Memphis Grizzlies

Was passiert mit Conley und Gasol?

Über den Absturz der Memphis Grizzlies

Ende November sah bei den Grizzlies die Saison noch ziemlich erfolgversprechend aus: 12-5 Siege, ein mit Ausnahme des Dauerpatienten Chandler Parsons fittes Team und eine auf den alten Stärken beruhende Spielweise – wie damals in einem Artikel beschrieben. Jetzt wirkt der gute Start wie eine Kopie der Vorsaison, als die Grizzlies ebenfalls gut loslegten, nach Conleys Verletzung aber komplett einbrachen. Während vor einem Jahr die Erklärung für die schlechte Saison auf der Hand lag, fehlen jetzt die einfachen Erklärungen. Der einzige langfristige Ausfall ist Dillon Brooks. Wo liegen also die Probleme der Grizzlies und wie sollten sie darauf reagieren?


Die Niederlagenserie der Grizzlies ging einher mit einem offensiven Absturz. Sie sind mittlerweile 29. (!) im Offensivrating (103,9), was angesichts der sportlich wenig ambitionierten Rebuild-Teams im Osten durchaus überrascht. Ende November waren sie zwar auch schon unter den schlechteren Teams (Platz 23), absolut lag das ORtg jedoch noch um fast vier Punkte höher. Daher reicht auch die immer noch gute Defense (Platz 7, 107,3) nicht mehr für realistische Playoffchancen. Das entsprechend klar negative NetRating zeigt, dass der Absturz auch verdient ist. Den Grizzlies fehlt mittlerweile zudem die Stärke der letzten Jahre, dass sie ihre nach NetRating-Werten zu erwartende Bilanz klar überschritten: Ihr ‚Expected W-L‘ ist laut basketball-reference.com sogar besser als die aktuelle Bilanz.

Ein Blick in den Kader verrät zumindest teilweise, wer unter den Spielern die Verantwortung für die Situation trägt. Das Hauptproblem für die Grizzlies ist derjenige, den ich vor zwei Monaten noch als den MVP des Teams ausgemacht hatte: Marc Gasol. Die Splits von Oktober/November zu Dezember/Januar sind geradezu erschreckend: Zu Saisonbeginn lag er bei überdurchschnittlicher Effizienz (ORtg von 115 in nur 6 Partien im Oktober bzw. 110 im November) bei einem starken Plus-Minus(10,1 bzw. 4,3). Seitdem sind beide Werte deutlich abgestürzt, die offensive Effizienz weit unter Ligaschnitt (96 im Dezember, 100 im Januar) bei einem klar negativen Plus/Minus (-6,7 bzw. -10,5). Die Zahlen zeigen, dass die anfangs positive Einschätzung von Gasol durchaus berechtigt war und der Teamerfolg eng mit seiner Leistung zusammenhängt. Das ist aber offensichtlich auch das Problem der Grizzlies. Zwar zeigen auch einige Rollenspieler ihre Schwächen, so konnte Shelvin Mack seinen exzellenten Saisonstart nicht bestätigten und auch Garrett Temple trifft nur unterdurchschnittlich. Aber beide sind nicht Leistungsträger wie Gasol, ihre Probleme hätten durch die Rückkehr von JaMychal Green und die bis zu seiner Verletzung ansteigende Formkurve von Kyle Anderson aufgefangen werden können.


