Fällen alleine aufgrund seiner Statur und seiner Größe kein Opfer für ein Mismatch. Man kann ihn mit gleichgroßen Spielern schlecht aufposten, man kann nicht einfach über ihn hinweg werfen etc. Star-Wings bieten also im schlechtesten Fall ihre elitäre offensive Produktion bei defensiver Neutralität. Irving ist ein kleiner Spieler und trotz defensiver Verbesserung, seit er bei den Celtics ist, immer eher noch ein Schwachpunkt an diesem Ende des Feldes. Irving muss defensiv versteckt werden. In der modernen NBA wird das aber immer schwieriger. Teams stellen oft gezielt Screens, um ein bestimmtes Mismatch zu erreichen. Es ist ein Trend, der sich daraus ergibt, dass Teams defensiv nahezu jeden Screen switchen.

Bleiben Spieler jedoch bei ihrem angestammten Matchup, wo soll Irving aber in den späteren Playoff-Runden versteckt werden? Gegen Milwaukee würde sich alleine von der Größe Bledsoe anbieten, aber soll Irving wirklich „point of attack“ verteidigen? Die restlichen Starter der Bucks sind zu groß, zu stark und zu talentiert, um Irving dort zu verstecken. Je nachdem, wer der fünfte Closer bei den Bucks ist, ergibt sich hier eine weitere Versteckmöglichkeit. Gegen Toronto bietet sich nur Danny Green an, wobei die Celtics dies gut überleben könnten. Die restlichen Matchups wären ebenso sehr ungünstig. Gegen die Sixers sieht es für sogar aktuell am schlimmsten aus, weil die Sixers genügend offensive Shot Creation oder Post-Up-Optionen haben. Gegen die Warriors in einem möglichen Finale gibt es auch kein Matchup, bei dem man Irving in Sicherheit parken könnte. Vielleicht ist es aber mal wieder Brad Stevens, der in den Playoffs wieder zaubert und einen Plan ausarbeitet, der seiner Genialität entspricht. So oder so muss diese Frage gestellt werden und deren Ausgang ist eine der spannendsten Fragen für die Playoffs im Osten.

BONUS: Können die Celtics die zweite Runde ohne Marcus Smart überstehen?

Kurz nach Ende der RS wurde bekannt, dass Smart voraussichtlich die ersten beiden Playoff-Runden verletzt verpassen wird. Smart ist der beste Flügelverteidiger des Teams und ligaweit einer der absoluten Defensivstars. In einer möglichen Serie mit den Bucks würde er bei der Verteidigung von Middleton und Bledsoe sehr fehlen. Können die Celtics seinen Ausfall kompensieren oder ist es eine dieser Nuancen, die am Ende den Ausschlag geben?

Stats via nba.com; 11.4.19

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