Für die Perspektive der Grizzlies ist die Schwäche von Gasol deutlich schwerwiegender als die seit langem fehlende Tiefe. Es bestand immer die berechtigte Hoffnung, dass mit ein, zwei guten Verpflichtungen per Exceptions oder über den Draft die Lücken des Teams aufgefüllt werden könnten. Zu Beginn der Saison sah es so aus, als wäre ihnen gerade dieser Schritt gelungen. Die beiden Säulen Gasol und Conley sind allerdings unersetzlich. Während Conley trotz aller Skepsis gut von der langen Zwangspause zurückgekehrt ist, konnte Gasol anscheinend nicht von der vergleichsweise weniger intensiven letzten Saison profitieren. Seine Schwächephase lässt befürchten, dass er mit mittlerweile 34 Jahren schon deutlich abbaut. Da sein älterer Bruder Pau in den letzten Jahren noch eine gute Rolle bei einem Playoffteam innehatte, war auch Marc eine lange Karriere zuzutrauen. In der aktuellen Form ist er jedoch kein Star mehr und bei noch zwei Jahren Vertrag mit Spieleroption in Jahr zwei und jenseits der 20 Millionen Dollar klar überbezahlt. Die aktuelle Situation zeigt andererseits, dass die Grizzlies in ihrer aktuellen Zusammensetzung keine Erfolge mehr erwarten können. Mit dem ebenfalls teuren Conley (noch durchschnittlich 30 Mio. $/Jahr bis 2021) und dem vom Team getrennten Chandler Parsons (nach dieser Saison noch ein Jahr, 25 Mio. $) besteht auch keine realistische Chance für bedeutende Neuverpflichtungen. Jaren Jackson Jr. ist zwar ein vielversprechender Rookie, passt aber dem Anschein nach nicht mehr zur Timeline von Gasol und Conley.

Das Ergebnis ist relativ klar: Die Grizzlies müssen endgültig darüber nachdenken, sich von ihren beiden Stars zu trennen. Konsequenterweise haben sie ihre beiden Stars auf den Tradeblock gesetzt. Im Optimalfall geben sie beide gleichzeitig für junge Spieler und Assets ab. Dann könnten sie sich auf die JJJ-Timeline konzentrieren, statt zwischen den beiden Generationen in der Schwebe zu hängen. Allerdings hat der Leistungsabfall von Gasol sicher nicht zu einer Wertsteigerung geführt. Conley ist nach seiner guten Saison immerhin trotz des hohen Gehalts wieder tradebar, nachdem er letzte Saison teilweise als einer der schlechtesten Verträge galt. Allerdings dürfen die Grizzlies trotzdem nicht auf ein Paket in den Dimensionen der Gerüchte um Anthony Davis hoffen. Dafür besteht kein unmittelbarer Zeitdruck durch die Verträge von Conley und Gasol. Der wichtigste Faktor ist stattdessen der eigene Pick, der spätestens in zwei Jahren nach Boston gehen wird (1-8 2019, 1-6 2020, unprotected 2021). Ist es also sinnvoller, diese Saison noch relevant zu bleiben, um die Schuld abzutragen? Oder sollten die Grizzlies jetzt den Tank anwerfen, um unbedingt unter die Protection zu rutschen? Das dürfte letztendlich primär von den Angeboten abhängen.


Auf was können die Grizzlies also hoffen, beziehungsweise bei welchen Angeboten sollten sie zustimmen? Angesichts der widersprüchlichen Faktoren ist das nicht ganz einfach auszumachen. Während Conleys Verletzung im letzten Jahr galten Gasol-Trades nach Boston als Option, die den Pick zurückgebracht hätten. Das wäre vermutlich jetzt das Traumszenario für Memphis, ist aber aus mehreren Gründen noch unrealistischer geworden – der wichtigste ist die Tradeforderung von Davis, die den Celtics ein attraktiveres Ziel bietet. Aber auch die nachlassenden Leistungen Gasols reduzieren die Wahrscheinlichkeit für eine solche Transaktion, selbst wenn Davis bis zur Deadline schon nach Los Angeles umziehen dürfte. Daher wird der Pick wohl nicht zurückerhalten zu sein.

Stattdessen sollten die Grizzlies sich auf einige Jahre in der Lottery einstellen, möglichst viele Assets aufnehmen und dafür zusätzlich schlechte Verträge akzeptieren. Das Problem: Nur eine relativ begrenzte Zahl von Teams benötigt einen Playmaker oder Center und erfüllt diese Voraussetzungen. Der Bedarf für einen ehemaligen Allstar jenseits der 30 ergibt sich im Wesentlichen für Teams, die unbedingt die Playoffs schaffen wollen oder sich einen Schritt in Richtung Contender erhoffen. Von den Top-Teams fallen aber praktisch alle aus positionellen oder finanziellen Erwägungen aus dem Rennen – die Thunder sind beispielsweise schon zu teuer, um Conley neben Westbrook aufzustellen, die Bucks werden sich kaum den mit dem Hill-Trade geöffneten Cap Space in der kommenden Offseason verbauen. Mit etwas Phantasie wäre ein Gasol-Trade nach Toronto noch vorstellbar, aber dafür müsste die Bereitschaft bestehen, ein gut funktionierendes Team aufzubrechen.

Realistischer sind daher Teams im Kampf um die Playoffs, wenn auch kaum für Conley und Gasol gleichzeitig. Detroit könnte beispielsweise einen kompetenten Playmaker brauchen und hat genug teure, kaum eingesetzte Spieler für das Äquivalent zu Conleys Gehalt. Ein Upgrade würde Conley auch für Heat und Jazz darstellen – vielleicht mit Detroit als drittem Team, das Ricky Rubio bzw. Goran Dragic erhalten würde. Vielleicht wäre zusätzlich Gasol gegen Hassan Whiteside oder Andre Drummond vorstellbar, hilft den Grizzlies aber kaum weiter. Die naheliegenden Gasol-Interessenten in Charlotte haben dagegen durch Kemba Walker keine Verwendung für Conley – aber immerhin wie die Pistons und Heat jede Menge gut abzugebender Verträge. Diese vier Teams sind vermutlich die nahe liegenden Interessenten. Lakers, Clippers und Nets haben andere Ziele im Blick, entweder per Trade oder in der Free Agency.

Angesichts der überschaubaren Zahl an realistischen Tradepartnern ist es allerdings für keinen der beiden Stars garantiert, dass er schon den Umzug planen kann. Daher dürften sich die Grizzlies auch nach Tradepartnern für ihre weiteren Veteranen umsehen. Insbesondere JaMychal Green, der in der Offseason zum Team gestoßene Garrett Temple und der erst vor wenigen Wochen ertradete Justin Holiday dürften mit ihren auslaufenden Verträgen auf dem Trade Block stehen –Kyle Anderson ist aufgrund seines Alters (25) und seines 4-Jahres-Vertrags sinnvoller für die JJJ-Timeline zu gebrauchen. Falls die Grizzlies nicht zusätzlich einen Spieler mit schlechtem Vertrag aufnehmen, dürfte für die Expirings zwar kein Erstrundenpick zu bekommen sein. Aber aufgrund der Trades für Temple und Holiday fehlen den Grizzlies jetzt auch alle Secondrounder bis 2021 einschließlich. Gerade für ein Team im Rebuild sollten Zweitrundenpicks nicht unterschätzt werden. Zum Zeitpunkt des Holiday-Trades bestand wohl bei den Grizzlies noch die Hoffnung, so die Saison zu retten. Jetzt sieht der Verlust von zwei relativ hohen Secondroundern schon sehr fragwürdig aus. Vermeintliche Kleinigkeiten – wie auch der Verzicht auf einen Trade von Tyreke Evans vor einem Jahr – summieren sich, wenn sie immer wieder Assets kosten. Gerade deswegen ist es wichtig, dass die Grizzlies jetzt die richtigen Entscheidungen treffen.


Die letzten zwei Monate der Grizzlies zeigen somit, wie schnell in der NBA eine vermeintliche Erfolgsgeschichte zu Ende gehen kann. Sah bis Ende November alles nach einer Rückkehr zur alten Stärke aus, steht die Franchise jetzt unmittelbar vor der Rebuild. Die teuren Verträge von Conley, Gasol und Parsons vereinfachen die Situation genauso wenig wie der nur schwach geschützte Pick, der noch an die Celtics gehen wird. Daher sind die anstehenden Trades besonders wichtig – nur wenn die Grizzlies sich hier gut positionieren, können sie um Jaren Jackson Jr. ein erfolgreiches neues Team aufbauen.

 

Statistiken Stand 2.2.2019, via basketball-reference.com

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